Akademie der Wissenschaften zu Göttingen Residenzen-
Kommission
Arbeitsstelle Kiel
Akademie der
Wissenschaften
zu Göttingen
Tres riches heures, Duc de Berry, SeptemberbildKleine Schriften UB Kiel (©)Karlsruher virtueller Katalog (KvK)Kleine Schriften UB Kiel (©)Tres riches heures, Duc de Berry, Septemberbild
Login      Hilfe Aktuelles | Publikationen | Handbuch | Symposien | Home | Kontakt | Suchen:

Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich. Bilder und Begriffe.
Hg. von Werner Paravicini, bearb. von Jan Hirschbiegel und Jörg Wettlaufer.
Residenzenforschung 15 II, Teilbd. 1+2, Thorbecke Verlag, Ostfildern 2005.
Preprint-Version der Artikel mit zusätzlichen Abb. | Bitte nur gedruckte Ausgabe zitieren!

Bitte wählen Sie einen Artikel aus:
Bitte Suchbegriff eingeben:

Orden und Ordensstiftungen => Dr. Tanja Storn-Jaschkowitz, Oberursel


Stichwort | Abbildungen | themat. verwandte Abb. | Artikelübersicht | alle Art. mit Bearb.

Das Phänomen von höfisch-weltl

Das Phänomen von höfisch-weltl. "Ordensstiftungen" fand Mitte des 15. Jh.s ihren Höhepunkt, obgleich die Anfänge schon im 14. Jh. festzustellen sind. Die Vorbilder für die Initiationen adliger Vergesellschaftungen seitens der Fs.en sind einerseits in den großen europ. monarch. "Hoforden" zu vermuten, andererseits in den oft viel näher liegenden dt. Gründungen. So wurden allein in den Jahren 1440 bis 1444 drei hofgebundene Stiftungen auf deutschsprachigem Gebiet ins Leben gerufen: der kurpfälz. Pelikan, der brandenburg-ansbach. Schwan und der jülich-berg. St. Hubertus.

Von der Bezeichnung "Orden" für diese weltl. adligen Gruppen sollte jedoch Abstand genommen werden; zu eng ist die Konnotation an die geistl. Ritterorden des 13. Jh.s geknüpft. Es muß vielmehr von ‚hofgebunden Stiftungen’ die Rede sein, und bedacht werden, daß diese gemeinsam mit den anderen Typen von adligen Schwureinungen, seien sie von einer Person gestiftet oder von mehreren Adligen gemeinsam begr. (‚Gründungen von Gleichen’ und ‚Stiftungen ohne Anbindung’), den Gesamtkorpus von Adelsgesellschaften des Spätmittelalters ausmachten.

Die Organisationsstrukturen der Stiftungen sind uns heute aus den zahleichen überlieferten Statuten und Bundbriefen, die das gruppeninterne gesetzte Recht der Gesellschaften beinhalten, aus Rechnungsbüchern und einzelnen Erwähnungen bekannt. Die Mitgliederlisten geben über die Zusammensetzung der jeweiligen Klientel Auskunft. Auch materielle Quellen haben sich erhalten wie etwa Gesellschaftsabzeichen in Form von Anhängern oder Ketten, auch bemalte Glasfenster in Kirchen und steinerne Grabdenkmale zählen dazu.

Neben den drei obengenannten sind noch folgende hofgebundene geschworene Einungen durch einen Bundbrief überliefert: Drache/Ungarn (1408), Adler/Österreich (1433), St. Hieronymus/Sachsen/Meißen (1450) sowie St. Georg/Österreich (1493). Bekannt sind daneben weitere Stiftungen, die jedoch aufgrund der mangelnden Quellenlage nicht ohne Zweifel den hofgebundenen Einungen zugeordnet werden können: Templaise/Österreich (1337), Salamander/Österreich (1386), Zopf/Österreich (vor 1395), Einhorn/Thüringen (1398), Sichel/Sachsen (um 1400), Flegel/Thüringen (1407/11), Tusin/Böhmen (1438) und St. Maria/Geldern (1468).

Wie an den Bezeichnungen der einzelnen adligen Gruppen zu erkennen ist, gaben die Stifter ihren Verbindungen vorwiegend Namen von Heiligen oder Tieren, die christl. ikonograph. zu deuten sind. Die adligen Gesellschaften nahmen ganz unterschiedl. Ausmaße an: Im Pelikan war der Kreis bspw. auf 30 Gesellen beschränkt, während in den Listen des Schwans ein paar hundert Mitglieder verzeichnet waren, darunter auch adlige Frauen.

