Akademie der Wissenschaften zu Göttingen Residenzen-
Kommission
Arbeitsstelle Kiel
Akademie der
Wissenschaften
zu Göttingen
Tres riches heures, Duc de Berry, SeptemberbildKleine Schriften UB Kiel (©)Karlsruher virtueller Katalog (KvK)Kleine Schriften UB Kiel (©)Tres riches heures, Duc de Berry, Septemberbild
Login      Hilfe Aktuelles | Publikationen | Handbuch | Symposien | Home | Kontakt | Suchen:

Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich. Bilder und Begriffe.
Hg. von Werner Paravicini, bearb. von Jan Hirschbiegel und Jörg Wettlaufer.
Residenzenforschung 15 II, Teilbd. 1+2, Thorbecke Verlag, Ostfildern 2005.
Preprint-Version der Artikel mit zusätzlichen Abb. | Bitte nur gedruckte Ausgabe zitieren!

Bitte wählen Sie einen Artikel aus:
Bitte Suchbegriff eingeben:

Rechenkammer => Prof. Dr. Mark Mersiowsky, München


Stichwort | Abbildungen | themat. verwandte Abb. | Artikelübersicht | alle Art. mit Bearb.


Farbtafel 59:


Rechenkammern blieben lange ein westeuropä

Rechenkammern blieben lange ein westeuropä. Phänomen. Bis ins 11. Jh. geht der normann. Echiquier zurück, der engl. Exchequer entstand im 12. Jh. Die frz. Chambre des comptes, die sich im Zuge des 13. und 14. Jh. ausbildete und 1320 ihre erste Ordnung erhielt, war Teil der kgl. curia, diente der Kontrolle des Rechnungswesens und der kgl. Domänen und hatte wichtige jurisdiktionelle Funktionen. Sie war seit 1304 im Louvre und ab 1504 in einem eigenen Gebäude im Palais gegenüber der Sainte Chapelle angesiedelt und schwankte in ihrer personalen Zusammensetzung. Ihre Archive fielen weitgehend einem Großbrand von 1737 und der Französischen Revolution zum Opfer. Im Registre des ordonnances der Chambre findet sich die Miniatur einer Abrechnungssitzung (Paris, Archives Nationales, KK 889, um 1490). Nach frz. Vorbild entstanden im Zuge des 14. Jh. eine Reihe weiterer Chambres des comptes, so in der Bretagne (Vannes), im Bourbonnais (Moulins), im Beaujolais, in der Dauphiné (Grenoble) wie in den Gft.en Provence (Aix), Savoyen und Forez. Unter der Herrschaft der Lusignan wurde das frz. Vorbild sogar auf Zypern umgesetzt. Am wirkmächtigsten wurde seine Rezeption im Hzm. Burgund. Nachdem schon während der direkten frz. Herrschaft ein clerc des comptes ernannt worden war, wurde 1386 die Chambre des comptes in Dijon, zwei Jahre nach der Herrschaftsübernahme in Flandern und Artois diejenige in Lille errichtet, weitere in Brüssel (1404) und im Haag. Ab 1420 war die zentrale Rechenkammer in Lille. Die Ausbildung spezialisierter Rechenkammern mit eigenem Archiv hatte erhebl. Einfluß auf die Quellenüberlieferung: je spezialisierter die Verwaltung, desto besser sind Rechnungen und Finanzschriftgut überliefert.

Obwohl die Rechnungslegung ein schon im 13. Jh. ausgebildetes Herrschaftsinstrument war und im 14. Jh. im gesamten Reich umfassend genutzt wurde, kam es in den spätma. "dt." Territorien nicht zu einer derartigen institutionellen Verfestigung und Ausdifferenzierung wie in Westeuropa. Erst nach seiner Rückkehr aus den burgund. Niederlanden erließ Maximilian I. nicht nur eine richtungsweisende Hofkammerordnung (1498), sondern errichtete nach burgund. Vorbild und mit Hilfe burgund. Spezialisten für seine Erblande eine oberösterreich. Raitkammer in Innsbruck, ferner eine niederösterreich. in Wien. Die oberösterreich. Raitkammer, die längerfristig ihre Bedeutung behauptete, hatte ihren Sitz im "Hinteren Stöckl" des durch sein "goldenes Dachl" bekannten Innsbrucker Neuhofs. Sie verfügte über eine eigene Kanzlei und ein angeschlossenes Archiv. In den Jahren 1511-16 wurde das "Hintere Stöckl" ausgebaut und mit feuersicheren Gewölben und Stiegen sowie eisernen Öfen ausgestattet; schriftl. bezeugt sind Raitstube, Ratstube, Raitkammer und Mitterstüberl. Teile ihrer Registratur sind erhalten. Gerechnet wurde im frühen 16. Jh. auf grünen Rechentüchern, die von einem Seidensticker mit dem nötigen Liniensystem versehen wurden. Zum Jahreswechsel erhielten Raiträte und Abrechnungspersonal silberne Rechenpfennige. Bildquellen sind mir nicht bekannt.

Erst im Zuge der frühen Neuzeit bilden sich in den übrigen Territorien des Reiches Einrichtungen zur Aufsicht über die landesherrl. Gerechtsamen und die Einziehung der daraus resultierenden Erträge sowie Kontrolle ihrer Sachwalter aus, die den Funktionen nach mit den westeuropä. Rechenkammern vergl. werden können, in der Regel im Zuge von – oft durch Finanzkrisen ausgelösten – Verwaltungsreformen. Um die Mitte des 16. Jh. läßt sich eine Gründungswelle von kollegial organisierten Kammern ausmachen: in Jülich-Berg ist eine Rechenkammer erstmals in einer Ordnung von 1547 gen., um 1550 wurden auch in dem mit Jülich-Berg vereinigten Kleve-Mark eine solche gebildet. 1550 entstand nach österr. Vorbild die bayer. Hofkammer, 1553 die württ. Kammer, im Erzstift Köln wurde die Hofkammer 1587 eingerichtet. Im 17. Jh. sind Hof- und Rechenkammern der Normalfall in den Territorien des Reiches. Bildl. Überlieferungen fehlen.

L. Kemper, Joachim: Erste Ansätze zu einer Finanzkontrolle im Spätmittelalter und in der frühen Neuzeit, in: "Daß Unsere Finanzen fortwährend in Ordnung erhalten werden". Die staatliche Finanzkontrolle in Bayern vom Mittelalter bis zur Gegenwart (Ausstellungskatalog), München 2004, S. 14-42 (Staatliche Archive Bayerns. Kleine Ausstellungen, 23). – Lalou, Élisabeth: Art. "Chambre des comptes, Exchequer, Échiquier normand (scaccarium)", Finanzverwaltung im LexMA #. – Mersiowsky 2000. – Deutsche Verwaltungsgeschichte, Bd. 1: Vom Spätmittelalter bis zum Ende des Reiches, hg. von Kurt G. A. Jeserich, Hans Pohl, Georg-Christoph von Unruh, Stuttgart 1983. – Wiesflecker, Angelika: Die "Oberösterreichischen" Kammerraitbücher zu Innsbruck 1493-1519. Ein Beitrag zur Wirtschafts-, Finanz- und Kulturgeschichte der oberösterreichischen Ländergruppe, Graz 1987.

Mark Mersiowsky


Stichwort | Abbildungen | themat. verwandte Abb. | Artikelübersicht | alle Art. mit Bearb.

Menue von:
Milonic Web Menus
© Residenzen-Kommission der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen