12.
Symposium der
Residenzen-Kommission
Städtisches Bürgertum und Hofgesellschaft
Kulturen integrativer und konkurrierender Beziehungen
in Residenz- und Hauptstädten vom 14. bis ins 19. Jahrhundert
veranstaltet in
Zusammenarbeit mit der
Historischen Gesellschaft Coburg e.V.
25. - 28. September 2010
Riesensaal Coburg, Photo von D.J. Mueller. © GNU-Lizenz für freie Dokumentation
Eigentlich hätte das nächste, das 12. Symposium der
Residenzen-Kommission den Titel tragen sollen „Blick zurück nach vorn“, was wir
nun unterlassen, weil das Historische Kolleg in München sich entschlossen hat,
eine neue Vortragsreihe genau so zu benennen (übrigens begonnen mit dem Thema „Alle
Sinne“, was hier nicht kommentiert wird). Dabei gibt es wahrlich Anlaß,
zurückzuschauen, denn die Kommission feiert 2010 das echte Jubiläum der 25
Jahre ihres Bestehens, und zugleich erfährt sie ihr Ende, denn mit dem 31.
Dezember 2010 läuft ihre dreizehnjährige Förderung durch das Akademienprogramm
unwiderruflich aus. Es wird der Residenzen-Kommission also nicht so gehen wie
dem Max-Planck-Institut für Geschichte in Göttingen, das im 50. Jahr seines
Bestehens sang- und klanglos unterging, ohne jede Feier, die denn doch dem Rang
des Gründers Hermann Heimpel und der Leistung des Hauses angemessen gewesen
wäre.
Wir sind aber der guten Hoffnung, daß die Kommission
schon am 1. Januar 2011 wieder auferstehen wird, mit neuer thematischer
Ausrichtung, mit teils anderem, teils vermehrtem Personal. Das Symposium ist an
der zeitlichen Nahtstelle angesiedelt, und in Coburg versammelt, werden wir
bereits wissen, ob aus dem Wunsch Wirklichkeit geworden ist. Dem Prinzip
Hoffnung huldigend wollen wir aber jetzt schon so tun, als sei die Existenz der
neuen Kommission gesichert: Das Symposium wird nach vorne blicken.
Die (neue) Kommission will nun bis ans Ende der
Monarchie im Reiche schauen, ohne den unschätzbaren Vorteil ihrer
mittelalterlichen Basis zu verlieren. Zum anderen nimmt sie sich eines
Spannungsverhältnisses an, das die Hof- und Residenzgeschichte von Anfang an
durchzieht, schließlich aber zur Entscheidung kommt: demjenigen von Hof und
Stadt (wir tagten schon 2004 darüber), von bürgerlicher und höfischer
Gesellschaft. Wer in diesem Verhältnis die Oberhand behält, war lange
unentschieden. Im 14. Jahrhundert siegten die Fürsten, das 17. Jahrhundert sah
ihren Triumph, im 18. bildete sich ein neues prekäres Gleichgewicht aus, das –
wenigstens im Reich – auch die Schockwelle der Französischen Revolution nicht
zum Einsturz brachte; im 19. Jahrhundert wechselte die politische Initiative
die Seite, aber die kulturelle Vormacht der Höfe blieb auch im industriellen
Zeitalter bestehen. Wilhelm II. schließlich war ein sehr moderner, zugleich
aber überaus altmodischer Herrscher, der die Monarchie im Reich so sehr
delegitimierte, daß sie die Kriegsniederlage nicht überstand.
Wir wollen aber nicht oben anfangen, sondern unten, bei
der gelebten Wirklichkeit kleiner Verhältnisse, täglichen Umgangs, eingeübter
Verhaltensweisen. Symbolisches Kapital hin und her, beim ökonomischen fängt
alles an und endet dort. Darum ist ein Blick auf die finanziellen Relationen
notwendig. Der Hof ein Vampir der Stadt? Die Stadt am Tropf des Hofes? Das wird
durchdekliniert werden müssen. Wenn aber 25 000 Einwohner schon eine
mittelalterliche Großstadt (wie Lübeck) ausmachten, dann wird nicht nur
deutlich, daß die Gesellschaft des Ancien Régime im Grunde eine ländliche war,
sondern auch, daß die Kleinstadt von kaum 1000 oder 2000 Ein-wohnern
vorherrschte, und nicht das Modell Hamburg und Köln, Frankfurt oder Nürnberg,
Ulm, Augsburg oder Bern. Wenn wir die Wirklichkeit der Allermeisten fassen
wollen, müssen wir bescheiden werden, müssen gleichsam in Hermann und Dorotheas
Welt eintauchen, nach Heitersheim im Breisgau, Mergentheim in Schwaben,
Pommersfelden in Franken, oder Eutin in Holstein schauen, ja noch unter die
reichsständische Ebene hinuntergehen bis hin zu den Kleinresidenzstädten der
Reichs-ritterschaft in Franken und in Schwaben.
Die Frage ist nur, ob das eine ohne das andere möglich
war, ob nicht höfischer Bedarf die Stadt ernährte, ob der Hof nicht vielmehr
auf bürgerlichen Fachleuten aufruhte. Allerdings ist auch die Frage, ob sich
nicht doch ein bürgerliches, gar republikanisches Bewußtsein entwickelt, das
z.B. die ästhetische, aber auch politische Begeisterung für die
Eidgenossenschaft im späten 18. Jahrhundert erklären könnte. War aber sozialer
Aufstieg bis weit ins 19. Jahrhundert anders als im aristokratisch-höfischen
Gewand überhaupt denkbar? Man gehe über den Münchner Südfriedhof und seinen „Campo
Santo“ und lese all die Namen jener, die mit einem schlichten „von“ oder als „Ritter
von“ ob besonderer Verdienste um das bayerische Staatswesen ausge-zeichnet
wurden. Noch heute erinnert das ehrwürdig Haus Dallmayer in München daran, daß
es einmal Hoflieferant gewesen ist.
Damit fragen wir nach der Bedeutung des höfischen
Gewerbes und der Künste in der Stadt. Der Konsum der Oberen, schuf er eine
ephemere Nachfrage, entbehrlich und ohne Folgen, oder gilt Sombarts These von „Luxus
und Kapitalismus“? Führt eine Brücke vom befreiten Gewerbe der Hofkünstler und
vom privilegierten Status der Hoflieferanten zur Serienfertigung der Industrie?
Wie erklärt sich die seit etwa 1500 hervorgehobene Rolle dieser „Repräsentationsfabrikanten“
in vielerlei Medien, deren Qualität man wohl vorher schon erkannte, deren
Status sich dadurch aber nicht merklich erhöht hatte, während nun, bis zu den
Münchner Malerfürsten, ein Aufstieg eintrat, der irreversibel zu sein schien.
Auch auf anderen Gebieten war der Weg von der sozialen zur fachlichen
Qualifikation weit, begann aber schon im 15. Jahrhundert. Wenn noch heute in
Schweden der Ehrendoktor mit einem Hut verliehen oder die Aufnahme in das
Institut de France von der Verleihung des Degens begleitet wird, dann sind dies
letzte Spuren vom Adel der Doktoren und der Integration in die höfische
Gesellschaft.
Entwickelt die Stadtgemeinde, die doch so häufig in
rechtlicher Abhängigkeit vom Stadtherrn agierte, eigene Kunst- und
Architekturformen? Nicht nur in Frankreich erinnern die gewaltigen Rathäuser
oder „Hôtels de ville“ des 19. Jahrhunderts samt und sonders an
(Loire-)Schlösser und in Pikardie und Flandern mächtige Belfriede an die
Haupttürme von Landesburgen. War es im Reich so ganz anders? Gibt es eine
städtische Architektur, die nicht-höfische Vorbilder hätte? Andererseits
äußerte sich monarchische Herrschaft seit dem 15. Jahrhundert auch in der
Strukturierung des Raums, bis hin zur Stadt- und Landschaftsplanung, die mit
der neuen, überaus aufwendigen Befestigung einherging.
Nun zeichnet sich die Stadt durch eine tendenziell
unbegrenzte Autonomie aus, ihr Ursprung ist die Schwurgemeinschaft in herrschaftlicher
Umgebung, sie ist von Natur aus oligarchisch: Im Laufe der Zeit weitet sich der
Kreis der an der weiten oder engen Selbstverwaltung teilhabenden Personen
jedoch aus. In jedem Fall verkörpert sie das Prinzip der Genossenschaft gegen
den Anspruch des Alleinherrschers und der mit ihm verbundenden Gruppen. Sie
folgt, zumal in ihren so häufigen Kleinstädten, die nur am lokalen Markt, nicht
am Fernhandel teilnehmen, auch anderen Interessen: dynastischer Ehrgeiz ist ihr
fremd (nicht aber familiärer Stolz), weit entfernte Kriege liegen ihr fern,
nahe ebenfalls, es sei denn sie richteten sich gegen die oft genug verhaßte
Nach-barstadt oder die störenden Burgen des umgebenden Adels. Gilden, Räte,
Bruder-schaften werden aber im Laufe der Zeit durch andere Institutionen
ergänzt oder ersetzt, von denen man zuweilen nicht weiß, ob man sie nur dem
Herrn oder auch der Stadt zurechnen soll, die aber in jedem Fall eine eigene
Dynamik entfalten, in der Stadt, aber nicht von der Stadt sind: Universitäten,
Hohe Schulen, Akademien. Ab dem 18. Jahrhundert blüht das Vereinsleben auf,
gelehrte Gesellschaften verschiedenster Art werden gegründet, die zwar das
Protektorat des Monarchen suchen (Royal Historical Society), aber im Kern
bürgerliche Veranstaltungen sind, bis hin zu den Bürgerwehren und den
revolutionären Clubs in Frankreich, aus denen die politischen Parteien
entstehen, neben die aus den alten Zünften entstehenden Berufsverbände treten
und später die Gewerkschaften. Diesen „Dritten Sozialkörpern“ ist besondere Aufmerksamkeit
zu widmen, denn sie sind es, die direkt und indirekt die politische Initiative
an sich reißen, wenn sie auch lange noch vom Monarchen kontrolliert werden.
Wann aber endet die Herrschaft der höfischen Welt?
Politisches wird vom Kultu-rellen zu trennen sein, Reservate wie Militär,
Außenpolitik und Diplomatie sind zu beachten. Im 18. Jahrhundert beginnt der
Niedergang in Frankreich, nachdem England im 17. Jahrhundert vorangegangen war.
Aber auch die Niederlande des 16. Jahrhun-derts kehrten im 17. zu einer
(begrenzten) Monarchie zurück, und solche Phänomene wie die freien Reichsstädte
und die Eidgenossenschaft blieben in der monarchischen Welt Europas eine
Ausnahmeerscheinung.
Das 19. Jahrhundert, das in seiner Mitte das Ende alter
Ordnungen erlebte und eine mächtige Industrialisierung mit ungeahnten sozialen
Folgen, dürfte dennoch eher aus der gemeineuropäischen Vergangenheit der
Monarchie, eher in der Kontinuität als im Bruch zu begreifen sein. Der aus
nunmehr wenigeren, dafür mächtigeren Staaten zusammengesetzte Deutsche Bund und
das neue deutsche Reich sind (mit Ausnahme der vier Stadtstaaten Frankfurt,
Hamburg, Bremen, Lübeck) ein rein monarchisches Bündnis von Fürsten, deren
Wappen heute noch am Reichstagsgebäude zu Berlin in Stein gehauen sind. Wie
stehen nun Residenz, Hauptstadt, Stadt in dieser Moderne zueinander? Nimmt
nicht die Kraft des Fürstenstaates neuer Prägung in Zeiten der Zivilliste,
Parlamente, wuchernden Bürokratie, aber auch ostentativer Förderung von Kunst
und Wissenschaft (Kaiser Friedrich Museum, Kaiser Friedrich Gesellschaft) noch
einmal zu, bis ihm endlich doch die Legitimität abhanden kommt? Regieren die
Fürsten und Herren des 19. Jahrhunderts nur noch durch Kultur, oder war es
lediglich der Krieg, der viel stärkere Bindungen endlich zertrennte?
Das in Zusammenarbeit mit der Historischen Gesellschaft
Coburg e.V. unter Mitwirkung der Landesbibliothek Coburg veranstaltete
Symposium wird beginnen am Samstag, dem 25. September 2010 mit der Besichtigung
der Veste Coburg hoch über der Stadt und der dort eigens aus Anlaß der Tagung
vom Kommissionsmitglied Matthias Müller und dem Direktor der dortigen
Kunstsammlungen Klaus Weschen-felder zusammen mit zwei jüngeren
Wissenschaftlerinnen aus Mainz und Basel, Ruth Hansmann und Beate Böckem,
konzipierten und aus vielen Museen international zusammengetragenen Ausstellung
Apelles am Fürstenhof. Jacopo de’ Barbari und die Hofkünstler um 1500 im Alten Reich. Veste Coburg
über die unten S. 57-60 Näheres mitgeteilt wird. Dann
folgen wie üblich Begrüßung, Festvortrag (Gert Melvilles, des Dresdner Kollegen
und Vorsitzenden der Historischen Gesellschaft Coburg, dem die Planung schon
jetzt außerordentlich viel verdankt) und Empfang im Riesensaal der Stadtresidenz
Ehrenburg. Am Sonntag geht es auf eine ganztägige Exkursion zu den
hennebergischen Residenzen Heldburg, Römhild, Meiningen und Schleusingen Am
Montag beginnt die eigentliche Arbeit.
