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Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich. Bilder und Begriffe.
Hg. von Werner Paravicini, bearb. von Jan Hirschbiegel und Jörg Wettlaufer.
Residenzenforschung 15 II, Teilbd. 1+2, Thorbecke Verlag, Ostfildern 2005.
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Jagdtrophäen => Dr. Klaus Graf, Freiburg


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Die Erbeutung von Erinnerungs- und Sammelstücken von erlegtem Wild mag als Jagdziel eine anthropolog

Die Erbeutung von Erinnerungs- und Sammelstücken von erlegtem Wild mag als Jagdziel eine anthropolog. Konstante sein. Anders verhält es sich mit dem Aufkommen von Sammlungen von Geweihen und Gehörnen, der Dekoration von Räumen mit solchen Stücken und ihrer Verarbeitung in künstl. oder kunstgewerbl. Form. Erst ab der Zeit um 1500 kann man in Dtl. von einer eigentl. Trophäenmode sprechen, und es gibt gute Gründe, die Genese dieses profanen jagdl. "Reliquien"-Kults mit den damals einsetzenden Wandlungen der säkularen Erinnerungskultur in Verbindung zu bringen. Die Aufbewahrung und Verarbeitung von Jagdtrophäen darf also nicht getrennt werden von den anderen Erscheinungsformen jenes kulturhistor. Ensembles, das man als die "Erinnerungskultur der Jagd" ansprechen kann: Bilder und andere Denkmäler als Erinnerungen an konkrete Jagden, Jagdtagebücher und vergleichbare Aufzeichnungen über Jagden, Jagdwaffen als Andenken, stammbuchartige Gästebücher, verbunden mit einem Willkomm-Humpen. Freil. steht die Forschung, soweit sie die verschiedenen Objektkategorien in integrativer Perspektive zu sehen versucht, hier erst ganz am Anfang.

1571 zählte man in der hess. Sababurg, einem lgfl. Jagdschloß, nicht weniger als 500 Geweihe, und Lgf. Philipp war nach dem Inventar von Burg Rheinfels 1584 in seiner Schlafkammer von 29 Geweihen, neun Spießen zur Wildschweinjagd und einem gemalten Wildschwein umgeben. Geweihe waren in frühneuzeitl. Res.en und Schlössern (aber auch in Bürger- und Wirtshäusern) in oft stattl. Fülle omnipräsent. Sie waren nicht nur kuriose Naturalia der Kunst- und Wunderkammern und auch nicht nur in Jagdschlössern vertreten.

Es ist fraglich, ob ein solcher Befund in das MA zurückprojiziert werden darf. Wenn einem burgund. Reisenden um 1500 in Schloß Urach die Fülle der Geweihe ins Auge sprang, so wird man dies viell. eher mit der Modernität des württ. Hofs erklären müssen statt mit einer uralten aristokrat. Ausstattungssitte. Tatsächl. erhaltene und datierbare Jagdtrophäen aus der Zeit vor 1600 sind nicht allzu häufig. Erwähnt seien nur ein 1585 von Hzg. Wilhelm von Bayern geschossener Dreizehnender, einst geschmückt mit den Wappen des Schützen (Stadtmuseum Hall in Tirol) und das Geweih eines 1584 erlegten Hirsches im sächs. Jagdschloß Moritzburg, das bezeichnenderweise von einem sehr viel späteren Gemälde (1622) begleitet wird, auf der die Maße des Tieres genau verzeichnet sind. Die Grenzen zw. Geweihen, die als Erinnerungen an genau datierte Jagdereignisse aufbewahrt wurden, und solchen, die als Material kostbarer Kunstkammerstücke dienten, sind fließend. Auffallend ist jedenfalls das Bedürfnis, der Nachwelt die konkreten Daten der Jagd zu übermitteln.

Etwas besser Bescheid weiß man dank der kunsthistor. Forschung über die "Hirschsäle" des 16. Jh.s in fsl. Schlössern, die auch in Skandinavien beliebt waren. Die zentrale Rolle einer Hirschdarstellung mit echtem Geweih am Kamin, die an die Erlegung eines Hirsches am 18. Aug. 1595 erinnert, hat den Gedanken aufkommen lassen, der ganze prunkvolle Dekor des Hirschsaales von Schloß Gottorf habe gleichsam nur den "Rahmen für eine gefeierte Jagdtrophäe" abgeben sollen (Schlepps 1954, S. 66). Geweihe wurden damals gern in die Innenausstattung fest integriert, etwa in Kombination mit Wandmalereien. Die Wurzeln der Hirschsäle liegen in Frankreich, wo Anfang des 16. Jh.s das kgl. Herrschersymbol des Hirschs sich mit der Trophäenpräsentation in der galérie des cerfs verband.

In Dtl. muß neben Impulsen, die der begeisterte Jäger Maximilian I., der in Innsbruck eine Hornstube für seine Jagdtrophäen besaß, auch auf dem Feld der Erinnerungskultur der Jagd gegeben haben mag, v.a. der kursächs. Hof Friedrich des Weisen gen. werden, an dem die bekannten Jagdbilder Lucas Cranachs d.Ä. entstanden sind. Die Erinnerungsmedien, die das Andenken an höf. Jagdfeste und das Jagdglück des Fs.en, seines Hofs und seiner Gäste wach halten sollten, waren eingebunden in die Inszenierung der Jagd als herrscherl. Repräsentation und Selbstdarstellung. Trotzdem sollte man nicht übersehen, daß Jagdtrophäen auch im Niederadel und im Bürgertum außerordentl. beliebt waren. Der berühmteste dt. Künstler um 1500, der Nürnberger Bürger Albrecht Dürer, besaß ebenso wie sein humanist. Freund Willibald Pirckheimer eine kleine Geweihsammlung, was auf die wichtigen ästhet. Konnotationen der Geweihpräsentation verweist, die man mit der spätgot. Vorliebe für Astwerk in Verbindung bringen könnte.

Somit erweist sich die Jagdtrophäe durchaus nicht als exklusives höf. oder aristokrat. Statussymbol.

L. Graf, Klaus: Kommentar zur Rezension von "Die Jagd der Eliten" in H-SOZ-U-KULT (2001), online: http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/REZENSIO/BUECHER/2001/Reaktion/GrKl07001.htm – Schlepps, Irmgard: Der Hirschsaal und die Stuckaturen in Schloß Gottorp, in: Nordelbingen 22 (1954) S. 60-75. – Selzer, Stephan: Jagdszenen aus Sachsen. Die Jagd als höfisches Fest auf einem Tafelgemälde vom ernestinischen Hof (1540), in: MRK, Sonderheft 6 (2003) S. 73-90. – Weingart, Ralf: Der Rotwildfries im Güstrower Schloß – Voraussetzungen und Nachfolge, in: Mecklenburger Jahrbücher 111 (2000) S. 119-151. – Zöllner, Rudolf: Ein hölzerner Rothirsch-Kopf mit echter Jagdtrophäe aus Schwabstedt, in: Nordelbingen 41 (1972) S. 26-36.

Klaus Graf



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