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Das Frauenzimmer – La Chambre des Dames

Die Frau bei Hofe in Spätmittelalter und Früher Neuzeit

La femme à la Cour à la fin du Moyen Âge et aux Temps Modernes

Dresden, 26.-29. September 1998

6. Symposium der
Residenzenkommission der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen
in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Historischen Institut Paris,
dem Sonderforschungsbereich 537 der Technischen Universität Dresden und dem Landesamt
für Archäologie des Freistaates Sachsen

 

Das 6. Symposium der Residenzenkommission der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen stand im Zeichen einer aktuellen Thematik mit zwei deutlichen Schwerpunkten. Zum einen wurden die verschiedenen Rollen und Funktionen von Frauen am Hof beleuchtet, dies auch hinsichtlich spezifischer Ausdrucksformen und -möglichkeiten und eines eigenen Selbstverständnisses, zum anderen die "Frauenzimmer" als architektonische Orte an den europäischen Höfen wie auch Frauenhöfe selbst in den Mittelpunkt gerückt.

Die Tagung wurde am Abend des 26. September im Großen Senatssaal der Technischen Universität Dresden nach der Begrüßung durch Gert Melville (Dresden) und nach einleitenden Worten Werner Paravicinis eröffnet durch einen öffentlichen Festvortrag von Peter Strohschneider (Dresden), der von der "Kemenate" als einem "poetischen Vorspiel im Hochmittelalter" handelte. Strohschneider, der seine Beobachtungen an zwei literarischen Beispielen des hohen Mittelalters verdeutlichte (v.a. Wolfram von Eschenbachs "Willehalm"), stellte in den Mittelpunkt seiner Ausführungen die thesenhafte Formel von der "Visibilität der Invisibilität". "Kemenate", als Begriff für den Ort der Frauen am Hof, wie er im 12. und 13. Jahrhundert in der höfischen Literatur üblich war und erst anschließend durch das "Frauenzimmer" verdrängt wurde, sei inhaltlich kein randständiges, sondern ein zentrales höfisches Ereignis gewesen, das begrifflich zwar nur ein schwach differenziertes semantisches Feld in der Bedeutung von geheimnisvoll, abgetrennt, nicht öffentlich usw. umschreibe, aber über die hauptsächlich sozialen Implikationen des Begriffes "Harem" und die hauptsächlich räumlichen Implikationen der chambre im Sinn einer "Blickbegrenzung von innen" hinausgreife und somit Symptom eines funktional bedeutsamen Transformationsprozesses sei. Ein Empfang der Dresdener Universität aus Anlaß des Symposiums, gegeben von Prorektor Hans Wiesmeth, beschloß diesen Abend.

Nach einer sonntäglichen Exkursion in das "höfische" Umland Dresdens (Albrechtsburg, Meißen; Weesenstein; Pillnitz) begann die eigentliche Tagung am 28. September mit einem einführenden Vortrag von Werner Paravicini, der das Thema in vier Fragekomplexe unterteilte, an denen sich die vier Sektionen des Symposiums orientierten. Zunächst sollte dies in der Topographie von Hof und Residenz der den Frauen eigene Ort sein, dann der Aspekt der Organisation, wozu insbesondere die Frage nach Macht (und Ohnmacht) der Frauen bei Hofe zu zählen sei, drittens schließlich deren spezifische Rollen: "Aufgaben und Reservate von Frauen bei Hofe" und zuletzt der "geschützte Ort", der in den Blick zu nehmen sei, womit Probleme der "Ordnung und der Transgression im Geschlechterverhältnis" angesprochen waren. Diese Fragekomplexe als Ausdruck einer dreifachen Blickrichtung – "Raumordnung und Gesellschaft, Mann und Frau, Sexualität und Politik" – sollten auch "die Fürstin als Vorsteherin einer weiblichen (und immer auch männlichen) Personengruppe" mit der Perspektive der anderen Frauen bei Hofe verbinden.