Generell stand der Stifter der adligen Gruppe vor und hatte unter den Mitgliedern eine herausragende Position inne. Seine bes. Befugnisse werden an dem Einfluß deutlich, den er auf die Aufnahme neuer Mitglieder, die Gestaltung des Gesellschaftsabzeichens, das alle Gesellen trugen, die Ortswahl und Namensgebung sowie die interne Gerichtsbarkeit nahm. Er konnte Funktionsträger aus dem Kreis der Mitglieder wie Boten, Schiedsleute, Rechnungsführer oder Hauptleute bestimmen, die sich um die finanzielle Verwaltung von Straf- oder Beitrittgebühren, gerichtl. Entscheidungen und die Organisation der Begängnisse von Mitgesellen kümmerten.

Zu den die hofgebundenen Stiftungen auszeichnenden Charakteristika zählten als die beiden herausragendsten Merkmale die Verpflichtung aller Mitglieder zur Leistung eines Treueides gegenüber dem Stifter sowie die Anlage der regelmäßigen Kapiteltreffen und gemeinsamen memorialen Tätigkeiten des Zusammenschlusses am Herrschaftszentrum des Fs.en oder aufgrund einer christl. Ausprägung der Einung an der familiären Grablege oder der Stiftskirche der Dynastie. Häufiger kann auch die Integration landfremden Adels in den weiteren Kreis der Mitglieder beobachtet werden. Sie machte die Einung über die Grenzen des Territoriums hinaus bekannt und beeindruckte mitunter die nachbarschaftl. Konkurrenz. Grundsätzl. waren die Vereinungen auf ewige Zeit hin angelegt.

Wer waren nun die Personen, die sich in solchen Initiationen von Fs.en zusammenfanden? Zumindest für Pelikan, St. Hubertus und Schwan läßt sich eine personelle Übereinstimmung der Mitglieder der betreffenden Gesellschaft mit der Lehnsmannschaft des jeweiligen Stifters zu großen Teilen feststellen. Die Fs.en scharrten folgl. mittels dieser Stiftungen bereits bekannte höf. Klientel um ihren Herrschaftsmittelpunkt. Höf. Funktionsträger taten Dienst für die Belange der gestifteten Einung und Hauptleute oder Rechnungsführer der Gesellschaft wiederum wurden für die herrschaftl. Verwaltung des Stifters herangezogen. Beide Bereiche, Hof und adlige Gesellschaft, waren eng miteinander verwoben.

Der Nutzen einer solchen Schwureinung erklärt sich daher in ihrer Bedeutung für die Herrschaftspräsentation des Stifters, welche für Integration und Kommunikation sowie für Außenwirkung gleichermaßen wichtig war. Eine hofgebundene Stiftung ermöglichte die Steigerung von Kommunikation mit den am Hof angebundenen adligen Eliten. Das geschah mittels der regelmäßigen Treffen, bei denen durch die exklusive Nähe zum Fs.en während des Mahls oder durch das Tragen der gleichgestalteten Gesellschaftsabzeichen für einen Moment eine fiktive Gleichheit zw. allen Mitgliedern kreiert wurde. Ferner machte die Ansiedlung der gesellschaftl. Memoria in einer Kirche am Herrschaftssitz die Einung einer breiten Öffentlichkeit bekannt und demonstrierte den fsl.en Herrschaftsanspruch nach außen hin. Die Ausgestaltung der hofgebundenen Stiftungen förderte somit den Erhalt und die Ausweitung des adligen Netzwerks um den fsl.en Hof, wie es auch andere Instrumente, etwa zielgerichtete Ämtervergabe und Belehnung oder das Knüpfen verwandtschaftl. Beziehungen, taten. Damit wird die Zugehörigkeit der Gesellschaftsstiftungen zu den Attributen eines fsl.en Hofes im Spätmittelalter bestätigt.

Mitte des 15. Jh.s entschlossen sich bemerkenswerter Weise drei Fs.en, der rhein. Kfs. Ludwig III., der brandenburg. Kfs. Friedrich II. und der jülich-berg. Hzg. Gerhard V., zur Stiftung einer solchen adligen Gemeinschaft. Zwei von ihnen überdauerten einige Jahrzehnte unter den fsl.en Nachfolgern: Albrecht Achilles schaffte der von seinem Bruder gestifteten Einung des Schwans ein zweites Zentrum in Ansbach und Wilhelm III. übernahm den Vorstand von St. Hubertus von seinem Vater.

