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Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich. Bilder und Begriffe.
Hg. von Werner Paravicini, bearb. von Jan Hirschbiegel und Jörg Wettlaufer.
Residenzenforschung 15 II, Teilbd. 1+2, Thorbecke Verlag, Ostfildern 2005.
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Ballhaus => Cees de Bondt, GM Den Haag


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Frühe Humanisten wie Guarino da Verona und Vittorio da Feltre waren von der antiken Tradition (Galen: de parvae pilae exercitio) der Leibesübungen inspiriert

Frühe Humanisten wie Guarino da Verona und Vittorio da Feltre waren von der antiken Tradition (Galen: de parvae pilae exercitio) der Leibesübungen inspiriert. Insbes. gefiel ihnen das sphaeristerium (vgl. Wingfields Sphairistikè für Rasentennis), der ummauerte Tennisplatz, mit dem auch die meisten luxuriösen röm. Villen ausgerüstet gewesen waren. Alte Quellen scheinen von einer Halle oder einem Raum zu sprechen, der diesem Zweck diente, anscheinend mit einem Mosaikfußboden ausgestattet und viell. auch beheizt. In der zweiten Hälfte des 15. Jh.s wurden die speziell gebauten Hallen der berühmten Familien der Sforza, Medici, Este, Gonzaga und Montefeltro Orte der Wiederbelebung der antiken Ballspiele. Im Verlauf des sechzehnten Jh.s verfestigte das Tennisspiel seine Regeln und wurde die populärste körperl. Übung, die an den fsl.en Höfen in Europa geübt wurde. Johann Friedrich Penther bietet im vierten Band seiner Ausführliche Anleitung zur Bürgerlichen Bau-Kunst (1748) einen Einblick in das alte Geschichte des Tennisspiels und die charakterist. Elemente des höf. Ballsports: "Das Ballspiel [...] ist nichts neues, sondern wir finden schon in der alten Griechen Palaestris die Corycea, in des Plini Land-Guthe Laurentino das Sphaeristerium […]. Das des Plini Sphaeristerium gewiss ein Ball-Haus, oder ein zum Ballspiel gewidmetes Behältnis gewesen, erhellet aus Plini Auslegungen selbst …". Penther führt in seiner Beschreibung der Ballhausarchitektur des weiteren aus: "denen heut zu Tage üblichen Ball-häusern hat der Architect eben so gar viel nicht zu thun, wenn die gehorige Länge, Höhe und die Einrichtung der Decke in acht genommen wird […] dass das Ball-haus in Lichten 90. bis 100. Fuss lang sey, die Breyte ist allemahl der dritte Theil der Länge, also 30. Fuss Breyte bey 90. Fuss Länge, und 33 ⅓ Fuss Breyte bey 100 Fuss Länge. Die Höhe bis an die Decke kan 40. Fuss, auch wohl etwas weniges drüber oder drunter seyn .." (Penther 1748, S. 101). Bereits einige Jahrzehnte vor Penther hatte ein anderer dt. Architekt, Leonhard Christoph Sturm, in seiner Vollständige Anweisung / Grosser Herren Palläste (1718, in einem speziellen Abschnitt über Ballhäuser) die grundlegende architekton. Formen, basierend auf der seit dem 16. Jh. verfestigten Regeln für das Tennisspiel, beschrieben. Da sich die Anlage der Tenniscourts kaum seit der Mitte des sechzehnten Jh.s geändert hatte, kopierten Sturm und Penther in ihren architekton. Abhandlungen prakt. die Pläne des Antonio Scaino, der diese im ersten Buch seiner Tennisrichtlinien: Trattato Del Giuoco della palla (Venezia 1555) vorgegeben hatte. Scaino hatte Pläne von zwei verschiedenen Anordnungen in seine Abh. eingeschlossen: das steccato minore, die kleinere Kategorie mit Galerien an zwei Wänden und das steccato maggiore mit drei Galerien. Penther in seiner Ausführlichen Anleitung entschied sich für eine Kombination dieser beiden Typen. Seine Ballhausskizzen und Pläne (Abb. LXXXVI) zeigen einen großen Court (100 x 33,5 Fuss) mit Galerien an zwei Wänden.

Es gibt keinen Hinweis auf frühe Formen von Tennis in Dtl. vor dem 15. Jh.. Erst durch ein Manuskript aus der Zeit um 1450, Eyn suuerlich boich van bedudynge des kaetschens wird deutlich, daß eine einfache Form von Straßentennis zu dieser Zeit im Rheinland gespielt wurde. Der Autor dieser im Kölner Dialekt geschriebenen Abh., ein Mönch, der zu den "Cruitzbroederen bynnen Coelnen" gehörte, hatte ein Manuskript fläm. Ursprungs übersetzt, näml. Het Kaetspel Ghemoralizeert von 1431. Es ist in der Form einer Allegorie geschrieben und vergleicht das Tennisspiel mit dem Ausüben des Gesetzes an einem Gerichtshof. Der moral. Beweggrund für das Übersetzen der Arbeit muß die Tatsache gewesen sein, daß in der Mitte des 15. Jh.s ein dem fläm. Kaetsen ähnl. Spiel in den Straßen von Köln gespielt wurde. Der Text dieses Manuskriptes verdeutlicht, daß es zu dieser frühen Zeit kein speziell gebautes Ballhaus gab in dem gespielt wurde, sondern nur ein passende Absperrung, in dem man dem Ballspiel nachgehen konnte. Eine Voraussetzung war jedoch wesentlich: der Spielbereich erforderte ein Dach an der Längsseite des Platzes, über das der Ball zur anderen Seite gespielt werden konnte. Dieses schräge Dach, mit eingezogenen Galerien darunter, sollte eine andauernde Eigenschaft des Tennisplatzes bleiben.

Archival. Quellen des sechzehnten Jh.s haben die ersten Hinweise auf speziell gebaute Tennisplätze in West- und Norddeutschland ans Licht gebracht. Ein bes. frühes Beispiel (1517) ist eine Aufzeichnung von einem "Junker" Christoph in Jever, der nach einem Tennismatch mit einem anschließenden Trinkgelage starb. Aus dem Jahre 1562 gibt es eine Aufzeichnung über eine Katzbahn in Köln, die den offensichtl. Einfluß der Niederlande auf die Entwicklung in Dtl. noch unterstreicht. Die beiden Beispiele, die bis jetzt gegeben wurden, waren dt. kommerzielle Tennisplätze. In Süddeutschland scheint das Tennisspiel v.a. aristokrat. Natur gewesen zu sein. Hier leitete der Name, der für das Spiel sowie für den Platz verwendet wurde, offenbar aus Italien ab.

Die ersten Beispiele fsl.er Tennisplätze finden sich in Wien, in dem der Ks. Ferdinand ich ein Ballhaus hatte, das schon in 1525 in der Nähe des Schlosses errichtet wurde. Es fiel bald einem Feuer zum Opfer, und ein Jahr später wurde ein neues Ballhaus prakt. am gleichen Ort errichtet. Der Bau eines anderen ksl.en Platzes in Wien folgte um 1550. Dieses Ballhaus war von dem oben beschriebenen größeren Typus (ungefähr 32 x 12 Meter, im Vergleich mit 20 x 8 Metern für den älteren Typus) und wurde im Verlauf des 16. Jh.s errichtet, um für die zunehmende Zahl Spielern zu sorgen, die nun anfingen, den Gebrauch des Schlägers beim Spiel zu bevorzugen. Dieses Werkzeug ermöglichte ihnen den Ball stärker und weiter zu schlagen, Daraus resultierte zwingend eine Vergrößerung des Platzes. Dem Namen nach zu urteilen hatten die dt. Fs.en das Spiel in Norditalien, wo der Hzg. von Mailand Galeazzo Maria Sforza in seinem Castello Sforzesco in Mailand schon 1474 einen Sala della Balla besaß, kennen gelernt und von dort importiert. Auch der dt. Name für Tennis, Ballspiel, kann vom ital. gioco della palla abgeleitet werden.

Die dt. Hzg.e und die Gf.en interessierten sich für das Spiel jedoch erst verhältnismäßig spät, da sie es vorzogen, sich in populärem ma.-milit. Sport wie Jagd und Turnier zu üben. Ein bes. früher Tennisbegeisterter war der junge Prinz Wilhelm V. aus dem Hause Wittelsbach. Wilhelm verbrachte den größten Teil seiner Zeit zw. 1568 und 1579 , bevor er seinem Vater Albrecht als Hzg. von Bayern nachfolgte, auf der Burg Trausnitz nahe Landshut. Die folgenden Zeugnisse seiner Neigung für das Tennisspiel können als deutl. Reflex der Popularität dieses Ballspiels dienen, die es an den dt. Fürstenenhöfen zw. 1570 und 1650 zu erzielen vermochte. In einem Brief vom Juli 1568 bat der Junge Wilhelm seinem Vater um "kleines Ballhaus". Der Tennisplatz war ordnungsgemäß konstruierte "mit geringen Kosten wußte man das Bräuhaus umzubauen". Ehzg. Albrecht bedauerte bald seine Erlaubnis den Platz errichten zu dürfen, weil "Wilhelm treibe es mit seinem unzeitigen, täglichen Ballschlagen bis zum Excess ...". Wilhelm versuchte seinen Vater zu beruhigen, indem er ihm mitteilte, daß er nur drei oder viermal pro Woche Tennis spiele und daß sein Arzt das Ballspiel für eine gesunde Übung für ihn hielte. 1577 war Wilhelm weiterhin ein fleißiger Tennisspieler, wie aus einem Brief des Hofsekretärs Stefan Schleich zu ersehen ist, der ein ganz bes. Projekt für einen neues Ballhaus erwähnt: 1577 läßt Wilhelm sich von Innsbruck ein ganzes Ballhaus kommen, das in Gegenwart von Fachleuten aufgestellt wird, damit diese die Konstruktion sich merken können, das man dann aber wieder zerlegt, wohl um es zurückzuschicken (Baader 1943, S. 67-71). Hans Georg Ernstiger in seinem Raisbuch (1612) berichtet von drei Tenniscourts in Innsbruck, vermutl. konstruiert unter Ehzg. Ferdinand II, als dieser 1567 seine Res. von Böhmen nach Innsbruck verschob. Einer von ihnen Muß dem Wunsch Wilhelms nach einem eigenen Ballhaus auf der Burg Trausnitz zum Opfer gefallen sein. Sobald Wilhelm V. seinem Vater 1579 in der Regierung folgte und seinen Wohnsitz in die Münchener Res. verlegt hatte, ließ er ein Ballhaus errichten. Ein Plan der Res. aus dem 18. Jh. kennzeichnet den rechteckigen Platz als Ort für das Jeu de Paume.

Um 1600 gab es in Dtl. ca. 20 Tennisplätze, die in die sich hauptsächl. in fsl.en Res.en befanden. 1650 können wir schon mind. 80 fsl.e Ballhäuser zählen. Keines der dt. Ballhäuser ist heute noch erhalten.

Q. Anleitung zur Bürgerlichen Bau-Kunst / Worin von publiquen weltlichen Gebäuden, als von Fürstlichen Residenz-Schlössern samt darzu gehöhrigen Neben-Gebäuden […] entworffen von Johann Friedrich Penther, Augsburg 1748. – Antonio Scaino: Trattato Del Giuoco della palla, Venedig 1555 (ND Urbino 2000). – Vollständige Anweisung/ Grosser Herren Palläste starck/ bequem/ nach den Reguln der antiquen Architectur untadelich/ und nach dem heutigen Gusto schön und prächtig anzugeben [...] durch Leonhard Christoph Sturm, in: Der auserleßneste und Nach den Regeln der antiquen Bau-Kunst sowohl als nach dem heutigen Gusto verneuerte Goldmann, Als der rechtschaffenste Bau-Meister, oder die gantze Civil-Bau-Kunst [...] Goldmann, Nicolaus, Teil 4 Augsburg 1718.

L. Baader, Berndt: Der bayrische Renaissancehof Herzog Wilhelms V., Leipzig 1943, S. 67-71. Bauer, Günther G.: Das f.e. Salzburger Hofballhaus 1620/25-1775, in: Homo Ludens. Der spielende Mensch Bd. 6 (1996) S. 107-148. – Gillmeister, Heiner: Kulturgeschichte des Tennis, München 1990. Gillmeister, Heiner: Das deutsche Ballhaus, Bonn 1993 (17 S. unveröff.). – Kühr, Hedwig: Die Geschichte der Ballhäuser in Frankreich und Österreich. Seminararbeit an der Bundesanstalt für Leibeserziehung, Wien 1938 (138 S.). – Mehl, E.: Prager und Wiener Erinnerungen und das Ballhausspiel,. in: Olympische Rundschau 15 (1941), 12-23. – Nail, Norbert: ... ganz ruinieret und zum Ballspielen untauglich gemacht. Zur Geschichte des Marburger Ballhauses, in: Sprache und Text in Theorie und Empirie. Beiträge zur germanistischen Sprachwissenschaft. Festschrift für Wolfgang Brandt, hg. von Claudia Mauelshagen und Jan Seifert, Stuttgart 2001, S. 209-221 (Zeitschrift für Dialektologie und Linguistik. Beihefte; 114) [überarbeitete Fassung 2004 unter http://staff-www.uni-marburg.de/~nail/pdf/ballhaus.pdf am 11.04.2005]. – Streib, Wilhelm: ‘Die Geschichte des Ballhauses’, in: Leibesübungen und körperliche Erziehung, (1935) Nr. 18, S. 373-382.

Cees de Bondt [trad. J.W.]



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