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Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich. Bilder und Begriffe.
Hg. von Werner Paravicini, bearb. von Jan Hirschbiegel und Jörg Wettlaufer.
Residenzenforschung 15 II, Teilbd. 1+2, Thorbecke Verlag, Ostfildern 2005.
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Leibärzte => Prof. Dr. Enno Bünz, Leipzig


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Leibärzte heißen seit dem späten MA Mediziner, die im persönl

Leibärzte heißen seit dem späten MA Mediziner, die im persönl. Dienst eines Fs.en stehen. Der mittelhochdt. liparzet bezeichnete ursprgl. den für innere Krankheiten zuständigen Arzt, den "inwendigen Arzt", im Gegensatz zum Wundarzt (chirurgus). Während dieser ein medizin. Praktiker war, verfügte der Leibarzt über eine akadem. Ausbildung. Die gelehrten Mediziner, seit dem 12. Jh. physicus, im späten MA auch pucharzt gen., fanden ihr wichtigstes Betätigungsfeld an den Höfen und Res.en des späten MA.

Aufkommen und Verbreitung der Leibärzte im Laufe des MA sind noch nicht systemat. untersucht worden. Aus dem 12. und 13. Jh. liegen nur vereinzelte Belege vor. Innozenz III. war der erste Papst, der über einen Leibarzt verfügte. Schon im 13. Jh. lassen sich an der Kurie mehr als 70 Ärzte im Dienste der Päpste und Kardinäle nachweisen. In Österreich verfügten die Babenberger bereits Anfang des 13. Jh.s über physicos, bspw. den Magister Heinrich, der zugl. als Protonotar tätig war. Aber auch am Hof Pfgf. Heinrichs von Braunschweig ist schon 1223 ein physicus belegt. Als erste Leibärzte der Habsburger begegnen unter Rudolf von Habsburg der Mailänder Magister Landulf (des künigs arzat) und Peter von Aspelt, der spätere Mainzer Ebf., sowie Magister Heinrich von Villingen. Seitdem sind für alle habsburg. Herrscher Leibärzte nachweisbar. Bis zur Mitte des 14. Jh.s stammten die meisten Leibärzte der Habsburger aus Italien. Ks. Friedrich III. verfügte über ital., jüd. und dt. Leibärzte. Dem dt. Königshof kommt aber offenbar keine Vorreiterrolle zu, denn in Böhmen ist bereits unter Kg. Ottokar Przemysl ein Leibarzt nachweisbar, und am Hof der ungar. Kg.e begegnen Leibärzte bereits im 11. Jh. Auch an den Höfen geistl. Fs.en finden sich schon im frühen 13. Jh. Leibärzte, z.B. bei den Ebf.en von Salzburg oder den Bf.en von Meißen.

Bis weit in das 14. Jh. sind die Leibärzte vielfach Geistl. gewesen, die mit Pfarreien oder Stiftskanonikaten versorgt wurden. Nikolaus Phisicus, Kanoniker im Würzburger Kollegiatstift Haug (1314-26) diente bspw. Kg. Heinrich VII. (1308-13) als Leibarzt. Johannes Hake aus Göttingen (um 1280-1349), "der berühmteste Arzt der Welt" (Matthias von Neuenburg), war Elekt von Cammin und Bf. von Verden und Freising; zeitweilig lehrte er als Medizinprofessor an der Universität Montpellier und wurde dann Leibarzt Kg. Ludwigs des Bayern, Kg. Johanns von Böhmen, Papst Benedikts XII. und mehrerer Kardinäle. Kirchenrechtl. Verbote richteten sich nicht generell gegen die ärztl. Praxis von Geistlichen, sondern gegen ihre Betätigung als Chirurgen.