Ein Verbot von parallelen Mitgliedschaften gab es entgegen den Gepflogenheiten anderer europ. "Hoforden" auf deutschsprachigem Gebiet nie. So findet sich der Niederadlige Oswald von Wolkenstein gleichzeitig unter den Mitgliedern des "aragones. Kannenordens" und des ungar. Drachen wie auch im Elefanten (eine Gründung von Gleichen). Auch eine sich mit der Zeit wandelnde Beteiligung an mehreren Gesellschaften fällt auf: Die Hzg.e von Jülich-Berg engagierten sich sowohl in St. Hubertus als auch im Steinbock (eine Gründung von Gleichen) und im Schwan.

Nach 1517 sind für das deutschsprachige Gebiet keine Neugründungen von adligen Stiftungen mehr nachgewiesen. Das Interesse an diesen meist christl. geprägten Vereinungen ging im Zug der Reformation verloren. Auch die Ausbildung der reichsritterschaftl. Organisation im Südwesten des Reiches und der Landstände, in denen sich die Ritterschaft der Territorien zusammenfand, mäßigte den Bedarf nach einem Ort für die Pflege ritterl. Ideale, wie ihn die hofgebundenen Stiftungen von Adelsgesellschaften boten.

L. Bergmann, Werner: Rätsel um ein altes Deckengewölbe in Himmelskron, Auf der Suche nach neuen Erkenntnissen zu 16 spätmittelalterlichen Ordenszeichen. In: Archiv für Geschichte von Oberfranken, 82 (2002) S. 117-138. – Bogyay, Thomas von: Drachenorden. In: LexMA 3 (1986) Sp. 1346. – Boulton, D’Arcy J. D.: The Knights of the Crown, The monarchical Orders of Knighthood in later medieval Europe 1325-1520, Woodbridge 1987. – Hiestand, Rudolf: Ritterorden. In: LexMA 7 (1995) Sp. 878/79. Ritterorden und Adelsgesellschaften im spätmittelalterlichen Deutschland, Ein systematisches Verzeichnis, hg. von Holger Kruse, Werner Paravicini und Andreas Ranft, Frankfurt a.M./Bern/New York/Paris 1991 (Kieler Werkstücke, Reihe D: Beiträge zur europäischen Geschichte des Spätmittelalters, 1). – Lahrkamp, Helmut: Beiträge zur Geschichte des Hubertusordens der Herzöge von Jülich-Berg und verwandter Gründungen. In: Düsseldorfer Jahrbuch 49 (1959) S. 3-49. – Prietzel, Malte: Hosenband und Halbmond, Schwan und Hermelin, Zur Ikonographie weltlicher Ritterorden im späten Mittelalter, in: Herold-Jahrbuch, NF, 4 (1999) S. 199-134. – Ranft, Andreas: Ritterorden und Rittergesellschaften im Spätmittelalter, Zu Formen der Regulierung und Internationalisierung ritterlich-höfischen Lebens in Europa, in: Militia sancti sepulcri, Ides e istituzioni, hg. von Kaspar Elm und C. Fonseca, Rom 1998, S. 89-110. – Ranft, Andreas: Schwanenorden. In: LexMA 7 (1995) Sp. 1611/12. – Steeb, Christian: Die Ritterbünde des Spätmittelalters, Ihre Entstehung und Bedeutung für die Entwicklung des europäischen Ordenwesens, in: Österreichs Orden vom Mittelalter bis zur Gegenwart, hg. von Christian Steeb, Graz 1996, S. 40-67. – Stillfried, Rudolf/ Haenle, Siegfried: Das Buch vom Schwanenorden, Ein Beitrag zu den Hohenzollerischen Forschungen, 2 Bde., Berlin 1881. – Storn-Jaschkowitz, Tanja: Gesellschaftsverträge adliger Schwureinungen im Spätmittelalter – Typologie und Edition, (Diss. Univ. Kiel 2005). – Thierl, Heinrich Gustav: Der österreichische Adlerorden, in: Jahrbuch der K.K. heraldischen Gesellschaft "Adler", NF. 15 (1905) S. 215-234. – Wisplinghoff, Erich: Hubertusorden, in: LexMA 5 (1991) Sp. 150.

Tanja Storn-Jaschkowitz



Stichwort | Abbildungen | themat. verwandte Abb. | Artikelübersicht | alle Art. mit Bearb.

Menue von:
Milonic Web Menus
© Residenzen-Kommission der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen