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Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich. Bilder und Begriffe.
Hg. von Werner Paravicini, bearb. von Jan Hirschbiegel und Jörg Wettlaufer.
Residenzenforschung 15 II, Teilbd. 1+2, Thorbecke Verlag, Ostfildern 2005.
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Artikel: Scheibenschießen => Dr. Christine Kratzke, Bielefeld
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Mit Scheibenschießen wird das Schießen von Bolzen mit der Armbrust, von Pfeilen mit dem Bogen oder von Kugeln mit einer Handfeuerwaffe auf eine Zielscheibe mit gekennzeichnetem Zentrum bezeichnet

Mit Scheibenschießen wird das Schießen von Bolzen mit der Armbrust, von Pfeilen mit dem Bogen oder von Kugeln mit einer Handfeuerwaffe auf eine Zielscheibe mit gekennzeichnetem Zentrum bezeichnet. Letztere wurde aus Stoff, Papier oder Pappe angefertigt und z. T. auf Holz oder gepreßtem Stroh befestigt und entweder in einem Schießstand, in erhöhter Position an Gebäuden oder vor einem Erdwall installiert, letzteres kommt in der engl. Bezeichnung shooting at the butts zum Ausdruck.

Mit der Einführung der Handfeuerwaffen im 15. Jh. kamen Zielscheiben in Gebrauch, die mit bildl. Darstellungen versehen waren. (Daher wurden Gewehrschützen im Unterschied zu den Armbrust- oder Stachelschützen umgangssprachl. auch "Scheibenschützen" oder "Brettlbohrer" gen.) Seit dem 16. Jh. stellte man u.a. Zielscheiben aus Metall her. Spezielle Mechanismen erlaubten bei diesen, daß sie sich bei Treffern in die eine oder andere Richtung bewegten oder eine Figur zum Vorschein bringen konnten. Daneben kamen im 16. Jh. vereinzelt lebensgroße hölzerne Figurinen auf, die Gestalten aus dem Volk oder aber Soldaten darstellten.

Das Scheibenschießen ist in direktem Zusammenhang mit dem Vogelschießen (engl. popinjay shooting, frz. tir du papegei, tir à la perche und flandr. wip) bzw. dem sog. Königsschießen zu betrachten, das im hohen und späten MA von Schützenvereinigungen jährl. zur Ermittlung des Schützenkg.s von den Schützenvereinigungen ausgerichtet wurde. Dabei wurde (und wird bis heute) auf einen weit über Kopfhöhe i. d. R. auf einem Mast befestigten Vogel (Papagei oder Adler), der aus Holz, Pappe oder Leder gefertigt wurde und z. B. mit Federn geschmückt sein konnte, geschossen. – Das Scheibenschießen ist ferner vom sog. Speerwurf-Scheibenschießen (engl. darts) zu unterscheiden.

Jährl. Hauptschießtage und Schießfeste inklusive des Vogel- oder Königsschießens wurden von weiteren, allerdings weniger spektakulär ausgerichteten Frei-, Wett- oder Preisschießen ergänzt, wobei diese u.a. zu bes. Anlässen oder Jahrestagen veranstaltet wurden. In Österreich spricht man dabei auch vom Salzschießen, da die Gemahlin von Hzg. Albrecht 1303 od. 1313 der ersten Schützengesellschaft in Österreich, dem "Schützenverein Klosterneuburg 1288", zum jährl. Freischießen drei Salzstöcke schenkte. In einigen Gegenden wurde beim Scheibenschießen ferner zw. dem Freischießen für ortsansässige Schützen und deren Gäste sowie dem Kranzlschießen, das ausschließl. in geschlossener Gesellschaft stattfand, unterschieden.

Bei den Preisen, die bei Wettkämpfen ausgesetzt waren, handelte es sich sowohl um kleinere, wenig kostbare Objekte (z. B. Zinn- oder Kupfergeräte, Tuche und Hosen), als auch um wertvolle Gegenstände. Sie wurden von den Schützenvereinigungen, vom städt. Rat oder dem Landesfs.en gestellt. Der Sieger des Königsschießens erhielt i. d. R. eine wert- und prachtvolle Schützenkette mit einem Vogelanhänger. Dieser war das wichtigste Schützenkleinod und wurde auch nur der Vogel gen. Er hing im Haus der Schützen z. B. über der Schützenlade und hatte von den Mitgliedern der Vereinigung angemessen geehrt zu werden und durfte weder beschimpft, noch mit anderem Namen bezeichnet werden. Eine Mißachtung dieser Gebote hatte eine Ahndung zur Folge. An der Kette konnten neben dem Vogel noch weitere Ehren-, Gedenk- und/oder Heiligenschildchen befestigt sein. Die ältesten erhaltenen Kult- bzw. Schmuck- und Repräsentationsstücke dieser Art stammen aus dem Ende des 15. Jh.s (1491 Alt-Breslau, 1495 Freiberg, 1545 Braunschweig). Die Schützenvereine besaßen zudem repräsentativ gestaltete Siegel, Fahnen und Standarten, die bis heute i. d. R. den Namen der Vereinigung und ihr Gründungsdatum tragen und darüber hinaus mit Emblemen, Wappen oder anderen Darstellungen verziert sein können.

Im Kontext des Gebrauchs von Armbrust und Bogen muß auf die Nutzungseinschränkung dieser Waffen im MA hingewiesen werden: Die Armbrust wurde vom zweiten Lateranischen Konzil 1139 unter Papst Innozenz II. († 1143) sowie erneut 1215 durch Papst Innozenz III. (1160/61-1216) und 1234 Papst Gregor IX. (um 1170-1241) im Einsatz gegen Christen verboten, der als verwerfl. galt; ihre Nutzung im Kampf gegen Nicht-Christen war allerdings erlaubt. Dagegen wurde in England nach dem Waffenbeschluß von 1252 und dem Erlaß von Winchester von 1285 jeder Freie im Alter von 15 bis 60 Jahren verpflichtet, Bogen und Pfeile zu besitzen und an Sonn- und Feiertagen Schießübungen zu veranstalten. Des weiteren förderte Edward III. (1312-77) das (Lang-)Bogenschießen 1363 zu Verteidigungszwecken, indem er die vermeintl. wertlosen Spiele Fuß- und Handball verbot, so daß sich die Untertanen am Sonntag nach dem Kirchgang im Schießen mit der Armbrust oder dem Bogen üben sollten. Die Bezeichnung butt/butts in Flur- und Straßennamen verweist noch heute auf ehemalige öffentl. Schießplätze auf der Insel. Vergleichbar sind in Dtl. Straßennamen, die auf entspr. städt. Schießplätze hinweisen, die häufig außerhalb der Stadtmauern lagen, wie z. B. An der Vogelwiese, Am Schießhaus oder Schließplatz, Schützenstraße, Schießgasse und Ähnliches. Auch konnte der Stadtgraben zu Schießübungen genutzt werden. In Augsburg wurde zu Beginn des 17. Jh.s bspw. ein 230 Meter langer und 135 Meter breiter Platz für sechs Scheiben mit jeweils einem überdachten Anzeigerhäuschen aus kugelsicheren Eichenplanken sowie einem hohen Wall als Kugelfang gebaut.

1250-1450

Die Entwicklung des Scheibenschießen auf dem europ. Kontinent läßt sich anhand der Geschichte der Schützenvereinigungen (Schützengilden, -bruderschaften, -gesellschaften, -vereine) nachvollziehen, die sich seit dem 12. Jh. im Reich nachweisbar sind und deren Geschichte seit dem Ende des 13. Jh.s genauer analysiert werden kann, nachvollziehen. Aussagekräftig sind aber v.a. Quellen des SpätMA und der frühen Neuzeit, wobei bes. die Schützenordnungen der jeweiligen Vereinigungen relevant sind. Darin wurden die Hierarchie der Vereinigungen, der Veranstaltungsablauf, das gesellschaftl. Leben und das soziale Verhalten, Gebrauchsanweisungen für die Waffen sowie der Umgang und das Trainieren mit diesen, der Einsatz der Zielscheiben, Preise und anderes mehr festgehalten.

Die Vereinigungen entstanden in den ma. Städten und formten sich parallel zu deren Entwicklung nach dem Vorbild der Gilden und Zünfte. Eintreten durften nur unbescholtene Bürger, die eine Aufnahme- und Jahresgebühr entrichten mußten. Eine vom Landesherrn "verordnete" Pflicht zur Stadtverteidigung bestand für sie allerdings nicht. Ihnen oblag – wie anderen Bürgern auch – der Dienst auf der Stadtmauer, wobei es aber auch Ausnahmeregelungen für einzelne Mitglieder der Schützenvereinigungen gab, so daß diese von der Stadtverteidigung ausgenommen wurden.

Die Schützenvereinigungen hatten einen karitativen Charakter und ihre Organisationsstruktur sowie ihre Rituale ähnelten denen religiöser Vereinigungen. Daher besaßen sie – ähnl. wie Gilden oder Zünfte – oft einen Schutzheiligen, wie z. B. den heiligen Sebastian, da dieser den Märtyrertod durch Pfeile gestorben war. Die Vereinigungen nannten nicht nur ein Kleinod, d.h. den "Vogel", ihr Eigen, sondern auch Fahnen, Kirchengeräte, Prozessionsstangen, Kerzen, Gerätschaften für Beerdigungen, Urk.-Laden, Pokale, Geschirr und anderes mehr, womit ihr Repräsentationswille zum Ausdruck kommt. Dieser kann einerseits als Legitimation gegenüber der Obrigkeit und zugl. als Abgrenzung von anderen bürgerl. Vereinigungen interpretiert werden, andererseits spiegelt sich darin die Verbundenheit mit dem bürgerl. Gemeinwesen wider, in dem sie eine wichtige Rolle spielten. In diesem Kontext ist ihre bes. Rolle bei der Schließung und Festigung von Städtebünden zu erwähnen.

In Residenzstädten ist darüber hinaus die fsl. oder städt. gesteuerte Einrichtung von z. T. umfangr. Waffenkammern und Zeughäusern zu beobachten, wie z. B. in Graz und Wien. Darüber hinaus ließen sich anhand von Hofordnungen auch Zeug- oder Büchsenmeister, aber auch Schützen unter den Höflingen einzelner Res.en aufzeigen (z. B. für Innsbruck). Wahrscheinl. wurde das Scheibenschießen auch als Zeitvertreib innerhalb der Res.en von Angehörigen des Hofes an vielen Orten betrieben.

Die seit der Bildung der Schützenvereinigungen regelmäßig abgehaltenen Schützenfeste entwickelten sich oft zu Großveranstaltungen, an denen die Bevölkerung, aber auch Fs.en und Hofangehörige regen Anteil nahmen. Zu solchen Anlässen war es manchmal auch Frauen gestattet, zur Waffe zu greifen, allerdings nur zu Zwecken der Belustigung oder des schlichten Zeitvertreibs. Das Schießen auf den lebenden Vogel wurde bereits im Nibelungenlied um 1200 besungen (22. Abenteuer), einen frühen Bericht über das Vogelschießen gibt die Magdeburger Schöppenchronik von 1279. Im 15. und 16. Jh. mehren sich dann die Berichte über Schießveranstaltungen.

Aus dem MA und der frühen Neuzeit liegen einige wenige, aber aussagekräftige bildl. Darstellungen des Scheibenschießen oder Freischießens vor. Repräsentative Beispiele sind die trainierenden Bogenschützen im englischen Luttrell Psalter aus den 1340er Jahren sowie eine Illustration in einem in Konstanz entstandenen Schachzabelbuch von 1479, auf der ein Bogenschütze ins Gelbe zielt, im Gegensatz zum Zielen ins Schwarze bei den Handfeuerwaffen. Letzteres resultierte aus dem Schießen auf den sog. zwec, d. h. den Holzpflock oder -nagel, bzw. später auf den daraus entstandenen schwarzen Innenkreis.

1450-1550

Neben den frühen Darstellungen von Waffenübungen an der Scheibe haben sich solche von spätma. und frühneuzeitl. Schließplätzen erhalten, wie z. B. die Illustration eines Scheibenschießens in Konstanz mit einem Handgemenge von Beteiligten aus dem Jahr 1458 in der um 1507/13 entstandenen Luzerner Chronik Diebold Schillings des Jüngeren, die 1504 gefertigte druckgraph. Darstellung des Züricher Schießplatzes und der um 1570 entstandene Druck des Augsburger Schießfestes i.J. 1509. Anhand dieser und ähnl. Illustrationen können Aussagen zum Ablauf der Wettkämpfe, der Einrichtung der Schießstände, der Anlage der Festwiese sowie über die teilnehmenden Personen und die angebotenen Vergnügungen gewonnen werden. Durch schriftl. Quellen ist es möglich, Schießwettkämpfe einzelner Orte und die sie begleitenden Veranstaltungen weiter zu erschließen (z. B. das Scheibenschießen mit Armbrüsten und/oder Handfeuerwaffen 1429 in Nürnberg, 1430 in Augsburg, 1477 in Erfurt, 1500 und 1559 in Leipzig, 1560 in Stuttgart, 1573 in Zwickau sowie 1579 in München).

Bemalte Schießscheiben wurden bei den Wettkämpfen mit der verstärkten Nutzung von Handfeuerwaffen spätestens seit dem 16. Jh. beliebt, lassen sich vereinzelt aber auch schon für das 15. Jh. nachweisen. Sie sind als kulturhistor. wertvolle und aussagekräftige Sachquellen zu erachten, die u.a. Auskunft über Sitten und Gebräuche bei Schießveranstaltungen, aber auch über die Tätigkeit von Handwerkern und Hofbediensteten sowie die Memorialpflege geben und Ehrenbekundungen gegenüber den Fs.en oder anderen hochstehenden Persönlichkeiten belegen. Ferner bieten sie Hinweise auf die sich entwickelnde Waffen- und Schießtechnik. Die Schießscheiben lassen sich in zwei große Gruppen unterteilen: Erstens gab es solche für große Schützenfeste mit geladenen Gästen (darunter auch Fs.en und andere Würdenträger), die mit repräsentativen Themen gestaltet oder mit Ehrenbekundungen für Stifter von Preisen versehen waren. Zweitens gab es solche, die mit iron. oder privaten Darstellungen geschmückt waren und für Veranstaltungen mit privatem Charakter hergestellt wurden.

1550-1650

Bildl. Vorlagen für Schießscheiben mit allegor. oder symbol. Darstellungen wurden u.a. von der Iconologia des Cesare Ripa (1560-1623), die 1593 erstmals aufgelegt wurde, beeinflußt. Repräsentative und vorbildhafte Einzel- und Gruppenportraits sowie genrehafte Darstellungen des bürgerl. und bäuerl. Lebens des 17. Jh.s entstanden v.a. in den Niederlanden, wie z. B. die Paradebilder der Schützengilden oder Genrebilder von Frans Hals (1581/85-1666), Bartholomäus van der Helst (1613-70), R. Harmensz van Rijn, alias Rembrandt (1606-69) und David Teniers dem Jüngeren (1610-90).

Ein Freischießen wurde i. d. R. von einem Festmahl der Schützenvereinigung begleitet. Während der Festveranstaltungen wurde der Bevölkerung neben den Wettkämpfen der Schützen eigene Wettbewerbe (u.a. das Schießen auf sog. Glücksscheiben) sowie diverse andere Vergnügungen geboten, darunter Ringen, Laufen, Steinstoßen, Weitsprung und ähnliches, vereinzelt Turniere und Pferderennen sowie Tanz, Komödianten, Musiker, Wahrsager, Gaukler, Artisten und Scharlatane. Die Ratsherren konnten darüber hinaus auch eine Lotterie, den sog. Glückstopf oder -hafen veranstalten. Hierfür wurden – wie bei den Wettkämpfen – Sachpreise ausgesetzt und es sollten möglichst nicht nur die Kosten gedeckt, sondern auch ein Überschuß erzielt werden.

Im 15. und 16. Jh. war das Überreichen des sog. geschmückten Kränzleins an die auswärtige Schützengesellschaft an einigen Orten ein symbol. Akt und zugl. diplomat. Geste, die als Zeichen der Einladung zum nächsten Schießen in deren Heimatort angesehen wurde. Dieses Kränzlein wanderte z. T. von Ort zu Ort, z. B. 1565 von Prag nach Görlitz, 1570 von Freising nach Landshut und 1579 von Worms nach Straßburg. Die Tradition der sog. Schützenkranzstaffette hielt sich bis zum Dreißigjährigen Krieg (1618-48). Vereinzelt lassen sich über Schießveranstaltungen auch krit. Stimmen fassen, so nannte der Theologe Nikolaus Gyse aus Rostock 1593 das Vogelschießen einen "heidnischen Aberwitz".

Bei diesen bürgerl. Schützenveranstaltungen war ein kostümierter Pritschenmeister als eine Art Zeremonienmeister mit einem mit Schlegeln versehenem Zepter (Pritsche) oder einem Schwert für deren Ablauf verantwortlich, der auch von Gehilfen unterstützt werden konnte. Sie bildeten als Festordner und Spaßmacher gleichsam ein Bindeglied zw. den Schießwettkämpfen und den angebotenen Belustigungen. Der Pritschenmeister konnte eine hohe ideelle Stellung erlangen, die in Berichten zum Ausdruck kommt, die in Anlehnung an ep. das Rittertum verherrlichende Gedichte des MA abgefaßt sind und oft auch ein Stadtlob enthalten. Ein sehr populärer Verfasser solcher Texte war Leinhart Flexel (Lucz) aus Augsburg, dessen handschriftl. überlieferten Berichte über entspr. Veranstaltungen z. B. in Passau (1555), Ulm (1556), Wien (1563), Graz (1568) und Innsbruck (1569 und 1574) Auskunft geben. Bekannt sind z. B. auch die Pritschenmeister und Gehilfen (die Pickelhäringen), die beim Festschießen 1559 in Leipzig anwesend waren: Stephan N. aus Zwickau, Leonhardt Reutter aus Pirna und Georg Clausnitzer aus Chemnitz.

Überliefert sind für die zweite Hälfte des 16. Jh.s auch Veranstaltungen wie das Prager Freischießen von 1565, das Zwickauer Fürstenschießen von 1573 und der Freundliche Schießhof von 1576 in Straßburg. Die dreizehntägige Veranstaltung in Prag ist als eine herausragende in der Geschichte des Schützenwesens anzusehen. Zu ihr hatten im Juli 1565 alle Schützengesellschaften der böhm. Kronländer und des gesamten Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation eingeladen und sie wurde durch die Prager Schützen unter Beteiligung des Ehzg.s Ferdinand und des städt. Magistrats veranstaltet.

Die Beschreibung der Festlichkeiten anläßl. der Verleihung des Ordens vom Goldenen Vlies an Ks. Rudolf II. (1552-1612) i.J. 1585 von Paul Zehnendtner, dem Sekretär des Ehzg.s von Österreich, Ferdinand von Tirol (1529-95), bietet neben einer ausführl. Schilderung der Veranstaltung auch die der Präsentation eines bewegl. Ziels (eine Figurine eines Reiters auf hölzernem Pferd), das 130 Schritt vom Schießstand entfernt aufgestellt war. Dieses war nach den Plänen des Ehzg.s, der ein Waffensammler und Freund der Schießkunst war, realisiert worden. In Prag gab es im 16. Jh. mehrere Schießplätze. Im südl. Teil der Prager Schützeninsel wurde unter Kg. bzw. Ks. Ferdinand I. (1503-64), ein Schießplatz eingerichtet, dessen Gestaltung ein Stich des Hofmalers Antoni Boys (nachgewiesen zw. 1572 und 1593) für das Jahr 1597 belegt. Derjenige im Königlichen Tiergarten besaß vier überdachte Schießstände und Zelte für insgesamt 800 Schützen sowie ein spezielles, herrschaftl. ausgestattetes Gebäude, dessen Untergeschoß dem Schriftführer vorbehalten war und in dessen Obergeschoß der Ehzg., die Ratsherren und der gewählte Festausschuß bzw. das Schiedsgericht des Festes ihren Platz fanden. Für die Teilnehmer gab es auf dem Platz Speisen und Getränke und es wurden Gesellschaftsspiele oder Tänze veranstaltet.

Es wird anhand der prächtigen und oft tagelangen Wettkämpfe und den mit diesen einhergehenden Feierlichkeiten und Ehrungen deutlich, daß diese Veranstaltungen der Repräsentation sowohl der Schützenvereinigungen, der Städte als auch der Fs.en dienten, einen hohen kommunikativen Charakter besaßen und zugl. die ansonsten getrennten Lebenswelten von Bevölkerung und Fs.en mit ihrem Hof für kurze Zeit gleichsam miteinander verschmolzen. Zugl. wird die – zumindest temporäre – enge Verknüpfung von Res. und Stadt anhand dieser Großveranstaltungen, die eine gute Organisation erforderten, deutlich.

Bis zum Dreißigjährigen Krieg erlebten die Schützenvereinigungen ihre Blütezeit. Anschl. spielten sie aufgrund der verstärkten Einführung von Söldnerheeren aus verteidigungstechn. Sicht für die einzelnen Fsm.er nur noch eine untergeordnete Rolle, während ihre sozialintegrative Bedeutung bis heute erhalten blieb. In diesem Rahmen tradierten sich Scheiben- und Vogelschießen im Rahmen der bis heute z. T. opulent ausgerichteten Schützenfeste fort. Im höf. Bereich wurde das Scheibenschießen zum Zwecke der hofinternen Vergnügung auch in den nachfolgenden Jh.en gepflegt. In der barocken Kultur läßt sich dann das sog. "Lustschießen" in Vergnügungen wie Lust-Jagden oder Divertissements, höf. Vergnügungsturniere und Ritterspiele einordnen. Prunkwaffen zeugen dabei – wie zuvor – von dem Prestigebewußtsein ihrer Besitzer.

Q. Anonymus: Das Freischießen in Leipzig im Juli 1559. Nach einem gleichzeitigen amtlichen Bericht zum erstenmale herausgegeben, Leipzig 1884. – Janicke, Karl: Mittheilungen aus der Magdeburger Schöppen-Chronik. Ein Beitrag zur Kenntnis städtischen Lebens, Magdeburg 1865. – Olaus Magnus: Historia om de nordiska folken, Ny utg. Hedemora 2001; Historien der mittnächtigen Länder (Übersetzung von Johann Baptist Fickler), Basel und Straßburg 1567. – Patent Johann Georgs, Kurfürsten von Sachsen (1585-1656) vom 24. August 1614 über Preise zu einem Schützenschießen aus Anlaß der Entbindung der Kurfürstin], [1614], in: Universitätsbibliothek Halle und Landesbibliothek Sachsen-Anhalt (Vgl. die bemalte Zielscheibe, die aus Anlaß der Geburt der Tochter Anna des Herzogs Friedrich I. von Würtemberg und seiner Gattin Sybille von Anhalt, die wohl im Auftrag der Stuttgarter Schützengilde zum 15. März 1597 angefertigt wurde, in: Braun, Anne: Historische Zielscheiben. Kulturgeschichte europäischer Schützenvereine, Gütersloh und Leipzig 1981 (Ergiebige Übersichtsdarstellung mit wenigen Hinweisen auf Primärquellen, aber zahlreichen Abbildungen.), S. 29.). – Das Scheibenbuch des Herzogs Johann Casimir von Sachsen-Coburg: adelig-bürgerliche Bilderwelt auf Schießscheiben im frühen Barock, hg. von Karl-Sigismund Kramer, mit einem kunsthistorischen Beitrag von Joachim Kruse, Coburg 1989 (Kataloge der Kunstsammlungen der Veste Coburg, Veröffentlichungen der Kunstsammlungen der Veste Coburg, 52) (Das Coburger Scheibenbuch besteht aus 233 Blatt im Format 31,5 x 20,5 cm). – Schöppenchronik, Leipzig 1869 (Die Chroniken der niedersächsischen Städte, 1: Schöppenchronik; Die Chroniken der deutschen Städte, 7, 27). – Paul Zehendtner von Zehendtgrub [Sekretär des Erzherzogs von Österreich, Ferdinand von Tirol]: Ordentliche Beschreibung mit was stattlichen Ceremonien und Zierlichkeiten – die Röm[ische]. Kay[serliche]. May[estät]. Vnser aller gnedigster Herr- samt etlichen anderen Ertzherzogen-Fürsten vnd Herrn- den Orden deß Guldin Flüß, in d.[iesem] 85 Jahr zu Prag und Landshut, empfangen und angenommen. Neben [...] erinnerung, was disem Orden [...] fürnemlich zu wissen Dabei [...] Figuren [...] Dil[l]ingen 1587 (Schilderung des Scheibenschießens 1585 anläßlich der Verleihung des Ordens vom Goldenen Vlies an Kaiser Rudolf II. stattfand; vgl. graphische Darstellung des Prager Schießplatzes durch Antoni Boys aus dem Jahr 1585.). Die Schützenordnungen der einzelnen Schützengesellschaften, die durch die Nationalbibliographie sowie die jeweiligen Landesbibliographien zu ermitteln sind, bieten weitere sachdienliche Hinweise auf die relevanten Quellen. Das Prager Freischießen von 1565 ist durch diverse illustrierte Schilderungen, die in der Wiener Hofbibliothek und in der Staatsbibliothek München archiviert sind, überliefert.

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Christine Kratzke


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