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Mitteilungen der Residenzen-Kommission

 

der

 

Akademie der Wissenschaften zu Göttingen

 

Sonderheft 10

 

 

Vlrici De Hvtten, eqvitis Germani, Avla dialogvs

 

Editionis et translationis textum paraverunt

Rainer A. Müller (†), Klaus Schreiner et Ernst Wenzel

 

 

Kiel 2008


 

 

 

 

Ulrich von Hutten

Eines deutschen Ritters Dialog über den Hof

 

Herausgegeben von Rainer A. Müller (†) und Klaus Schreiner

Übersetzt von Ernst Wenzel

 

 

Mitteilungen der Residenzen-Kommission

 

der

 

Akademie der Wissenschaften zu Göttingen

 

 

Sonderheft 10
[Digitale Version / griechische Sonderzeichen nur bei Installation der SGreek Schrift mit Internet Explorer darstellbar
(zugänglich über: http://www.altesprachen.de/lwas/instruk.htm)]

 

Kiel 2008


 

 

ISSN 1617-7312

 

 

Herstellung:

Universitätsdruckerei

der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

 

 

Titelvignette:

Abgebildet ist das Titelblatt der Pariser Ausgabe von Huttens „Aula“aus dem Jahre 1519,
die „von Hutten eigenhändig durchkorrigiert“ wurde (Josef Benzing, Ulrich von Hutten und seine Drucker. Eine Bibliographie der Schriften Huttens im 16. Jahrhundert mit Beiträgen von Heinrich Grimm, Wiesbaden 1956 [Beiträge zum Buch- und Bibliothekswesen, 6], S. 51) und die deshalb auch der gegenwärtigen Edition zugrundeliegt. Hutten selbst hat den Titel durchgestrichen, seine handschriftliche Korrektur lautet: „Vlrichi Equ[itis] Germ[anici]. Phalarismus Dial[ogus]“. Benzing hat den Druck eingehend beschrieben. Heute wird er in der Zürcher Zentralbibliothek aufbewahrt. Vgl. unten S. 21f.

 


 

 

Der Holzschnitt zeigt Ulrich von Hutten als gekrönten Dichter inmitten eines Lorbeerkranzes. Das Bild erschien in Huttens 1520 in Straßburg gedruckter ‚Conquestio‘, einer ‚Klage des deutschen Ritters Ulrich von Hutten an Kaiser Karl über die Gewalt und das Unrecht, die ihm von den Romanisten angedroht worden sind‘. Am oberen und unteren Bildrand steht: Dirumpamvs vincvla eorvm, et proiiciamvs a nobis ivgvm ipsorvm (Laßt uns ihre Fesseln zerreißen und ihr Joch von uns werfen). Der Satz richtet sich gegen die römische Kirche, die Huttens Auffassung nach die Christen unfrei macht und unter das Joch ihres gewalttätigen Herrschaftsanspruches zwingt. Der Holzschnitt zeigt Ulrich von Hutten mit Rüstung und Schwert, den Attributen des Ritters, sowie Dichterlorbeer und Buch, den Attributen des Dich-ters und Publizisten. Das Wappen über seinem Kopf ist das Wappen derer von Hutten: auf ro-tem Grund zwei goldene Schrägrechtsbalken. Links daneben befindet sich das Wappen derer von Eberstein, der Familie von Huttens Mutter. Es zeigt ein auf der Spitze stehendes Dreieck mit drei Lilien. Bei dem unteren Wappen handelt es sich um das Wappen derer von Stein zum Liebenstein aus der Linie von Huttens Mutter: auf silbernem Grund zwei blaue Schräg-rechtsbalken. Das rechte Wappen stellt das Wappen derer von Thüngen aus der Linie des Va-ters dar: auf silbernem Grund ein roter horizontaler Balken mit gewellten goldenen Pfählen.



Inhalt

 

 

 

 

 

 

 

 

Einleitung...................................................................................................................................... 9

 

Lateinisch-deutsche Edition von Huttens ‚Aula‘............................................................................ 23

 

Quellen- und Literaturverzeichnis............................................................................................... 107

 

Danksagung.............................................................................................................................. 111

 

 

Herausgeber und Übersetzer..................................................................................................... 113

 

 

 



Einleitung

 

 

Ein Schlüsselsatz mittelalterlicher und frühneuzeitlicher Hofkritik lautet: „Wer rechtschaffen sein will, verlasse den Hof“ (Exeat aula, qui vult esse pius). Der römische Dichter Lucan (39-65) hat ihn geprägt. Sprichwörtersammlungen haben ihn festgehalten und verbreitet. Theolo-gen, Moralisten und Literaten des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit benutzten ihn, um ihre Vorbehalte gegen höfisches Leben auf eine griffige Formel zu bringen[1]. Deren mora-lischer Imperativ gebot den Absolventen Hoher Schulen, sich von Höfen geistlicher und welt-licher Fürsten fernzuhalten. Abstand vom Hof, so das Argument derer, die den Hof zum Inbe-griff lasterhaften Lebens machten, gebe den Liebhabern humanistischer Gelehrsamkeit Ge-währ, an ihrem wissenschaftlichen Ethos und ihrer sittlichen Integrität keinen Schaden zu nehmen.

 

1. Biographie des Autors,
Entstehung und Drucklegung seiner Schrift über den Hof („Aula“)

 

Auch Ulrich von Hutten (1488-1523), der humanistisch gebildete Rittersmann, Poet und Pu-blizist, beruft sich auf Lucans Maxime, um Anhängern des humanistischen Bildungsideals einzuschärfen, wie schwierig es sei, intellektuelle Rechtschaffenheit und höfische Lebensform miteinander in Einklang zu bringen[2]. Deren Widersprüchlichkeit begründete Hutten in einer Gelegenheitsschrift mit dem Titel „Aula“ (Hof). Gegenstand dieser Abhandlung ist ein kon-trovers geführtes Gespräch zwischen einem Verächter höfischen Lebens namens Misaulus und einem Mann namens Castus, der beabsichtigt, als Hofmann (curialis) Karriere zu machen.

Die Entstehung dieses Dialogs hängt mit Huttens Biographie und seinen humanistischen Interessen zusammen[3]. Nach zwölfjähriger Studien- und Wanderzeit, die ihn an in- und aus-ländische Universitäten geführt hatte, kehrte er Anfang Juli 1517 aus Italien nach Deutsch-land zurück. Kaiser Maximilian krönte ihn am 12. Juli 1517 in Augsburg zum Dichter. Der vom Kaiser verliehene Dichterlorbeer ersetzte den Doktorhut, den er als Student der Jurisprudenz an einer italienischen Universität hatte erwerben wollen.

Im März 1512 hatte er an der Universität Pavia das Rechtsstudium aufgenommen. Wegen der oberitalienischen Kriegswirren war er im Juli 1512 nach Bologna geflüchtet. Be-reits ein Jahr später brach er wegen der anhaltenden kriegerischen Konflikte sein Studium ab. Im November 1513 machte er sich auf den Weg nach Deutschland. Zuvor erfüllte er im Heer Kaiser Maximilians militärische Dienste. Im November 1515 trat er – finanziell unterstützt von Erzbischof Albrecht – seine zweite Italienreise an. In Rom wollte er seine juristischen Studien wieder aufnehmen. Er tat dies mit der Zusage aus Mainz, nach Abschluß seines Rechtsstudiums in die Dienste des Mainzer Erzbischofs übernommen zu werden. Von Rom führte sein Weg nach Bologna und Ferrara. Den juristischen Doktorgrad, sein eigentliches Studienziel, erreichte er nicht. Im Juni 1517 begab er sich wieder nach Deutschland.

Im September 1517 trat er als kurfürstlicher Rat (consiliarius) in die Dienste des Main-zer Erzbischofs Albrecht von Brandenburg (1490-1545). Dabei kam ihm zustatten, daß er von näheren und entfernteren Verwandten, die zu den führenden Amtsträgern des Mainzer Hofs zählten, tatkräftig protegiert wurde. Kein geringerer als Erasmus von Rotterdam ließ den Mainzer Kirchenfürsten wissen, Ulrich von Hutten sei „nicht weniger durch seine Erziehung als durch seine Abstammung berühmt“ und dabei „von so einzigem Adel, daß Euer Gnaden ihn unter die vornehmsten und engsten Kreise des Hofes zählen“ dürfe[4]. Johannes Froben, sein Basler Drucker, charakterisierte ihn als jungen, ausnehmend intelligenten Mann, den man auf Grund seiner Gelehrsamkeit und seines Wissens vorbehaltlos zu den „gebildetsten und gescheitesten Alten“ rechnen könne[5].

