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Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich. Bilder und Begriffe.
Hg. von Werner Paravicini, bearb. von Jan Hirschbiegel und Jörg Wettlaufer.
Residenzenforschung 15 II, Teilbd. 1+2, Thorbecke Verlag, Ostfildern 2005.
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Bibliothek => Dr. Evelyn Korsch, Venedig


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Einhergehend mit einem Anstieg der Buchproduktion und einer zunehmenden Förderung der Wissenschaften wurden im 16

Einhergehend mit einem Anstieg der Buchproduktion und einer zunehmenden Förderung der Wissenschaften wurden im 16. Jh. viele Bibliotheken gegr. Damit verbunden waren zwei entscheidende Veränderungen. Zum einen verlagerte sich der Schwerpunkt des Bibliothekswesens vom kirchl. in den profanen Bereich. Mit den Klosterbibliotheken konkurrierten nun die Sammlungen der Höfe, Städte und Universitäten. Zum anderen gewannen die Bücher mehr Eigenwert, d.h. ihre Präsentation wurde überdacht. Seit Beginn des 16. Jh.s erhielten Bücher eigene Räumlichkeiten zur Aufbewahrung und Konsultation. Sie wurden den zuvor übl. Truhen entnommen und in Regalschränken oder auf Pulten aufgestellt. Wenn es sich um bes. wertvolle Bücher handelte, waren sie zur Sicherheit angekettet. Ab Ende des 16. Jh.s wurden die Bücherschränke nicht mehr nur entlang der Wände aufgestellt, sondern auch in den Raum hinein. Die neue Disposition bot wesentl. mehr Stellfläche und konnte somit dem erhöhten Buchaufkommen begegnen. Die Einordnung der Bücher erfolgte seit dem 13. Jh. entspr. der vier Fakultäten Theologie, Jurisprudenz, Medizin und Philosophie. Auf dieser Basis entwickelte Conrad Gesner eine wissenschaftl. Systematik zur Einrichtung von Bibliotheken, die 1548 unter dem Titel Pandectarum sive partitionum universalium erschien. Sein Klassifikationssystem differenziert nach den Fächern des Triviums und Quadriviums, den Ornantes – z.B. Geschichte, Geographie, Schöne Künste – und den Substantiales, d.h. den Universitätsstudienfächern. Gesner nimmt eine Strukturierung in 21 Gruppen vor, die nochmals in tituli, partes und segmenta untergliedert werden. Ein Register von 30.000 Schlagwortbegriffen leistet Hilfestellung. Bereits 1545 hatte Gesner eine erste umfassende Bibliographie aller bis zu diesem Zeitpunkt verlegten Bücher veröffentlicht. Die Bibliotheca universalis verzeichnet in alphabet. Reihenfolge 3.000 Autoren und 10.000 Werke und bietet somit einen Leitfaden zur Ausstattung einer Bibliothek. Zugl. diente sie als Studienhilfe. Samuel Quiccheberg forderte 1565 in seinem Traktat Inscriptiones vel tituli theatri amplissimi die Bibliothek als integralen Bestandteil einer Kunstkammer. Er plädierte für eine "Bibliotheca omnis generis librorum instructissima", für die er zehn Abteilungen vorsieht: Theologie, Jurisprudenz, Medizin, Historie, Philosophie (einschließl. dialekt. und mag. Schriften), Mathematik (mit Astrologie, Arithmetik und Geometrie), Philologie (einschließl. Kriegskunst, Architekturtheorie und landwirtschaftl. Schriften), sakrale und profane Dichtung, Musik und Grammatik. François La Croix du Maine, 1583, Georg Draud, 1611, und Gabriel Naudé, 1627, publizierten Theorien zur Bibliotheksklassifikation. Auch Francis Bacons System der Trias von Gedächtnis, Phantasie und Verstand wurde in diesem Kontext rezipiert. Johann Heinrich Hottingers Empfehlungen für ein Katalogsystem erschienen 1663. Gottfried Wilhelm Leibniz war seit 1691 als Leiter der Bibliotheca Augusta in Wolfenbüttel tätig und bediente sich der vorgenannten bibliothekstheoret. Schriften, um seine Idee einer Universalbibliothek zu entwickeln und in eine neue Bibliotheksordnung umzusetzen.

Die frühen Büchersammlungen waren räuml. und themat. mit den Kunstkammern verbunden, da beide Formen ihren konzeptionellen Ursprung im studiolo haben. Eine kleinere Anzahl von Büchern befand sich in der Kunstkammer selbst und war dort den Exponaten zur Erklärung beigeordnet. Der Großteil der Werke hingegen war in einer separaten Bibliothek in unmittelbarer Nähe der Kunstkammer untergebracht. In den Bibliotheksräumen wurden nicht nur Bücher, sondern auch Globen, Landkarten und andere Scientifica ausgestellt, oft auch Artificalia und Naturalia. Manche Bibliotheken beinhalteten zudem Münzsammlungen und Antiquitates zu Studienzwecken. Caspar Friedrich Neickel definiert genau dieses Amalgam verschiedener Wissensbereiche als Museum: "Ein Museum aber nenne ich ein solch Gemach, Stube, Kammer oder Ort, wo zugleich allerley natürliche und künstliche Raritäten nebst guten und nützlichen Büchern beysammen zu finden." (Neickel, Museographia, Vorrede, o. S.) Das Modell einer solchen Idealbibliothek findet sich als Frontispiz auf Neickels Museographia. (#Abb. 1#) Die Bibliothek ist in eine Bühnenstruktur integriert, womit auf ihre Funktion als theatrum sapientiae verwiesen wird. Die Bücher stehen in Wandregalen, nach Formaten sortiert und den jeweiligen Abteilungen – "Logici", "Astronomia", "Medicina" und "Physica" - zugeordnet. In den gegenüberliegenden Regalen sind Tierskelette, anatom. Präparate und Konchylien ausgestellt. Von der Decke hängt das emblemat. Krokodil, und die Wände sind mit Portraitmedaillons und Landschaftsbildern ausgestattet. An einem langen Tisch in der Raummitte sitzt ein Mann, der die vor ihm ausgebreiteten Objekte studiert und zur Vertiefung des Fachwissens Bücher konsultiert. Neickels Postulat, daß sich Bücherwissen und empir. Beobachtung ergänzen sollen, wird somit visualisiert. Bibliotheken sind Forschungs- und Bildungsstätten zugl.

Ks. Maximilian I. kam durch die Heirat mit Maria von Burgund in den Besitz wertvoller Schriften aus Burgund und Nordfrankreich. Seine zweite Frau, Bianca Maria Sforza, brachte in ihrer Mitgift Bücher aus ital. Werkstätten mit. Im Auftrag Maximilians I. wurden kostbar illuminierte Handschriften erstellt, z.B. ein Gebetbuch, das von Albrecht Dürer, Lucas Cranach, Hans Baldung Grien und Albrecht Altdorfer illustriert wurde. Zugl. förderte der Ks. den Druck von Büchern. Weißkunig ist der Titel des autobiograph. Romans, dessen Abfassung er 1516 begonnen hatte. Das Ritterepos erzählt die Geschichte Maximilians und seiner Eltern in Form allegor. Personen. Als "Weißkunig", d.h. weißer Kg., bezeichnete sich der Ks. aufgrund des silberweißen Harnisches, den er bei Turnieren und auf dem Schlachtfeld zu tragen pflegte. Das Werk illustrieren 251 Holzschnitte, die die für den Hof tätigen Künstler angefertigt hatten: Hans Burgkmair, Leonhard Beck, Hans Schäuffelein und Hans Springinklee. Die Manuskripte und Probedrucke zum Weißkunig wurden zunächst in der Ambraser Sammlung aufbewahrt und 1665 in die ksl. Hofbibliothek in Wien integriert. Maximilian I. war außerdem Autor von Theuerdank, in dem er seine Brautwerbung um Maria von Burgund beschreibt, und eines Turnierbuchs mit dem Titel Freydal. Diese beiden Werke wurden ebenfalls mit Holzschnitten geschmückt und gedruckt.

Ferdinand I. gründete 1526 eine Bibliothek in Wien, indem er Bestände aus Nebenres.en und Kl.n zusammenführte. Urkundl. belegt ist diese ab 1558. Ferdinands Vorliebe für die burgund. Hofhaltung führte nicht nur zur Änderung des Hofzeremoniells, sondern er sammelte auch frz. Handschriften aus dem frühen 14. Jh. und burgund. aus dem 15. Jh.. Zudem vergab er Aufträge an Buchmaler aus dem einstigen burgund. Herrschaftsgebiet. Im Jahr 1565 konnte mit der humanist. Bibliothek des ksl. Historiographen Wolfgang Lazius ein bedeutender Bestand erworben werden. Maximilian II. ernannte 1575 den Rechtsgelehrten Hugo Blotius zum Bibliothekar, womit erstmals dieser Titel verliehen wurde. 1579 wurde eine Verordnung über das Abliefern von Pflichtexemplaren für die mit ksl. Privileg erschienenen Drucke erlassen. Im Jahr 1624 wurde dieser Erlaß erweitert, denn fortan mußte von jedem auf der Frankfurter Messe angebotenem Buch ein Pflichtexemplar abgegeben werden. Somit konnten Neuerscheinungen aus ganz Europa in die Wiener Hofbibliothek eingegliedert werden. Unter der Leitung von Blotius wurde die Sammlung des Hofhistoriographen Johannes Sambucus erworben, die 384 griech. und 113 lat. Schriften beinhaltete. Durch die Schenkung von Augerius Ghislain von Busbeck konnten weitere 262 griech. Handschriften integriert werden, wozu der um 510 in Byzanz entstandene Wiener Dioscorides zählte. Das Inventar von 1597 verzeichnet rund 9.000 Bände: 7.400 Drucke und 1.600 Handschriften. In Anlehnung an Gesner nahm Blotius eine Untergliederung in 24 Sachgruppen vor, die mit Hilfe eines alphabet. und eines Schlagwortkataloges erschlossen wurden. Nach der Amtsübernahme durch Sebastian Tengnagel wurde die Bibliothek vom Minoritenkl. in die Hofburg verlegt. Tengnagel legte einen alphabet. und einen Standortkatalog an. 1636 überließ er der Hofbibliothek seine 4.000 Bände umfassende Sammlung an oriental. und hebr. Handschriften.

Ehzg. Ferdinand II. von Tirol hatte 1574 in der sog. Kornschütt eine Bibliothek eingerichtet, die über eine Treppe mit der Kunstkammer verbunden war. Den von Ferdinand I. geerbten Büchernachlaß erweiterte er durch gezielte Ankäufe, die vornehml. vom Augsburger Buchhändler Georg Willer getätigt wurden. Einen wertvollen Zuwachs erfuhr die Sammlung durch die Schenkung des Gf.en Wilhelm von Zimmern, die 293 Druckwerke und 69 Handschriften umfaßte. Das Inventar von 1596 verzeichnet insgesamt 3.482 Titel, die sich auf fünf Klassen verteilen: Theologie 819, Jurisprudenz 417, Medizin 233, Historie 791 sowie 1.222 Schriften mit Themen der Kosmographie, Geographie und Philosophie. Aus dem Bestand der Bibliothek wurden 205 Werke, bes. prächtige, illuminierte Handschriften sowie Kupferstichbücher, ausgesondert und als Zimelien im "achten Kasten" der Kunstkammer ausgestellt. Darunter befanden sich das von Ks. Maximilian I. in Auftrag gegebene Ambraser Heldenbuch, die Probedrucke zu Freydal, Theuerdank und Weißkunig mit den handschriftl. Korrekturen des Kaisers, die Wenzelsbibel sowie eine Livius-Handschrift aus dem 5. Jh.. Die Druckgraphiken bestanden aus erlesenen und seltenen Editionen dt., niederländischer, frz. und ital. Meister. Zudem besaß Ferdinand II. kostbare musikal. Manuskripte, die die Sammlung wertvoller Musikinstrumente in der Kunstkammer ergänzten. Der Ehzg. vergab auch zahlreiche Auftragsarbeiten. Neben Abschriften ließ er wissenschaftl. Studien anfertigen. Der Maler Giorgio Liberale schuf u.a. eine Dokumentation der Meeresfauna. Jacob Schrenck von Notzing, der persönl. Sekretär Ferdinands, erstellte ein Bildinventar der Heldenrüstkammer, das 1601 als lat. und 1603 als dt. Ausgabe erschien. Auf 125 Kupfertafeln, die Dominicus Custos nach Entwürfen von Giovanni Battista Fontana gestochen hat, werden die in der Ambraser Heldenrüstkammer vertretenen Persönlichkeiten dargestellt und ihr Lebensweg beschrieben. Das Armamentarium Heroicum gilt als der erste gedruckte und illustrierte Museumskatalog der Welt.

In Prag waren Bücher zum einen als Ausstellungsstücke zw. den übrigen Objekten verteilt, zum anderen bildeten sie eine eigene Sammlungseinheit. Rudolf II. besaß ein ausgeprägtes Interesse für Naturgeschichte. Sein Leibarzt Anselm Boethius de Boodt hatte für ihn eine elfbändige Kompilation in Auftrag gegeben und selbst illustriert. In der ksl. Sammlung befanden sich viele Pflanzen- und Tierbücher, z.B. Werke über Vögel und Fische von Jacopo Ligozzi sowie ein von Jacques de Gheyn in Trompe-l’œil-Technik gemaltes Buch mit Pflanzenabbildungen. Weitere Sammlungsschwerpunkte waren exot. Handschriften, wozu arab. und türk. Schriften sowie Palmblatthandschriften aus Ceylon gehörten, und Werke zur Architektur, die den Scientifica zugeordnet wurden. Letztere umfaßten 223 Einträge im Inventar, wobei eine Position oft Büchergruppen beinhaltete, so daß der reale Bestand wesentl. höher lag. Diese Bücher wurden in Truhen innerhalb der Kunstkammer aufbewahrt.

Albrecht V. von Bayern hatte 1558 die Büchersammlung des Juristen und Orientalisten Johann Albrecht Widmanstetter gekauft und mit diesem Bestand die Hofbibliothek in München gegr.. 1566 übernahm der Hzg. die Sammlung Johann Jakob Fuggers, die u.a. die Bibliothek des Nürnberger Humanisten Hartmann Schedel beinhaltete. Mit diesem Schritt avancierte die Münchner Sammlung zu einer der führenden in Europa. Sie vereinte lat., griech., oriental., dt. und roman. Literatur, womit sie nicht nur ein repräsentatives Schauobjekt darstellte, sondern zugl. einen Anziehungspunkt für Gelehrte bildete. Außerdem befanden sich in der Bibliothek prachtvoll ausgestattete Musikhandschriften, z.B. die Bußpsalmen von Orlando di Lasso und die Motetten von Cyprian de Rore. Die Erweiterung der Sammlungen erforderte den Bau des Antiquariums, das ab 1571 Bibliothek und Skulpturensammlung beherbergte. Beim Einzug umfaßte die Bibliothek ca. 11.000 Bände, die in mehreren Regalreihen untergebracht waren; auf Pulte wurde verzichtet. Im Laufe der Zeit wurden weitere Sammlungen angekauft, z.B. vom Augsburger Ratsherrn Johann Heinrich Herwart und vom Domherrn Johann Georg von Werdenstein, so daß sich bis Ende des 16. Jh.s der Bestand auf 17.000 Bände erhöht hatte. Albrecht V. gab für die Bibliothek ein prächtiges, elfenbeinernes Globenpaar in Auftrag, das 1574-1576 nach Entwürfen von Philipp Apian und Heinrich Arboreus entstand und den repräsentativen Charakter des Raumes steigerte. 1599 ließ Maximilian I. die Bibliothek in das Hofkammergebäude überführen, das durch einen Bogengang mit der Kunstkammer verbunden war. Handschriften, Bücher und Druckgraphiken befanden sich außerdem in der Kunstkammer, die nicht in Konkurrenz zur Bibliothek stand, sondern mit dieser zusammen ein einheitl. Prinzip in erkenntnistheoret. Hinsicht verfolgte. Das Inventar der Münchner Kunstkammer von 1598 benennt in 3.407 Positionen über 6.000 Objekte. Für den Eingangsbereich der Kunstkammer werden Schränke mit illuminierten und graph. gestalteten Büchern angeführt, die histor. Literatur, Wappen- und Münzbücher, religiöse Literatur, Turnier- und Fechtbücher, Pferdebücher, Werke zu Architektur, Festungsbau und Geometrie umfassen. Darunter befinden sich das Turnierbuch Wilhelms IV. von Bayern, das sein Hofmaler Hans Ostendorfer illustriert hat, sowie die Kupferstich-Passion Albrecht Dürers. Es handelt sich um insgesamt 121 Bände, die sich sowohl aus Büchern als auch aus Sammelbänden von Einzelblättern zusammensetzen. In diesem Bestand bilden die der Kunst gewidmete Bibliothek und die graph. Sammlung vielfach eine Einheit. Die eigentl. Graphiksammlung verwahrte ein benachbarter Schubladenschrank. Darüber hinaus waren über den gesamten Ausstellungsbereich der Kunstkammer Bücher, Handschriften, Einblattdrucke und Landkarten verteilt. Zu diesen Exponaten gehörten das Kleinodienbuch der Hzg.in Anna von Bayern, das Gebetbuch von Lorenzo de’ Medici und der mixtek. Codex Vindobonensis Mexicanus 1. Seit Beginn des 17. Jh.s wurden die bes. kostbaren Handschriften und Drucke, die sog. "Zimelien", separat untergebracht. Die Münchner Hofbibliothek war seit ihrer Gründung zu Studienzwecken zugänglich. Maximilian I. erließ 1607 eine Instruktion, die den Büchererwerb, die Katalogisierung und die Zugangsbedingungen regelte. 1661 wurde eine Verordnung erlassen, die alle bayr. Buchdrucker zur Abgabe von Belegexemplaren an die Bibliothek verpflichtete. Der Katalog von 1654 bezeugt den ständigen Zuwachs an Bibliotheksmaterialien. Zu diesem Zeitpunkt waren 132 Landkarten, Fürstenportraits, Genealogien und Städteansichten aufgehängt. Weitere 150 Objekte dieser Art befanden sich in den Schränken. Außerdem standen 16 Himmels- bzw. Erdgloben im Raum. Auf Tischen waren mathemat. und astronom. Instrumente sowie sechs Stadtmodelle ausgestellt.

In der Dresdner Kunstkammer befanden sich 288 Bücher, die im Inventar von 1587 als "astronomische, astrologische, geometrische, perspektivische, arithmet. und andere Kunstbücher" verzeichnet werden. Zu letzteren zählten Werke der Architektur, Ikonographie, Geschichte und Geographie sowie Kupferstichkonvolute. Namentl. gen. sind zwei Schriften zur Perspektive von Wenzel Jamnitzer, 1568, und Hans Lencker, 1567. Schriften der Philosophie, Theologie und Poesie waren nicht vertreten. Präsentiert wurden die Bücher vorzugsweise in unmittelbarer Umgebung zu den Exponaten, deren Materie sie beschrieben. Die Kunstkammer war räuml. verbunden mit einer eigenständigen Bibliothek, die 1556 von Kfs. August gegr. worden war. Der erste Bibliothekskatalog von 1574 weist einen Bestand von 1.721 Bänden auf. Hierzu gehören Kartenwerke wie diverse Ausgaben der Geographia des Ptolemäus (1513-25), eine Landtafel von Tileman Stella und die Bairischen Landtaflen (1568) von Philipp Apian. Bis 1588 hatte sich die Anzahl der Bände auf 2.354 erhöht. Ein Vergleich der Kataloge von 1574, 1580, 1588 und 1595 zeigt einen starken Zuwachs an ital. Traktatliteratur zur Architektur und insbes. zum Fortifikationswesen, der parallel zu den kfsl. Bauunternehmungen verlief. Philipp Hainhofer gibt in seiner Beschreibung der Dresdner Bibliothek von 1629 vier Hauptabteilungen an. Die erste Gruppe umfaßt Werke der Jurisprudenz, Medizin und des Festungsbaus. In der zweiten folgen histor. Titel. Die dritte Abt. ist der Theologie gewidmet, wo sich u.a. eine illustrierte Bibel auf thüring. findet. Philosophie und Poetik bilden die vierte Gruppe. Zum Abschluß nennt Hainhofer Fecht- und Ringbücher, den Sachsenspiegel, einen Koran und weitere Werke in oriental. Sprachen.

Landgraf Wilhelm IV. von Hessen-Kassel richtete 1580 eine Bibliothek ein, die seinen Neigungen entspr. einen naturwissenschaftl. Schwerpunkt aufwies. Infolge der Aufhebung der hess. Kl. waren wertvolle Handschriften in den Kasseler Bestand gelangt. Landgraf Moritz verfolgte mit seiner Idee einer "Bibliotheca Architectonica" ein architekton. Kompendium mit enzyklopäd. Anspruch. Ziel war eine Dokumentation aller herrschaftl. Gebäude auf Reichsgebiet in Grund- und Aufrissen. 1594 gründete Moritz eine Hofdruckerei, die ausschließl. seine Auftragsarbeiten ausführen sollte. Dazu gehörten die von Wilhelm Dilich erstellten Festbeschreibungen und Chroniken wie die Hessische Chronica. Im Jahr 1633 wurde die Bibliothek aus dem Renthof in das Kunstkammergebäude überführt, so daß fortan eine räuml. Einheit gegeben war.

Die Bibliothek Hzg. Augusts zu Braunschweig-Lüneburg galt schon unter den Zeitgenossen als vorbildlich. August hatte bereits im Alter von sieben Jahren mit dem Sammeln von Büchern begonnen. Er bediente sich eines Agentennetzes, um seine Sammlung stetig zu erweitern. 1634 übernahm er die Regierung und residierte zunächst in Braunschweig. Nach Abzug der ksl. Truppen aus Wolfenbüttel bezog der Hzg. 1644 die dortige Res. und begründete im Marstallgebäude die Bibliotheca Augusta, für die er selbst das Stell-, Signaturen- und Katalogsystem konzipierte. Bei seinem Tod 1666 umfaßte die Sammlung ca. 30.000 Bände mit 135.000 Titeln. Sie waren in 20 Abteilungen untergliedert, die sich paarweise gegenüberstanden, z.B. Theologica und Juridica, Historica und Bellica, Politica und Oeconomia etc. Die zwanzigste Abt. galt den Manuscripta. Ein Kupferstich von Conrad Bruno bietet eine Innenansicht des Bibliotheksraumes. (#Abb. 2#) Hzg. August wird in einem seiner zwei Bibliothekssäle dargestellt. Im Zentrum des Raumes stehen ein Himmels- und ein Erdglobus. Zum einen bilden sie Herrschaftsattribute im Rahmen fsl. Repräsentation. Zum anderen, und in diesem Fall von größerer Relevanz, sind sie Symbole der weltumfassenden Bedeutung der Wissenschaften. Die Hand Augusts weist auf das an der Rückwand eines Regals angebrachte Motto: "Deo et Posteritati." Dieses Motto wurde für viele Bibliotheksabbildungen angewandt und besagt, daß wahre Weisheit in der Gotterkenntnis liege.

Die Bibliothek bildet einen "Kosmos des Wissens", und die in ihr angewandte Ordnung spiegelt die Ordnung der Schöpfung. In Anlage und Ziel ist die Bibliothek der enzyklopäd. Kunstkammer kongenial. Sie ist sowohl Komplement als auch Fokus der Kunstkammer.

Q. Francis Bacon, Two books of the proficience and advancement of learning, London 1605. – Beschreibung der Taflen und Mappen in der Churfrl. Dl. in Bayern [...] Bibliothec 1654 (BSB München, Cbm. Cat. 173). – Georg Braun/Franz Hogenberg, Liber quartus Contrafactur und Beschreibung von den vornembsten Städten der Welt, Köln 1590. – Claudius Clemens, Musei sive bibliothecae tam privatae quam publicae extructio, instructio, cura, usus, Lyon 1635. – Doering, Oscar: Des Augsburger Patriciers Philipp Hainhofer Reisen nach Innsbruck und Dresden, Wien 1901 (= Quellenschriften für Kunstgeschichte und Kunsttechnik des Mittelalters und der Neuzeit, NF Bd. 10). – Draud, Georg: Bibliotheca classica, Frankfurt a. M. 1611. – Johann Baptist Fickler: Inventarium oder Beschreibung aller deren Stückh und Sachen frembder und inhaimischer, bekanter und unbekanter, selzamer und verwunderlicher Ding, so auf ir Fürst. Dhtl. Herzogen in Bayern etc. Kunstcamer zu sehen und zu finden ist, angefangen den 5. Februarii Anno MDXCVIII (BSB München, Cgm 2133); ediert in: Transkription der Inventarhandschrift cgm 2133, hg. v. Peter Diemer in Zusammenarbeit mit Elke Bujok und Dorothea Diemer, München 2004. – Joseph Furttenbach, Architectura recreationis, Ulm 1640. – Conrad Gesner, Bibliotheca universalis sive catalogus omnium scriptorum locupletissimus, Zürich 1545. – Conrad Gesner, Pandectarum sive partitionum universalium, Zürich 1548. – Häutle, Christian: Die Reisen des Augsburgers Philipp Hainhofer nach Eichstädt, München und Regensburg in den Jahren 1611, 1612 und 1613, in: ZHVSN 8 (1881), S. 84-105. – Johann Heinrich Hottinger, Bibliothecarius quadripartitus, Zürich 1663. – Inventar des Nachlasses Erzherzog Ferdinands, 1888, XCI-CCCXIII. – Inventar der Kunstkammer zu Stuttgart, 1654. – Inventar der Kammergalerie Maximilians I., 1628. – Inventarium uber des Churfursten zu Sachsenn, 1587. – Inventarium Schmidlianum, 1670-1692. – Korrespondenzakten bezüglich Kunstsachen und Antiquitäten: Korrespondenzakten. – Kunstkammerinventar Kaiser Rudolfs II., Prag, 1607-1611, hg. v. Rotraud Bauer u. Herbert Haupt, in: JbKS 72 (1976), S. 1-140. – François La Croix du Maine: Desseins pour dresser une bibliothèque parfaite, Paris 1583. – Johann Daniel Major 1674. – Gabriel Naudé, Advis pour dresser une bibliothèque, Paris 1627. – Caspar Friedrich Neickel 1727. – Samuel Quiccheberg 1565.

L. Barocke Sammellust. Die Bibliothek und Kunstkammer des Herzogs Ferdinand Albrecht von Braunschweig (1636-1687), (Ausstell.kat.), hg. v. Jill Bepler, Weinheim 1988. – Auer, Alfred: Erzherzog Ferdinand II. (1529-1595). Renaissancefürst und Herr über Rüstkammern, Kunstkammer und Bibliothek auf Schloß Ambras, in: Natur und Kunst. Handschriften und Alben aus der Ambraser Sammlung Erzherzog Ferdinands II. (1529-1595), (Ausstell.kat.) hg. v. Eva Irblich, Wien 1995, S. 13-19. – Brunner, Herbert: Die Kunstschätze der Münchner Residenz, hg. v. Albrecht Miller, München 1977. – DaCosta Kaufmann 1998. – Fechner, Jörg-Ulrich: Die Einheit von Bibliothek und Kunstkammer im 17. und 18. Jahrhundert, dargestellt an Hand zeitgenössischer Berichte, in: Öffentliche und private Bibliotheken im 17. und 18. Jahrhundert: Raritätenkammern, Forschungsinstrumente oder Bildungsstätten?, hg. v. Paul Raabe, Bremen u.a. 1977, S. 11-31 (Wolfenbütteler Forschungen 2). – Hoppe 1994, S. 243-263. – Kaltwasser, Franz Georg: Die Bibliothek als Museum. Von der Renaissance bis heute, dargestellt am Beispiel der Bayerischen Staatsbibliothek, Wiesbaden 1999 (= Beiträge zum Buch- und Bibliothekswesen 38). – Lohmeier, Dieter: Die Gottorfer Bibliothek, in: Gottorf im Glanz des Barock, Bd. 1: Kunst und Kultur am Schleswiger Hof 1544-1713 (Ausstell.kat.), hg. v. Heinz Spielmann/ Jan Drees, Schleswig 1997, S. 325-347. – Menzhausen 2001, S. 91-99. – Scheicher 1979. – Schneider, Carola: Bibliotheken als Ordnung des Wissens (16.-18. Jahrhundert), in: Erkenntnis, Erfindung, Konstruktion. Studien zur Bildgeschichte von Naturwissenschaften und Technik vom 16. bis zum 19. Jahrhundert, hg. v. Hans Holländer, Berlin 2000, S. 143-161.

Evelyn Korsch



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