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Höfe und Hofordnungen (1200-1600)

5. Symposium der Residenzenkommission der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen
veranstaltet in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Historischen Institut Paris und dem Staatsarchiv Sigmaringen
Staatsarchiv Sigmaringen, Karlstraße 1+3, D-72482 Sigmaringen
5.-8. Oktober 1996

Programm:

aus MRK 6-1 (1996)


Samstag, 5. Oktober 1996

18.00 H. Boockmann (Göttingen), Vom Fels zum Meer. Die süddeutschen und die norddeutschen Hohenzollern im 19. Jahrhundert. Öffentlicher Vortrag in der Portugiesischen Galerie des Schlosses Sigmaringen. Anschließend Empfang durch den Thorbecke-Verlag.
Sonntag, 6. Oktober 1996
9.00 Stadt- und Schloßführung bzw. Gelegenheit zum Besuch eines Gottesdienstes.                     12.30 Mittagspause 14.00 Exkursion nach Burg Wildenstein, Schloß Meßkirch, Schloß Heiligenberg.
 
Montag, 7. Oktober 1996

                    9.00 1. Sitzung: Die Quellen, die Problematik

V. Trugenberger/W. Paravicini, Begrüßung u. Einleitung.

Th. Zotz (Freiburg i. Br.), Hof und Hofordnung vor der Zeit der Verschriftlichung.

P. Moraw (Gießen), Hofordnungen und Landesordnungen.

V. Honemann (Münster), Hof und Hofordnung in der didaktischen und der biographischen Literatur.

Diskussion

10.45 Kaffeepause
 
 

                    11.15  2. Sitzung: Vorbilder: Mallorca, Frankreich G. Kerscher (Frankfurt a. M.), Die Strukturierung des mallorquinischen Hofes um 1330 und der Habitus der Hofgesellschaft.

E. Lalou (Paris), Les derniers capétiens.

Diskussion

12.30 Mittagspause
 
 

                    14.30 3. Sitzung: Vorbilder: England und die Niederlande M. Vale (Oxford), Household organisation in England, Northern France and the Low Countries, 1270-1384: some general observations.

F. Lachaud (Paris), Ordre et désordre de la cour: la réglémentation de l'hôtel des rois d'Angleterre au XIIe et XIIIe siècles.

A. Reitemeier (Göttingen), Die englische Hofordnung um 1400: eine Ordnung nach Wissen ?

Diskussion

16.45 Kaffeepause
 
 

                    17.15 4. Sitzung: Vorbilder: Die Herzöge von Burgund H. Kruse (Paris), Die Hofordnungen Herzog Philipps des Guten von Burgund.

J. Paviot (Paris), Ordonnances de l'Hôtel et Cérémonial de Cour aux XVe et XVIe siècles, d'après l'exemple bourguignon.

K. De Jonge (Leuven), Adlige und herzogliche Residenzen in den südlichen Niederlanden zur Burgunderzeit. Hofordnungen als Quelle der Residenzenforschung ?

Diskussion
 
 

Dienstag, 8. Oktober 1996




                    9.00 5. Sitzung: Die Habsburger

P.J. Heinig (Mainz), Theorie und Praxis der höfischen "Ordnung" unter Friedrich III. und Maximilian I.

Chr. Thomas (Wien), Auf dem Weg zur Internationalisierung: Der Hofstaat Kaiser Ferdinands I.

M.A. Bojcov (Moskau), Sitten und Verhaltensnormen am Innsbrucker Hof des 15. Jahrhunderts im Spiegel der Hofordnungen.

Diskussion

10.45 Kaffeepause
 
 

                    11.15 6. Sitzung: Die geistlichen Kurfürsten W. G. Rödel (Mainz), Kurmainz: Residenzen und Hofordnungen.

K. Militzer (Köln), Die kurkölnischen Hofordnungen und die Ausformung Brühls zu einer Residenz.

D. Kerber (Koblenz), Der kurtrierische Hof.

Diskussion

13.00 Mittagspause
 
 

                    15.00 7. Sitzung: Weltliche Kurfürsten/Deutsche Fürsten H. Boockmann (Göttingen), Hof und Hofordnung im Briefwechsel des Albrecht Achilles von Brandenburg.

