Reinhard Stauber:

Neuburgs erster Staatsgefangener.Zu Karriere und Sturz des Wolfgang Kolberger, Kanzler des Herzogtums Bayern-Landshut 1489-1502

Wolfgang Kolberger, Sohn eines Schulmeisters aus Altötting, gelang in den siebziger und achtziger Jahren des 15. Jahrhunderts ein ungewöhnlicher, doppelter Aufstieg zum leitenden politischen Berater Herzog Georgs von Bayern-Landshut und zum Reichsgrafen. Diese Karriere ist um so bemerkenswerter, als sie sich weder auf der Basis einer geistlichen Würde noch in den gängig werdenden Mustern des Einsatzes graduierter Juristen im Rat vollzog. Sie basierte vielmehr allein auf dem frühen Eintritt in den Dienst der fürstlichen Kanzlei, dem dort als Schreiber und Registrator erworbenen Wissen und einem offensichtlichen Talent zu dessen politischer Umsetzung. Mit dem Regierungswechsel 1479 zum "secretarien" des neuen Landshuter Herzogs Georg promoviert, wurde Kolberger zunehmend in wichtigen Unterhandlungen und diplomatischen Missionen eingesetzt und baute die Herzogskanzlei, an deren Spitze er 1488/89 trat, systematisch zur politischen Schaltstelle aus. Gleichzeitig vollzog sich die Unterfütterung der Ämterkarriere durch den Erwerb von Besitz und Aufbau persönlichen Reichtums, gekrönt durch die Doppelerhebung zuerst zum Freiherrn, dann zum Grafen des Reichs innerhalb eines halben Jahres 1492. Der Mechanismus des Aufstiegs über die Kanzlei bietet sich an für den Vergleich mit ähnlich gelagerten Fällen in der Umgebung der habsburgischen Herrscher.

Die mangelnde soziale Absicherung des Aufsteigers, das Fehlen jeden Gruppenrückhalts scheint deutlich auf in den Worten des Chronisten Veit Arnpeck "Der adl was im darumb gehass, das er ain graf und freiherr gehaissen und doch nur ains mesners sun was." 1502 verlor Kolberger mit dem Vertrauen Herzog Georgs nicht nur seine politische Führungsposition, sondern alle Besitzungen und auch die persönliche Freiheit. Berufen, erhoben und gehalten allein durch das politische Vertrauen des Herzogs, war dessen Entzug gleichbedeutend mit dem Ende der Karriere Kolbergers. Noch im Herbst 1502 wurde er als Staatsgefangener auf die Burghausener Burg gebracht und nach dem Erbfolgekrieg nach Neuburg überstellt. Die niederbayerisch-pfälzische Anspruchspartei wollte so sichergehen, daß Kolberger sein enormes Wissen über die inneren Verhältnisse des Landshuter Erbes während der langen und komplizierten Phase der Konstituierung des Fürstentums Pfalz-Neuburg nicht in andere Dienste stellen konnte. Mehrere Gutachten zu herrschaftspoltisch strittigen Fragen, die uns erhalten sind und in denen Kolberger immer wieder um bessere Behandlung bittet, illustrieren in besonderer Weise die im Themenaufriß zum Kolloquium beschriebene Vernichtung des politischen Experten durch eine Staatskrise. Erst 1519, im Alter von etwa 70 Jahren, wurde der ehemalige Graf zu Neukolberg und Kanzler des Herzogtums Bayern-Landshut, nach ziemlich genau 17 Jahren, aus der Haft entlassen.