Akademie der Wissenschaften zu Göttingen Residenzen-
Kommission
Arbeitsstelle Kiel
Akademie der
Wissenschaften
zu Göttingen
Tres riches heures, Duc de Berry, SeptemberbildKleine Schriften UB Kiel (©)Karlsruher virtueller Katalog (KvK)Kleine Schriften UB Kiel (©)Tres riches heures, Duc de Berry, Septemberbild
Login      Hilfe Aktuelles | Publikationen | Handbuch | Symposien | Home | Kontakt | Suchen:

Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich. Bilder und Begriffe.
Hg. von Werner Paravicini, bearb. von Jan Hirschbiegel und Jörg Wettlaufer.
Residenzenforschung 15 II, Teilbd. 1+2, Thorbecke Verlag, Ostfildern 2005.
Preprint-Version der Artikel mit zusätzlichen Abb. | Bitte nur gedruckte Ausgabe zitieren!

Bitte wählen Sie einen Artikel aus:
Bitte Suchbegriff eingeben:

Sitzmöbel => Dr. Brigitte Langer, München


Stichwort | Abbildungen | themat. verwandte Abb. | Artikelübersicht | alle Art. mit Bearb.

1200-1450

1200-1450

Vom späten MA bis ins 16. Jh. hinein trägt das falt- oder zusammenklappbare Sitzmöbel in Form von Hocker, Stuhl oder Armlehnsessel der unsteten Lebensweise, bedingt durch die Reisetätigkeit der Fs.en und der mit ihnen wandernden Hofhaltung, sowie der flexiblen Nutzung höf. Räume Rechnung. Als ranghoher Sitz in der Tradition der antiken sella curulis diente der transportable Faltstuhl als Fürstensitz bei repräsentativen Anlässen. In unterschiedlichster Ausgestaltung wurden Klapp- und Scherenstühle je nach Bedarf in den Herrschaftsräumen aufgestellt, sonst zusammengeklappt vor unbefugtem Zugriff geschützt verwahrt oder auf Reisen mitgeführt. Ebenso flexibel wie die Holzgestelle, deren offene Konstruktion die Eigenschaft der Klapp- oder Zerlegbarkeit bewußt erkennen ließ, war die leicht wandelbare textile Ausstattung handhabbar.

Eines der frühesten erhaltenen Sitzmöbel – seltenes dingl. Zeugnis der frühen Möbelkunst – ist der Faltstuhl einer Äbt. aus dem Benediktinerinnenkl. Nonnberg in Salzburg, der um 1242 zu datieren ist. Zwei Paar gekreuzter, durch Eisenstifte lose zusammengesteckter Holme konstituieren das Stuhlgestell, wodurch es gemeinsam mit der dazw. gespannten ledernen Sitzfläche zusammengefaltet werden konnte. Die zinnoberrote Fassung, aus Elfenbein geschnitzter Schmuck, darunter dezidiert herrschaftl. Motive wie Löwenköpfe an den oberen Holmenden und Adlerklauen an den Füßen, repräsentieren den hohen Rang dieses Sitzmöbels. Seine lange Tradition als ranghoher, mobiler Sitz, nicht fester Thron, bestimmt für den kurzen Gebrauch bei repräsentativen Anlässen, nicht für die ständige ortsgebundene Benutzung, reicht bis ins alte Ägypten zurück, lebte bei den Etruskern und in der röm. Antike wieder auf und findet sich bis ins 14. Jh. hinein auf vielen Bildzeugnissen überliefert.

Ortsfester Sitz in der Burg war zunächst v.a. die Bank, die noch vor dem 13. Jh. als steinerner Fenstersitz in Erscheinung tritt. Daneben gab es seit dem 14. Jh. hölzerne Bänke, die wie die gemauerten Fenstersitze wandfest mit einer Holzvertäfelung oder direkt mit der Mauer verbunden waren. Solche Bänke werden in den histor. Bestandsverzeichnissen der mobilen Ausstattung als wandfeste Elemente nicht eigens aufgelistet, wohl aber werden die losen Bankpolster aus Leder (Liderne Pannckhpolster) gen., die auf das Vorhandensein dieser Sitzgelegenheit schließen lassen (Inventar der Burg zu Burghausen, 1542). Als wärmendes und auszeichnendes Element wurde an der Mauer über der Bank ein querrechteckiges Textil, das so genannte Rücklaken, aufgehängt, wovon sich einige Exemplare erhalten haben (z.B. im Kunstgewerbemuseum im Schloß Köpenick, Berlin, oder im Kunstgewerbemuseum in Hamburg).

Die freistehende, lehnenlose Bank erscheint schon früh als charakterist. Sitzmöbel von Personen gleichen Rangs, die an einem Tafelt. Platz nehmen – in einfachster Form als Sitzmöbel des Hofgesindes in der Dürnitz (Hofstube). Wie der mobil aufgebaute Tafeltisch waren auch diese leicht bewegl. und damit der jeweiligen Situation anpaßbaren Bänke zunächst sehr schlichte Zimmermannsarbeiten. Innenraumdarstellungen des 15. Jh.s überliefern dagegen freistehende Bänke mit Rückenlehne und reicherer Verzierung v.a. in Schlafkammer und Stube, häufig auch in Erkern zusammen mit dem Kastentisch. Robert Campins Tafelbild der Hl. Barbara (Prado, Madrid) stellt minutiös eine solche Bank aus der ersten Hälfte des 15. Jh.s dar, deren Rückenlehne sogar verstellbar war.

1450-1550

Klapp- und Scherenstühle wurden seit dem 15. Jh. als Gebrauchsmöbel in den Wohnräumen der Adelssitze üblich. Erhalten haben sich nur wenige authent. Exemplare zumeist erst aus dem 16. Jh. Der zierl. Klappstuhl konstituierte sich aus seitlichen, anfangs aus drei oder vier Sprossen zusammengesetzten, sich überkreuzenden Stützen, wobei die Sprossen beim Zusammenklappen des Möbels in entspr. Aussparungen der gegenüberliegenden Seite eingreifen. Der hölzerne Sitz wird dabei hochgeklappt. Üblicherweise bildeten sechs bis neun Paar sich überkreuzender Stäbe einen komfortableren Stuhl. Dabei konnte eine Gestellhälfte als Rückenlehne emporgezogen sein. Sind beide Stützen gleich hoch, so entsteht ein Scherensitz mit Armlehnen. Die schlichte Form ergibt sich aus der Konstruktion, diese allein aus der funktionalen Notwendigkeit.

Zur Zeit der Renaissance erhielt dieses Sitzmöbel als Scherensessel eine stabilere und v.a. bequemere Form, bei der die Sprossen s-förmig gebogen sind, so daß sie den Sitzenden großzügig umschlossen. Ein lose aufgestecktes Rückenbrett diente als Lehne und konnte im Bedarfsfall demontiert werden. Dieser anfangs noch klappbare, später zunehmend als festes Möbel ausgebildete Armlehnsessel in Scherenform wurde – reich verziert – wieder zum repräsentativen Fürstensitz, ausgezeichnet durch dekorative Schnitzereien und den nach Rang gestaffelten Reichtum der textilen Ausstattung mit Sitzpolstern und Behängen der Arm- und Rückenlehnen. Beispiele gibt es bis um 1700.

Aus Italien kam im 15. Jh. die so genannte Truhenbank oder Sitztruhe (Cassapanca), die Behältnis- und Sitzfunktion kombinierte. In der langen, kastenförmigen Bank konnten unter aufklappbarem Deckel persönl. Dinge aufbewahrt werden, während die Rückenlehne die "Truhe" zum bequemen Sitzmöbel machte. In Spätgotik und Renaissance war die Truhenbank beliebtes Möbel in der Schlafkammer.

1550-1650

Seit Mitte des 16. Jh.s wurde der vertikale Pfostenstuhl mit oder ohne Armlehnen als neuer, nicht mehr klapp- oder zerlegbarer Sitzmöbeltypus Allgemeingut. Das Möbel konstituieren vier kantige Pfosten, die als Stuhlbeine durch Stegbretter, als rückwärtig hochgezogene Lehnenholme durch Rückenbretter fest verbunden sind. Mit Armlehnen versehen wurde der Pfostenstuhl zum Armlehnsessel. Stege und Rückenbretter konnten Träger reicher Schnitzereien, seit dem 17. Jh. auch von Furnier und Intarsien aus edlen Hölzern sein. Noch gab es kein Polstermöbel, das Sitzkissen lag lose auf, die Rückenlehne war textil bespannt oder mit einem Behang versehen. Mehrere Sitzmöbel konnten sich nun in Formgebung, Dekor und textiler Bekleidung zu Garnituren fügen. Sie verblieben ständig im Raum oder wurden in größerer Stückzahl für bestimmte Anlässe aus dem Depot herbeigeschafft.

