Oliver Auge

Holzinger, Entzlin und Jud Süß Günstlingsfälle am spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Hof der Württemberger

Die Günstlinge der drei württembergischen Herzöge Eberhard II. (14961498), Friedrich I. (15931608) und Carl Alexander (17331737) namens Conrad Holzinger, Matthäus En(t)zlin und Joseph Süß Oppenheimer, von Gegnern abfällig Jud Süß genannt, sind auch außerhalb Südwestdeutschlands längst keine Unbekannten mehr, wie die lange Liste der einschlägigen Publikationen zeigt. Schon bei den Zeitgenossen erregten ihre Schicksale, d. h. ihr Aufstieg und Fall im herzoglichen Schatten großes Aufsehen. Für die einen waren sie "abschreckende Beispiele in dem Saale der wirtembergischen Geschichte" (Ludwig Heyd, 1832), für die anderen "unglückliche" Diener der Herzöge, in Einzelfällen gar Richtschnur eigenen politischen Handelns (Friedrich Samuel Graf Montmartin, 1758), und vielfach bewegt sich ihre Bewertung auch heute noch zwischen diesen beiden gegensätzlichen Polen.

Dominant sind in Vergangenheit und Gegenwart Darstellungen, die lediglich die dramatisch-tragischen Schicksale dieser Favoriten beschreiben, ohne in einem weiteren Schritt nach den historischen Ursachen und Bedingungen zu fragen, die hinter ihren Biographien standen bzw. sie begründeten, wenn solche Arbeiten überhaupt den Schwerpunkt auf die Günstlingsproblematik setzen und nicht an anderen Sachverhalten interessiert sind, was insbesondere bei Oppenheimer der Fall ist. Andererseits fällt ins Auge, daß sich die Forschung bislang nur der Einzelfälle annahm und keinen personen- wie zeitübergreifenden Blick wagte, obgleich durchaus biographische Verbindungen zwischen den jeweils etwa hundert Jahre voneinander getrennt lebenden Günstlingen erkannt wurden.

Orientiert an den im Tagungsprogramm vorgegebenen Fragen will der Vortrag den Werdegang von Holzinger, Entzlin und Oppenheimer nachzeichnen und offenlegen, wie sie die Gunst des Herrschers erwarben, ihre Machtposition zu sichern suchten und schließlich stürzten. Der Gang durch drei Jahrhunderte bietet dabei die besondere Möglichkeit, nach Gemeinsamkeiten und Unterschieden der Günstlingskarrieren zu suchen, weshalb auch der Schritt ins 18. Jahrhundert, also außerhalb des zeitlichen Schwerpunkts der Tagung, sinnvoll erschien. So kann geklärt werden, ob sich eine Typologie württembergischer Günstlinge entwerfen läßt willkommener Ausgangspunkt für den weiterführenden Vergleich mit den bevorzugt im wissenschaftlichen Blickfeld stehenden großen Höfen und für die von der Tagungsleitung gesuchte Offenlegung wesentlicher Strukturen fürstlicher Herrschaft in Alteuropa.