R. Butz (Dresden), Die Stellung der wettinischen Hofräte nach Ausweis der Hofordnungen des ausgehenden Mittelalters.

W. Störmer (München), Hof und Hofordnung in Bayern-München (15. und frühes 16. Jahrhundert).

Diskussion

16.45 Kaffeepause
 
 

                    17.15 8. Sitzung: Deutsche Fürsten K. Flink (Kleve), Von der Kostliste bis zur Regimentsordnung. Klevische Haus- und Hofordinantien des 15. Jahrhunderts.

B. Kasten (Königstein), Überlegungen zu den "jülichschen Hofordnungen" des ausgehenden 15. und des 16. Jahrhunderts.

E. Widder (Münster), Die Hofordnungen des niedersächsischen Reichskreises.

Diskussion und Schlußwort (P. Moraw, Gießen)
 
 

Kolloquiumsbericht des 5. Symposiums der Residenzenkommission der
Akademie der Wissenschaften zu Göttingen,
in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Historischen Institut Paris
und dem Staatsarchiv Sigmaringen

Höfe und Hofordnungen (1200-1600)
Sigmaringen, 5.-8. Oktober 1996

Vom 5. bis 8. Oktober fand in Sigmaringen das 5. Symposium der Residenzenkommission zum Thema ‘Höfe und Hofordnungen (1200-1600)’ statt. Daß es sich dabei sowohl inhaltlich und definitorisch als auch überlieferungstechnisch um einen äußerst heterogenen und nur schwer zugänglichen Gegenstand handelt, braucht an dieser Stelle nicht betont zu werden. Das Thema war neu und originell zugleich - nennenswerte Forschungen gibt es nicht, Editionen sind rar und veraltet (bzw. verschiedentlich in Vorbereitung) - mit anderen Worten: man wagte sich in Sigmaringen auf Neuland vor.

So war es durchaus angebracht, daß W. Paravicini in seinen einleitenden Worten noch einmal kurz in einen Zusammenhang einordnete, was Referenten und Auditorium in Form von Leitfragen an die Hand gegeben worden war. Dieser Fragenkatalog, der das Instrumentarium bereitstellte, mit dem man sich dem Thema zu nähern gedachte, forderte Rechenschaft zu folgenden Punkten ein:

(1) Weshalb und seit wann gibt es überhaupt explizite Hofordnungen? Sind hier gar (europäische) Entwicklungen auszumachen? (vgl. die Fragen 7 und 9)

(2) Was wissen wir über das Verhältnis zwischen verlorenen und überlieferten Texten? Dabei schließt die Frage nach der Überlieferung selbstverständlich die des Überlieferungsverlustes ein.

(3) Wen repräsentieren Hofordnungen? Inwieweit werden Strukturen wie die des engeren und die des weiteren Hofes widergespiegelt?

(4) Wie funktioniert Hofdienst? Inwieweit stellen Hofordnungen Anweisungen für die Ausgestaltung des alltäglichen Dienstes bei Hofe dar?

(5) Haben wir es eher mit Finanzdokumenten oder mit Zeremonialordnungen zu tun?

(6) Inwieweit handelt es sich um einmalige Texte? Hier stellt sich die Frage nach Fortschreibung und Erneuerung.

(7) Spiegelt sich auch in den Hofordnungen das - den Residenzenforschern aus anderen Zusammenhängen vertraute - europäische Kulturgefälle von West nach Ost und von Süd nach Nord wider? (vgl. die Fragen 1 und 9)

(8) Diplome, Rotuli, Hefte, Kladden, Arbeitshandschriften oder Prachtkodizes? Welche Rückschlüsse über Charakter, Gebrauch und Zweckrichtung der Hofordnungen erlauben Untersuchungen zu Diplomatik und Kodikologie dieser Quellen?

(9) Wanderung der Texte? Inwieweit kam es im europäischen Rahmen zu einem Austausch von Hofordnungen oder Informationen über die Ordnung des Hofes? (vgl. die Fragen 1 und 7)

(10) Wer steht nicht in den Hofordnungen? Welche Teile des Hofes werden nicht berücksichtigt oder geradezu ausgegliedert? Spiegelt dies die Organisationsstruktur des Hofes wider?

(11) Orte der Hofordnung(en)? Was läßt sich zum Verhältnis zwischen Residenzen und normativen Texten, zwischen Architektur und höfischer Ordnung bzw. den Ordnungen des Hofes sagen?

(12) Wurden die Hofordnungen befolgt? Wie sah es mit ihrer Durch- bzw. Umsetzung in der Praxis aus?

