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Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich. Bilder und Begriffe.
Hg. von Werner Paravicini, bearb. von Jan Hirschbiegel und Jörg Wettlaufer.
Residenzenforschung 15 II, Teilbd. 1+2, Thorbecke Verlag, Ostfildern 2005.
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Siegel => Dr. Markus Späth, Gießen


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Ein Siegel war im ma

Ein Siegel war im ma. und frühneuzeitl. Rechtswesen ein mit einem Siegelstempel (Typar) in Wachs oder Metall geprägtes persönl. Zeichen der Person, die eine rechtl. Verfügung schriftl. fixierte. Die in Metall geprägten Siegel werden auch als Bullen bezeichnet. Der Siegelkörper wurde am Ende des Urkundentextes entweder auf dem Schriftstück selbst befestigt, so daß die Siegelprägung einseitig war, oder mit Fäden angehängt. Dadurch konnte er beidseitig geprägt werden, wie dies stets bei Bullen und seit dem 13. Jh. zunehmend auch bei Wachssiegeln der Fall war. Ein Siegel veranschaulichte die Verfügungsgewalt der urkundenden Person und authentifizierte zugl. den Inhalt des Dokuments. In seiner repräsentativen Funktion lag dem Siegel eine "dimension of identification" zugrunde (Bedos-Rezak 1986, S. 2). Die Identität der siegelführenden Person wurde auf dem Siegel durch eine Kombination von Bild und Text hergestellt. Über die ikonograph. Konventionen des Siegelbildes ordnete sich die siegelführende Person in ihrer gesellschaftl. Rolle als Trägerin eines bestimmten Amtes (#Abb. 1#) oder als Mitglied einer Familie (Siehe #Abb. 2# von Art. "Wappen") ein. Erst durch die Umschrift wurde die Person namentl. benannt.

Anders als Wappen waren Siegel ausschließl. persönl. Zeichen, die bis ins HochMA vorrangig mit der Ausübung eines bestimmten herrschaftl. Amtes verbunden waren. Ein Siegel konnte zwar innerhalb einer Familie weitervererbt werden, jedoch nur in Verbindung mit dem entspr. Amt. Umgekehrt konnte bei einem Dynastiewechsel oder einem Konflikt zw. Amtsvorgänger und -nachfolger die Siegelbildkonzeption verändert werden (Hillenbrand 1997, S. 70f.). Waren im FrühMA Siegel bzw. Bullen ein ausschließl. ksl., kgl. und päpstl. Herrschaftszeichen, kam es mit dem Prozeß der räuml. Stabilisierung von Herrschaft und der Etablierung befestigter Zentren von der Mitte des 11. bis zur Mitte des 13. Jh.s zu einer Ausweitung des Siegelgebrauchs: Ausgehend vom kulturellen Innovationszentrum zw. Loire und Rhein wurden Siegel schließl. im ganzen abendländ. Europa zum Zeichen landesherrl. Verfügungsgewalt. Im SpätMA breiteten sich Siegel weiter in allen rechtsfähigen Schichten und Gruppen aus, wobei diese Siegel immer weniger die Funktion eines Herrschaftszeichens als vielmehr die eines Beglaubigungssymbols ausfüllten.

1200-1450

Bereits seit der Zeit um 1000 führten die Ks. aber auch die Kg.e des abendländ. Europas sog. Thronsiegel, die die siegelführende Person en face mit ihren Insignien auf einem Thron sitzend in aurat. Herrschererscheinung inszenieren (Keller 1998, S. 439f.). Obwohl dieses Bildschema von den römisch-dt. Ks.n bzw. Kg.en bis in die Neuzeit im wesentl. beibehalten wurde, fand es bei den neuen landesherrl. Siegelführern kaum Rezeption. Ledigl. geistl. Landesherren griffen das Thronsiegel als Besiegelungstypus auf. Die Siegelbildkonzeption laikaler Herrschaftsträger setzt sich deutl. davon ab: In der Hauptsache legten sie sich einerseits Wappensiegel, die nicht nur herald. Inhalt wiedergeben, sondern teilw. auch die Schildform rezipieren (Siehe #Abb. 2# von Art. "Wappen"), und andererseits Reitersiegel zu (#Abb. 1#) (Wappen konnten auch auf Rück- bzw. Gegensiegeln der Reitersiegel dargestellt sein). In diesem verbreitetsten Siegelbildmotiv wurde die herrscherl. Verfügungsgewalt durch das Bild eines im Profil gezeigten, reitenden miles in voller Rüstung repräsentiert. Der seit dem 11. Jh. benutzte Typus wurde im 13. Jh. zunehmend herald. kodiert, so daß nicht nur auf dem den Betrachtern zugewandten Schild, sondern auch auf anderen Teilen der Rüstung, insbes. den Pferdedecken, das Wappen des Ausstellers sichtbar wird.

Mit der räuml. Verfestigung von Herrschaftssitzen nahm auch die Zahl der von Frauen geführten Siegel zu. Bereits seit dem Beginn eines nichtkgl. laikalen Siegelwesens hatten vereinzelt Witwen in ihrer Funktion als Regentinnen mit eigenen Thronsiegeln geurkundet. Ab dem 13. Jh. sind Frauensiegel aus höf. Kontext immer häufiger überliefert. Ehefrauen von Territorialherren führten diese aber nicht als Herrschaftszeichen, sondern zur Authentifizierung ihrer urkundl. Privatkorrespondenz. Dies spiegelt den Nutzungswandel der Siegel angesichts ihrer allgemeinen gesellschaftl. Verbreitung im SpätMA wider (ausführlich: Stieldorf 1999, S. 47-62). Die geschlechterbedingte Differenz in der Siegelnutzung drückt sich in den Siegelbildkonzepten aus: In höf. Frauensiegel wurde einerseits oft die spitzovale Form geistl. Siegel aufgegriffen (#Abb. 2#). Anderseits adaptierte man die sog. Jungherrensiegel, die erstgeborene Hzg.s- und Grafensöhne als potentielle Prätendenten als Zeichen führten, und zeigte hier Frauen als Reiterinnen bei der höf. Falkenjagd. Über die Form und den Inhalt von Frauensiegel wurde adeliges Standesbewußtsein ebenso reflektiert wie die Frömmigkeit als Lebensideal.

1450-1650

Anders als das Wappenwesen war das Siegelwesen in höf. Kontext bereits Ende des 13. Jh.s weitgehend in der Form ausgeprägt, die bis in die frühe Neuzeit fortbestehen sollte. Die dynam. Entwicklung des Wappenwesens fand in einer immer stärkeren Heraldisierung höf. Siegel ihren Ausdruck. Seit 1400 nutzten zahlreiche Landesherren im Alltag vorrangig kleiner dimensionierte (3 bis 5 cm) Wappensiegel und nur noch zu außergewöhnl. Anlässen Thron- oder Reitersiegel. Aus diesen Wappensiegeln als persönl. Herrschaftszeichen entwickelten sich fortan Amtssiegel für die immer zahlreicheren Institutionen landesherrl. Bürokratie. Zugl. verloren Siegel angesichts neuer Formen bürokrat. Schriftlichkeit immer mehr Anwendungsgebiete.

Q. Ewald, Wilhelm: Siegel der Grafen und Herzöge von Jülich, Berg, Kleve, Herrn von Heinsberg, bearb. von Edith Meyer-Wurmbach, Bonn 1963 (Rheinische Siegel, 6). – Posse, Otto: Die Siegel der deutschen Kaiser und Könige von 751-1806, 5 Bde., Leipzig 1909-14 (ND Köln 1981)

L. Bedos-Rezak, Brigitte M.: The Social Implications of the Art of Chivalry, The Sigillographic Evidence (France 1050-1250); in: The Medieval Court in Europe, hg. von Edward R. Haymes, München 1986, S. 1-31 (Houston Germanic Studies, 6) [zusammen mit anderen Aufsätzen der Autorin nochmals abgedruckt in: Bedos-Rezak, Brigitte M.: Form and Order in Medieval France. Studies in Social and Quantitative Sigillography, Aldershot 1993 (Variorum Collected Studies Series, 424)]. – Ewald, Wilhelm: Siegelkunde, München 1914 (Handbuch der mittelalterlichen und neuen Geschichte, 4) (ND München 1969) [hier bes. Kap. X, S. 186-211]. – Hillenbrand, Eugen: Ecce sigilli faciem. Das Siegelbild als Mittel politischer Öffentlchkeitsarbeit im 14. Jahrhundert, in: Bild und Geschichte. Studien zur politischen Ikonographie. Festschrift für Hans Schwarzmeier zum 65. Geburtstag am 3. Mai 1997, hg. von Konrad Krimm und Herwig John, Sigmaringen 1997, S. 53-78. – Keller, Hagen: Zu den Siegeln der Karolinger und der Ottonen. Urkunden als ‚Hoheitszeichen‘ in der Kommunikation des Königs mit seinen Getreuen; in: Frühmittelalterliche Studien 32 (1998) S. 400-441. – Kittel, Erich: Siegel, Braunschweig 1970 (Bibliothek für Kunst- und Antiquitätenfreunde, 11) [hier bes. Kap. III.3, S. 246-273] – Pastoureau, Michel: Les sceaux, Turnhout 1981 (Typologie des sources du Moyen âge occidental, 36). – Stieldorf, Andrea: Rheinische Frauensiegel. Zur rechtlichen und sozialen Stellung weltlicher Frauen im 13, und 14. Jahrhundert, Bonn 1999 (Rheinisches Archiv, 142).

Markus Späth



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