Ivo Cerman

"Kabal", "Parthey", "Faction" am Hofe Kaiser Leopold I.

Der Beitrag behandelt die Frage, wie die Höflinge Leopolds I. die Begriffe "Parthey", "Kabal" und "Faction" bei der Strukturierung des Hofes verwendeten. Ich erforschte diese Problematik anhand der Privatkorrespondenz des Grafen Franz Eusebius von Pötting mit seinen am Kaiserhofe lebenden Verwandten. Dabei verfolgte ich erstens die Wandlungen der Parteienbildung im Verlauf der Zeit, zweitens die "statische" Beschreibung der Factionen zu einem konkreten Zeitpunkt. Ich habe meine Erforschungen auf den Zeitraum 1669-1674 beschränkt, weil man damals eine Verscharfung des Parteienkampfes erwarten mag. Es handelte sich um die Zeit von der Vertreibung des P. Neidharts aus Madrid bis zum Fall Lobkowitz in Wien.

In Aknüpfung an Le Roy Ladurie´s Aufsätze über "cabales" am Hofe Ludwig XIV. versuchte ich zu beweisen, dass die Begriffe "Parthey", Faction" und "Kabal" als Mittel desjenigen Prinzips des sozialen Denkens dienten, das man als "Partikularisierung" bezeichnen kann. Im Gegensatz zum Prinzip der Hierarchisierung verwendeten es die Höflinge zur Beschreibung der wandelnden Machtverhältnisse in ihrer Gesellschaft. Um zu begreifen, wie das Prinzip funktionierte, ist es notwendig drei Phänomene kennenzulernen: erstens die Begriffe, die für die Bezeichnung der politisch aktiven Gruppen dienten (Parthey, Kabal, Faction, Clique, Coterie...). Wenn es bestätigt ist, dass nur negativ gefärbte Begriffe verwendet wurden, muss man zweitens die positiven Bezeichnungen entdecken, die die Höflinge für Selbstidentifizierung benutzten (z. B. benesensiti, wohl affectionierte) und drittens muss man auch die Kriterien für die Unterscheidung zwischen "uns" und "ihnen" bestimmen (z. B. Treue gegenüber der herrschenden Dynastie/Verrat, katholische/protestantische Konfession, fachliche Kompetenzen/ Unfähigkeit etc.).

Für die weitere Forschung wäre es verdienstvoll das Interesse der wechselseitgen Beziehung zwischen "Partikularisierung" und "Hierarchisierung" zu lenken. Berücksichtigung der Partikularisierung zeigt den Hof als eine dynamische Erscheinung, die von der religiosen Weltordnung nicht so viel abhängig war, wie N. Luhmann setzte voraus. Das zweite wichtige Problem ist das Erloschen bzw. Beibehaltung dieser Denkweise im Zuge der Rationalisierung.