Durch ein hymnisches „Preisgedicht zum Lobe Alberts“ (Panegyricus in laudem Al-berti), eine aus 1300 Hexametern bestehende epische Dichtung, hatte sich Hutten dem geist-lichen Fürsten als gebildeter und geistvoller Zeitgenosse empfohlen. Mit Hilfe der Poesie wollte Hutten den Mainzer Kirchenmann ermutigen, seiner humanistischen Gesinnung treu zu bleiben. „Albrechts Regierung sollte eine Blütezeit der Wissenschaften werden, sein Hof ein Zufluchtsort der Literaten, er selbst das leuchtende Vorbild für alle geistlichen und weltlichen Fürsten“[6]. Huttens Huldigung, die er zu Anfang des Jahres 1515 zum Druck gebracht hatte, zahlte sich aus. Als Honorar für seine Verse ließ ihm der Kirchenfürst 200 Goldgulden aus-händigen. Er half ihm überdies bei der Finanzierung seines in Italien begonnenen Rechts-studiums. Mit dem Mainzer Erzbischof, der, wie Hutten versicherte, „weit über die her-kömmliche Auffassung seines Standes hinaus Begabung und Wissen“ förderte, fühlte er sich freundschaftlich verbunden. Ihm als Hofrat dienen zu können, empfand er als ausgesproche-nen Glücksfall. Hutten ist jedoch „nicht als reiner Literat in den Hofdienst eingetreten, er tat dies vielmehr in der Absicht, sich auch anderweitig verwenden zu lassen, etwa für Gesandt-schaften, wofür er dank seiner Standeszugehörigkeit und seiner humanistischen oratorischen Qualifikation gleichermaßen geeignet war“[7].

Im Sommer 1518 folgte Hutten seinem geistlichen Herrn auf den Reichstag nach Augs-burg. In Augsburg, einer damals ausnehmend unruhigen und umtriebigen Stadt, schrieb er in den „Hundstagen“ des Monats August seinen Dialog über das Hofleben. Huttens satirischer Bericht über das Leben und Treiben der Höflinge erschien bereits im September 1518 bei den Augsburger Verlegern Sigmund Grimm und Marx Wirsing im Druck. Zur Ausarbeitung dieses Textes hatte ihn Heinrich Stromer von Auerbach (1482-1542) angeregt, der Leibarzt des Mainzer Erzbischofs, ein für humanistische Bildung ausnehmend aufgeschlossener Medi-ziner, der 1517 die von Enea Silvio de’ Piccolomini, dem späteren Papst Pius II., 1444 ver-faßte hofkritische Schrift „Über das Elend der Hofleute“ (De curialium miseriis von 1444) herausgegeben hatte. Die vierte, 1519 gleichfalls in Augsburg gedruckte Ausgabe von Huttens „Aula“ enthielt eine persönliche Zueignung an Heinrich Stromer, die zugleich das Vorwort zu Huttens Dialog bildete[8].

 

2. Last und Laster des Hoflebens aus der Sicht Ulrichs von Hutten

 

Es ist ein tristes Gemälde, das Hutten vom höfischen Leben entwirft. Als Intellektueller, der sich den Bildungs- und Wissenschaftsidealen des Humanismus verpflichtet fühlte, schildert er den Hof als Heimstätte von Heuchelei und Schmeichelei, von Ausschweifung, Laster-haftigkeit, von Ehrgeiz und Korruption. Höflinge würden ein Leben führen, das Selbstachtung nicht zulasse. Leben am Hof nötige zu einem Leben entehrender Fremdbestimmung. Wer am Hof diene, verfüge weder über eigene Zeit noch sei er Herr seines eigenen Tuns. Er dürfe nicht sagen, was er denke, sondern nur das, was sich zieme. Er sei in Gefahr, seine persön-liche Identität zu verlieren. Die höfische Etikette verlange Anpassung, die oftmals der eigenen Natur widerspreche. Um Leistungen, die Fürsten ihren Hofleuten schuldeten, müßten diese unterwürfig bitten. Es sei entwürdigend, beim Glockenschlag alles wegwerfen und auf-springen zu müssen, um dem Allerhöchsten seine Aufwartung machen zu können. Nach der Gunst des Fürsten zu streben, provoziere den Neid der Mithöflinge.

Die Turbulenzen des Hofes vergleicht Hutten mit dem Meer, das – „unbeständig, un-ruhig, immer den Stürmen ausgesetzt, immer den Winden preisgegeben, bei Sturm tobend, bei Aufruhr schäumend, voller Gefahren, voller Verderben“ – mit ungestümer Gewalt alles überflutet und verschlingt[9]. Misaulus bedauert es zutiefst, daß er dem süßen, verführerischen Gesang einiger Sirenen nicht habe widerstehen können und sich auf eine Seefahrt auf einem von Wogen gepeitschten Meer, d.h. auf ein Leben am Hof, eingelassen habe.

