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Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich. Bilder und Begriffe.
Hg. von Werner Paravicini, bearb. von Jan Hirschbiegel und Jörg Wettlaufer.
Residenzenforschung 15 II, Teilbd. 1+2, Thorbecke Verlag, Ostfildern 2005.
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Devisen und Embleme => Dr. Martin Wrede, Gießen


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Auf dem Feld der höfisch-polit

Auf dem Feld der höfisch-polit. bzw. Herrschaftssymbolik bilden Devise und Emblem eine nicht aufhebbare Einheit: Die reine Wortdevise als Sinnspruch (Motto) wird ergänzt durch ein korrespondierendes Sinnbild (Pictura) und gewinnt dadurch nicht nur an Suggestivität, an Einprägsamkeit oder an Ausstrahlung, sondern Motto und Pictura gemeinsam konstituieren erst den eigentl. Sinnzusammenhang. Vereinfachend und bes. der frz. Tradition folgend, werden infolgedessen die aufeinander bezogenen Teile, Motto und Pictura bzw. âme und corps, unter den Begriff einer Wort wie Bild einschließenden Devise gefaßt. – Diese Devisenkunst ist dabei nur ein Teilbereich jener frühneuzeitl. "Emblematik", die als eine gleichermaßen von antiker Epigrammatik, ma. Symbolik und Hieroglyphenkunde der Renaissance inspirierte literar. Kunstform visueller Poesie in ihrer Gesamtheit und Komplexität über die Sphäre der höf. bzw. Herrschaftsrepräsentation weit hinaus reichte.

Devisen waren "persönlich", bezogen sich auf ein Individuum, zuweilen jedoch auch auf eine Gemeinschaft, namentl. Ritterorden, und anders als das Wappen waren sie daher in der Regel selbstgewählt. Das möglichst konzise Motto wie auch das korrespondierende Bildmotiv sollten Individualität und ein moralisches, sehr wohl auch polit. Selbstverständnis des Trägers zum Ausdruck bringen. Anders als in der allgemeinen Emblematik geschah dies zumeist in verschlüsselter, nicht selten spieler. Form, war bestimmt und zu verstehen nur für jene, die an der höf. Welt des SpätMA und der Frühneuzeit teil hatten. Die Motive konnten etwa heroisch, durchaus aber auch erot. konnotiert sein. Devisen waren also Erkennungszeichen wie Erinnerungsmittel, dienten der Distinktion und Notorietät ihrer Träger. Anwendung fanden sie einerseits im höf. Fest, bes. bei Turnier und Carrousel in Form von Turnierdevisen der verschiedenen Teilnehmer, andererseits in der monarch. Repräsentation als exklusive Herrscherdevise des regierenden Fs.en, als Manifestierung seines Herrschafts- und Besitzanspruchs auf Kleidung (Livreen), Münzen oder Bauwerken aller Art.

1300-1450

Trotz einzelner älterer Spuren ist das Aufkommen der Devisenmode ein Phänomen erst des 14. Jh.s, verortet zunächst in England und Frankreich. Am Hof des ebenso kulturell wie polit. ambitionierten engl. Kg.s Eduard III. aus dem Hause Plantagenêt, Prätendent auch auf den frz. Thron und als solcher Initiator des Hundertjährigen Krieges, kamen zunächst Turnierdevisen auf, die sich rasch großer Beliebtheit erfreuten, da sie, mehr als die Präsentation von Name, Wappen und Titel, dem einzelnen Turnierteilnehmer die Möglichkeit zu individueller Selbstdarstellung und Profilierung gaben. Der Kg. stiftete eine weitere Tradition, indem er auch dem von ihm gegründeten Ritterorden des "Garter" (Hosenbandorden) eine Wort und Bild umfassende Devise beigab – das bis heute gültige, auf dem namengebenden blau-goldenen Knie- bzw. "Hosenband" angebrachte "Honni soit qui mal y pense" (#Abb. 1#). Die höf. und polit. Konkurrenz zw. Plantagenêt und Valois besorgte in der zweiten Jahrhunderthälfte die Verbreitung der Turnier- und Ordensdevisen in Frankreich; höfisch-politische, in diesem Falle verwandtschaftl. Beziehungen der frz. Krone nach Dtl. (Bayern) und Norditalien, im letzteren Falle zudem die frz. Italienzüge des späteren 15. Jh.s, ließen Devisen auch dort Eingang finden und Beliebtheit gewinnen.

1450-1550

Einen bes. Höhepunkt fand die Devisenmode bekanntermaßen am Hof der Valois-Hzg.e von Burgund, während sie in Frankreich selbst, am Hof des als eigtl. "unhöfisch" geltenden Ludwigs XI., vorübergehend außer Gebrauch kam. Unter dessen chevalereskeren Nachfolgern, Karl VIII., Ludwig XII. und Franz I., wurde jedoch mit dem Turnierwesen auch die Verwendung von Devisen neu aufgenommen, mit großem Nachdruck und Aufwand nicht zuletzt die der Herrscherdevise. Das Stachelschwein Ludwigs XII. (Cominus et eminus) – eines der Beispiele für eine "ererbte", bewußt fortgeführte Devise – und der Salamander Franz I. (Nutrisco et extinguo) propagierten und untermauerten die Herrschaftsansprüche dieser jeweils aus Seitenlinien zur Regierung gelangten Monarchen, die ihre mehr oder weniger unverhofft erworbenen Kronen durch Verkündung ritterl. Streithaftigkeit zu glorifizieren suchten. Im römisch-dt. Reich waren Turnierdevisen lange nicht zur gleichen Popularität gelangt, wie im westl. Europa (von den formal zum Reich gehörigen Niederlanden abgesehen), da, zum einen, hier bis auf weiteres der für alle Reichsteile zugängl. und attraktive zentrale herrscherl. Hof fehlte, der etwa Normen setzen und Kommunikation hätte herstellen können, da auch, zum anderen, von Seiten der regionalen Turniergesellschaften zum Zwecke des Adelsnachweises an Aus- und Kennzeichnung der Teilnehmer durch ihre Familienwappen festgehalten wurde. Den Ritterorden nicht unähnl. führten aber die Turniergesellschaften in corpore sehr wohl eigene Devisen. Im Reich setzten diese sich im höf. Umfeld seit dem späten 15. Jh. dann allmähl. auch "individuell" allg. durch, namentl. seit Maximilian I., während gleichzeitig die Turniergesellschaften an Bedeutung verloren und schließl. ganz verschwanden, die Adelswelt des Reiches also zunehmend vom Prozeß der "Verhofung" erfaßt wurde. Als Herrscherdevise war bereits von Maximilians Vorgänger, Ks. Friedrich III., für das Haus Österreich erstmals das "Vokalspiel" AEIOU geführt worden – ausgedeutet als Austria est imperare orbi universo –, jedoch als reine Wortdevise. Erst mit dem durch burgund. Abstammung und Erziehung geprägten Karl V. gelangte in Dtl. eine Wort und Bild vollgültig vereinende Herrscherdevise zu Wahrnehmung und Wirkung, nicht zuletzt deshalb, weil diese nun auch im neuen Druckmedium verbreitet werden konnte: Es handelte sich um das an die zwei Säulen (des Herkules) geknüpfte, die weltumspannende, die Weltordnung stützende Herrschaft dieses Ks.s bezeichnende Plus ultra (#Abb. 2#) – eine ebenso hochgemute wie eingängige Symbolik, die in der Folge von Elisabeth I. bis hin zu Wilhelm III. von den in ihrer Selbstauffassung "kaisergleichen" engl. Monarchen aufgenommen und nachgeahmt werden sollte.

1550-1650/1750

Trotz der von der histor. Forschung gerade an den Höfen Elisabeths I. und der frühen Stuarts ausgemachten Ritter-Renaissancen entstammt die zeitgenöss. wie historiograph. bekannteste, am breitesten diskutierte, auch umstrittenste und so wohl bedeutendste Devise allerdings dem frz. Kontext erst der zweiten Hälfte des 17. Jh.s: es ist die "Sonnendevise" Ludwigs XIV., die der Kg. seit 1656 führte, seit 1661 mit dem Wahlspruch Nec pluribus impar [Abb 3]. Die reine Bilddevise übertraf in diesem Fall die Wortdevise an Einprägsamkeit wie Bekanntheit, wurde zum Signum dieses Monarchen und seiner Herschaft. Die ludovizian. "Sonne" und das Motto waren in noch deutlicherer Weise "emblematisch umkämpft" als das Plus ultra und die "Säulen" Karls V., da die Sonnensymbolik bereits von den frz. Valois-Herrschern, v.a. aber den span. Habsburgern und auch Ks. Leopold I. als Ludwigs direktem Rivalen benutzt worden war bzw. weiterhin benutzt und als Sinnbild höchstrangiger imperialer Herrschaft beansprucht wurde. Zugl. hielt der frz. Hof mit großem Nachdruck und unvergleichl. Aufwand an der Sonnendevise fest: Im letzten und größten öffentl. Carrousel der frz. Monarchie von 1661 wurden sämtl. Teilnehmerdevisen von der "Sonne" des Kg.s abgleitet, betrachtet gleichsam als bloße reflèts du soleil – eine Manifestation von Pracht wie von Macht, die nicht mehr steigerbar war. Wiewohl also der Hof und die höf. Feste des jungen Ludwig XIV. einen neuen Höhepunkt der Devisenmode brachten, der in Carrousels und Reiterspielen ausgiebig gehuldigt wurde, so wird doch in der Dominanz des Sonnensymbols und der davon bewirkten offenkundigen Kanalisierung der schöpfer. Phantasie eine allmähl. inhaltl. Petrifizierung deutlich. Ihr Ende fand die Devisenkunst aber gemeinsam mit der Emblematik und dem "emblematischen Zeitalter" (Herder) erst in der Mitte des 18. Jh.s, als beide aus aufklärer. Sicht vielfach nurmehr für unvernünftig, unverständlich, undurchsichtig galten – ein überholtes Zeichensystem und eine überwundene Herrschaftssymbolik.

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Martin Wrede



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