1. Ein eigener Ort: Frauen in der Topographie von Hof und Residenz

Philippe Contamine (Paris) fragte nach den "Espaces féminins, espaces masculins dans les demeures aristocratiques françaises de la fin du Moyen Age." Er wies darauf hin, daß die Raumlösungen entgegen allen Schematisierungen auch immer von individuellen Faktoren beeinflußt worden seien. Diese mögen auch das scheinbar regelhafte Fehlen eines Ehebettes relativieren, obwohl eine gemeinsame Kammer des Ehepaares häufig nachweisbar sei. Das Personal an den Frauenhöfen bestand nach seinen Forschungen vorrangig aus Männern. Frauenflügel und Männerflügel lagen sich gegenüber, wobei die Gemächer der Fürstin und ihrer Damen zumeist ein wenig hinter der Ausstattung der Gemächer des Fürsten zurückblieben. Susanne Kress (Gießen/Florenz) bot in ihrem Beitrag zum Vergleich die italienische Perspektive des Florentiner Großbürgertums der Renaissance. Ihr Vortrag "E la donna che regge la casa. Frauenzimmer der Florentiner Renaissance: Funktion, Ausstattung, Ikonographie" stellte Theorie und Praxis der Raumaufteilung in den großen Palästen gegenüber und verglich den Architekturtraktat des Giovanni Battista Alberti mit der tatsächlichen Ausgestaltung des Palazzo der Medici nach zeitgenössischen Inventaren. Wie in Frankreich finde sich eine "camera principale", ein gemeinsamer Raum von Frau und Mann, aber auch ein eigener Bereich in der "anticamera" der Ehefrau, doch es gebe keine eigene Ikonographie von Frauenzimmern im Vergleich zu Männerräumen. Die "anticamera" in ihrer ikonographischen Gestaltung stehe hinter der repräsentativeren "camera principale" zurück. Der Beitrag Stephan Hoppes über "Bauliche Gestalt und Lage von Frauenräumen in deutschen Residenzen des späten 15. und 16. Jahrhunderts" beschloß die erste Sektion. Zur kunstgeschichtlichen Erforschung der funktionalen Raumstruktur stellte er drei unterschiedliche Raumtypen von Frauenräumen im deutschen Schloßbau vor 1600 vor: Die Tafelstube des weiblichen Hofstaates, das Wohnappartement der Fürstin und das Appartement des weiblichen Hofstaates. Birgit Franke (Marburg) sprach über "Bilder in Frauenräumen und Bilder von Frauenräumen: Imagination und Wirklichkeit". Dieser Beitrag wertete neben bildhaften Darstellungen französischer und niederländischer Fürstinnen in ihren Räumen Inventare als Quellen der Raumausstattung aus. Besondere Beachtung schenkte Franke dabei einem Vergleich mit Fürstenzimmern und konnte feststellen, daß sich die Unterschiede weniger in der Ausstattung selbst als in ikonographisch faßbaren Randbemerkungen wie der Darstellung geschlossener oder offener Türen niederschlugen.