Der Vergleich des Hofes mit dem Meer, vielfach verknüpft mit Motiven aus Homers Odyssee, zieht sich wie ein gedanklicher Leitfaden durch Huttens Dialog. Wiederholt hebt Hutten hervor, daß Hofleben einer gefährlichen Schiffsreise gleiche, die schrecklichen Ge-fahren aussetze. Die Höflinge würden den treulosen und betrügerischen Gefährten gleichen, die ehedem mit Odysseus das große Meer befuhren. „Jener“, beteuert Misaulus, „ist wohl durch seine eigene Eingebung ihrem Anschlag entkommen oder durch die Güte der Götter deren Nachstellungen entgangen“. Höflinge hingegen hätten keine Chance, den höfischen Tur-bulenzen zu entkommen und zu sich selber zu finden. Winde, die am Hof alles korrumpieren, seien „Gunst, Mißgunst, Habsucht, Ehrgeiz, Ausschweifung, Liebschaften, Armut und andere Laster dieser Art“. Kein Wind sei stürmischer als der die Rolle des Nordwindes spielende Ehrgeiz, welcher „das Schiff hin und her wirft“ und den „Sinn des Menschen am Hofe zer-rüttet“. Das „Streben nach trügerischem Ruhm“ sitze „zäh in den Herzen aller Höflinge fest“. Um in ihrem Auftreten und in ihrem Lebensstil andere zu übertreffen, würden Höflinge viel Geld ausgeben. Was sie kauften, richte sich nicht nach ihren jeweiligen lebensnotwendigen Bedürfnissen, sondern folge ihrem Verlangen nach glanzvoller Selbstdarstellung. Castus, so der eindringliche Rat des Misaulus, solle deshalb das unberechenbare Meer des Hoflebens meiden, um der höfischen Knechtschaft (aulica servitus) zu entkommen und ein freier, unab-hängiger Mensch zu bleiben.

Wie in jedem Meer gebe es auch am Hof zahlreiche Klippen. Die gefährlichste von die-sen sei der Zorn des Fürsten. Wer auf diese auflaufe, um den sei es geschehen. Oftmals näm-lich würden Fürsten aus Kleinigkeiten eine Tragödie machen und sich wegen eines Haares oder einer faulen Nuß maßlos empören. Er kenne Höflinge, die nach langjährigen treuen Diensten mit Geldstrafen belegt und dem Verlust ihrer Freiheit bestraft wurden, weil der Fürst zorn- und wutentbrannt außer sich geriet. Auch kleinere Klippen wie die von Fürsten gehegten und gepflegten Verdächtigungen, denen Höflinge ausgesetzt seien, würden den Hof zu einem gefahrenreichen Meer machen. Freimütig bekennt Misaulus: „Und in diesen [Klippen] sitze ich dauernd fest, mein Castus, wegen meiner freimütigen Rede, durch die sich jene Herren sehr häufig beleidigt fühlen. Sie hassen nämlich die Wahrheit, wie kaum etwas anderes. Man darf auch bei ihnen nicht ein unbescholtenes oder ein gutes Leben führen, sie wollen, daß man ein willfähriger Schmeichler ist“.

Schmeichelei und Liebedienerei seien die größten Pestseuchen, die den Hof ins Ver-derben stürzen[10]. Um am Hof zu überleben, sei es erforderlich, nach Kräften zu betrügen, zu schmeicheln und seinen Charakter zu verbiegen. Manche würden auf so weibische Art schmeicheln, daß sie ihre Schmeicheleien nicht nur durch ihre Worte, sondern auch durch ihre Gebärden zum Ausdruck brächten. Bei solchen Gestalten sei das Gesicht das verlogenste Kennzeichen der Seele[11]. Schmeichler würden immer mit doppelter und gespaltener Zunge sprechen und auf diese Weise die bestgesinnten Fürsten zugrunde richten. An den durch und durch korrupten Menschentyp der Schmeichler habe der Philosoph Antisthenes erinnern wollen, als er sagte, daß es, so es denn unvermeidlich sein sollte, besser sei, unter Raben zu fallen als unter Schmeichler. Die Raben nämlich würden nur die Toten, die Schmeichler hin-gegen die Lebenden verschlingen. Höflinge würden nicht anders leben als das Gesindel von Freiern im Haus des Odysseus[12].

