Christian Lackner

Aufstieg und Fall des Hans von Liechtenstein zu Nikolsburg im 14. Jahrhundert

Die spätmittelalterliche Geschichte der habsburgisch-österreichischen Länder kennt kaum typische Günstlingsschicksale und -karrieren. Der Fall des Hans von Liechtenstein zu Nikolsburg stellt hier die Ausnahme dar. Um 1340 geboren, entstammt Liechtenstein einer bedeutenden österreichischen Landherrenfamilie, die seit der Mitte des 13. Jahrhunderts auch in einem Vasallenverhältnis zu den Markgrafen von Mähren stand. An der Seite des rund zehn Jahre jüngeren Herzogs Albrecht III. von Österreich (1365-95), der ihn 1368 zu seinem Hofmeister machte, stieg Hans von Liechtenstein schnell zum mächtigsten Mann, zum secretarius principalis des Fürsten, auf und konnte diese Machtstellung fast drei Jahrzehnte hindurch erfolgreich behaupten. Es gelang ihm, engste Verwandte an Schlüsselpositionen zu plazieren und ein Netzwerk personeller Verbindungen aufzubauen, mit dem er seinen Einfluß am Hof dauerhaft abstützen konnte. Wohl nicht zufällig hat die nahzeitige Historiographie das Bild vom korrupten Hof Albrechts III. (curia, in qua pridem omnia fuere venalia) speziell mit dem Namen des allgewaltigen Hofmeisters verbunden. Mit der höfischen Karriere des Liechtensteiners ging ein spektakulärer wirtschaftlicher Aufstieg seines Geschlechts einher derart, daß die Besitzballung in der Hand des Hofmeisters schließlich sogar für den Herzog selbst bedrohlich erschien. Den Ausgangspunkt der Erwerbungen bildeten in den siebziger Jahren große landesfürstliche Pfandherrschaften. Es folgte um und nach 1390 eine wahre Flut von Ankäufen aus adeligem Besitz. Das Haus Liechtenstein war drauf und dran, an die erste Stelle des österreichischen Adels zu rücken, als der Hofmeister im Herbst 1394 unvermittelt entmachtet und gestürzt wurde. Was den Sturz herbeigeführt hat, lassen die Quellen nicht erkennen. Aber die in der Literatur immer wieder geäußerte Vermutung, die starken Außenbeziehungen des Liechtensteiners und die übergroße Machtfülle, die viele Neider auf den Plan rief, seien dem Hofmeister letztlich zum Verhängnis geworden, trifft vermutlich das Richtige.

Daß Aufstieg und Fall des Hans von Liechtenstein alle Zeichen eines Günstlingsschicksals an sich tragen, kann nicht zweifelhaft sein, auch wenn keine einzige zeitgenössische Quelle den Hofmeister je mit einem Wort wie Favorit oder Günstling bedacht hat. Wie es zu der singulären Stellung des Liechtensteiners kam, bleibt dunkel. Sicher ist, daß Albrecht III. kein schwacher, von Favoriten gelenkter Fürst war, sein "gewaltiger" Hofmeister nicht die vorgeschobene Figur einer mächtigen Adelsgruppe. Im strukturellen Vergleich mit anderen spätmittelalterlichen Territorien vermag vielleicht der Sozialtyp des "dominanten Rates" (Ernst Schubert) Hans von Liechtenstein am besten zu beschreiben.