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Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich. Bilder und Begriffe.
Hg. von Werner Paravicini, bearb. von Jan Hirschbiegel und Jörg Wettlaufer.
Residenzenforschung 15 II, Teilbd. 1+2, Thorbecke Verlag, Ostfildern 2005.
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Frauen => Prof. Dr. Cordula Nolte, Bremen


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Das Miteinander der zur Herrscherfamilie gehörigen Frauen und Männer wandelte sich mit dem Übergang von der Reiseherrschaft zur Ausbildung fester Res

Das Miteinander der zur Herrscherfamilie gehörigen Frauen und Männer wandelte sich mit dem Übergang von der Reiseherrschaft zur Ausbildung fester Res.en. Solange sich die curia domini und die curia dominae noch weit bis ins 15. Jh. fast regelmäßig an unterschiedl. Orten aufhielten, waren die Fs.innen auf dem Gebiet von Verwaltung und Politik bis hin zu stellvertretenden Regentschaften und milit. Aktionen selbständig handlungsfähig. Die zunehmend ortsgebundene Existenzweise reduzierte die Mobilität der Frauen stärker als die der Männer, sie sorgte für eine phasenweise Trennung der Geschlechter am Hof und für eine weitgehende Beschränkung der Frauen auf bestimmte Räume. Seit dem späteren 15. Jh. wurde, dieser Festlegung der Frauen auf separate Räume entspr., die Bezeichnung "Frauenzimmer" sowohl für den Personenkreis um die Ehefrau und die weibl. Angehörigen des Herrschers als auch für das Logis dieser Gruppe geläufig. Um einen "Frauenhof" handelte es sich strenggenommen nur noch bzw. (v.a. seit dem 16. Jh.) wieder, wenn die Fs.in nicht nur separiert wohnte (innerhalb des Haupthofs oder auf einem anderen Sitz) und einen eigenen Hofstaat mit diversen Ressorts hatte, sondern auch über eine finanziell abgetrennte Hofhaltung verfügte.

Zum Frauenzimmer gehörten männl. und weibl. Gefolgsleute und Bedienstete: Hofmeister bzw. Hofmeisterin, Kaplan, Edelknaben, Koch oder Köchin, Kellner, Schneider, Wäscher oder Wäscherin, Mägde und Knechte, Ofenheizer, Türhüter, Weinschenk und Essensträger, Marstaller, Zwerge und Zwerginnen, Narren und Närrinnen. Je nach Hofgröße variierten Umfang und Zusammensetzung: Das Frauenzimmer am Innsbrucker Hof umfaßte in der zweiten Hälfte des 15. Jh.s unter den beiden Ehefrauen Hzg. Sigmunds von Österreich, Eleonore von Schottland und Katharina von Sachsen, 50-60 bzw. 60-70 Personen, an mittleren Fürstenhöfen waren es etwa 25-30. Kfs. Albrecht Achilles von Brandenburg-Ansbach zählte 1483 an seinem rund 300köpfigen Hof 30 "Frauen und Jungfrauen" einschließl. seiner Frau, seiner erwachsenen Tochter und der Schwiegertochter, von denen aber einige zum Kinderquartier gehörten. Je nachdem, welche erwachsenen weibl. Familienmitglieder am selben Hof lebten, gab es dort durchaus gleichzeitig mehrere Frauenzimmer (im Doppelsinne von Personenkreisen und Räumlichkeiten).

An der Spitze der Frauen stand die Ehefrau des Regenten. Alle anderen weibl. Familienangehörigen (Töchter, Schwiegertöchter, unverheiratete Schwestern des Herrschers) waren ihr im Rang nachgeordnet und genossen deutl. enger umschriebene Befugnisse, auch wenn sie den Mittelpunkt eigener Frauenzimmer bildeten. Für die Position der fsl. Ehefrau und Herrscherin existierte kein einheitl. Modell, wiewohl sich im 16. Jh. im Zuge der luther. Ehelehre das Ideal der Haus- und Landesmutter herauskristallisierte. Zwar ähnelten sich die Zuständigkeitsbereiche fsl. Ehefrauen (Repräsentationsaufgaben, politisch-diplomat. Vermittlung, Herstellung feiner Textilien und Versorgung der Angehörigen mit Leibwäsche, vom 16. Jh. an Aufbau einer Apotheke und Gartengestaltung), doch es hing wesentl. von der Harmonie des Herrscherpaares, vom generativen Erfolg seiner Ehe, vom mehr oder weniger autokratisch-patriarchal. Herrschaftsstil des Fs.en und von der Persönlichkeit der Fs.in ab, inwieweit sie als Haushalts- und Hofvorstand agierte, sich wirtschaftl. betätigte und mitregierte, ob sie die Frauenzimmerordnung als ein Instrument zur Durchsetzung ihrer Befehlsgewalt nutzen konnte oder durch diese Ordnung in ihrem persönl. Verhalten reglementiert wurde. Insbes. Fs.innen, die von vornehmerer Herkunft als ihr Mann waren, hatten die Chance, sich gegenüber ihrem Eheherrn zu behaupten. Eine der Voraussetzungen für die Beibehaltung einer starken Position war der unmittelbare Zugang zum Herrscher, den manch ein Fs., wenn sein Interesse erkaltete oder das Paar im Konflikt lag, seiner Frau verweigerte, indem er sie aus der Schlafkammer aussperrte oder sie auf einem vom Haupthof entfernten Wohnsitz unterbrachte. Fsl. Frauen bot sich eine gewisse Garantie, Spuren von Autonomie zu wahren und im Fall eines Zerwürfnisses nicht materiell ausgeliefert zu sein, in der separaten Aufbewahrung der Urk. über ihre Versorgung, ihres Siegels sowie von kostbarer Kleidung, Schmuck und Silbergeschirr in verschließbaren Kammern, Truhen und Laden, auf die der Regent nicht ohne weiteres zugreifen konnte. Solange Einverständnis bestand, konnte der Fs. diese Orte mitnutzen, indem er dort wichtige Dokumente deponierte. Kfs. Moritz von Sachsen etwa ließ seine Frau Agnes in ihrer Truhe Verhandlungsunterlagen und geheime Korrespondenz aufbewahren, die er der Kanzlei nicht anvertrauen wollte. Die Kfs.in, über deren polit. Einfluß auf Moritz im übrigen kaum etwas bekannt ist, kooperierte also durchaus mit ihrem Mann.

