Heinz Noflatscher

Einflussreiche Kleingruppen an den Höfen Maximilians I. und Rudolfs II.

Ein Vergleich.

 

Karl V. äußerte 1521 in Brügge gegenüber einem einstigen Kanzler seines Großvaters, er wolle sich das Regiment "nit lassen regiern, wie kaiser Maximilian beschehen". Knapp hundert Jahre später monierte ein Gutachten des Kurfürstenkollegs, Kaiser Rudolf II. möge ohne Anhörung seiner treuen Räte in Personal- und Gnadensachen nichts allein und endgültig erklären, alle Geschäfte schriftlich erledigen, keine mündlichen Denunziationen sowie von seiner ständigen, vorübergehenden oder zufälligen Umgebung nichts annehmen, es gehöre denn zu deren strengen Pflichterfüllung.

In den beiden Exempeln werden Bandbreite und Problematik fürstlichen Regierens, der Handlungsspielraum zwischen dem Anspruch auf monarchische Entscheidung, dem "persönlichen Regiment", wie es Gerhard Oestreich formulierte, und der äußeren Kontrolle (im weitesten Sinn) deutlich. Aber, war das vom Mainzer Kurfürsten 1611 initiierte Gutachten überhaupt auf eine weitgehende Einschränkung kaiserlicher Herrschaftsausübung gerichtet oder ging es mehr um einen berechenbaren und kontinuierlichen politischen Stil, um effiziente Verwaltung?

Ausgehend von "konkreten Fällen" (Werner Paravicini) sollen im Vortrag zunächst die Einflussstrukturen an den Höfen Maximilians I. und Rudolfs II. kurz vorgestellt werden. Dabei wird hier nicht nach der mächtigen Einzelperson (bereits John H. Elliott: "Richelieu und Olivarez"), dem klassischen Groß-Günstling, Premierminister oder "Zweiten Mann im Staat" gefragt, nicht nach der Gruppe der etwa bei Jean Molinet so genannten "mignons" (Philippe Contamine), also der Freunde von Jugend an (Vertraute mit wieviel Macht?), nicht nach umfangreichen Hofparteien, die sich neutralisieren konnten, sondern nach einflussreichen 'intimen' Kleingruppen, die sich häufig erst - aus welchen Gründen auch immer - im Laufe der Regierungszeit etablierten.

Diese stellten, so eine These, jedenfalls theoretisch eine 'gefährlichere' Gruppe dar, weil oder wenn sie Macht und Einfluss quasi heimlich okkupierten, usurpierten, monopolisierten - von außen als "Hecke" wahrgenommen. Gerade dabei stellt sich die Frage nach den Relationen zwischen Gunst, Institutionen, Regierung und 'Decision making'. Wurden auch frühmoderne Kollegialorgane oder allgemein administrative Institutionen instrumentalisiert oder war die Kleingruppe ein gut funktionierendes, pragmatisch arbeitendes 'Team' des Monarchen? Wie war der Verlauf der 'Machtkurve' einer einflussreichen Kleingruppe? Wie wirkten sich strukturelle Veränderungen, wie der Wandel vom reisenden zum residenten Hof, darauf aus, wenn überhaupt? Welches Potential an allfälligen Gegenstrategien standen dem Fürsten, dem übrigen Hofgesinde, der zeitgenössischen politischen Landschaft, Gesellschaft zur Verfügung?

Es liegt nahe, dass die Analyse von Kleingruppen auch den "Begriff von der Sache", den Günstlingsbegriff erweitern und differenzieren dürfte. Abschließend wird ein Vergleich zwischen Einflussgruppen an den Höfen Maximilians I. und Rudolfs II. versucht, um dadurch auch einige Fragen nach möglichen Folgewirkungen auf die Politik (ist man mit dem Herrscher "gut gefahren"?), nach zeitgenössischen Lösungen effizienten monarchischen Regierens und Vorstellungen politischer Kultur erörtern zu können.