Ellen Widder

Illegitime bei Hofe

 

Bei dem Thema "Illegitime bei Hofe" handelt es sich auf den ersten Blick eher um ein Thema für die Klatschpresse, als für die hohe Wissenschaft. Dennoch haben Fragen zur Rolle und sozialen Positionierung illegitim Geborener auch in jüngerer Zeit vereinzelt wissenschaftliche Aufmerksamkeit erfahren. Im deutschsprachigen Raum wäre hier besonders an die Forschungen von Ludwig Schmugge und seinem Kreis zu erinnern. Bedingt durch die Überlieferung aus der päpstlichen Poenitentiarie konzentrierten sie sich vornehmlich auf die geistliche Sphäre und berührten den Hof nur am Rande. Zu den Illegitimen bei Hofe wird immer auf das Beispiel Burgund verwiesen, doch es existieren auch Untersuchungen zum englischen Königtum oder neuerdings speziell zu Flandern. Insgesamt bestehen aber eklatante Forschungslücken. Sie hängen wohl einerseits mit gängigen Moralvorstellungen zusammen, aber dürften auch mit der schwierigen Quellenlage und den sich daraus ergebenden methodischen Problemen zu tun haben. Unter dem Rahmenthema "Der Günstling bei Hofe" muß die Betrachtung über den einzelnen Illegitimen hinaus auf seine soziale Verankerung am Hofe ausgeweitet werden. Im Vortrag soll es in Erweiterung des Begriffes Illegitimität um die Rolle von Mätressen, Konkubinen und sozial niederrangigen Heiratsverbindungen sowie den aus diesen Verbindungen hervorgegangenen Nachkommen an spätmittelalterlichen Höfen im deutschen Reichsgebiet gehen. Hierbei stehen nicht nur Fragen der sozialen Positionierung, der Versorgung und der langfristigen Absicherung zur Diskussion, sondern auch das Problem der standesgemäßen Ehe. Wie stand es um die ‚Liebesheiraten‘ zwischen Nichtebenbürtigen und den aus diesen Verbindungen hervorgegangenen Nachkommen? Reagierte die höfische Gesellschaft stereotyp oder wechselten diese Reaktionen je nach Kontext? Welche Funktionen hatten Illegitime (und deren Nachfahren) im höfischen Sozialsystem? Derartige Überlegungen vermögen die Vielfalt von Verwandtschafts-, Patronage- und Günstlingsverhältnissen bei Hofe um einen nicht unwesentlichen Aspekt zu bereichern.