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Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich. Bilder und Begriffe.
Hg. von Werner Paravicini, bearb. von Jan Hirschbiegel und Jörg Wettlaufer.
Residenzenforschung 15 II, Teilbd. 1+2, Thorbecke Verlag, Ostfildern 2005.
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Pflanzen => Dr. habil. Heinz-Dieter Krausch, Potsdam


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1200-1450

1200-1450

An den Burgen und Schlössern des MA war aufgrund ihrer umfangr. Befestigungsanlagen der Platz knapp, so daß hier nur kleine Flächen für Ziergärten zur Verfügung standen. Auch die Zahl der damals vorhandenen Zierpflanzen war noch relativ gering. Bei diesen handelte es sich einmal um schönblühende Arten, die man aus der Umgebung in die Gärten geholt hatte, zum anderen um solche aus dem südl. Europa, welche seit dem Frühen MA auch in die Gebiete nördl. der Alpen gebracht worden waren. Ein anschaul. Bild eines spätma. Burggartens vermittelt uns das von einem oberrhein. Meister um 1410 gemalte "Paradiesgärtlein" (Städel Museum Frankfurt/M.). Es zeigt einen Rasenplatz mit Personen aus christl. Legenden, auf dem und an dessen Rande entlang einer Zinnenmauer eine Anzahl von Wild-, Nutz-und Zierpflanzen wachsen. An Zierpflanzen erkennt man: an in Mitteleuropa heim. Arten Märzenbecher, Maiglöckchen, Wiesen-Margerite, Gewöhnliche Akelei, Frühlings-Schlüsselblume, Gänseblümchen, Gamander-Ehrenpreis und Gefleckte Taubnessel, an südeuropä. Arten eine einfachblühende Echte Pfingstrose, Kleines Immergrün, Duft-Veilchen. Goldlack, gefülltblühende Gallische Rose, Weiße Lilie, Vexiernelke, Levkoje, Deutsche Schwertlilie und Gewöhnliche Stockrose oder Stockmalve (Erstnachweis für Dtl.!). Aus anderen Quellen läßt sich diese Liste um weitere Arten ergänzen, zu nennen wären vor allen noch Buchsbaum (hoher und niedriger), Ringelblume, Kornblume, Mutterkraut, Springwurz, Florentinische und Blaßblaue Schwertlilie, Feuer-Lilie, Korallen-Pfingstrose, Judenkirsche, Weiße Rose, Rosmarien, Dach-Hauswurz und Mariendistel. Die meisten dieser Arten wurden damals auch medizin. verwendet. Die von älteren Autoren vertretene Ansicht, in den ma. Gärten habe es überhaupt nur Nutzpflanzen , aber keine Zierpflanzen im heutigen Sinne gegeben, muß jedoch relativiert werden. Zweifellos hat man damals auch Freude an bunten Blumen gehabt und viele Pflanzen hauptsächl. ihres Zierwertes wg. in Gärten kultiviert. Hierfür sprechen u.a. auch die Übernahme von Rosen und Schwertlilie als Wappenbilder und die Verwendung des damals allein für die Garten-Rosen geltenden Namens "Rose" bei der Ortsnamengebung. Verschiedene ma. Pflanzen spielten auch eine Rolle in der christl. Symbolik, insbes. in der Marienverehrung, so die Rose ("Maria im Rosenhag"), die Weiße Lilie ("Madonnenlilie"), das Gänseblümchen ("Maßliebchen") und die Mariendistel; die Schlüsselblume galt als Attribut des Hl. Petrus ("Petersschlüsselschen").

1450-1550

In diesem Zeitraum wuchs die Zahl der in Mitteleuropa kultivierten Zierpflanzen um etwas mehr als das Doppelte an, wobei die meisten der neuen Arten wie bisher aus dem mitteleuropä. Raum selbst und aus dem Mittelmeergebiet kamen. Gegen Ende des Zeitraumes trafen aber auch schon einzelne Zierpflanzen aus Indien (Garten-Balsamine, Federbusch-Celosie) sowie aus Amerika (Niedrige und Hohe Studentenblume) ein.

Im 15. Jh. war v.a. die Ankunft der Garten-Nelke von Bedeutung. Wahrscheinl. erst im MA im südl. zentralen Mittelmeergebiet als Naturybride dort heim. Wildarten entstanden, verbreitete sie sich zunächst in Italien. Victor Hehn bezeichnete sie geradezu als "Blume der italienischen Renaissance". Alsbald kam sie auch nach Mittel-und Westeuropa. Hier war sie zunächst noch eine recht seltene und kostbare Blume und ihr Besitz auf die Oberschicht der damaligen Zeit beschränkt. Auf Bildnissen von Adligen und begüterten Kaufleuten erscheint sie daher vielfach als eine Art Statussymbol, so z. B. auf Gemälden von Jan van Eyck (1350-1441), Lucas van Leyden (1494-1533) und Hans Holbein d. J. (1497-1543). Alsbald wurde die Garten-Nelke auch zu einem Symbol der Liebe und Zuneigung und wurde als solches gern auf Verlobungs-und Hochzeitsbildern des 15. und 16. Jh.s dargestellt, z. B. auf dem Verlobungsbild des Ladilaus Postumus und der Magdalena von Frankreich. Auf den bildl. Darstellungen ist zugl. zu erkennen, daß die ursprgl. einfachen roten Nelken mehr und mehr durch gefüllte Formen auch in anderen Rottönen sowie in Weiß abgelöst wurden; so zierte den Kopf des sächs. Kfs.en Johann des Beständigen auf einem 1526 von Lucas Cranach d.Ä. gemalten Bild bereits ein Kranz roter gefüllter Nelken. Die damaligen Nelken-Sorten waren jedoch noch wenig standfest und winterhart, so daß man sie in oft kunstvoll verzierten und mit einem Stützgerüst aus Bogengerten versehenen Töpfen kultivierte, welche im Sommer im Freien aufgestellt wurden, im Winter aber in frostfreie Räume kamen. In der Mitte des 16. Jh.s war die Garten-Nelke dann bereits häufig und von einer Blume der Regierenden und Reichen zu einer Blume des Volkes geworden.

1550-1650

Diese Zeit brachte für die Gartenflora Mitteleleuropas erhebl. Veränderungen. Einmal entstanden an den vielfach modernisierten oder neuerbauten Residenz- und Lustschlössern größere, im Stil der ital. Renaissance angelegte Lustgärten, welche den Zierpflanzen bedeutend mehr Platz boten. Zum anderen verstärkte sich der Zustrom neuer Arten, und zwar nicht nur aus Südeuropa, sondern nunmehr auch aus Amerika und aus dem Vorderen Orient.

Aus dem südl. Europa gelangten jetzt u.a. Kronen-Anemone, Löwenmaul, Marien-Glockenblume, Kronen-Margerite, Garten-Feldrittersporn, Bart-Nelke, Schneeglöckchen, Schleifenblume, Bunte Schwertlilie, Garten-Geißblatt, Traubenhyazinthen, Narzissen, Milchsterne, Buntschopf-Salbei, Weinbergs-Tulpe und Großes Immergrün in die Gärten Mitteleuropas. Aus Amerika kamen bereits im 16. Jh. außer den Studentenblumen auch Abendländischer Lebensbaum, Blumenrohr (Canna), Wunderblume, Garten-Fuchsschwanz, Sonnenblume , Perlkörbchen und Dreimasterblume. Als Zierpflanze wurde damals auch eine aus Venezuela stammende Sorte der Kartoffel mit großen violetten Blüten angepflanzt, z. B. im fürstbfl. Garten zu Eichstätt. In der 1. Hälfte des 17. Jh.s folgten aus dem östl. Nordamerika Kanad. Goldrute, Nachtkerzen, Kardinals-Lobelie, Schlitzblättriger Sonnenhut und als erste Staudenaster die Herzblättrige Aster, aber auch Wilder Wein, Trompetenwinde und Essigbaum. Aus türk. Gärten gelangten, teils durch den ital. Levantehandel, teils durch ksl. Gesandte, neben Flieder und Roßkastanie auch einige schönblühende Zwiebel-und Knollenpflanzen wie Tulpe, Kaiserkrone, Hyazinthe und Ranunkel nach Mitteleuropa und wurden hier zu zwar teuren, aber begehrten und viel bewunderten Prachtpflanzen der Lustgärten. Der nunmehr einsetzenden Bau von Orangerien ermöglichte die Kultur frostempfindl. Kübelpflanzen wie Zitrusgewächse, Lorbeer und anderer mediterraner immergrüner Sträucher auch im winterkalten Mitteleuropa. Zu diesen Orangeriepflanzen zählte auch die Mitte des 16. Jh.s aus Mexiko nach Europa gekommene Amerikanische Agave. Ihre hierzulande äußerst seltenen Blühereignisse erregten in der Öffentlichkeit stets ein lebhaftes Interesse und wurden oftmals durch Druckschriften, Abbildungen und Münzprägungen gewürdigt. Anlage und Pflege dieser Lustgärten lagen nunmehr in den Händen hochqualifizierter Gärtner, wie z. B. dem fsl. braunschweig. Hofgärtner Johann Royer in Hessen bei Wolfenbüttel. Einige Fs.en haben auch bekannte Botaniker dieser Zeit als Kuratoren ihrer artenreichen Lustgärten bestallt; so betreute Pierandrea Mattioli (1500-77) zeitw. die kgl. Gärten in Prag und Carolus Clusius (1526-1609) einige Jahre hindurch die ksl. Gärten in Wien, während Johann Sigismund Elsholtz von 1657 bis zu seinem Tode 1688 Präfekt der kfsl. brandenburg. Lustgärten in Berlin, Potsdam und Oranienburg war.

Verschiedentl. ließen Fs.en den Pflanzenbestand ihrer Lustgärten durch Künstler in Abbildungswerken und Florilegien festhalten, so der Fürstbf. von Eichstätt in dem 1613 zum Druck gelangten "Hortus Eystettensis" oder der Hzg. von Schleswig-Holstein in dem unveröffentlicht gebliebenen "Gottorfer Codex".

L. Krausch, Heinz-Dieter: Kaiserkron und Päonien rot. Entdeckung und Einführung unserer Gartenblumen. München und Hamburg 2003. – Scheliga, Thomas: Schloss und Lustgarten in Hessen am Fallstein, Diss. Univ. Heidelberg 2002 [Online Veröffentlichung 2004: urn:nbn:de:bsz:16-opus-44609]

Heinz-Dieter Krausch



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