Sie wird, nach einem „Jubiläumsvortrag“ des
Kommissions-Vorsitzenden, sich widmen dem Thema
Bürgertum und
Hofgesellschaft
Wechselwirkungen in
Residenz- und Hauptstädten
vom 15. bis ins 19.
Jahrhundert
und damit eine erste Annäherung an die Fragen versuchen,
denen sich die neue Kommission stellen möchte. Dabei ist daran gedacht,
jeweils einen deutschen und einen ausländischen Vortragenden aus ihrer je
verschiedenen Sicht sprechen zu lassen. Diese Vortragenden müssen z.T. noch
gefunden und von der Kommission angesprochen werden, weshalb vorerst kein
öffentlicher Aufruf zur Beteiligung erfolgt. Wenn die Stiftungen, die wir um
Förderung bitten werden, uns die Mittel gewähren, können wie bisher auch jedoch
zwölf junge Forscher sich um eine Einladung als Diskutanten mit Reisepauschale
bewerben, vorausgesetzt, sie reichen eine Skizze, später den Volltext eines
Referats zum Thema ein, das zwar nicht gehalten wird, bei entsprechender
Qualität aber in einem Sonderheft der MRK veröffentlicht werden will. Gäste,
Zuhörer, Teilnehmer, Diskutanten sind natürlich jederzeit willkommen, sollten
sich aber anmelden, damit wir besser planen können. Hier nun der geplante
Ablauf des Symposiums. Daß es noch Änderungen geben wird, ist anzunehmen.
Kiel, am 28. Mai 2009 Werner Paravicini
- Informationen zum Tagungshotel Goldene Traube finden Sie unter diesem Link! Die Lage des Hotel wird unter folgendem Link angezeigt (siehe auch das 2. Bild unten).
- Informationen zu weiteren Hotels in Coburg finden Sie unter diesem Link. Hotelreservierungen können auch über http://www.hotelscombined.de/City/coburg.htm durchgeführt werden. HotelsCombined.com bietet zudem jedem Teilnehmer des 12. Symposiums der Residenzen-Kommission einen Rabatt von 10%. Wie sie diesen Rabatt in Anspruch nehmen können, erfahren Sie unter dieser Adresse.
- Sie erreichen Coburg mit dem Fluzeug über den Flughafen Nürnberg oder mit der Deutschen Bahn. Der Transfer vom Flughafen Nürnberg dauert ca. 2 Stunden. Eine Übersicht zu Anreisemöglichkeiten mit der Bahn nach Coburg bietet die folgende PDF Datei. Für eine Anreise mit dem Auto sehen Sie bitte die folgende PDF Datei.
- Die Die Ausstellung "Apelles am Fürstenhof" auf der Veste Coburg kann im Rahmen der Tagung am 25. September besichtigt werden. Bitte kommen Sie zur Besichtigung inkl. Führung am Samstag, den 25. September um 14:30 zum Eingang der Ausstellung auf die Veste. Vom Stadtzentrum / der Ehrenburg aus erreichen Sie die Veste Coburg bequem mit einem öffentlichen Bus der Linie 5, der um 14:15 von der Haltestelle Theaterplatz in Coburg losfährt. Für die Ausstellungsbesichtigung und die Führungen, die freundlicher Weise Frau Hansmann, Frau Boeckem und Herr Müller durchführen werden, bleibt bis ca. 16:40 Zeit. Um 16:55 fährt der letzte Bus von der Veste Coburg zurück ins Stadtzentrum. Bitte rechnen Sie für die Distanz zu Fuß ca. 30 Minuten, wobei auf dem Hinweg ein starker Anstieg zu bewältigen ist, der ggf. die benötigte Zeit verlängert. PDF Datei mit den Abfahrtszeiten. Alternativ können Sie ggf. auch eine kleine Touristenbahn benutzen, die folgende Abfahrtszeiten hat: ab Herrngasse von 10-16.30 Uhr alle 30 min., ab Veste von 10.12-16.42 Uhr alle 30 min., Pause von 13-14 Uhr.
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