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Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich. Bilder und Begriffe.
Hg. von Werner Paravicini, bearb. von Jan Hirschbiegel und Jörg Wettlaufer.
Residenzenforschung 15 II, Teilbd. 1+2, Thorbecke Verlag, Ostfildern 2005.
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Tisch => Dr. Brigitte Langer, München


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1200-1450

1200-1450

Bis zum Ende des 14. Jh.s scheint der Tisch als fest installiertes und bewußt gestaltetes Möbel im höf. Bereich noch keine große Rolle gespielt zu haben. Hauptfunktion des Tisch war – wie eine Fülle bildl. Darstellungen überliefert – seine Verwendung für die Tafel. Zu dieser wurde er in der Regel temporär aufgestellt und nach dem Mahl wieder abgebaut, um den Ort der Tafel, etwa den großen Saal bei einem Festbankett oder die Stube bei einem kleineren Mahl, nach Abreise des Hofes oder der Gäste wieder für andere Funktionen frei zu halten. Der Tisch selbst trat in diesen Fällen als Möbel kaum in Erscheinung. Die aus einigen Brettern zusammengefügte Tischplatte wurde auf Holzböcke aufgelegt, das rohe Holzgestell verschwand unter dem zumeist bodenlangen weißen Tafeltuch, das als kostbares Textil das einfache Möbel erst zum fsl. Tafeltisch machte. Der Tisch war zumeist längsrechteckig, freistehend, wobei die ranghöchsten Personen in der Mitte einer Längsseite Platz nahmen. In dieser mobilen Weise konnte er je nach Anlaß und Anzahl der zu verköstigenden Personen vergrößert bzw. durch weitere Tisch ergänzt werden. Ein frühes bildl. Zeugnis einer solchen flüchtigen Installation, bei der die Tischböcke als rohe Bohlen unter dem weißen Tuch hervorschauen, findet sich um 1378 auf einer Miniatur in den Grandes Chroniques de France (Paris, BNF, ms fr. 2813, fol. 472).

Bildl. Darstellungen zeigen neben diesem äußerst schlichten Grundtypus auch feste Tischgestelle, deren Gestaltung unter dem herabhängenden Tafeltuch erkennbar ist. Dabei handelt es sich meist um so genannte Schragentische, bei denen schräg gestellte Bretter oder auch schräg angeordnete, gedrechselte Beine durch einen umlaufenden Steg zu einem festen Gestell verbunden sind, während die zusammenfaltbare Platte wiederum lose aufgelegt ist – so zu sehen auf einer Miniatur von Loyset Liedet († 1478) mit der Darstellung eines Banketts aus Anlaß der Hochzeit von Renaud de Montauban (Historie de Sainte Hélène von Jean Wauquelin, Paris, Bibliothèque de l’Arsenal) oder erhalten in einem Exemplar im Bayer. Nationalmuseum München. Solch ein Tisch mag auch im Frauenzimmer benutzt worden sein, in dem der weibl. Hofstaat das tägl. Mahl einnahm. Fest installierte, jedoch sicherl. sehr einfach gezimmerte Tische wird man sich in der Hofstube (Dürnitz) vorzustellen haben, in der bei residenter Hofhaltung alltägl. der gesamte männl. Hofstaat verköstigt wurde. Frühe Inventare überliefern die je nach Größe des Hofes variierende Stückzahl dieser Tisch (z.B. wurden 1512 31 neue Tisch zu je 8 Personen für die Dürnitz auf der Burg Trausnitz in Landshut angefertigt), Hofordnungen die hierarch. Sitzordnung.

Als fest installiertes Ablagemöbel war der Tisch ferner auch als an der Wand befestigtes Brett vor, das bei Bedarf herabgeklappt werden konnte. Zur Ablage dienten aber v.a. Wandborde, eingebaute Schränke und Truhen. Zum Schreiben benutzte man Schreibpulte, später die mobilen, kabinettartigen Reisesekretäre, die zugl. Behältnis der Wertsachen waren. Repräsentative, kunstvoll gestaltete Tisch sind aus dieser frühen Zeit nur äußerst wenige erhalten, wie etwa der Beratungst. im Fürstensaal des Lüneburger Rathauses von 1330. Solche Tische wurden durch ihren Dekor – wie hier die mit Wappen und dem Urteil des Salomon bemalte Platte – ihrer Funktion gemäß bes. ausgezeichnet.