2. Eine eigene Organisation: Macht und Ohnmacht von Frauen bei Hofe

Brigitte Streich (Celle) widmete sich als erste Rednerin dieser Sektion in ihrem Beitrag zu Frauenhof und Frauenzimmer den wettinischen Fürstinnen und ihrem Gefolge im 14. und 15. Jahrhundert und belegte einen Funktionswandel des Frauenhofes zu dieser Zeit. Anhand von Untersuchungen des Itinerars konnte sie zeigen, daß mit der zunehmenden Herausbildung fester Residenzen letztlich eine Beschränkung der Autonomie der Frauen bei Hofe einherging, die zuvor durch das häufige Reisen zwangsläufig über eine eigene Hoforganisation verfügten und damit tendenziell eine aktivere politische Rolle spielten konnten. Im letzten Viertel des 15. Jahrhunderts deutete sich dieser Wandel in einem Wechsel der Terminologie von der curia dominae, dem Frauenhof, zum "Frauenzimmer" an bei gleichzeitigem Rückzug der Fürstin und ihres Gefolges in den privaten Bereich (mit Schlüsseln, Schlössern und Türstehern als Kennzeichen und der Verlagerung auf Tätigkeiten am Residenzort wie die Pflege der Gärten und die Hinwendung zu künstlerischen Bereichen). Katrin Keller (Dresden) ging in ihrem Beitrag über Kurfürstin Anna von Sachsen (1532-1585) – "Gynäkokratie am Dresdner Hof?" – der Frage nach den (politischen) Einflußmöglichkeiten verehelichter Fürstinnen nach. Aufgrund reich überlieferter Privatbriefe der Fürstin konnte sie das Bild einer Frau und Königstochter zeichnen, die im Rahmen ihrer ehelichen Verbindung auf der Grundlage nahezu bedingungsloser Loyalität mit Hilfe von Geschenken und Briefen, aber auch durch direkte Intervention Gestaltungsräume erschließen konnte, die politisches Wirken – verständlich und plausibel erst durch Rückgriff auf den Politikbegriff des 16. Jahrhunderts – auch außerhalb des Frauenzimmers ermöglichten. Am Beispiel der Erzherzogin Clara Isabella Eugenia erläuterte Barbara Welzel (Marburg) anhand ikonographischer Quellen das Selbstverständnis einer verwitweten niederländischen Statthalterin des frühen 17. Jahrhunderts. War Isabella vor ihrer Witwenschaft deutlich faßbar als die fürstliche Gemahlin Erzherzog Albrechts VII. von Spanien, so präsentierte sie sich nach dessen Tod im Jahr 1621 in vordergründiger Vernachlässigung ihres politischen Körpers als Witwe und Ordensfrau, die als Statthalterin der Niederlande nur die Geschäfte ihres Mannes weiterführte. Tatsächlich tradierte Isabella spanische Herrscherinnendarstellungen und spitzte diese noch zu unter Nutzung ihres Namens "Clara", indem sie nun im Habit der Clarissinnen auftrat, gleichzeitig jedoch als princesse naturelle niederländische Traditionen nutzte und ihren autonomen politischen Herrschaftsanspruch auch als Witwe deutlich visualisierte.