Zahlreiche Darstellungen von Tafelszenen überliefern die neuen Sitzmöbel und ihren zunehmend der Etikette unterworfenen Gebrauch, an dessen Spitze als ranghöchstes Möbel der mit Armlehnen und Rückenlehne ausgezeichnete Armlehnstuhl stand, gefolgt vom Stuhl mit hoher Rückenlehne, während Hocker und lehnenlose Bank an letzter Stelle rangierten. Anschaul. zeigt die aquarellierte Darstellung des Hochzeitsbanketts des Alessandro Farnese mit Maria von Portugal im Brüsseler Rathaus von 1565 die Verwendung der mit roten Textilien ausgestatteten Armlehnsessel als Sitzmöbel für die ranghöchsten Personen an der Fürstentafel, während der Hofstaat auf noch spätgot. geformten, lehnenlosen Holzbänken Platz genommen hat. In ähnl. Weise ist der aus Italien kommende Pfostenstuhl auch auf den Gf. Darstellungen der Hochzeitsbankette Wilhelms V. von Bayern mit Renata von Lothringen im Georgssaal der Münchner Res. 1568 oder von Johann Wilhelm von Jülich-Kleve-Berg mit Jakoba von Baden 1585 im Düsseldorfer Schloß wiedergegeben, dort in der Rangunterscheidung von Sessel und Hocker. Die Bank – in ihrer Vielseitigkeit als wandfestes und bewegl. sowie kombiniertes Behältnis- und Sitzmöbel ein Leitmöbel spätgot. Zeit – verlor nun an Bedeutung. Erst im Barock wird sie als lehnenlose Polsterbank und als gepolstertes Kanapee mit Seiten- und Rückenlehne wieder zeremonielle Bedeutung gewinnen.

Die Ausstattung der repräsentativen Trakte der Münchner Res. 1653 aus Anlaß des Besuchs Ks. Ferdinands III. gibt einen Eindruck vom hoch entwickelten Stand der höf. Sitzkultur in der Mitte des 17. Jh.s, in der alle Elemente des Sitzzeremoniells bereits angewandt wurden, die gegen Ende des Jh.s in den Zeremonialbüchern festgeschrieben werden. Lehnsessel und Stühle, ausgestattet je nach Rang ihrer Benutzer mit gold- oder silberdurchwirkten Textilien, fügten sich mit den übrigen Prunktextilien im Raum zur Garnitur, waren mit den dem Hofe vorbehaltenen Materialien wie Ebenholz und Elfenbein verziert, und nahmen als Tafel-, Audienz-, Ankleide- oder Frauenzimmersessel ihre genau festgelegten Positionen im Raum ein.

L. Schmidt, Leopold: Bank und Stuhl und Thron, in: Antaios 12 (1971) S. 85-103. – Schmidt, Leopold: Amtsstühle und Würdesitze in ihrer alten Verbreitung und Geltung, in: Festschrift für Matthias Zender, Studien zur Volkskultur, Sprache und Landesgeschichte, Bd. 2, Bonn 1972, S. 680-691. – Wanscher, Ole: Sella Curulis, the Folding Stool, an Acient Symbol of Dignity, Kopenhagen 1980. – Janowitz, Esther: "Imperiale più che ducale: Die Residenz Maximilians I. und die Kaiserbesuche in der Münchner Residenz, in: Pracht und Zeremoniell. – Die Möbel der Residenz München, hg. von Brigitte Langer, München 2002, S. 50-65.

Brigitte Langer



Stichwort | Abbildungen | themat. verwandte Abb. | Artikelübersicht | alle Art. mit Bearb.

Menue von:
Milonic Web Menus
© Residenzen-Kommission der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen