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Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich. Bilder und Begriffe.
Hg. von Werner Paravicini, bearb. von Jan Hirschbiegel und Jörg Wettlaufer.
Residenzenforschung 15 II, Teilbd. 1+2, Thorbecke Verlag, Ostfildern 2005.
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Kasten/Truhe => Dr. Brigitte Langer, München


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1200-1450

1200-1450

Zu den ältesten und wichtigsten Möbeltypen des MA zählt die Truhe. Als geräumiges, verschließbares und vielseitig verwendbares Behältnismöbel war sie von Beginn an Gebrauchsmöbel im Wirtschaftsbereich ebenso wie im herrschaftl. Wohnraum, konnte – in der Größe variabel und mit Tragegriffen versehen – auf Reisen mitgeführt werden und erhielt als Hochzeits- oder Brauttruhe repräsentative Bedeutung. Eine Fülle spätma. Truhen hat sich erhalten und als Möbel in Stube und Schlafkammer ist die Truhe im Gegensatz zum Kasten oder Schrank auf zahlreichen Darstellungen überliefert. Oftmals geöffnet dargestellt, zeigt sie das darin Verwahrte, das mittels überlieferter Quellen präzisiert werden kann: Wäsche und textiles Hausgerät, Kleidung, Urk. sowie Geld und Wertgegenstände wie z.B. Schmuck, letztere wiederum in Beuteln und Schachteln zusammengefaßt.

Aus der archa. Urform der ausgehöhlten Einbaumtruhe des frühen MA entwickelte sich die aus Bohlen roh gezimmerte Kiste, die durch schwere Eisenbänder sicher und stabil zusammengehalten wurde. Gegen 1200 wurde sie von der aus Brettern gefertigten Truhe abgelöst, die sich in Form der massiv eichenen Stollentruhe bis ins 16. Jh. hinein behauptete, während sich parallel dazu seit dem 15. Jh. die aus Weichholz in Rahmenbau gefertigte Kastentruhe auf hohem Sockel etablierte.

Die Truhe wurde in der Regel an der Wand aufgestellt, da der Truhendeckel in geöffnetem Zustand ein Anlehnen erforderte. Deshalb sind nur eine Längsseite als Schauseite sowie die Schmalseiten bes. gestaltet, die Rückseite zeigt das rohe Konstruktionsholz. Häufig sieht man die Truhe auch an Stirn- oder Längsseite des Bettes aufgestellt oder mit einem Tuch abgedeckt zum Sitzmöbel oder Tisch umfunktioniert, weshalb der flache dem gewölbten Truhendeckel vorgezogen wurde. Durch die als Stützen herabgezogenen Stollen war der vom Boden abgehobene Truhenkasten vor dem Eindringen von Feuchtigkeit geschützt, später ersetzte ein hoher Sockel, auf den der Kasten lose aufgesetzt ist, diese Funktion und erleichterte zugl. die Benutzbarkeit des niedrigen Möbels. Zur Innenausstattung gehörte obligator. zumindest eine fest installierte Beilade an der Schmalseite, die als weniger tiefer Kasten mit eigenem Deckel der Unterbringung kleinerer Gegenstände diente. Um das Aufbewahrte besser zu organisieren, waren häufig auch weitere Innenfächer vorhanden, so anschaul. zu sehen auf dem Gemälde "Geburt Johannes des Täufers" von Jan van Eyck (Miniatur aus dem "Turin-Mailänder Stundenbuch", um 1415-17, Turin, Museo Civico d’Arte Antica).

Die schweren Eisenbeschläge erfüllten wichtige Funktionen: um den Kasten gelegte Eisenbänder stabilisierten die Konstruktion und machten die Truhe – v.a. im weniger geschützten Wirtschaftsbereich – schwer und damit diebstahlsicher, das große schmiedeeiserne Schloß sicherte den Inhalt, die Griffe dienten dem Transport. Zugl. waren die Beschläge aber auch Schmuckelement, anfangs als schlicht gereihte, durch Nietnägel instrumentierte Bänder (Truhe, Heidelberg, Kurpfälz. Museum), dann zunehmend der zeitgenöss. Ornamentik der Spätgotik unterworfen und mit Rosetten, Blattwerk oder Lilienendungen kunstvoll geschmiedet.

Überhaupt wurde der Truhe als im Wohnraum fest installiertem Möbel am frühesten mit Zierrat bes. Bedeutung verliehen. So konnte der Kasten mit figürl. Szenen, ornamental oder mit Elementen der Bauplastik wie Spitzbogen und Maßwerk in flachem Relief beschnitzt sein. Im 15. Jh. war im N und W das mit dem Hobel hergestellte Faltwerk beliebter Zierrat der Truhenfronten, während sich im S motiv. Holzeinlegearbeiten durchsetzten. Im Schmuck- und Materialreichtum der Hölzer und Beschläge wurde an prominentem Standort der materielle Wert des Truheninhalts und damit der Rang des Besitzers zum Ausdruck gebracht. Als reich verzierter, mit den Familienwappen versehener Brauttruhe, in der die Mitgift verwahrt wurde, kam ihr im Rahmen der öffentl. Einholung der Braut zudem ein besonderer ideeller Wert zu.

Im Gegensatz zur Truhe ist der hochformatige, mit Türen versehene Kasten oder Schrank kaum auf bildl. Darstellungen überliefert, was mit seiner anfängl. Nutzung als reinem Wirtschaftsmöbel und seiner daraus bedingten Aufstellung auf Gängen und in Nebenräumen zusammenhängt. In die Wohnräume der Herrschaft fand er aufgrund seiner schweren, ungeschlachten Form und seiner eher dem dienenden Personal zugeordneten Verwahrfunktion keinen Eingang. Überwiegend ist der Schrank, dessen früheste Exemplare aus dem frühen 13. Jh. erhalten sind, im kirchlich-klösterl. Bereich zur Unterbringung von kirchl. Gewändern, liturg. Gerät und Büchern, als Sakristei- oder Archivschrank, dokumentiert. Weniger als Kleider- denn als Wirtschaftsschrank (Topf- oder Speiseschrank) im profanen Bereich genutzt, ist er zunächst hoch, schmal und eintürig oder etwas breiter und zweiflügelig, wie die Truhe durch Bandeisen gegliedert, insgesamt noch wenig gestaltet.

1450-1550

Seit dem 15. Jh. gewann der Schrank parallel zur weiterhin beliebten Truhe als gestaltetes Möbel an Bedeutung. Mit der Einführung der neuen Konstruktionsweise des Rahmenbaus mit Füllungen, der das schwere Massivholzmöbel ablöste, wurde der Schrank leichter und bewegl. und nun auch mit Schnitzereien, Furnier und Einlegearbeiten verziert. Aus Tirol kommend etablierte sich v.a. in den süd- und mitteldt. Ländern der zweigeschossige Schrank in seiner bis in die Barockzeit kanon. bleibenden Form – die beiden mit Flügeltüren ausgestatteten Schrankgeschosse durch ein Schubladengeschoß getrennt, durch einen Sockel erhöht und ein Kranzgesims abgeschlossen, alle fünf Bestandteile lose und transportabel zusammengesetzt, insgesamt breit und horizontal gelagert. Zu den frühesten datierbaren Beispielen dieses Typs gehört der Ulmer Schrank von Jörg Syrlin d.Ä. von 1465 (Ulm, Museum der Stadt).

In dieser neuen Form diente der Schrank v.a. der Aufbewahrung von Wäsche und kostbarem Weißzeug sowie metallenem Hausgerät, zeugte also von Wohlstand, welchem seine zunehmend prachtvoll gestaltete Fassade Ausdruck verlieh. Solchermaßen repräsentatives Möbel gelangte der Schrank auch in das herrschaftl. Umfeld, stand aufgrund seiner Größe jedoch zumeist in der zentralen Halle oder dem Flez sowie in langer, beeindruckender Reihe auf den Gängen. "Kästen" nennen die histor. Inventare v.a. auch in den Wirtschaftsbereichen, die in zunehmender räuml. Differenzierung für die einzelnen zu verwahrenden Gegenstände eigene Räumlichkeiten und Hofämter vorsahen, wie die Silberkammer mit Kästen für das Tafelsilber, die Hauskammerei oder Leinwandkammer mit Kästen für die Wäsche und eigene Garderobenräume für die Kleiderschränke, die sich nahe der Räumlichkeiten der Bediensteten befanden.

Parallel dazu emanzipierte sich der Schrank ebenso wie die Truhe seit der Renaissance in reicher architekton. Ausgestaltung auch zum zweckfreien Prunkstück. Der so genannte Dürer-Schrank, gefertigt in Nürnberg um 1520, in den Ornamenten noch ganz spätgotisch, in den geschnitzten Figuren und Reliefs nach Vorlagen von Dürer, Cranach und Maderno anspruchsvoll gestaltet, ist darin zukunftsweisend (Eisenach, Wartburg). Der prosa. Kasten ist vom reinen Nutzmöbel zum Kunstwerk geworden, der als repräsentatives, den Raum dominierendes Prunkstück im vertäfelten Saal vom Reichtum und Kunstsinn seines Besitzers kündet.

1550-1650

Als architekton. mit Säulen, Pilastern, Ädikulen und Gesimsen reich instrumentierter Fassadenschrank blieb der Schrank bis in die Barockzeit beeindruckendes Prunkmöbel auf Gängen und in Festsälen fsl. Schlösser, so z.B. noch heute in Schloß Zeil der Fs.en Waldburg-Zeil im Allgäu, während die Truhe nach einer Blütezeit als Prachttruhe von materiellem und ideellem Wert mit Ende der Epoche der Renaissance ihre Bedeutung verlor. Ihre Funktionen als Behältnismöbel wurden vom bequemer zu handhabenden Schrank übernommen. Für den Fortgang der Entwicklung ist es symptomatisch, daß mit dem Ausbau und der funktionalen Differenzierung der Hofhaltung die früheren Nutz- und Gebrauchswerte von Möbeln wie Truhe und Schrank bewußt aus dem unmittelbaren herrschaftl. Wohnbereich herausgehalten wurden. An ihre Stelle traten als Verwahrmöbel von Wertsachen und persönl. Gegenständen zunehmend ausgesprochene Luxusmöbel wie Kabinettschrank, Schreibmöbel und nicht zuletzt die Kommode.

L. Kreisel 1981. – Wienhausen#. – Mosler-Christoph, Susanne: Die materielle Kultur in den Lüneburger Testamenten 1323-1500, Elektron. Diss., Göttingen 1998. – Stülpnagel, Karl Heinrich von: Die gotischen Truhen der Lüneburger Heideklöster. Entstehung, Konstruktion, Gestaltung, Cloppenburg 2000.

Brigitte Langer



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