3. Eine eigene Rolle: Aufgaben und Reservate von Frauen bei Hofe

Den zweiten Tag eröffnete Michael Bojcov (Moskau) mit der provozierenden Frage, ob es denn überhaupt Frauen im Mittelalter gegeben habe. Tatsächlich fänden sich keine Vorschneiderinnen, keine Schenkinnen am Frauenhof als Pendants zu ihren Kollegen am Hof des Fürsten. Unter dem Titel "‘Frauenzimmer’ oder ‘Frauen bei Hofe’?" referierte Bojcov zunächst über Begriff und Definition des "Frauenzimmers" (am Beispiel des Tiroler und des Marburger Hofes) und lenkte dann den Blick auch auf die nicht zum Frauenzimmer gehörenden weiblichen Personen am Hof (wie es am Frauenhof selbstverständlich männliches Personal gab, dieses im Prinzip nicht durch weibliches zu ersetzen war, und der Frauenhof immer in Abhängigkeit vom Hof des Herrschers zu sehen sei): Wäscherinnen, Spülerinnen, fürstl. Rentnerinnen und andere hofnahe Frauen. Hier würde sich nach Bojcov der Ansatzpunkt für die sogenannten gender studies finden, sei doch die Herrscherin als solche eine eigentlich entweiblichte Person. Anna-Manis Münster (Greifswald/Bordeaux) schloß an mit einem Kurzreferat über die "Sozialgeschichte der Hofdamen an französischen Höfen des Spätmittelalters" und thematisierte die "Funktionen der dames et damoiselles d’honneur im Gefolge der Königin und der Herzoginnen": Alltagsbewältigung einerseits und Repräsentation nach außen andererseits. Hofamtslisten, Rechnungen und Gagenabrechnungen geben sowohl Antworten auf Fragen nach Umfang und innerer Hierarchisierung der untersuchten Frauenhöfe als auch auf Fragen nach den finanziellen Spielräumen der Frauen am Hof und der Fürstin. Wer zahlte bspw. den Frauenhof und wie frei konnten die Frauen über gegebene finanzielle Mittel verfügen? (Marie de Sully konnte immerhin über einen eigenen Hofstaat gebieten.) Über die Erwartungen, die an die Hofdamen herangetragen wurden, als Einzelpersonen oder als Gruppe, geben Gagenlisten und Rechnungen, so hilfreich sie auch für die Rekonstruktion des Gefolges und seines Lebens bei Hof sein mögen, allerdings kaum Auskunft. Hier würde der "Livre de trois vertus" der Chrisitane de Pizan weiterhelfen, der ein idealtypisches Bild der französischen Hofdame um 1400 entwickelt hat und in welchem sowohl die Forderung nach einer eigenen weiblichen Hofhaltung vertreten als auch die Bedeutung von repräsentativ wirksamer Vorbildhaftigkeit von Hofdamen hervorgehoben wird. Daß sich der Hof der französischen Herrscherin im 15. Jahrhundert vergrößert hat, sei demgemäß keine Folge von Feminisierung gewesen, sondern von erweiterten repräsentativen Funktionen. Beatrix Bastl (Wien) setzte diese sozialhistorischen Betrachtungen für "Das österreichische Frauenzimmer" in der Frühen Neuzeit fort. In ihrem Beitrag "Zum Beruf der Hofdame" erörterte Bastl die Frage, welche Gründe Eltern dazu bewogen haben mögen, ihre Töchter materiell durchaus kostspielig auszustatten und zu versuchen, diese als Hofdame an einem großen Hof unterzubringen, wobei eine spezielle Erziehung die jungen Frauen auf ihre Aufgaben am Hof vorbereiten sollte. Diese Aufgaben brachten in der anschließenden Diskussion der Beiträge neben dem Streben nach "Amortisierung der Investitionskosten" durch Prestige und Beziehungen die Bedeutung der Sexualität am Hof für die Funktion dieses sozialen Gebildes zur Sprache. Ein wichtiges Moment sei sicherlich der Heiratsmarkt gewesen, den der Hof für die Damen und jungen Edelleute bot. Nicht zu vernachlässigen in der Sozialgeschichte der Hofdamen sei auch die Problematik von Fremdheit und Integration am Frauenhof, da durch die internationalen Heiratsbeziehungen des Hochadels häufig genug die Braut und ihr Gefolge weit entfernt von ihrem Heimatland leben mußten: Hofdamen hätten in der Fremde zusätzliche Funktionen in Information und Resonanz. In Anlehnung an Kantorowicz’ These der "zwei Körper des Königs" untersuchte Martin Kintzinger (Berlin) "Die zwei Frauen des Königs. Zum politischen Handlungsspielraum von Fürstinnen im europäischen Spätmittelalter." Sein Beitrag versuchte mit Hilfe einiger Beispiele die Grenzen des politischen Handlungsspielraums von Fürstinnen im 15. Jahrhundert auszuloten. Eigenständigkeit im politischen Handeln, das letztlich scheiterte, erkannte Kintzinger u.a. bei Isabeau de Bavière, der Frau Karls VI. von Frankreich, bei Valentina Visconti, der Frau dessen Bruders Ludwig von Orleans, bei Barbara von Cilli, der Gemahlin Kaiser Sigmunds, sowie bei Jacobäa von Bayern, die nach vier mißglückten Heiraten in verschiedene europäische Dynastien am Ende erfolglos blieb. Die Erfolg oder Mißerfolg von Frauen auf der politischen Bühne bedingenden Faktoren konnte unterschiedlich sein. Abhängigkeit von der Herrschaftslegitimation habe sich hierbei ebenso ausgewirkt wie Persönlichkeitsstärke und die Fähigkeit zur Überschreitung geschlechtsspezifischer Rollen, das Scheitern sei nahezu ausschließlich aus der Kollision mit männlichen Herrschaftsansprüchen zu erklären.

4. Ein geschützter Ort? Ordnung und Transgression im Geschlechterverhältnis bei Hofe

Stefan Weiss (Gersthofen) führte mit seinem Referat "Die Damen am päpstlichen Hof zu Avignon unter Johannes XII. (1316-1334)" vor, wie in der Spannung von Keuschheitsgelübde und Zölibat einerseits und der Notwendigkeit höfischer Repräsentation andererseits in Avignon von Papst Johannes XII. ein Modell entworfen wurde, das einerseits Frauen am päpstlichen Hof integrieren konnte, anderseits aber die ausschließlich männliche Kurie von permanenter Versuchung (und öffentlicher Kritik) freihielt durch Trennung von kurialen und repräsentativen Aufgaben. In einiger Entfernung von Avignon unterhielt der Papst durch seine laikalen Verwandten "Nebenresidenzen", in denen durch die dort unverfängliche Anwesenheit von Damen das gewünschte höfische Ambiente hergestellt werden konnte. Obwohl er selbst aufgrund eines Gelübdes Avignon nie verließ, betrieb er diese Residenzen von Rittern seines Hofes teilweise mit Damen aus der eigenen Verwandtschaft, teilweise mit Ehefrauen seiner männlichen Verwandten, so daß es ihm möglich war, auswärtigen Besuchern hohen Ranges gegenüber der Forderung der Zeit nach ritterlich-laikaler Atmosphäre zu entsprechen. Von Avignon nach Italien, an den päpstlichen Hof zu Rom, brachte die Teilnehmer der Beitrag von Claudia Märtl (Braunschweig). Sie untersuchte die Frage, inwieweit sich aufgrund der Vorbildfunktion absolutistischer Höfe die Rolle von Frauen im Umkreis der Kurie geändert hat. Konzilsgeschichte und Reformation hätten weiblichen Zugang eigentlich erschwert haben müssen, de facto sei dies aber nicht der Fall gewesen. Am Beispiel des päpstlichen Hofs unter Pius II. (1458-1464) demonstrierte Märtl, wie die Bemühungen zur Ausgrenzung von Frauen am Papsthof und ihre tatsächliche Einbindung miteinander divergierten. Diese einander widerstrebenden Tendenzen lassen sich zum einen auf die steigende Bedeutung von verheirateten Laien als Funktionsträger am päpstlichen Hof, dann aber auch auf erweiterte Repräsentationsfunktionen des Papstes als Territorialherrn und schließlich auf seine humanistischen Interessen selbst zurückführen. Frauen waren daher im Alltagsleben der Kurie – im Dienstleistungsbereich, als Ehefrauen, als Angehörige der Papstfamilie – wesentlich präsenter als normative und deskriptive Quellen dies zunächst vermuten lassen würden. "Les ducs de Bourgogne et les enlèvements des femmes dans les élites des Pays-Bas du XVe siècle" stellte Walter Prevenier (Gent) vor. Er präsentierte ein erstaunliches und wenig bekanntes Phänomen des späten Mittelalters: die Entführung von Frauen zum Zweck der späteren Heirat. Das System der Mitgiftehe machte manche Erbtochter und Witwe im 14. und 15. Jahrhundert so interessant, daß mit allen Mitteln versucht wurde, eine Heirat zu erzwingen. Natürlich kam es auf den Konsens der Frau an. Der Kreis der Täter rekrutierte sich aus allen sozialen Milieus, ohne daß der Hochadel hier aufgrund seiner besonderen Stellung am herzoglichen Hof eine Ausnahme bei den "lettres aux rémission" gemacht hätte. Vielmehr ist die paradoxe Situation zu beobachten, daß die "Entführung" von Frauen auch von den Herzögen selber ganz nach politischer Opportunität gehandhabt wurde. Gnadengesuche wurden hier ebenso arbiträr nach politischem Opportunismus beschieden wie das Mittel der erzwungenen Eheschließung durch die Herzöge selbst angewandt. Monique Châtenet (Paris) stellte diesem Bild die Ordnung des französischen Hofes im 16. Jahrhundert gegenüber. Aufgrund baugeschichtlicher Befunde berichtete sie über "Les logis des femmes à la cour de France au XVI siècle". Auch und gerade in den Raumaufteilungen spiegeln sich die einzelnen Frauenrollen (Ehefrau, Mutter und Mätresse) wider. Dies exemplifizierte Châtenet am Regelfall und an den Ausnahmen (Katharina de Medici, Anne de Bretagne). Es wurde deutlich, daß Jungfrauen nicht zufällig meist im höchsten Stockwerk des Schlosses oder der Burg untergebracht waren. Gleichzeitig wies Châtenet auf den quantitativen Anstieg des Hofpersonals im Laufe des 16. Jahrhunderts hin, bei dem auch der Frauenhof keine Ausnahme bildete und neue architektonische Anforderungen mit sich brachte. Regelmäßig hatte der König die prächtigsten und besten Räume eines Schlosses und nur die zweitbesten waren der Königin zugedacht. Ausnahmen stellten die schon genannten Persönlichkeiten dar, die im Fall der Katharina de Medici zum Appartement des König symmetrische Räume bewohnte. Am Ende dieser Sektion erwartete die Teilnehmer ein Vortrag von Peter Moraw (Gießen) über den "Harem des Kurfürsten Albrecht Achilles von Brandenburg-Ansbach". Zunächst galt es, die Begriffe zu klären. Der Begriff "Harem", der orientalen Welt entlehnt, träfe die Sache nur annähernd, aber wohl doch am ehesten. Kurfürst Albrecht war Vater von allein 18 ehelichen Kindern, die er mit zwei aufeinanderfolgenden Ehefrauen zeugte. Doch neben den ehelichen pflegte der Fürst noch andere Beziehungen. Eindrucksvoll sei diesbezüglich ein Briefwechsel, den Albrecht mit seiner zweiten Frau geführt habe, als er anläßlich eines Feldzugs des Kaisers gegen Karl den Kühnen diesem die Heerfolge leisten mußte. In dieser Korrespondenz würden deutliche Details eines intensiven außerehelichen Sexuallebens beider Partner mitgeteilt. Der Herzog sei auf seinem Zug von mindestens sechs Hofdamen begleitet worden, die ihn über die Trennung von seiner Frau hinwegzutrösten hatten. Die Herzogin wiederum scheint die Damen selber ausgewählt zu haben, sich wohl bewußt, welchem Zweck die Begleitung dienen sollte. In der folgenden Diskussion wurden Zweifel darüber geäußert, ob es sich hier nicht doch eher um literarische Fiktion als um realistische Berichterstattung gehandelt habe.

Die Tagung wurde von Gert Melville unter fünf Hauptaspekten zusammengefaßt. Es sei zum einen um die kulturellen Voraussetzungen, dann um die Entfaltung der Frau im höfischen Kulturkreis gegangen. Diese sei drittens sowohl in ihrem individuellen Aspekt als auch viertens nach ihren biologischen Voraussetzungen beleuchtet worden. Schließlich sei fünftens der dynastische Aspekt erörtert und damit das weite Themenspektrum des "Frauenzimmers" und der Frau am Hofe in Spätmittelalter und früher Neuzeit abgedeckt worden. Desiderate zukünftiger Bemühungen aber blieben der Topos der höfischen Liebe, die Rolle der Frau bei höfischen Festen und die Bedeutung des Marienkultes am Hofe, d.h. der weiblichen Frömmigkeit überhaupt im Kontext von Hof und Herrschaft. Gerade dieser letzte Punkt, der auch die Rolle der Äbtissinnen, Reichsstifte und Frauenklöster in dieser Zeit umfaßt, wurde in der Schlußdiskussion mehrfach angesprochen und für die zukünftige Erforschung des Themas der Frau bei Hofe eingefordert.

Jörg Wettlaufer/Jan Hirschbiegel


Dieser Text wurde in den MRK 8-2 (1998), S. 65-71 sowie in den AHF und über die Internetliste H-SOZ-KULT veröffentlicht.