Da mit dem Thema ‘Höfe und Hofordnungen’ ein sehr weiter Horizont vorgegeben war, erinnerte Paravicini noch einmal ausdrücklich daran, womit man sich schwerpunktmäßig beschäftigen wollte: Es sollte um in schriftlicher Form fixierte ordnende Bestimmungen gehen, um darin festgelegte Ämter (‘Planstellen inkl. Planstellenbeschreibungen’: etwa um Dokumente, in denen geregelt wird, was eine Person tun solle und wie sie etwas tun solle), um Ämterbesetzungen und um entsprechende Entlohnungsvorgaben. Ausdrücklich auszuschließen seien dagegen Beschreibungen, insbesondere solche von Außenstehenden (Stichwort Hofkritik), weiterhin reine Zeremonialordnungen (es sollte um Strukturen, nicht um Handlungsfolgen im höfischen Zeremoniell gehen).

Zwar ließen sich die von den einzelnen Referenten vorgestellten Dokumente und vielfältigen Beispiele für die ‘Organisation und Ordnung von Hof’ problemlos mit dem vorgegebenen Fragenraster erfassen, doch entstand bisweilen der Eindruck, daß man sich eher um die Frage nach den ‘Höfen und ihren Ordnungen’ als mit den als Dokumenten (anscheinend) klar eingegrenzten ‘Hofordnungen’ beschäftigt hatte. So ging es in den einzelnen Beiträgen um nach Genese und Charakter sehr unterschiedliche Phänomene, wobei sich die Vergleichbarkeit der in den Referaten vorgestellten Texte bisweilen auf ihre mehr oder weniger mittelbare Zugehörigkeit zum Bereich der höfischen Sphäre beschränkte. Ob hier Äpfel und Birnen miteinander verglichen wurden oder sich in dieser Vielfalt gerade der Facettenreichtum des ‘Phänomens Hof’ trefflich widerspiegelt, ist eine Frage der Interpretation. So überraschte es nicht, daß in manchem Diskussionsbeitrag ein offensichtlicher Klärungsbedarf in dieser Frage anklang. Vielleicht hätte man gut daran getan, ein wenig mehr Zeit auf die Diskussion der begrifflich und definitorisch sehr problematischen ‘Quellengattung Hofordnung’ zu verwenden. Auch hätte eine (der fortgeschrittenen Zeit zum Opfer gefallene) Abschlußdiskussion die ansonsten ungemein reiche Ausbeute der Tagung und die große Vielfalt der einzelnen Beiträge in eine Synthese einfließen und gewinnbringend verdichten können.

Faßt man die Ergebnisse der Tagung mit einem Blick auf den vorgegebenen Fragenkatalog zusammen, ergibt sich folgendes Bild:

Obwohl sich Hofordnungen ‘im engeren Sinne’ erst ab dem 13. Jahrhundert finden, gibt es doch eine ganze Reihe von schriftlich fixierten ‘Ordnungen des Lebens bei Hofe’ aus der Zeit davor. Hier ist sowohl an den Libellus de ordine palatii und das Capitulare de disciplina palatii Aquisgranensis aus der Karolingerzeit als auch an Beispiele aus dem England des 12. und 13. Jahrhunderts wie etwa die Constitutio domus regalis zu denken. Andere frühe Dokumente regulativ-pragmatischer Schriftlichkeit besitzen wir aus dem Hennegau und auch aus Niederbayern. In diesen Quellen werden bereits einzelne Elemente der späteren Hofordnungen deutlich. Als causa scribendi erscheint in den meisten Fällen ein Wechsel in der Herrschaft. Weiterhin machte die vielerorts beklagte ‘Gewalt bei Hofe’ ein gewisses Maß an Zucht und Disziplinierung unumgänglich (vgl. Beitrag von Th. Zotz). Selbstverständlich gilt es insbesondere in der frühen Zeit, Verlorenes mitzudenken, um das Erhaltene besser verstehen zu können.

Als ähnlich singulär wie die frühen englischen und kontinentaleuropäischen Zeugnisse - wenn auch in engem Zusammenhang mit den Entwicklungen an der päpstlichen Kurie und an den Höfen der Königreiche auf der Iberischen Halbinsel sowie möglicherweise sogar mit gewissen Vorbildern im islamischen Bereich - sind in dieser Hinsicht die mallorquinischen Leges Palatine von 1337 anzusehen, eine umfangreiche Zeremonialordnung, die sowohl wegen ihres Inhalts als auch wegen ihrer Überlieferungsgeschichte wichtige Antworten auf einige der eingangs gestellten Fragen gibt (vgl. Beitrag von G. Kerscher). Es handelt sich um einen singulär in Brüssel überlieferten repräsentativen und mit zahlreichen Miniaturen versehenen Prachtkodex, der im Gegensatz zu vielen für den täglichen Gebrauch in der Rechnungskammer konzipierten Hofordnungen des 15. und vor allem 16. Jahrhunderts eher aus einem zeremoniellen Zusammenhang stammt.

Während wir in den ‘fortschrittlichen’ Monarchien Frankreichs und Englands sowie in den durch Burgund beeinflußten Teilen der südlichen Niederlande für das späte 13. und das 14. Jahrhundert verfeinerte Organisationsformen, eine immer sorgfältigere Rechnungsführung und zunehmend auch schriftlich fixierte Hofordnungen (Ordonnances de l'Hôtel) fassen können, finden wir letztere - von wenigen Ausnahmen abgesehen - im Reich erst ab der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts.

Einen sowohl von den geradezu filigranen Strukturen des Zeremoniells bei Hofe als auch von der Überlieferung her einmaligen Fall stellt der Herrschaftsbereich der Herzöge von Burgund dar, für den wir zum einen eine große Zahl von Hofordnungen, zum anderen aber auch eine dichte Überlieferung von Gagenabrechnungen besitzen (vgl. Beitrag von H. Kruse). An dieser Überlieferung läßt sich etwa ablesen, daß (natürlich) nicht das gesamte Hofpersonal in den Hofordnungen erscheint (vgl. Frage 10).

Der burgundische Fall macht weiterhin deutlich, daß wir mit der praktischen Notwendigkeit einer schriftlichen Fixierung des zunehmend komplexeren Hofzeremoniells rechnen müssen. Daß daneben - gerade im Fall Burgunds - das Bedürfnis nach einer insgesamt möglichst repräsentativ standesgemäßen Hofhaltung groß war, liegt auf der Hand - und zu einer solchen gehörte eben auch die schriftliche Fixierung der im höfischen Miteinander herrschenden Regeln. Daß gerade der Repräsentationsanspruch eine nicht zu unterschätzende Rolle spielte, wird deutlich, wenn wir uns vor Augen halten, daß gerade zu der Zeit, als das Bedürfnis nach schriftlicher Fixierung der Ordnung bei Hofe in Burgund auf einen Höhepunkt zusteuerte, die französische Monarchie solcherlei ‘nicht mehr nötig hatte’ (W. Paravicini): die letzte mittelalterliche Hofordnung eines Königs von Frankreich stammt aus dem Jahre 1464. Hier wird man etwa unter anderem fragen müssen, über welche Umwege eine gleichsam auf eine Miniaturform gekürzte Zusammenfassung der burgundischen Hofordnung zur Zeit Karls des Kühnen ihren Weg in die von V. Honemann präsentierten autobiographischen Aufzeichnungen des Wilwolt von Schaumburg fand? Hatte hier der Hofmeister oder einer seiner Mitarbeiter aus dem engsten Hofkreis Informationen vermittelt oder gezielt (vielleicht sogar schriftlich) gestreut (vgl. Frage 9)?

Während wir bei den Burgunderherzögen offensichtlich ein Übergewicht bei dem Bemühen um zeremonielle und repräsentative Elemente sehen dürfen (es ging nämlich offensichtlich auch ohne Hofordnungen!), werden ab dieser Zeit an den Höfen der deutschen Fürsten andere Elemente faßbar: Hier tritt neben den zeremoniellen Aspekt zunächst die Notwendigkeit und später zunehmend der Zwang, die ökonomische Last des Hofes und die mit ihm verbundenen Kosten zu kontrollieren und - wenn möglich - zu begrenzen (vgl. Beiträge zu den einzelnen Höfen der deutschen Fürsten).

Hofordnungen finden sich sowohl an den Höfen der geistlichen Fürsten als auch an denen ihrer weltlichen Vettern, sowohl bei Fürsten als auch - wenngleich seltener - an gräflichen Höfen. Zwar scheint die Größe und Bedeutung einer Herrschaft eine gewisse Rolle für den Regelungsbedarf bei Hofe gespielt zu haben, doch konnte E. Widder am Beispiel einiger Klein- und Kleinsthöfe aus dem nordeutschen Raum zeigen, daß die (mangelnde) Größe eines Hofes keine - und schon gar keine notwendige - Bedingung für die (Nicht-) Existenz von schriftlicher Fixierung der Hofordnungen gewesen sein kann.

Zugleich wurde deutlich, daß der an der Wende vom Mittelalter zur Neuzeit in vielen Bereichen (Finanzwesen, Verwaltung, Rechtsprechung etc.) zu beobachtende Trend hin zu Fixierung, Verschriftlichung und Ordnung im Einzelfall durchaus auf unterschiedliche Phänomene zurückgehen kann: während es im einen Fall das Repräsentationsbedürfnis des Fürsten war, das ihn aus fürstlicher Souveränität heraus eine Hofordnung verkünden ließ, wird es im anderen Fall gerade der - vor allem finanziell - gänzlich abhängige Fürst gewesen sein, dem von seinem Umfeld oder von den zunehmend eigenständiger agierenden Ständen eine den Finanzbedarf des Hofes begrenzende Hofordnung diktiert wurde.

Daß bei der Gesamtbewertung des Phänomens ‘mehr Vorsicht besser sei als weniger’, machte P. Moraw deutlich, dessen eher mahnender Beitrag vieles von dem vorwegnahm, was in einem abschließenden Resumée noch einmal hätte zur Sprache gebracht werden müssen. Auch für die von ihm untersuchten Landesordnungen gilt es, einen durchweg defizitären Forschungsstand zu beklagen. Ansonsten fielen vor allem zwei Probleme ins Auge: zum einen gibt es - in einigen Fällen recht überraschend - Territorien ohne Landesordnung. Sie fehlen zudem bisweilen schmerzlicherweise genau dort, wo man sie mit großer Sicherheit erwartet hätte. Dabei handelt es sich jedoch keinesfalls immer um Überlieferungslücken - offenbar ging es auch in diesem Bereich durchaus ohne schriftlich fixierte Ordnungen. Zum anderen überrascht die Chronologie der Überlieferung, der zufolge die erste Landesordnung aus dem Jahre 1456 stammt und in Thüringen entstanden ist - nach Moraw ein ‘merkwürdiger Befund, der sicher nicht die chronologische Entwicklung widerspiegelt’ und zumindest nachdenklich stimmt. Unabhängig davon, ob man das von ihm gezogene Fazit, Landesordnungen seien ‘ein Sekundärphänomen ohne selbsttragende Logik’, auch auf den Bereich der Hofordnungen übertragen möchte oder nicht, wurde im Verlauf der Tagung immer wieder deutlich, daß die Beschäftigung mit den Hofordnungen ein geradezu idealen Ansatz für die Auseinandersetzung mit den Phänomenen Hof und Residenz bietet. Der Morawschen Kategorisierung wird man - ohne jegliche Wertung - entgegenhalten dürfen, daß sich zahlreiche Beiträge eben nicht mit den Hofordnungen ‘im engeren Sinne’ beschäftigten, sondern mit dem übergeordneten - und dann keinesfalls mehr nur sekundären - Phänomen der ‘Ordnung bei Hofe’ - und dabei auch ganz andere Quellengattungen berücksichtigten (etwa die Beiträge von V. Honemann, K. De Jonge, H. Boockmann und A. Reitemeier).

Während sich im Laufe der Tagung ein klares - wenn auch sehr heterogenes - Bild des behandelten Phänomens zeichnen ließ, war es nicht verwunderlich, daß auf die Fragen nach Wanderung der Texte sowie nach ihrer Abhängigkeit untereinander (vgl. die Fragen 1, 7 und 9) - noch - keine Antworten gegeben werden konnten, ging es doch zunächst einmal darum, Erhaltenes zu sichten und Vergleichbares zusammenzutragen. Hier dürften die weit fortgeschrittenen Editionsprojekte für Burgund und Kleve (vgl. Beitrag K. Flink) die Lage jedoch bedeutend verbessern - die ‘gesamteuropäische Perspektive’ sollte weiter im Auge behalten werden und könnte noch um einige geographische Bereiche ergänzt werden, so etwa um die Iberische Halbinsel mit ihren prunkliebenden Königshöfen und um die z.T. ebenso reichen Fürstenhöfe Ostmitteleuropas und Skandinaviens.

Die Spannweite des gewählten Themas kam unter anderem auch darin zum Ausdruck, daß sich den Referenten reichlich Gelegenheit bot, den Blick auf ‘das Frauenzimmer’ vorausschweifen zu lassen und damit bereits das Thema der nächsten für das Jahr 1998 geplanten Tagung ins Visier zu nehmen.

Detlev Kraack, Berlin*

 

Kurze Stellungnahme des Veranstalters:

(1) Detlev Kraack ist ungehalten, weil sich der Gegenstand des Kolloquiums unversehens von den Hofordnungen auf die Ordnung bei Hofe verschob, und dies nicht hinreichend diskutiert wurde. Abgesehen von den unvermeidlichen Zeitüberschreitungen, die schließlich die gesamte Planung durcheinanderbrachten, war dies aber gerade eine Folge der Überraschung durch neue Erkenntnisse. P. Moraw (den er erwähnt) und seine Schüler M. Bojcov und P.-J. Heinig (die er nicht nennt) haben zum ersten Mal deutlich gemacht, daß Hofordnungen nicht eine vermeintliche Unordnung beenden, sondern eine andere Ordnung aufheben, die wir ihrer mündlichen Tradition wegen nur in Spuren späterer Verbote in den Hofordnungen oder in Korrespondenzen (H. Boockmann) greifen können. Daher auch die erstaunliche Unmöglichkeit, etwa burgundische Hofordnungen einfach auf das Reich zu übertragen: das sozialpolitische Substrat war ein anderes. Dieser Rückstand des Reichs, der sogar für Kleve gilt (K. Flink), erweist sich damit als Erkenntnischance.

(2) Die andere fundamentale Erkenntnis der Tagung war für mich die Provokation von Hofordnungen durch Beamte und Stände; "Hofordnung als Vertrag" war hier das Stichwort (P.-J. Heinig). Die Fürsten des Reichs scheinen um 1500 geradezu eine (dann wieder überwundene) Herrschaftskrise zu durchlaufen, bei der ihnen Hofordnungen (aber auch Verwaltungsordnungen) gleichsam wie das Messer auf die Brust gesetzt werden (Köln, Kleve, Jülich, Welfen, Württemberg, Bayern, Maximilian I.). Denn die Hofhaltung stellt stets (neben dem Krieg) die größte Ausgabe des Fürsten dar (B. Kasten); sie war das teuerste Herrschaftsinstrument überhaupt (M. Mersiowsky), das es zu kontrollieren galt. Hofordnungen sind dann nicht Beweis von Herrschaftspracht und Machtvollkommenheit, sondern sind Konzession, Einschränkung, Souveränitätsverlust. Kein Wunder, daß mancher Herrscher, der es sich leisten konnte oder mochte, davon nichts wissen wollte, so wie die europäischen Monarchen des 19. Jahrhunderts nichts von geschriebenen Verfassungen.

(3) Vom Zeremoniell steht auch in den burgundischen Hofordnungen nichts oder (unter Karl dem Kühnen bzw. den burgundischen Habsburgern) nur wenig (J. Paviot): Sie bleiben immer in erster Linie Finanzordnungen. Das Zeremoniell steht buchstäblich auf einem anderen Blatt, wenn es überhaupt aufgezeichnet wurde. Hofordnungen betreffen in aller Regel den (engeren) Haushalt (das "hôtel", wie die burgundischen Texte richtig sagen, H. Kruse) und nicht den (weiteren) Hof. Doch bleibt festzuhalten, daß die fraglichen Texte im Deutschen "Hofordnungen" heißen, und nicht "Hausordnungen". An ihnen aber läßt sich die umfassende Ordnung bei Hofe nicht vollständig ablesen, und nicht nur deshalb, weil sie anfangs nur Teilbereiche regeln. Besseren Einblick gewähren z.B. Reiseberichte, die beschreiben, wie der Zugang zum Herrscher (für eine bestimmte Art von Leuten) geregelt war (V. Honemann). Grundtendenz bleibt für mich die Ausdehnung des Haushalts auf den gesamten Hof, so daß am Ende alle Diener, Familiaren, Tischgenossen des Fürsten sind.

(4) Daß der äußere Rahmen des Kolloquiums von besonderer Qualität war, daß wir Vortrag und Bankett im Schloß dem Fürstenhause Hohenzollern und dem Thorbecke-Verlag, den Tagungsort im Erbprinzenpalais und eine memorable Exkursion zu einigen Schlössern Donauschwabens (Wildenstein, Meßkirch, Heiligenberg) dem Staatsarchiv verdanken, das hat mit Wissenschaft wenig zu tun (und brauchte deshalb hier nicht erwähnt zu werden), viel jedoch mit Entgegenkommen, Hilfsbereitschaft, Einsatzfreude, für die die Kommission, das Deutsche Historische Institut Paris und alle Teilnehmer dankbar sind.

Werner Paravicini, Paris

 

 

 

Auf der Tagung wurden die folgenden Vorträge gehalten:

W. Paravicini (Paris), Einführung, Th. Zotz (Freiburg), Hof und Hofordnung vor der Zeit der Verschriftlichung; P. Moraw (Gießen), Deutsche Landesordnungen und Hofordnungen; V. Honemann (Münster), Hof und Hofordnung in der didaktischen und der biographischen Literatur; G. Kerscher (München), Die Strukturierung des mallorquinischen Hofes um 1330 und der Habitus der Hofgesellschaf; E. Lalou (Paris), Les ordonnances de l'hôtel des derniers Capétiens directs - XIIIe et XIVe siècles; M. Vale (Oxford), Household organisation in England, Northern France and the Low Countries, 1270-1384: some general observations; F. Lachaud (Paris), Ordre et désordre de la cour: la réglémentation de l'hôtel des rois d'Angleterre au XIIe et XIIIe siècles; A. Reitemeier (Göttingen), Die englische Hofordnung um 1400: eine Ordnung nach Wissen?; H. Kruse (Paris), Die Hofordnungen Herzog Philipps des Guten von Burgund; J. Paviot (Paris), Ordonnances de l'Hôtel et Cérémonial de Cour aux XVe et XVIe siècles d'après l'exemple bourguignon; K. De Jonge (Leuven), Adlige und herzogliche Residenzen in den südlichen Niederlanden zur Burgunderzeit. Hofordnungen als Quelle der Residenzenforschung?; P. J. Heinig (Mainz), Theorie und Praxis der höfischen "Ordnung" unter Friedrich III. und Maximilian I.; M. A. Bojcov (Moskau), Sitten und Verhaltensnormen am Innsbrucker Hof des 15. Jahrhunderts im Spiegel der Hofordnungen; W. G. Rödel (Mainz), Kurmainz: Residenzen und Hofordnungen; K. Militzer (Köln), Die kurkölnischen Hofordnungen und die Ausformung Brühls zu einer Residenz; H. Boockmann (Göttingen), Hof und Hofordnung im Briefwechsel des Albrecht Achilles von Brandenburg; R. Butz (Dresden), Die Stellung der wettinischen Hofräte nach Ausweis der Hofordnungen des ausgehenden Mittelalters; W. Störmer (München), Hof und Hofordnung in Bayern-München (15. und frühes 16. Jahrhundert); F. Kramer (Eichstätt), Die Münchener Hofordnungen des 16. Jahrhunderts; K. Flink (Kleve), Von der Kostliste bis zur Regimentsordnung. Klevische Haus- und Hofordinantien des 15. Jahrhunderts; B. Kasten (Königstein), Überlegungen zu den "jülichschen Hofordnungen" des ausgehenden 15. und des 16. Jahrhunderts; E. Widder (Münster), Die Hofordnungen des niedersächsischen Reichskreises. - Dagegen mußten die angekündigten Beiträge von Chr. Thomas (Wien), Auf dem Weg zur Internationalisierung: Der Hofstaat Kaiser Ferdinands I., und D. Kerber (Koblenz), Der kurtrierische Hof, bedauerlicherweise ausfallen, werden aber in den Kolloquiumsband Eingang finden.

Teilnehmerliste

 

  • Ingmar Kurt Ahl (Frankfurt/Main)
  • Dr. Stephan Albrecht (Tübingen)
  • Prof. Dr. Uwe Albrecht (Kiel)
  • Dr. Elsbeth Andre (Bonn)
  • Elisa Anne (Paris)
  • H.-Doz. Dr. Ronald G. Asch (Münster)
  • Walter Beard (Winterbach)
  • Berthold Beck (Sigmaringen)
  • Dr. Otto H. Becker (Sigmaringen)
  • Dr. Thomas Behrmann (Münster)
  • Dr. Georg Bensch (Sigmaringen)
  • Dr. Joachim Bensch (Sigmaringen)
  • Valérie Bessey (Paris)
  • Prof. Dr. Dirk E. H. de Boer (Groningen)
  • Doz. Dr. Michail Bojcov (Moskau)
  • Prof. Dr. Hartmut Boockmann (Göttingen)
  • Dr. Hanno Brand (Paris)
  • Dr. Reinhardt Butz (Dresden)
  • Dr. Godfried Croenen (Oxford)
  • Dr. Klaus Peter Decker (Büdingen)
  • Dr. Krista De Jonge (Leuven)
  • Dr. Gisela Drossbach (München)
  • Dipl.-Kfm. Ulf Christian Ewert (Kiel)
  • PD Dr. Helmut Flachenecker (Eichstätt)
  • Prof. Dr. Klaus Flink (Kleve)
  • Prof. Dr. Klaus Grubmüller (Göttingen)
  • PD Dr. Paul-Joachim Heinig (Mainz)
  • Dr. Christian Hesse (Bern)
  • Jan Hirschbiegel, M.A. (Kiel)
  • Prof. Dr. Volker Honemann (Münster)
  • Prof. Dr. Peter Johanek (Münster)
  • Dr. Igor Kakolewski (Warschau)
  • Dr. Brigitte Kasten (Königstein)
  • Gerhard Kaufhold (Reutlingen)
  • Dr. habil. Gottfried Kerscher (München)
  • Anja Kircher (Duisburg)
  • Dr. Detlev Kraack (Berlin)
  • Prof. Dr. Ferdinand Kramer (Eichstätt)
  • Heinz Krieg, M.A. (Freiburg)
  • Dr. Holger Kruse (Paris)
  • Dr. Frédérique Lachaud (Paris)
  • Dr. Elisabeth Lalou (Paris)
  • Pauline Liesen (Bonn)
  • Margarete Martaguet (Paris)
  • Prof. Dr. Hans Martin Maurer (Stuttgart)
  • Dr. Mark Mersiowsky (Münster)
  • Prof. Dr. Klaus Militzer (Köln)
  • Prof. Dr. Peter Moraw (Gießen)
  • Dr. Margit Müller (Magdeburg)
  • Prof. Dr. Rainer A. Müller (Eichstätt)
  • Anna-Manis Münster (Greifswald)
  • Dr. Cordula Nolte (Greifswald)
  • Prof. Dr. Werner Paravicini (Paris)
  • Dr. Jacques Paviot (Paris)
  • Prof. Dr. Andreas Ranft (Kiel)
  • Arnd Reitemeier (Gleichen-Diemarden)
  • Prof. Dr. Walter Rödel (Mainz)
  • Dr. Gunhild Roth (Münster)
  • Antje Schacht (Würzburg)
  • Claudia Scharbert (München)
  • Dr. Lothar Schilling (Frankfurt/Main)
  • Prof. Dr. Rudolf Schlögl (Konstanz)
  • Prof. Dr. Wilfried Schöntag (Stuttgart)
  • Michael Scholz (Potsdam)
  • Prof. Dr. Ernst Schubert (Göttingen)
  • Prof. Dr. Rudolf Seigel (Sigmaringen)
  • Dr. Thomas Simon (Frankfurt/Main)
  • Priv.-Doz. Dr. Andreas Sohn (Unna)
  • Prof. Dr. Specker (Ulm)
  • Prof. Dr. Karl-Heinz Spieß (Greifswald)
  • Prof. Dr. Wilhelm Störmer (Neubiberg)
  • Dr. Brigitte Streich (Celle)
  • Steffen Stuht (Raden)
  • Dr. Jürgen Treffeisen (Sigmaringen)
  • Dr. Volker Trugenberger (Sigmaringen)
  • Prof. Dr. Malcolm G. A. Vale (Oxford)
  • Miloš Vec (Frankfurt/Main)
  • PD Dr. Matthias Weber (Oldenburg)
  • Dr. Stefan Weiß (Augsburg)
  • Jörg Wettlaufer, M.A. (Kiel)
  • PD Dr. Ellen Widder (Münster)
  • Wolfgang Willig (Balingen)
  • Dr. Wolfgang Wüst (Augsburg)
  • Prof. Dr. Erwin Zillenbiller (Sigmaringen)
  • Prof. Dr. Thomas Zotz (Freiburg)
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