Manche fsl. Ehefrauen, v.a. aber die unverheirateten Frauen der Herrscherfamilie sollten ebenso wie die Hofjungfrauen strenger Aufsicht unterstehen. Gewähr dafür bot zum einen ihre Unterbringung in Räumlichkeiten, die durch ihre Lage in einem oberen Stockwerk (manchmal unmittelbar unterhalb des Dachbodens), durch vorgelagerte Bedienstetenzimmer, durch ein System abschließbarer, bewachter Türen und übersichtl. Treppen gegen Eindringlinge ebenso wie gegen unbeobachtetes Ausgehen gesichert waren. Zum anderen sollten Ordnungsentwürfe für das Frauenzimmer und Dienstanweisungen an die dort tätigen Personen (v.a. an die Hofmeisterinnen und Hofmeister) erreichen, daß die Frauen und Mädchen sich höf. zucht entspr. verhielten, ausschließl. kontrollierte Kontakte nach außen pflegten und rund um die Uhr in Begleitung waren. Die Verhaltensvorschriften reichten vom Zugeständnis bestimmter Tänze bis zum Vermummungsverbot während der Fastnacht, vom Verbot von Unterhaltungen zum geöffneten Fenster hinaus bis zur Anweisung, außer den Zwergen keine männl. Personen bei Tisch zuzulassen.

War der Alltagsablauf der Frauen einerseits von Abgeschiedenheit und Einschluß bestimmt, so erforderten die Funktionen des Frauenzimmers andererseits, daß die weibl. Familienmitglieder des Herrschers samt ihrem Gefolge in der Öffentlichkeit auftraten und in die Hofgesellschaft integriert waren. Dies galt nicht nur für festl. Anlässe. Vielmehr diente das Frauenzimmer tägl. zu fest umrissenen Vormittags- und Nachmittagszeiten als Zentrum der Geselligkeit, wo am Hof lebende Adlige ebenso wie Besucher und Verwandte zum Plaudern, Spielen und Tanzen zusammenkamen, wo Ehen für die Hofdamen angebahnt und Buhlschaften unterhalten wurden. Auch die Töchter und Schwestern des Regenten fanden hier Gelegenheiten, Beziehungen anzuknüpfen (einschließl. heiml. Ehegelöbnisse), die die Familienpläne zu durchkreuzen drohten und mit entspr. Härte, bis hin zur Gefangensetzung der Delinquentinnen auf einer abgelegenen Burg, unterbunden wurden.

Im Frauenzimmer trafen sich der Herrscher, seine Frau und ihre Angehörigen. Der dort lebende Personenkreis stellte gewissermaßen ihre erweiterte Familie dar, wie an Familienbriefen abzulesen ist: Dort wird als einzige Personengruppe innerhalb des Hofpersonals das Frauenzimmer regelmäßig mitgegrüßt. Die Umgangsformen zw. der fsl. Familie, der Hofmeisterin und den Hofjungfrauen zeigten denn auch an vielen Höfen trotz des hierarch. Gefälles eher freundschaftliche-familiale Prägung. So entwickelten sich die mancherorts bereits in kindl. Alter aufgenommenen Hofdamen ebenso wie einige Hofmeisterinnen und Ammen zu langjährigen Vertrauten der fsl. Töchter. Sie begleiteten diese nach ihrer Verheiratung an einen fremden Hof oder folgten ihnen ins Kl. Halbwüchsige, zur Erziehung verschickte Söhne ließen durch Mutter oder Vater ihren lieben Buhlen im heimatl. Frauenzimmer alles Gute bestellen. Den eigentl. Mittelpunkt des Frauenzimmers, selbst bei persönl. Abwesenheit, bildete der Regent persönlich, auf ihn richtete sich letztl. sämtl. Aufmerksamkeit.

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Cordula Nolte



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