Im Laufe des 14. Jh.s werden Leibärzte an den dt. Fürstenhöfen zu einer vertrauten Erscheinung. Die geistl. Leibärzte werden allmähl. von solchen bürgerl. Herkunft abgelöst. Verbindl. Aussagen über Aufkommen und sozialen Wandel der Leibärzte sind aufgrund des Forschungsstandes vorerst problematisch. Die Mgf.en von Meißen bspw. hatten bereits im frühen 14. Jh. Leibärzte, während sie im Dienst der Gf.en von Württemberg erst seit 1397 nachweisbar sind. An größeren Höfen wirkten gleichzeitig Leibärzte und Wundärzte, die bspw. 1493 gemeinsam die Amputation des von Altersbrand befallenen linken Fußes Ks. Friedrichs III. durchführten; der Eingriff ist die wohl am besten Überlieferte Operation des MA. Allg. kennzeichnend für den fsl. Leibarzt des späten MA ist neben der akadem. Ausbildung und Graduierung eine hohe Mobilität und oft auch ein mehrfacher Wechsel des Dienstherren. Dadurch mag es sich erklären, daß die physici des Fs.en nicht immer zu den gelehrten Räten gehörten. Daß Leibärzte zugl. als Stadtärzte tätig waren, ist seit dem 15. Jh. eine verbreitete Erscheinung. Die Aufgaben der Leibärzte, die zumeist gut bis sehr gut besoldet waren (die Leibärzte Ks. Maximilians I. erhielten zw. 100 und 500 fl. jährl.), wurden in Bestallungsbriefen festgehalten. Darin wurden z.T. auch Nebenaufgaben geregelt, z.B. die Lepraschau oder – bei Feldzügen – die Versorgung von Verwundeten. Aufgrund ihrer Tätigkeit als Universitätslehrer sind viele Leibärzte auch als gelehrte Autoren medizin. und astronom. Schriften, in der frühen Neuzeit auch als Verfasser bäderkundl. Traktate hervorgetreten. Der Ausbau der medizin. Versorgung an den Höfen steht in Wechselwirkung mit der Gründung von Universitäten in Dtl. seit der zweiten Hälfte des 14. Jh.s, die stets über eine medizin. Fakultät verfügten, und der Entfaltung des Medizinal- und Apothekenwesens in den spätma. Städten. Leibärzte gehören spätestens seit dem 15. Jh. zur selbstverständl. Erscheinung an allen Fürstenhöfen.

L. Eine Geschichte der Leibärzte im Mittelalter fehlt und wird vom Verfasser vorbereitet. – Beierlein, Paul Reinhard: Der kursächsische Leibarzt Sigismund Kohlreuter (1534-1599), in: Sudhoffs Archiv für Geschichte der Medizin und der Naturwissenschaften 38 (1954) S. 70-83. – Bünz, Enno: Der Leibarzt – ein neues Phänomen an den Höfen des späten Mittelalters, in: ZHF (2005) (im Druck). – Haebler, Rolf Gustav: Doktor Johannes Widmann. Markgräflich badischer und herzoglich wirtembergischer Leibarzt und Professor Medicinae an der Universität Tübingen, in: Die Ortenau 43 (1963) S. 205-235, 44 (1964) S. 213-225. – Kostenzer, Otto: Die Leibärzte Kaiser Maximilians I. in Innsbruck, in: Veröffentlichungen des Museums Ferdinandeum 50 (1970) S. 73-111. – Kühnel, Harry: Die Leibärzte der Habsburger bis zum Tode Kaiser Friedrichs III., in: MÖStA 11 (1958) S. 1-36. – Kühnel, Harry: Pietro Andrea Matthioli. Leibarzt und Botaniker des 16. Jahrhunderts, in: MÖStA 15 (1962) S. 63-92. – Mindermann, Arend: "Der berühmteste Arzt der Welt". Bischof Johann Hake, genannt von Göttingen (um 1280-1349), Bielefeld 2001 (Göttinger Forschungen zur Landesgeschichte, 3). – Schäfer, Karlheinrich: Ein deutscher Leibarzt und Hofrat des Herzogs von Savoyen in Turin am Ausgang des Mittelalters, in: Sudhoffs Archiv für Geschichte der Medizin und der Naturwissenschaften 32 (1939) S. 328-333. – Zitter, Miriam: Die Leibärzte der württembergischen Grafen im 15. Jahrhundert (1397-1496). Zur Medizin an den Höfen von Eberhard dem Milden bis zu Eberhard im Bart, Leinfelden-Echterdingen 2000 (Tübinger Bausteine zur Landesgeschichte, 1).

Enno Bünz



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