1450-1550

Als neuer Möbeltypus der Spätgotik trat im 15. Jh. der Kastentisch hinzu, der sich als beliebtes Möbel in den vertäfelten Stuben der Burgschlösser noch bis ins 17. Jh. hinein behauptete. Der flache rechteckige Behältniskasten, der dem Tisch seinen Namen gibt, ruht auf seitl. Wangen als Stützen und wird oben durch eine aufklappbare Tischplatte geschlossen. Im Tischkasten, in dem auch kleine Schubladen enthalten sein können, wurde Gerät und Schreibzeug verwahrt. Obwohl die Konstruktion auf leichte Zerlegbarkeit, also mobilen Gebrauch, angelegt ist – die Wangen werden nur durch eine lose durchgesteckte Bohle gehalten, der Tischkasten ist aufgesetzt, die Platte abnehmbar – wird dieser Tisch zum festen Mobiliar von Stube und Kammer. Auf zahllosen Tafelbildern des 15. Jh.s zumeist religiöser Thematik (z.B. Verlobung der hl. Katharina, Meister des Landauer Altars, Nürnberg, Germanischen Nationalmuseum) ist er überliefert. Im höf. Kontext dokumentieren ihn namhafte Beispiele, z.B. die reich mit Flachschnitzerei verzierten Kastentisch in Schloß Tratzberg in Tirol, wo die authent. Funktion als von der Wand gelöstes Möbel in der reich durch Holztäfelungen und Kassettendecken ausgezeichneten fsl. Stube bes. anschaul. wird. Ähnl. Funktion erhält der Wangen- oder Schragentisch als freistehender, raumgreifender Tisch auf Wangen oder schräg gestellten Beinen, die unten durch feste Stege verbunden sind, und deren Tischplatte sich durch reiche Einlegearbeit auszeichnen kann (z.B. auf dem Gemälde des Kard. Albrecht von Brandenburg als hl. Hieronymus im Gehäus von Lucas Cranach d.Ä. um 1525, Darmstadt, Hess. Landesmuseum).

Am Beginn der Entwicklung des Tisches als nicht mehr in erster Linie an eine Funktion gebundenes, sondern primär repräsentatives Möbel steht der 1506 von Tilman Riemenschneider geschaffene Ratstisch des Fürstbf.s von Eyb (Würzburg, Mainfränk. Museum). Auf einer zentralen, noch spätgot. gestalteten Mittelstütze trägt er eine runde Platte aus Solnhofener Stein, die mit dem Fürstbfl.en Wappen ausgezeichnet ist. Exemplar. steht dieser Tisch für die nun häufig von namhaften Künstlern gefertigten Prunktische der Renaissance.

1550-1650

Seit der Mitte des 16. Jh.s wurde der aufwändig gestaltete Prunktisch in vielfältiger Weise entwickelt. Sein Standort war nicht die fsl. Zimmerfolge, sondern die Kunstkammer oder bes. Schaukabinette, die eigens für die seit der Renaissance als zentrales Element der fsl. Repräsentanz angelegte Kunstsammlung eingerichtet wurden. Das kunstvoll gestaltete Möbel wird dort bei Fürstenbesuchen den Gästen präsentiert und ist zugl. selbst Träger weiterer Schauobjekte. Seine Gestaltung bestimmen deshalb landestyp. Kunstfertigkeiten wie z.B. die nur am bayer. Hof hergestellten Tischplatten in Scagliola-Technik oder kostbare, nur dem höf. Umfeld zugängl. Materialien wie importierte Edelhölzer oder Elfenbeinschnitzereien. Charakterist. Beispiel ist der 1626 in Augsburg gefertigte Prunktisch Kfs. Maximilians I. von Bayern, den er in seiner Kammergalerie verwahrte, zu der nur ausgewählte Besucher Zugang hatten (Res. München, Schatzkammer). In seinem Materialreichtum aus Gold, Silber, edlen Steinen, Scagliola und Edelhölzern war er kaum mehr zu übertreffen, in seinem gelehrten Programm der eingelegten Tischplatte ist er nicht weniger anspruchsvoll wie das Deckenbildprogramm der fsl. Zimmerfolge. Vom hohen Stellenwert dieser Prunktische zeugt auch, daß Tischplatten gerne als höf. Gastgeschenke überreicht wurden, etwa die aus Italien oder Böhmen mitgebrachten Platten mit Einlegearbeiten in Pietra dura-Technik.

Bei den Gebrauchstischen dagegen war das kostbare Textil das bestimmende, nicht nur schmückende, sondern in Farbe und Material rangbezeichnende Gestaltungselement. Wie der temporär aufgestellte Tafeltisch im Vorzimmer, das nun auch als Tafelstube diente, unter dem kostbaren Weißzeug des Tischtuches verschwand, so bedeckten Lederbekleidungen, Seidensamte und Brokate die funktionalen Tischgestelle in Audienz- und Schlafzimmer. Mit dem Ausbau des Raumprogramms im fsl. Schloß seit Beginn des 17. Jh.s referieren die histor. Inventare bodenlange Tischteppiche für den nahe dem Audienzbaldachin aufgestellten, zur Ablage der Dokumente dienenden Tisch im Audienzzimmer. Dieser Tisch unter roter Samtdecke, der die Audienz begleitete, fand als Attribut einer zentralen zeremoniellen Handlung Eingang in das höf. Standesporträt. Ebenso wurden Tisch im Schlafzimmer mit Stoff verkleidet, deren Stoffe auf die Textilien des Raums, also Bett oder Baldachin, abgestimmt waren. Bis weit ins 18. Jh. hinein blieb diese textile Ranghierarchie bestimmend.

L. Kreisel 1981. – Langer, Brigitte/ Württemberg, Herzog Alexander von: Die Möbel der Residenz München. Bd. 2: Die deutschen Möbel des 16. bis 18. Jahrhunderts, München u.a. 1996. – Die öffentliche Tafel, 2002.

Brigitte Langer



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