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Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich. Bilder und Begriffe.
Hg. von Werner Paravicini, bearb. von Jan Hirschbiegel und Jörg Wettlaufer.
Residenzenforschung 15 II, Teilbd. 1+2, Thorbecke Verlag, Ostfildern 2005.
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Artikel: Kleidung => Dr. Kirsten Frieling, Greifswald
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Als Teil nonverbaler Kommunikation besaß Kleidung im SpätMA eine soziale und polit

Als Teil nonverbaler Kommunikation besaß Kleidung im SpätMA eine soziale und polit. Ordnungsfunktion. V.a. an den fsl. Höfen hatte Kleidung als Unterscheidungsmerkmal eine große Relevanz.

Im 13. Jh. unterschied sich die Kleidung von adligen Männern und Frauen kaum. Beide Geschlechter trugen lange, faltenreiche Gewänder, die entweder taillenlos fielen oder durch einen tiefsitzenden, schmalen Gürtel in der Taille zusammengehalten wurden. Die Kleidung setzte sich aus einem Untergewand (Cotte), einem Obergewand (Surcot) und einem Mantel zusammen. Die Cotte war locker und hatte einen Brustschlitz, der mit einer Nadel (Fürspan(g)) oder einem Knopf geschlossen wurde. Ihre langen, glatten Ärmel waren meist statt angenäht nur angenestelt, so daß sie ausgewechselt werden konnten. Auch der Surcot hatte lange, glatte Ärmel. Nach 1250 bildete sich zusätzl. ein ärmelloses Obergewand (Suckenie) aus, dessen weit ausgeschnittene Armlöcher (Teufelsfenster) einen Blick auf die häufig andersfarbige Cotte freigaben. Als Mantel trug man den Tasselmantel, einen halbkreisförmigen, langen Mantel, dessen Name von seinem Verschluß, einem Band mit metallenen Schließen (Tasseln), herrührte. An den Füßen wurden Halbschuhe und kurze Halbstiefel getragen. Die adligen Frauen bedeckten den Kopf mit Schleier, Schapel (ein Reif aus Metall) oder Gebende (ein schmales, ein- oder zweimal um Kinn und Kopf geschlungenes Band).

Ab dem 14. Jhd. unterlag die europ. Adelskleidung einem immer schnelleren Wandel, der im Reich nach der Großen Pest um 1350 einsetzte: Die Männerkleidung wurde kürzer, die Kleidung beider Geschlechter enger, so daß die Körperformen und bes. die Taille betont wurden. Zusätzl. wurden dem Körper überlange Proportionen gegeben. In den dt. Städten, wo diese Mode adaptiert wurde, wurden bezeichnenderweise zu dieser Zeit die ersten Kleiderordnungen erlassen. In der Männerkleidung entwickelte sich eine kurze, enge Jacke, die Schecke. Wie die Schecke wurde auch das Wams enger und kürzer und wandelte sich vom Unter- zum Obergewand. Unter Zuhilfenahme von Wattierungen betonte es die männl. Brust. Die Ärmel konnten sowohl eng anliegend als auch tüten- oder beutelförmig sein. Die Beine wurden in enge, körperbetonte Hosen (Beinlinge) gesteckt, mit denen das Wams durch Nesteln verbunden werden konnte. Die lange Tunika blieb nur im geistl. Ornat und im Herrscherornat erhalten. Statt des Tasselmantels trug der Adel nun den Nuschenmantel und die Heuke. Der Nuschenmatel bildete nur noch einen Kreisausschnitt, der mit einer Spange (Nusche) vorne zusammengehalten wurde. Die Heuke war ein kreisförmiger Mantel, der auf der rechts aufgeschnittenen Seite# und auf der Schulter mit einem Knopfverschluß versehen war. Mit einem Hermelinkragen geschmückt wurde er zum Kennzeichen der Kfs.en. Die Schuhe hatten lange, spitze Schnäbel und wurden an der Seite geschnürt. Die Obergewänder der Frauen lagen eng am Oberkörper an, während gleichzeitig die Taille ein wenig höher gesetzt und außerordentl. eng wurde. Ab der Taille war der Rock weit, faltenreich und erhielt lange Schleppen. Die Ärmel reichten oft tütenförmig bis zum Boden. Eine Neuerung war das Dékolleté. Daneben wurde weiterhin der ärmellose Surcot getragen. Eine Besonderheit der dt. Adelskleidung im 14. Jhd. war, daß die Kleiderränder mit zackenförmigen Stoffstücken versehen wurden (Zaddelung). Die vorherrschende Kopfbedeckung war die Gugel, eine Kapuze mit kragenartigem Schulterstück, adlige Frauen trugen als Alternative den Kruseler, eine Art Schleier, der das Gesicht mit mehreren Rüschen-Reihen umrahmte.

Während im 14. Jhd. wichtige Impulse für die Mode vom Pariser Hof ausgingen, wurde zu Beginn des 15. Jhds. der Hof von Burgund das Vorbild. In den ersten Jahrzehnten wurden v.a. stoffreiche, üppige und lockere Formen getragen. Charakterist. ist der Tappert, ein langes, weites und faltenreiches Gewand mit Stehkragen, das hinten in einer Schleppe endete und Flügelärmel besaß. Auch Zaddeln und Schellen waren verbreitet. Um 1450 wurde diese Mode wieder durch lange, spitze Formen abgelöst. Die adligen Männer trugen zwar weiterhin die Schecke, das (wattierte) Wams und Beinlinge. Die Ärmel verloren aber ihre Stoffülle, und ihre Weite verschob sich vom Handgelenk bis zur Schulter, wo sie sich zu Schulterpuffen (den Mahoîtres) erweiterten. Auch die Schnabelschuhe, die in der ersten Hälfte des 15. Jh.s kürzere Schnäbel hatten, wurden um 1450 wieder länger. An die Stelle der Gugel traten turbanähnl. Kopfbedeckungen und fezartige Kappen. Die Frauenkleider waren erneut oben eng anliegend und tief dékolletiert, unterhalb der hochgesetzten Taille stoffreich mit langen Schleppen und bis zum Boden reichenden Tütenärmeln. Als Kopfbedeckung war bes. die Hörnerhaube beliebt, über die zusätzl. große Tücher gelegt wurden.

Um die Wende vom 15. zum 16. Jhd. setzte sich an den Höfen eine den Formen nach bürgerl. geprägte Mode durch, da im Zuge des Aufstiegs der Städte die reichen Bürger den Adligen in der Kleidung zunehmend Konkurrenz machten. Die Kleidung wurde um 1480 massiger und breiter ausladend. Die adlige Männerkleidung setzte sich aus Schaube, Wams, Falt- oder Paltrock, Hemd, Kniehose und Strümpfen zusammen. Die Schaube war ein mantelartiger Überrock, der im letzten Viertel des 15. Jhds. allg. verbreitet war. Sie hatte einen großen, oft bis über die Schultern reichenden Kragen und weite bauschige Ärmel, die in Höhe der Ellbogen eine zweite Öffnung haben konnten. Daneben waren Puffärmel modern. Beim Wams konnten die Ärmel ebenfalls gebauscht, gepufft, geschlitzt und bestickt werden. Damit sie ausgewechselt und mit mehreren Kleidungsstücken kombiniert werden konnten, waren die Ärmel mit Nestel am Wams befestigt. Der Falt- oder Paltrock war ein bis zu den Knien reichender, in tiefe Falten gelegter Rock, der über dem oder anstelle des Wamses getragen wurde. Das Hemd wurde unter dem Wams getragen und war oft nur unter der Schnürung oder unter dem Halsausschnitt des Wamses sichtbar. Die Kniehosen schließl. wurden – ähnl. den Ärmeln – mit Bauschen, Puffen, Schlitzen und Schleifen versehen. Als Kopfbedeckung diente in erster Linie das Barett, und statt der spitzen Schnabelschuhe trug man runde, breite Schuhe, die Kuhmäuler oder Bärenfüße.

Die Frauenkleidung gleicht im großen und ganzen der Männerkleidung. Schaube, Schuhe und Barett wiesen die gleiche Form auf, allerdings besaß die Frauenschaube statt des breiten Revers meistens einen Stehkragen, statt der Ärmel Armschlitze und reichte bis zu den Füßen. Die Frauengewänder wurden durch den vorgewölbten Rock bes. bauschig. Sie verloren ihre Schleppe, das Dékolleté wurde kleiner, die Taille breiter und rückte wieder an die natürl. Stelle. Neu war, daß sich Rock und Mieder voneinander trennten. Das Hemd schaute unter dem Ausschnitt und den geschlitzten Ärmeln hervor. Das Unterkleid konnte man nur sehen, wenn der Rock des Obergewandes vorne offen war, weshalb adlige Frauen bald nur noch ein Kleid trugen. Neben der Schaube existierte die Heuke, die im Vergleich zum 15. Jhd. weiter, faltenreicher und oft mit einem hohen Stehkragen ausgestattet war. Neben den lange Obergewändern wurde der Goller modern, ein ärmelloses Jäckchen.

Gefertigt wurde die Kleidung der Fs.en in dieser Zeit sowohl aus Seidenstoffen wie Samt, Damast, Taft, Zendel oder Atlas als auch aus Wollstoffen und (Leinen-) Tuchen. Zum Säumen oder Füttern verwendete man Pelze wie Zobel und Marder, vereinzelt auch Hermelin. Die dominierenden Kleiderfarben waren rot, blau, grün, braun, weiß, schwarz und gelb. Gelegentl. trugen Fs.en sogar das Mi-parti, d.h. Kleidung, die aus zwei vertikal aneinandergesetzten Farbpartien bestand und ursprgl. ein Zeichen für Dienstbarkeit und Abhängigkeit war. Beliebt waren Perlen-, Edelstein-, Gold- und Silberstickereien aller Art (Blumen, Figuren, Buchstaben etc.). In der Regel verteilte ein Fs. zweimal i.J. Stoffe zur Herstellung von Kleidern an die Mitglieder seines Hofes (Sommer- und Winterkleidung), deren Qualität, Farbe und Quantität sich nach der sozialen Stellung und Funktion des jeweiligen Empfängers am Hof richtete. V.a. im 15. Jhd war die farbl. einheitl. und gleichförmige Einkleidung der gesamten Gefolgschaft eines Fs.en, die Livrée, etwa anläßl. von Turnieren, Hochzeiten oder Herrschertreffen weit verbreitet. Die Stoffe wurden zusammen mit ‚Schnittmustern’ (Zeichnungen oder bereits gefertigten Kleidungsstücken bzw. -teilen) an ausgewählte Personen verschickt. Auch hier läßt sich die soziale Hierarchie an der Qualität der Stoffe ablesen. Um sich trotz der gleichförmigen Kleidung von den anderen Livréeträgern ein wenig, aber bedeutend abzusetzen, verwendeten Adlige oft Stickereien. Wie kostbar Kleidung war, zeigt sich nicht nur daran, daß sie als Geschenke dienten, sondern auch daran, daß vielfach alte Kleidungsstücke komplett oder in Teilen umgearbeitet wurden, um den teuren Neukauf von Stoffen zu vermeiden. Hiervon zeugen auch die auswechselbaren Ärmel.

Nach 1550 dominierte an dt. Höfen die span. Hofmode, die sich durch enge, steife Formen und dunkle Farben auszeichnete. Das Wams nahm die Form eines auf den Kopf gestellten Kegels an, erhielt einen hohen, steifen Kragen und eine nach vorn verlängerte und zugespitzte Taille. Die Ärmel lagen an den Armen an und hatten Schulterpuffen. Typ. waren die Auswattierungen. Die sehr kurze Hose gleicht zwei großen Kugeln, die ihr schließl. den Namen Heerpauke gaben. Um den Rest der Beine zu bedecken, wurden eng anliegende Strümpfe getragen. Diese Hose setzte sich im Reich nur langsam durch, wohl auch deshalb, weil nach 1550 eine eigene Hosenmode entstand: Die dt. Pluderhose unterschied sich von der Heerpauke dadurch, daß sie nicht ausgestopft wurde, sondern lose herabfiel. Aus der Schaube entwickelte sich die Harzkappe, ein kurzer, ärmelloser Mantel mit Stehkragen. Ein weiteres Merkmal der span. Mode war ein steifer, runder und gefältelter Kragen, die Krause. An die Stelle des Baretts rückte ein hoher, steifer Hut mit schmalem Rand. Die Frauenkleidung war steif gepolstert und hoch geschlossen. Die Gewänder lagen an den Schultern eng an und erweiterten sich über einem Reifrock glockenförmig ohne Tailleneinschnitt bis zum Boden. Auch die Frauen trugen die Krause.

Um 1600 wurde erneut der frz. Hof zum Vorbild für die dt. Adelskleidung. Die Formen der span. Mode blieben zwar zunächst noch erhalten, verloren aber immer mehr an Steifheit. Die große Krause, die enge Schnürung und die dicken Auspolsterungen verschwanden, so daß die Kleider lockerer und bequemer wurden. Die Kleiderfarben wurden wieder heller. Die Männer trugen Pluderhosen und dazu ein kurzes Schoßwams, dessen Taillenlinie im Laufe der Zeit höher rückte und das dann die Form einer losen Jacke mit weiten, häufig geschlitzten Ärmeln annahm. Dazu gehörten Spitzenmanschetten und -kragen. An den Füßen trugen die Männer hohe Stulpenstiefel oder Schuhe mit Absätzen, auf dem Kopf einen breitkrempigen Hut. In der Kleidung der adligen Frauen wurden nach Verzicht auf den Reifrock zunächst mehrere Unterröcke getragen, dann fiel der Rock in freien Falten zum Boden und wurde in der Taille nur noch locker zusammengehalten. Neben die Krause, die sich bis nach 1650 hielt, trat der große Spitzenkragen.

L. Neben den vielen Kostümgeschichten sei verwiesen auf : Page, Agnès/Prince, Vêtir le: Tissus et couleurs à la Cour de Savoie (1427-1447), Lausanne 1993 (Cahiers lausannois d’histoire médiévale, 8). – Schmidt, Fritz: "Textil- und Kleidungsverbrauch am Hof des Basler Bischofs Johanns VI. von Venningen (1458-1478)", in: Die Kraichgauer Ritterschaft in der frühen Neuzeit, hg. von Stefan Rhein, Sigmaringen 1993, S. 123-172 (Melanchthon-Schriften der Stadt Bretten, 3). – #Verwiesen sei auch auf die im Entstehen begriffene wirtschaftshistorisch ausgerichtete Habilitationsschrift von Dr. Stefan Selzer (Halle) und die ebenfalls in Arbeit befindliche Dissertation von Kirsten O. Frieling (Greifswald/Erlangen) mit einem kommunikationshistorischen Ansatz.#

Kirsten O. Frieling


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