Resümees der Referate

Teilnehmerliste

[Stand: 15.5.1998]

 

  • Doris Aichholzer, Wien
  • Uwe Albrecht, Kiel
  • Elisa Anne, Paris
  • Rainer Babel, Paris
  • Sébastien Barret, Dresden
  • Beatrix Bastl, Wien
  • Valérie Bessey, Paris
  • Andreas Bihrer, Freiburg im Breisgau
  • Michail A. Bojcov, Moskau
  • Hartmut Boockmann, Göttingen
  • Hanno Brand, Paris
  • Reinhardt Butz, Dresden
  • Markus A. Castor, Bonn
  • Albert Châtelet, Straßburg
  • Liliane Châtelet-Lange, Straßburg
  • Monique Châtenet, Paris
  • Christiane Coester, Berlin
  • Philippe Contamine, Paris
  • Dick E. H. de Boer, Groningen
  • Krista de Jonge, Heverlee
  • Klaus Peter Decker, Büdingen
  • Gisela Drossbach, München
  • Petra Ehm, Bonn
  • Dagmar Eichberger, Saarbrücken
  • Bettina Elpers, Frankfurt am Main
  • Dirk Endler, Hildburghausen
  • Ute Essegern, Radebeul
  • Ulf Christian Ewert, Kiel
  • Gerhard Fouquet, Kiel
  • Birgit Franke, Marburg
  • Klaus Grubmüller, Göttingen
  • Jean Guillaume, Tours
  • Paul-Joachim Heinig, Mainz
  • Gerd Heinrich, Berlin
  • Sabine Heißler, Mannheim
  • Christian Hesse, Bern
  • Jan Hirschbiegel, Kronshagen
  • Volker Honnemann, Münster
  • Ilaria Hoppe, Berlin
  • Stephan Hoppe, Dortmund
  • Bernhart Jähnig, Berlin
  • Sönke Jaek, Gießen
  • Peter Johanek, Münster
  • Annemarie Jordan, CH-Jona
  • Claudia Kajatin, Greifswald
  • Mathias Kälble, Freiburg im Breisgau
  • Henrik Karge, Dresden
  • Brigitte Kasten, Königstein
  • Katrin Keller, Leipzig
  • Martin Kintzinger, Berlin
  • Anja Kircher-Kannemann, Düsseldorf
  • Uta Kirchner, Berlin
  • Sabine Koloch, Marburg
  • Detlev Kraack, Berlin
  • Susanne Kress, Giessen
  • Heinz Krieg, Freiburg im Breisgau
  • Klaus Krüger, Jena
  • Holger Kruse, Paris
  • Karen Lambrecht, Leipzig
  • Andrea Langer, Leipzig
  • Uta Löwenstein, Marburg
  • Barbara Maigler, Eichstätt
  • Margarete Martaguet, Paris
  • Claudia Märtl, München
  • Achim Mehlhorn, Rektor TU Dresden
  • Matthias Meinhardt, Kiel
  • Gert Melville, Dresden
  • Dr. Mark Mersiowsky, Tübingen
  • Hans-Joachim Meyer, StaatsministerWiss. Dresden
  • Peter Moraw, Gießen
  • Anna-Manis Münster, Bordeaux
  • Klaus Neitmann, Potsdam
  • Gundula Nolte, Greifswald
  • Judith Oexle, Dresden
  • Claudia Opitz-Belakhal, Freiburg im Breisgau
  • Sybille Oßwald-Bargende, Stuttgart
  • Werner Paravicini, Paris
  • Walter Prevenier, Gent
  • Puppel Pauline, Marburg
  • Andreas Ranft, Kiel
  • Arnd Reitemeier, Kiel
  • Ute Rödel, Mainz
  • Walter G.Rödel, Mainz
  • Ernst Schubert, Göttingen
  • Andreas Sohn, Münster
  • Karl-Heinz Spieß, Greifswald
  • Antje Stannek, Braunschweig
  • Brigitte Streich, Celle
  • Peter Strohschneider, Dresden
  • Steffen Stuth, Raden
  • Edith Ulferts, Leipzig
  • Antje Vanhoefen, Jena
  • Ulrike Weber-Karge, Dresden
  • Stefan Weiss, Gersthofen
  • Barbara Welzel, Marburg
  • Michael Wenzel, Eppelheim
  • Jörg Wettlaufer, Kiel
  • Ellen Widder, Tübingen
  • Heide Wunder, Kassel
  • Wolfgang Wüst, Augsburg
  • Helga Zöttlein, Kassel
  • Thomas Zotz, Freiburg
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