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Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich. Bilder und Begriffe.
Hg. von Werner Paravicini, bearb. von Jan Hirschbiegel und Jörg Wettlaufer.
Residenzenforschung 15 II, Teilbd. 1+2, Thorbecke Verlag, Ostfildern 2005.
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Reliquien => Dr. Carola Fey, Gießen


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Reliquien waren während des gesamten MA im herrscherl

Reliquien waren während des gesamten MA im herrscherl. Umfeld in bedeutenden Funktionen präsent. Sie bezeichneten in ihren kostbaren Gefäßen die sakrale Dignität der Herrschaft und des Ortes ihrer Verwahrung. In der Kostbarkeit und dem Glanz ihrer Fassung in Reliquiaren waren Reliquien Medien der Repräsentation, Kultobjekte persönl. Frömmigkeit und als Memorialstiftungen wichtige Ausstattungselemente fsl. Grablegen. Die vielfältigen Beziehungen der Fs.en zu Reliquien spiegeln sich in den Orten ihrer Verwahrung und Verehrung, wenn sie als Stiftungsgut in eng mit dem Hof verbundenen geistl. Institutionen, als Ausstattung von Hofkapellen und im persönl. Besitz nachweisbar sind.

Die Eroberung Konstantinopels i.J. 1204 zeigte weit reichende Auswirkungen auf die Reliquienverehrung an den Höfen Europas. Die neue Qualität und Quantität der Reliquien an sich sowie die intensive Berührung der Laien mit den großen Reliquienschätzen des Ostens brachten neue Erfahrungen der heilswirksamen und prestigefördernden Bedeutung, die Reliquienbesitz für Hof und Herrschaft darstellte. Die als Schatzhaus für die bedeutendsten Reliquien des frz. Königshauses erbaute, 1248 geweihte Sainte-Chapelle in Paris war von der ksl. Reliquienkapelle in Konstantinopel inspiriert. Die von Kg. Ludwig IX. als Hort der Passionsreliquien kostbar ausgestattete Kapelle am Pariser Hof wirkte vorbildl. für die Vorstellung eines durch heilsspendende Reliquien ausgezeichneten sakralen Zentrums der Herrschaft ebenso wie für neue Verwahrungs- und Präsentationsformen der Schätze. So verfügte die Sainte-Chapelle über ein Oratorium, in dem das Königspaar separiert, jedoch mit Sichtverbindung zum Altar die dort präsenten Reliquien schaute und den Meßfeiern beiwohnte. In der 1357 geweihten Katharinenkapelle der Burg Karlstein schuf Ks. Karl IV. ebenfalls ein herrscherl. Privatoratorium, das speziell der Verehrung der Passionsreliquien gewidmet war. Mit den im Zugang in die Wand eingelegten Reliquien und den die Wandflächen deckenden Edelsteinplatten war die Anlage ein begehbares Reliquiar. Neben dem Privatoratorium stellte die Kreuzkapelle die große Reliquienschatzkammer der Burg Karlstein dar, die für die Aufnahme der Passionsreliquien, die in Bildtafeln geborgenen Heiligenreliquien und für die Reichsinsignien bestimmt war.

Seit der ersten Hälfte des 14. Jh.s entstanden häufig in den Kollegiatstiften der Res.en größere Reliquiensammlungen. Als fsl. Stiftungen wurden, wie in Heidelberg, diese Reliquienschätze an die als Grablege ausgewählten Stiftskirchen übertragen. Herrschaftsnachfolger, die ihre Begräbnisse am selben Ort wählten, erweiterten solche Sammlungen durch eigene Stiftungen. So übergaben Hzg. Otto der Milde von Braunschweig (1292-1344) und seine Ehefrau Agnes ihrer als Begräbnisort ausgewählten Kirche des Braunschweiger Blasiusstiftes, das schon zahlreiche welf. Reliquienstiftungen verwahrte, mehrere kostbare Reliquiare. Neben dem Büstenreliquiar für die Reliquien des hl. Blasius entstand um 1339 das Plenarreliquiar, das die seltene Darstellung der fsl. Stifter auf dem Rückdeckel zeigt (#Abb. 1#).

Da aus ma. Reliquiensammlungen nur sehr wenige Objekte erhalten und bestimmten Höfen zuzuordnen sind, geben bis zum 15. Jh. v.a. Stiftungsbelege und Inventare Auskunft über die Gestalt der Schätze. (Inventar der Kleinodien Hzg. Friedrichs von Tirol von 1439) Die Sammlungen bargen körperl. Überreste von Heiligen, ferner Objekte, die zu ihrem Leben gehörten oder als Berührungsreliquien mit ihren Gebeinen oder ihrem Grab in Kontakt gekommen waren. Bes. standen Reliquien von der Passion Christi, voran des hl. Kreuzes, das auch Heil- und Siegeszeichen für die göttl. legitimierte Regentschaft war, in höchstem Ansehen. In dem vielfältigen Formenschatz der Reliquiare waren bis zum 13. Jh. Kästchen und architekton. gestaltete Behältnisse sowie anthropomorphe Gefäße wie Arm- und Büstenreliquiare häufig vorhanden. Das seit dem 13. Jh. zunehmende Bestreben nach Sichtbarkeit der Reliquie förderte die Gestaltung der Reliquiare mit Gitterwerk, Kristall und Glas. Vermehrt seit dem 14. Jh. entstanden Reliquienostensorien, Statuetten sowie als Hausaltäre und zur privaten Andacht verwendete tafelförmige Reliquiare mit reicher bildl. Gestaltung.

Die seit der zweiten Hälfte des 15. Jh.s erhaltenen Einblattdrucke und Heiltumsbücher, die anläßl. von Reliquienweisungen entstanden, geben in Text und Bild Hinweise auf die Zusammensetzung und Gestalt der Schätze sowie die mit den Weisungen verbundenen Ablässe. Um das Jahr 1500 verfügte Kfs. Friedrich der Weise in Wittenberg über die größte Reliquiensammlung unter den dt. Fs.en. Das kunstvoll gestaltete Wittenberger Heiltumsbuch von 1509 zeigt Friedrich den Weisen als religiösen Landesvater und Besitzer einer kostbaren Reliquiensammlung. Das Heiltumsbuch verzeichnet 117 Reliquiare, die in von Lucas Cranach d. Ä. geschaffenen Holzschnitten illustriert und mit detaillierten schriftl. Angaben zu den enthaltenen Reliquien versehen wurden. Als kostbarste Reliquie galt der auf die Anfänge der Sammlung im 14. Jh. zurückgehende Dorn der Dornenkrone Christi, der in einer vergoldeten Statuette verwahrt wurde. Diese bildete einen Kg. ab, der den Dorn in einem Ostensorium präsentierte (#Abb. 2#). Den Grundbestand der Sammlung, den Friedrich der Weise von seinen Vorfahren ererbt hatte, bereicherte der Kfs. durch zahlreiche eigene Reliquienerwerbungen. Die 1493 von seiner Pilgerreise in das Heilige Land mitgebrachten Reliquien, darunter aus Rhodos ein Daumen der von Friedrich verehrten hl. Anna, bildeten weitere Kernelemente der Sammlung (#Abb. 3/Internet#). Während der Reliquienschatz Friedrichs des Weisen unter dem Einfluß der Reformation 1522 letztmalig ausgestellt und noch vor 1530 aufgelöst wurde, baute Kard. Albrecht von Brandenburg seit 1513 in Halle eine noch umfangreichere Sammlung aus. Das Hallesche Heiltum, für das der Kard. 1520 ein mit 237 Holzschnitten illustriertes Heiltumsbuch drucken ließ, wurde im selben Jahr erstmals gewiesen. Die Holzschnitte zeigen die Tendenz zur Wahl außergewöhnl. Reliquiarformen. Neben Antiquitäten wie röm. und fatimid. Gläsern sowie einem antiken Elfenbeinkasten zeugen Straußeneier, Kokosnüsse und Greifenklauen als bes. Naturformen vom Einfluß profaner Elemente aus Kunst- und Raritätenkabinetten auf den Reliquienschatz. Finanzielle Probleme Albrechts von Brandenburg und der Übertritt der Stadt Halle zur Reformation i.J. 1541 brachten die Auflösung des Halleschen Heiltums, dessen verbliebene Bestandteile der Kard. nach Mainz bringen ließ. Die Auflösung der Reliquiensammlung in Halle bezeichnete auch das Ende der großen öffentl. Präsentationen fsl. Reliquienschätze.

Aspekte der Kontinuität zeigten die Reliquiensammlungen zur Zeit der kathol. Reformation als Ausdrucksformen persönl. Frömmigkeit der Herrscher und in den separierten Repräsentationsformen der Schätze. Kostbar ausgestattete Schatzkapellen wie die 1607 geweihte, zunächst als "Geheime Cammerkapelle" bezeichnete Reiche Kapelle der bayer. Hzg.e in ihrer Münchner Res. bargen die Reliquienschätze. Marmor, Halbedelsteine und vergoldete Reliefs schmückten die innere Raumschale der als Privatoratorium dienenden Reichen Kapelle. Reliquienschränke aus Ebenholz flankierten den Hauptaltar, der die große Reliquienmonstranz mit den Passionsreliquien barg. Der Passion Christi als Zentrum der Verehrung und der Gottesmutter Maria war das Bildprogramm der Kapelle gewidmet, die so in Ausstattung und Programm der Katharinenkapelle Ks. Karls IV. auf der Burg Karlstein vergleichbar war.

Die bayer. Hzg.e Wilhelm V. (1548-1626) und sein Sohn Maximilian I. (1573-1651) erwarben zahlreiche Reliquien, die bevorzugt in Statuetten, Ostensorien und tafelförmigen Reliquiaren gefaßt wurden. Die reichen Fassungen zeugen von der Vorliebe des Hofes für Edelsteine und bes. für Diamantschmuck um 1600. Eines der kostbarsten Münchner Reliquiare wurde für eine Reliquie des hl. Georg angefertigt, dessen Darstellung als Drachentöter ebenso wie die des Erzengels Michael in der Zeit der kathol. Reformation bes. Bedeutung erlangte. Die Reiterstatuette des hl. Georg, die Hzg. Wilhelm V. 1586 von seinem Bruder erhalten hatte, schmückte an Festtagen den Altar der Reichen Kapelle (#Abb. 4/Internet#). Auf die intensive Identifikation der Fs.en mit den kostbaren Reliquiaren weist die Rüstung der Georgsfigur hin, für die der Prunkharnisch Wilhelms V. als Vorbild diente. Die in der Mitte des 16. Jh.s zur Zeit Maximilians I. weit über München hinaus bekannte Reliquiensammlung rühmte 1644 der Hofbassist Baldassare Pistorini in seiner Beschreibung der Münchner Res. (Pistorini, Descrittione fol. 11v.). Seine Wertung der Sammlung als Entzücken der Schätze des Paradieses läßt auf die starke Faszination der sakralen Schätze an Fürstenhöfen schließen.

Q. Pistorini, Baldassare, Descrittione compendiosa del palagio sede de Serenissimi di Baviera situato nella elettorale città di Monaco, datiertes Autograph 1644, BSB cod. ital. 409. – Das Hallesche Heiltumbuch von 1520, ND zum 450. Gründungsjubiläum der Marienbibliothek zu Halle, hg. und mit einem Nachwort versehen von Heinrich L. Nickel, Halle 2001. – Inventar der Kleinodien des Herzogs Friedrich 1439, in: Schönherr, David: Die Kunstbestrebungen Erzherzogs Sigmund von Tyrol. Nach Urkunden und Acten des k. k. Statthalterei-Archivs in Innsbruck, in: Jahrbuch der kunsthistorischen Sammlungen des allerhöchsten Kaiserhauses 1 (1883) S. 182-212, Anhang I. S. 202-208. – Preciosenbok. Registrum in quo conscripte sunt Reliquie que habentur in ecclesia sancti Blasii Brunswicensis, Niedersächsisches SA Wolfenbüttel, Sign. VII B Hs. 166. – Wittenberger Heiltumsbuch, Faksimile-ND der Ausgabe Wittenberg 1509, Unterschneidheim 1969.

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Carola Fey



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