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Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich. Bilder und Begriffe.
Hg. von Werner Paravicini, bearb. von Jan Hirschbiegel und Jörg Wettlaufer.
Residenzenforschung 15 II, Teilbd. 1+2, Thorbecke Verlag, Ostfildern 2005.
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Artikel: Divertissement => Prof. Dr. Wolfgang Wüst, Erlangen
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Im „großen“ und „vollständigen“ Universal-Lexicon des Johann Heinrich Zedler findet sich zwar im einschlägigen siebten Band 1734 unter Divertissement kein Haupteintrag, aber unter dem Lemma „Diuertiren“ lesen wir: heist abhalten, abwenden, erlustigen, er

Im "großen" und "vollständigen" Universal-Lexicon des Johann Heinrich Zedler findet sich zwar im einschlägigen siebten Band 1734 unter Divertissement kein Haupteintrag, aber unter dem Lemma "Diuertiren" lesen wir: heist abhalten, abwenden, erlustigen, ergötzen, erquicken. Daher heißt auch Diuertissement nicht allein eine Abhaltung, Abwendung, sondern auch eine Erfrischung, Ergötzung, Erlustigung, Kurtzweil. Damit haben wir zwar noch keine akkurate Definition, aber in Abgrenzung zum urspr. kirchl. dominierten Fest und den zugehörigen Sonn- und Feiertagen oder zur Unterhaltung mit Musik und Tanz liegt der Fokus hier doch stärker auf dem scherzhaften und lustigen Zeitvertreib. Gleichwohl zählten die Divertissements als Turniere, Bälle, Maskeraden oder Spiele zunächst zur adeligen, später zunehmend auch zur städt. Kultur. Synonym wurde für die Lustbarkeiten häufig die Kurzweil(e) gebraucht, die auch im reglementierten höf. Alltag ihren festen Platz hatte. Sie war spontaner zu organisieren und strahlte eine informelle Aura aus. Darunter verstand man sicher von Hof zu Hof Unterschiedliches, doch bildeten sich in Europa seit dem SpätMA auch an kleineren und mittleren Res.en, teilw. auch im zugehörigen Umfeld einer benachbarten Res. – oder Reichsstadt, "divertierende" Varianten aus. Die Hofkritik konstruierte in ihnen ein Zeichen für Geldverschwendung und schlechtes Regieren: delectare und dilettare lagen eben nah beieinander. Divertissements ergänzten den herkömml. Festkanon zu Hof und in der Stadt nicht unwesentlich.

Die Darstellung höf. Lebensstile wäre unvollst., würde man nicht auch die gerade – zumindest im Tenor einer kulturgeschichtlich, volkskundlich, architektur-, theater- oder musikspezif. geprägten Forschung – in dt. Territorien auf hohem Standard entwickelte informelle Festkultur untersuchen. Beim höf. Fest gingen traditionelle, aus dem Altertum und MA tradierte Formen des Festes, wie sie im Turnier, Schießen, Tanz oder im Triumph-, Aus- und Einzug zutage traten, eine Synthese mit frühneuzeitl. Elementen wie dem Feuerwerk, illuminierten Schiffs- oder Schlittenfahrten, Caroussels und anderen techn. "Wundern" ein. Die Zurschaustellung von Macht und Reichtum, ein systemtragendes Element nicht nur des absolutist. Hofzeitalters, konnte am unaufdringlichsten in ihrer spieler. und belustigenden Art – den kurzweiligen Lustbarkeiten oder Divertissements – erfolgen. Opern und dramat. Inszenierungen, Ballett und Hoftanz, Feuerwerke und Tafelmusik, Reitkunst, Pferderennen und Jagdausflüge, Menagerie und Tierhatz, Kutschfahrten, Prozessionen und Wasserfahrten, Turniere, Fechtkunst und andere Festlichkeiten zogen sich mit großer Regelmäßigkeit über das Jahr. Sie bestimmten den Alltag in einer Hofgesellschaft, die nicht vom harten ländl. Arbeitsrhythmus und den Erntezyklen geprägt war. Und sie halfen, die oft genannte Langeweile am Hof zu überwinden. Die Hofgesellschaft verlegte ihre Divertissements zunehmend auch in die späten Abend- und Nachtstunden. Damit wurde für Kritiker die natürl. Ordnung der Schöpfung zw. Helligkeit und Dunkelheit, zw. Wachsein und Schlaf auf den Kopf gestellt. Viele Kirchfeste, Hochzeiten, Geburts- und Namenstage regierender (und nicht regierender) Familien, Jubiläen, Friedensschlüsse, Banketts und "Visiten" benachbarter Hofstaaten sorgten zudem über die Res. hinaus für regionale Akzente. Sie forderten bisweilen großen zeremoniellen Aufwand. Über Hofrechnungen, Itinerare, Tagebücher, Hof- und Staatskalender und die vielfach erhaltenen Verträge mit Hof- und Fürstendienern kann er im einzelnen belegt werden.

Die teilw. am Hof überzeichneten (formellen) Festaktivitäten boten keineswegs nur ungetrübte Lebensfreude. Sie erforderten eine enorme Leistungsfähigkeit der sie tragenden Teile des Hofstaates. Sie stellten hohe finanzielle Forderungen gleichermaßen an den Landesherrn, die Stände und die Bürokratie. Es müßte demnach über Territorialstudien und Fallstudien zu Res. und Hof geprüft werden, ob das an Versailles, Wien oder anderen zentralen europ. Höfen der Frühmoderne – für das MA wären u.a. die Höfe der Albertiner, der Hzg.e von Brabant, der Gf.en von Burgund, der Habsburger, Hohenzollern, Jagiellonen, Luxemburger, Valois oder der Wittelsbacher zu nennen – orientierte große "Welttheater" am dt. Regelfall, dem kleinen bis mittelgroßen Hof, überhaupt funktionsfähig war. Dort, wo man sich weder Künstler- und Gelehrtenstäbe, Theaterensembles noch Scharen an Dienern und Lakaien leisten konnte, mußte die Festkultur andere Formen annehmen als an Orten kultureller Zentralität. Dort übernahmen Feste, Jahrmärkte, klösterl.-stift. (später jesuitische) Spiel- und Theatertraditionen und die mit geringen Aufwand zu inszenierenden Possen der Gaukler, Glücksritter und seit dem 17. Jh. der reisenden Commedia dell’ arte weitgehend die Funktion formeller festl. Darbietung.

Die Nuancen höf. Divertissements waren vielfältig und deshalb sind sie nur regional zu konkretisieren. Sie waren zudem zeitl. gebunden. So ist es legitim, sie am Modell eines dt. Fürstenhofs exemplar. zu betrachten, hier das palatium epicopale um den Augsburger Dom und die zugehörige reichsstädt. Infrastruktur, wo uns die Quellen insbes. frühneuzeitl. Divertissements nahe bringen und erklären:

Im Umfeld "divertierender" Festausrichtung durften keinesfalls Pferde und das, was man vor Ort als Reitkunst empfahl, fehlen. Daran knüpften sich selbst noch im 18. Jh. Reminiszenzen eines ma.-ritterl. Ehrenkodexes, an Argonauten und Kreuzfahrer. Reitkunst und Pferdedressur standen als Attraktionen zu Hof hoch im Kurs. 1717 führte ein Friese im S diese Disziplin ihrem vorläufigen Höhepunkt entgegen. Divertissement bedeutete hier mehr als Ringelrennen und Turnierwettkampf. Man präsentierte ein Pferd, das nicht englisch, frantzösisch und teutsch verstand, sondern das seinem meister auff wartete wie ein diener. Es ging sitzend auff dem hindersten wie ein hund, ja es konnte sogar Geld zählen und für den Dressurmeister sammeln. Es leckte mit der zunge ein glaß wein oder wasser aus wie ein hund, sprang durch 8 reiffen, jeden ein fuß voneinander, es wußte schließl. auch, das schönste frauenzimmer am Hof aufzusuchen, und machet davor ein reverenz und ist sehr notabel. Schließl. thut es sich gegen alle zuschauer mit einem kniefälligen compliment bedancken (#Abb. 1#).

Neben Pferden zeigte man dem Hof im Divertissement auch andere Tiere. Menagerien zählten zum festen Bestandteil fsl. Repräsentation. Im kleinen Stil füllten sie auch das höf. Beiprogramm: kirchl. und städt. Feste. Jahrmärkte boten Gelegenheit, Tierschauen zu präsentieren. Dabei geizte weniger der Hof als der Rat mit Lizenzen. 1788 erhielt der Venezianer Anton Nicolet erst im zweiten Anlauf den Konsens, da er sonst außerstande gewesen wäre, die tägl. Fleischrationen für seine königliche Menagerie zu finanzieren. Und 1781 durfte ein Stefani Roussette aus Turin einen ausländ. weisen vogel, seinen berühmten tatar. Leoparden, chines. Mäuse und ein indian. Stachelschwein erst nach Zahlung doppelten Gebühr präsentieren. Der Aktionsradius wandernder Menagerien war groß, so daß die selben Höfe nur im mehrjährigen Rhythmus bedient werden konnten. So bezog sich Anton Nicolet mit seiner achtköpfigen Reitertruppe 1788 in Augsburg auf ein zehn Jahre zurückliegendes Engagement ähnl. Art. Menagerien blieben deshalb auch spektakulär. Auch die Fähigkeiten des genannten exot. Vogels gestalteten sich dergestalt, daß er nach nach ordnung der zahlen zählet, rechnet, die stunden und minuten auf der sackuhr weiset, den preiß des geldes kennt, die verschiedene Farben der kleidungen unterscheidet, den unterschied des metalls zeiget, balancirt, apportirt, exercirt und andere ungläubliche kunststücke vollbringt.

Andere, dem Gauklermilieu entstammende Akrobatengruppen hatten ebenfalls nicht selten Gelegenheit, Darbietungen am Hof zu präsentieren. Ihre exercitia fanden zudem bei Jahrmärkten, Kirchweihfesten und ähnl. Anlässen ihr Publikum, allerdings mit einem strikten Spielverbot für Fastenzeit und Sonntage. In Augsburg trat wie andernorts diese – modern gesprochen – Kleinkunstszene v.a. auf Jahrmärkten, aber auch zu Hofe auf. Trapezspringer oder Voltigier-Künstler, Seiltänzer, Balanciers und Taschenspieler beherrschten dort die Szene. Aber selbst hier rekurrierten Künstlergruppen, deren Wortführer sich hochtrabend als maîtres bezeichneten, auf französiche und holländ. Vorbilder und auf die Symbole eines galanten Zeitalters. Dies war der Tribut an eine höf. Tradition. Sensationelles stand naturgemäß im Vordergrund. So versprach der Lothringer Nicolaus Orlan mit seinen Seiltänzern 1713 dem Publikum, daß seine compagnie [...] – darunter auch kinder von 3 1/2 und 4 1/2 jahren – die rareste exercitia sowohl auf dem tanz- und schwing-seil als auch auf ebnem boden item mit lufftsprüngen, taschen-spielen und noch sehr viel andere dergleichen galante künsten zu präsentieren fähig sei. Seit Gutenberg kündigten gedruckte Programme mehrstündige professionell aufgemachte curieusitäten an, die selbst auf den ersten Rängen wenig kosten konnten. Zu bestaunen waren 1757 Balanceakte mit dreistöckigen Glaspyramiden und großen Kerzenleuchtern. Schließl. folgten Glasbläser, dabei wurde Fensterglas in feuer gesponnen und so subtil als ein menschen-haar auf einen grossen haspel aufgehaspelt; es wurde auch von dem gesponnen glas eine ordentliche tresirte peruque nebst einem von glas geflochtenem hute wie auch eine gläserne bürste gezeigt. Hiebey ist die curieusität, daß die peruque ordentlich kan ausgekämmet werden und dannach ohne zerbrechen die gläserne haare in ihrer fresur verbleiben (#Abb. 2#).

Zum Schluß noch zu den divertierenden Feuerwerken, die die meisten höfisch-städt. Festlichkeiten auch beendeten. Feuerwerke bildeten in vollendeter Form in der Regel als barockes "Theater" den illuminierten Höhepunkt vieler Hoffeste, die an vielen Res.en mit hohem Kostenaufwand ausgerichtet wurden. Zahlreiche Städte versuchten dieser Prachtentfaltung nicht nachzustehen. Doch gab es auch kleinere (Boden)-Varianten, die eher dem Festtypus des Divertissement entsprachen. Aber auch hier überrascht die Vielfalt. Sie reichte von lusträdern und farbenfeuer [...], so nicht hochsteiget noch etwaß weder ober- noch um sich außwirfft als eine Art Zimmerfeuerwerk über großangelegte frz. bis zu exot. Feuerwerken. Bei ihnen standen dann brillianten-drehende Sonnen, türk. caprice, bibl. Szenen, chines. spiegel oder egypt. pyramiden im Zentrum. Für häufigere Feuerwerke stand in Augsburg ein 1780 von dem Danziger Johann Christian Kaesener gezeigtes Spectaculum, das sich in sechs Teile gliederte. Den Reigen eröffneten Fontainen, die sich schließl. in chines. Itianomiatri bäume verwandelten. Es folgten eine Sonne in dreißig Variationen, zwei Sonnen im Gegenüber, eine Caprice in dreizehn Ausführungen, das Regentenwappen, als wäre es von lauter jeweelen zusamengesetzt und schließl. das Grab Christi, so wie es von hiesigen meistern gezeichnet worden und präsentirt in brilliant feuer, das sich in einen sehr prächtigen triumpfbogen verwandelte. Früher inszenierte Feuerwerke hatten ähnl. Effekte (#Abb. 3#).

Q. StadtA Kempten, Literalien B II, NR. 245. – StadtA Augsburg, HV, H 361. – StadtA Augsburg, Reichsstadt, Theater 22/3, 22/4, 22/9, 23/11, 23/14 (Almosenamt). – StadtA Augsburg, Reichsstadt, Ratsbücher Nr. 253, 440. – Zedler, Johann Heinrich: Grosses vollständiges Universal-Lexicon Aller Wissenschafften und Künste, Welche bißhero durch menschlichen Verstand und Witz erfunden und verbessert worden, Halle u.a. 1732-1754.

L. Alewyn, Richard: Das Große Welttheater. Die Epoche der höfischen Feste, 2. Aufl., München 1985. – Amann, Konrad: Die landesherrliche Residenzstadt Passau im spätmittelalterlichen Deutschen Reich, Sigmaringen 1992 (Residenzenforschung, 3). – Bauer, Volker: Die höfische Gesellschaft in Deutschland von der Mitte des 17. bis zum Ausgang des 18. Jahrhunderts. Versuch einer Typologie, Tübingen 1993. –Frühneuzeitliche Hofkultur in Hessen und Thüringen, hg. von Jörg Jochen Berns und Detlef Ignasiak Erlangen u.a. 1993 (Jenaer Studien, 1). – Ehalt, Hubert Christian: Ausdrucksformen absolutistischer Herrschaft. Der Wiener Hof im 17. und 18. Jahrhundert, Wien 1980 (Sozial- und wirtschaftshistorische Studien, 14). – Hansen, Günther: Formen der Commedia dell’Arte in Deutschland, Emsdetten 1984. – Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich: Ein dynastisch-topographisches Handbuch, 2 Teilbde., hg. von Werner Paravicini,, bearb. von Jan Hirschbiegel und Jörg Wettlaufer, Stuttgart 2003 (Residenzenforschung, 15). – Kruedener Jürgen Frhr. v.: Die Rolle des Hofes im Absolutismus, Stuttgart 1973 (Forschungen zur Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, 19). – Müller 1995. – Nolte 2000, S. 449-461. – Plodeck 1972. – raschauer, Oskar: Die kaiserlichen Wohn- und Zeremonialräume in der Wiener Hofburg zur Zeit der Kaiserin Maria Theresia, Wien 1958 (Österreichische Akademie der Wissenschaften, phil. Klasse, 95). – Rituale, ceremoniale, etichetta, hg. von Sergio Bertelli, Mailand 1985. – Schöne, Günter: Barockes Feuerwerks-Theater, in: Maske und Kothurn. Vierteljahresheft für Theaterwissenschaft 6 (1960) S. 351-362. – Straub, Eberhard: Repraesentatio majestatis oder churbayerische Freudenfeste. Die höfischen Feste in der Münchner Residenz vom 16. bis zum Ende des 18. Jahrhunderts, München 1969 (Miscellanea Bavarica Monacensia, 14; Neue Schriftenreihe des StA München, 31). – Winterling, Aloys: Der Hof der Kurfürsten von Köln 1688-1794. Eine Fallstudie zur Bedeutung "absolutistischer" Hofhaltung, Bonn 1986 (Veröffentlichungen des Historischen Vereins für den Niederrhein insbesondere das Alte Erzbistum Köln, 15). – Wüst 1991, S. 153-174. – wüst, Wolfgang: Höfisches Leben im Erlanger Wittum. Ein Witwensitz als markgräflicher Residenztyp, in: Das Erlanger Schloß als Witwensitz 1712-1817, hg. von Christina Hofmann-Randall, Ausstellungskatalog, Erlangen 2002, S. 41-62 (Schriften der Universitätsbibliothek Erlangen-Nürnberg, 41).

Wolfgang Wüst


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