Jan Paul Niederkorn

Der Sturz des Großwesirs

Zwischen 1574, dem Regierungsantritt Sultan Murads III., und 1656, dem Jahr der Einsetzung Mehmed Köprüllüs als Großwesir, amtierten im Osmanischen Reichs nicht weniger als 65 Großwesire. Nicht wenige unter ihnen verloren mit ihrer Stellung auch ihr Leben, die durchschnittliche Amtszeit betrug nicht einmal volle 15 Monate. Dabei war die institutionelle Stellung des Großwesirs eine überaus starke: Er war der Vertreter des Sultans in in sämtlichen Staatsgeschäften, bei Kriegszügen und in der Rechtsprechung. Ein ausgeklügeltes System von Checks and Balances verhinderte allerdings, daß der Großwesir auch dem Padischah selbst gefährlich werden konnte: Die Ernennung der höchsten Beamten war diesem vorbehalten, die Finanzverwaltung und der Kommandant der Janitscharen unterstanden dem Großwesir nicht und innerhalb des Palastes hatte er keinerlei Kompetenzen.

Vor allem aber war ein Großwesir jederzeit vom Sultan absetzbar ein Recht, von dem letztere ausgiebigst Gebrauch machten. Der Grund dafür konnten erwiesene Amtsunfähigkeit oder eine schwere militärische Niederlage sein, nicht selten erzwangen auch Revolten der in der Hauptstadt stationierten Soldateska die Absetzung eines Großwesirs. Diese agierte manchmal auch im Einvernehmen mit anderen Würdenträgern, die einen Umsturz herbeiführen wollten. Meist bedienten sich solche Kreise allerdings des Mittels der Intrige, um einen ihnen lästigen Großwesir loszuwerden: Oft genug reichte es, um zum Ziel zu gelangen, aus, den Sultan oder Personen, die großen Einfluß auf ihn ausübten, mit negativen Nachrichten über den Großwesir und dessen Pläne gegen diesen aufzubringen.

Nur ganz wenige Großwesire kann man als Günstlinge bezeichnen, vielmehr bestand ein eklatanter Schwachpunkt ihrer Position gerade darin, daß sie nicht zu den Personen zählten, die den intensivsten Kontakt zum Herrscher hatten, und schon gar nicht in der Lage waren, den Zugang zu diesem zu kontrollieren. Seit die Sultane mehr und mehr zurückgezogen im Palast lebten, übten diejenigen den größten Einfluß aus, die dort mit ihm lebten: an erster Stelle die Sultansmütter, die für minderjährige oder regierungsunfähige Sultane in der Regel die Regentschaft ausübten, ferner seine Fauen und Konkubinen, sein Lehrer sowie die Inhaber der wichtigsten Ämter im Palast. Dadurch, daß es den Großwesiren kaum möglich war, Personen ihres Vertrauens in der nächsten Umgebung des Herrschers unterzubringen, fehlten ihnen effiziente Strategien des Machterhalts. Die eigene Klientel konnte - falls zum Aufbau einer solchen überhaupt Zeit blieb zwar mit hohen und einträglichen Ämtern etwa als Provinzgouverneure versorgt werden, gegen die drohende Absetzung half das kaum. Viele Großwesire zogen es daher auch vor, durch Ämterverkauf und Konfiskationen zu dem Geld zu kommen, das nötig war, um dem Sultan und jenen, die ihm nahestanden, alle Wünsche zu erfüllen; damit erklärt sich auch die oft überraschend hohe Hinterlassenschaft vieler gestürzter Großwesire, die andererseits auch wieder ein Motiv für ihren Sturz bilden konnte.

Daß es Mehmed Köprüllü bei Amtsübernahme gelang, seine Stellung dadurch zu sichern, daß er sich von Mehmed IV. und dessen Mutter versprechen ließ, keinerlei Einmischung in seine Amtsführung zu dulden, alle Positionen nach seinen Vorschlägen zu besetzen und keinen negativen Berichten über ihn Gehör zu schenken, ist eine einmalige Ausnahme, die in der Sehnsucht wurzelte, eine Ära extremster politischer Instabilität zu beenden, für die 18 Großwesire in den vorangegangenen 12 Jahren das beredteste Zeugnis abgeben.