Unter Höflingen herrsche keine ehrliche, vertrauenstiftende Offenheit. Sie würden sich wie Schauspieler aufführen, bei denen Denken und Handeln auseinanderfielen. Ihre Freund-lichkeit sei verlogenes Theater. Zuinnerst seien sie darauf bedacht, ihren Kollegen, denen sie wortreich ihre Freundschaft angedient hätten, nach Kräften zu schaden. Ihre überschweng-lichen Freundschaftsbekenntnisse seien leeres Geschwätz.

Den Hof für eine Einrichtung zu halten, der sich als Ort des sozialen Aufstiegs bewähre, sei blanke Utopie. Es gebe Aufsteiger, die es schnell zu etwas brächten, reich und mächtig würden. Sie würden aber auch schnell wieder abstürzen, wenn es ihrem fürstlichen Herrn, dem vermeintlichen Geber der guten Gaben, gut und nützlich erscheine. Viele würden in Ar-mut altern und das bleiben, was sie immer gewesen seien, ohne jemals ihre Stellung ver-bessert zu haben.

Einen Acker anzupflanzen, sich den Wissenschaften zu widmen, das Kriegshandwerk auszuüben oder Heilkünste zu betreiben, seien ehrenwerte Tätigkeiten. Höfling zu sein, komme einem Leben in würdeloser Knechtschaft gleich. Castus folgt dem Ratschlag des Misaulus, seines Mentors. Er läßt sich umstimmen und lehnt es ab, auf dem Meer des Hofes auch nur probehalber eine Seereise zu unternehmen. Von Misaulus will er allerdings wissen, was ihn bewegt habe, sich auf diese Seereise, die ihn in ein Leben der Knechtschaft verstrickt habe, einzulassen.

Misaulus gibt bereitwillig Auskunft: Er habe sich von den mit Gold und Edelsteinen besetzten Kleidern der Höflinge beeindrucken und verführen lassen. Mit denen zu verkehren, die auf andere anziehend wirkten, habe er sehr hoch eingeschätzt. Da sein Erbe sehr klein ge-wesen sei, habe er sich von der Vorstellung verführen lassen, an einem Hof mühelos reich werden zu können. Als er einmal gesehen habe, wie Höflinge von Bittstellern, die etwas beim Fürsten erreichen wollten, untertänig gegrüßt und angesprochen wurden, habe er geglaubt, daß alle am Hof Verkehrenden durch ihren politischen Einfluß viel auszurichten ver-möchten.[13]

Castus läßt sich belehren. Von Misaulus über die höfische Wirklichkeit aufgeklärt, ge-langt er zu folgender Einsicht: „Ich habe mich armselig getäuscht, da ich nicht im Geringsten vorausahnte, in welche Übel ich durch den Zorn Gottes geraten würde“[14]. Fürstliche Gna-denerweise seien nicht Zeichen der Zuneigung, sondern Ausdrucksformen von Prahlerei. Als solche seien sie darauf angelegt, Fürsten als freigebige und leutselige Menschen erscheinen zu lassen. In Wirklichkeit sei das an Höfen gepflegte Prunk- und Prachtgehabe eine Ursache wirtschaftlichen Niedergangs. „In unserer Zeit“, erläutert Hutten, seien nämlich „fast alle Für-sten Deutschlands arm infolge ihrer Prachtliebe und ihrer Eitelkeit, denen sie huldigen und für die sie das meiste Geld nutzlos ausgeben“. Unsummen von Geld würden die Kosten für Nar-ren und Tänzer, für Schauspieler und Musikanten verschlingen. Tag und Nacht würde man an Höfen üppige Gelage feiern. Naß vom Wein seien die Fußböden, weil die Trunkenbolde mehr auf den Boden als in die Kehle schütten[15]. Ohne das Laster der Schmeichelei sei Fürsten-dienst undenkbar. Unterwürfig zu schmeicheln, gehöre zum Pflichtenkreis der höfischen Ordnung. Wer von dieser auch nur einen Fußbreit abweiche, beteuert Misaulus, verliere die Gunst des Fürsten, der er in einer langen Zeit unterwürfigen Dienens nachgejagt sei. Deshalb sein enttäuschtes und verbittertes Bekenntnis, daß er die Blüte seiner Lebenszeit am Hofe vertan habe. Er habe dies tun müssen unter schmarotzenden Schmeichlern, herzlosen Zechgefährten und tückischen Mithöflingen. Zur Hofgesellschaft, die ihm das Leben schwer gemacht hätten, hätten überdies prahlerische Statthalter, königliche Hunde und Menschen gezählt, von denen kein einziger fähig gewesen sei, sich beim Mahle untadelig zu verhalten. Zur Hofpopulation, die er als Höfling habe ertragen müsse, hätten auch ruhmredige Soldaten und hochnäsige Ritter gehört, „die meistens mehr Tiere sind als die, auf denen sie reiten“[16]. Was sich Tag für Tag bei Tisch abspiele, grenze an Barbarei. Das Fleisch sei ranzig und werde halbgar aufgetischt. Der Wein sei sauer. Die mit am Tisch sitzen, würden nach dem gestrigen Rausch riechen. Ertragen müsse man auch den Geruch und die Ausscheidungen der Hunde. Das Tischtuch sei schmierig. Die Becher seien voller Schimmel. Auf die Frage, wie es denn bei Hof mit den Tischsitten bestellt sei, könne man getrost antworten: „Es wird getrunken, erbrochen, es wird verschüttet“.

„Was kannst du noch wollen“, beschwört Misaulus deshalb abschließend seinen Ge-sprächspartner Castus, „daß ich hinzufüge, außer dich zu ermahnen, jenes Meer, das auf so viele Weise furchterregend ist, zu fliehen und zu meiden, damit du dich niemals einer so ver-derblichen Seereise anvertraust“[17].

 

3. Hofkritische Traditionen

 

Hofkritik ist nicht eine geistige Errungenschaft frühneuzeitlicher Humanisten, Hofkritik hatte Tradition. Seit dem hohen Mittelalter haben Kritiker des höfischen Lebens mit gleichblei-bender Hartnäckigkeit angeprangert, was – angeblich oder tatsächlich – den Hof von Königen und Fürsten zu einem Hort der Laster machte: Schmeichelei und Intrigantentum, Verstellung und Verleumdung, Lug und Trug, Unzucht und Ausschweifung.

Der Bremer Domscholaster Adam († vor 1085) berief sich auf den vielzitierten Satz des antiken Dichters Lucan, wonach derjenige, der rechtschaffen sein wolle, den Hof verlassen müsse, um das lasterhafte Treiben am Hof des Bremer Erzbischofs Adalbert (1034-1072) bloßzustellen und zu brandmarken[18]. Kirchenreformer des 11. Jahrhunderts verurteilten an Höfen tätige Kleriker (clerici aulici) als „Sklaven der Welt“ (servi mundi), denen persönlicher Ehrgeiz und materieller Gewinn mehr bedeuteten als Seelsorge und Kirche. „Höfisches Leben ist der Seele Tod“ (vita curialis mors est animae), schrieb Peter von Blois (1135-1204) als Quintessenz seiner Erfahrungen, die er am Hof Heinrichs II. von England als dessen Sekretär und Hofkaplan gemacht hatte. Der Hof, lautete ein von Reformtheologen weit verbreiteter Gemeinplatz, sei ein Ort, der wie das Meer (more maris) durch „weltliche Wogen“ beunruhige, gefährde und durcheinanderbringe. Als eine dem Meer vergleichbare Einrichtung stelle der Hof einen Lebensbereich dar, in dem der Fromme und Gebildete nur Schiffbruch (naufragium) erleiden könne.

Im Lichte symbolischer Theologie und Frömmigkeit wurde das Meer als Erscheinungs-ort des Bösen erfahren, als Bereich des Unberechenbaren, Normwidrigen Chaotischen und Gesetzlosen. Wer sich jedoch entschied, als rettenden Hafen ein Kloster aufzusuchen und dort den Mönchshabit zu nehmen, entzog sich dem „Schiffbruch der weltlichen Flut“, während die „Söhne dieser Welt“ immer noch in der „flutgepeitschten Überschwemmung weltlicher Stür-me“ lebten. Zu den „Söhnen dieser Welt“ wurden auch diejenigen gerechnet, die das gefähr-liche Leben eines Höflings führen mußten.

Im Weltbild gebildeter und gelehrter Humanisten war es die Beschäftigung mit antiker Literatur, die davor bewahrte, im stürmischen Meer eines Hofes Schiffbruch zu erleiden. Im Mittelalter konnten das Studium an Hohen Schulen sowie die asketische Lebensform von Mönchen davon abhalten, als Höfling sein Glück zu versuchen.

Das Studium an einer Hohen Schule, versicherten bildungsbewußte Kleriker, ermög-liche konzentriertes Nachdenken, indes der Hof nur Unruhe, Geschäftigkeit und Lärm verur-sache. Die Geschäftigkeit des Hofes, machten dessen hochmittelalterliche Kritiker geltend, lasse keine Zeit, sich mit Literatur, Philosophie und Wissenschaft zu beschäftigen. Der Hof verführe zu moralischer Korruption, verstricke in weltliche Sorgen, nähre Begierden nach Ehre, Macht und Reichtum. Die Schule hingegen lenke die Gedanken vom Zeitlichen zum Ewigen. Der Hof, erklärte der walisische Edelmann und königliche Hofkaplan Giraldus Cambrensis (1146/1150-ca. 1220), gleiche einem „Totenreich auf Erden“ (Orcus in terra), indes die Schule ein „zweites Paradies auf Erden“ (Paradisus in terris alter) darstelle. Studium und Hofleben betrachtete er als zwei Lebensformen, die sich als Alternative zwi-schen Heil und Unheil ausnähmen. „Hier das Hofleben als Urheber aller Sorgen, als der Orkus der Erde, der den Menschen bei eitlen Possen und Nichtigkeiten aufhält und ihm jede Selbstbestimmung raubt – dort die Wissenschaft als die Mutter der wahren Freuden, als das Paradies der Welt, das den wahren inneren Menschen zur Geltung bringt, ja den Menschen überhaupt erst zum Leben erweckt“. Daß er sein Studium aufgegeben habe, um einem Ruf des Königs an dessen Hof zu folgen, deutete der Waliser Adlige als Vorgang, der unter dem Einfluß sündiger Mächte (peccatis exigentibus) zustande gekommen sei.

Im Vergleich mit der Hohen Schule, die wissenschaftliche Leistungen hervorbrachte, hatte der Hof keine Chance, als Einrichtung wahrgenommen zu werden, die der Kultur eines Landes von Nutzen war. Wurde höfisches Leben am Ideal der Nachfolge Christi gemessen, nahm der Hof noch verächtlichere Züge an. Höfisches Leben und Nachfolge Christi ließen sich schlechterdings nicht auf einen gemeinsamen Nenner bringen. Wer am Hof eines Königs oder Fürsten lebte, fühlte sich nicht in der Lage, zur Rettung seiner Seele jenen Heilsweg zu beschreiten, den Jesus durch sein Leben und Sterben vorgezeichnet hatte. Der curialitas, d.h. dem höfischen Normen- und Verhaltenscodex, widersprach das Ideal christlicher Armut. Ein apostelgleiches Leben (vita apostolica), wie es von Wanderpredigern, Ordensreformern und Mönchsgemeinschaften zum Maßstab christlicher Vollkommenheit gemacht wurde, war am Hof, einer Einrichtung, die vornehmlich weltliche Funktionen erfüllte, schlechterdings nicht zu führen.

„Wahre Apostel halten sich nicht an den Höfen von Fürsten und Großen auf“, schrieb Wilhelm von Saint-Amour († 1272). Leben am Hof würde das „strenge Leben“ (vita rigida), zu dem die Nachfolger der Apostel verpflichtet seien, zerstören. Hofprediger, welche die Bot-schaft Jesu zur höfischen Schmeichelei verdrehen und verzerren, seien keine wahren, sondern falsche Apostel. Die berufenen Ausleger der kirchlichen Glaubens- und Sittenlehre sahen sich außerstande, eine Laienethik zu entwerfen, die in der Lage war, zwischen Weltentsagung und Weltverantwortung, dem asketischen Leben der Mönche und dem weltzugewandten Leben der Laienchristen zu vermitteln. Wo Laien Gefühle von Minne entdeckten, sprachen theologische Moralisten von sündhafter „fleischlicher Vereinigung“ (carnalis coniunctio); Heiterkeit und Freude (delectatio) brandmarkten sie als Verlangen nach sündiger Lust (voluptas); festliche Repräsentation (repraesentatio) verteufelten sie als verführerische Ausschweifung (luxuria).

Eng verwandt mit Huttens „Aula“ ist der Traktat des Enea Silvio de’ Piccolomini, den dieser 1444 „Über das Elend der Hofleute“ verfaßte. Was beide Schriften miteinander verbin-det, sind ihre Intention, ihre von traditionellen Stereotypen geprägte Hofkritik und ihre aggressive sprachliche Form. Auch Enea Silvio schrieb keinen „Bericht über das tatsächliche Leben am Wiener Hof“, dem er zeitweise als Berater und Sekretär Kaiser Friedrichs III. angehörte, sondern „eine literarische Satire auf das Hofleben an sich“[19]. Zwischen 1470 und 1500 erschienen vom „Elend der Hofleute“ nicht weniger als fünfzehn gedruckte Einzel-ausgaben. Der von Enea Silvio verfaßte hofkritische Traktat kann deshalb als repräsentativ für die spätmittelalterliche Hofkritik gelten.

Enea Silvio nennt fünf Motive, die Menschen bewegen, an den Höfen von Fürsten und Königen ihr Glück zu suchen: „das Trachten nach Ehrungen und weltlichem Ruhm (honores, fama seculi), nach Macht (potentia), nach Reichtümern (divitiae), nach sinnlichen Vergnü-gungen (voluptates), schließlich die irrige Meinung, durch das Erdulden des mühsamen Hof-dienstes das Seelenheil zu erlangen“[20]. Die vielen, die mit diesen Absichten und in diesen Er-wartungen Dienste an Fürsten- und Königshöfen suchten, würden sich von dem äußeren Glanz des Hoflebens blenden lassen; von dem inneren Elend höfischer Lebensführung könn-ten sie sich keine Vorstellung machen.

Der Hof sei ein Ort der Laster. Tugenden hätten dort keinen Platz. Es erscheine ihm „bei Gott unwahrscheinlich, daß bei Hof, inmitten so vieler Laster und Verführungen, ein anständiger Mensch ausharren kann“[21]. Hofleute würden den Hof als Ort der Unfreiheit erfahren. Wer sich an den Hof begebe, verkaufe seine Freiheit. Nicht der lärmende Hof, sondern das stille, gegen weltliches Getöse abgeschirmte Land sei ein fruchtbarer Boden für Bildung und Wissenschaft. „Eine große Erholung des Geistes gönnt die Zurückgezogenheit, wenn man einen einsamen Ort aufsucht und sinnt oder liest oder schreibt, sich ganz den Musen widmet und Plato oder Aristoteles, Tullius oder Vergil oder andere längst verstorbene Geister […] anspricht“[22].

 

4. Worum es Hutten in seiner Schrift über den „Hof“ (Aula) eigentlich ging?

 

Über das, was Hutten in seiner polemisch zugespitzten „Aula“ hatte sagen wollen, ist viel nachgedacht, gerätselt und geschrieben worden. Als Quelle für die tatsächlichen Verhältnisse am Mainzer Hof, so die unstreitig zutreffende sententia communis, sei Huttens Dialog un-brauchbar. Er besitze nicht die Qualität eines verläßlichen Spiegels, der Erfahrungen wieder-gebe, die Hutten am Mainzer Hof gemacht habe. Kontrovers diskutiert wird jedoch die Bot-schaft, die Hutten seinen Lesern habe vermitteln wollen.

Huttens Dialog, so wurde behauptet, sei ein literarisches, auf „klassischen Vorlagen“ be-ruhendes Konstrukt[23]. Heinrich Stromer habe ihn motivieren wollen, sich während seiner sechswöchigen Guajakkur, die ihn von seiner „Franzosenkrankheit“ hätte heilen sollen, gei-stig zu beschäftigen[24]. Dem Hof des Mainzer Erzbischofs Albrecht, einer Pflanz- und Pflege-stätte der Wissenschaften und Künste, habe er in seinem Dialog als Kontrastfolie das triste Bild eines moralisch korrupten Hofes gegenüberstellen wollen. Dieser gleiche einem Meer von Lastern, in dem Humanisten immer wieder Schiffbruch erleiden würden. Ist demnach Huttens „Aula“ nur ein „autonomes Kunstprodukt“[25], ein vornehmlich aus antiken und huma-nistischen Quellen gebastelter Text, der mit der höfischen Wirklichkeit seiner Zeit nichts zu tun hat? Handelt es sich um ein satirisches Pamphlet, das unterhalten, nicht aber desolates Hofleben anprangern und erneuern wollte?

Hält man sich an Huttens Selbstaussagen, die er zum Thema seiner praefatio macht[26], ergibt sich folgendes Bild: Geschrieben, so führt er aus, habe er den Dialog, um dem „lieben Stromer“ einen Gefallen zu erweisen. Dieser Gefallen habe jedoch einen hohen Preis gehabt. Er sei gehalten gewesen, während der Hundstage, einer Zeit, die wissenschaftlicher Arbeit nicht gerade freundlich sei, und bei ungestümem Lärm, der Augsburg während des Reichs-tages erfüllte, den Text zu Papier zu bringen – wohl wissend, daß in diesem Dialog nichts zur Sprache komme, „was denen gefallen dürfte, denen zu gefallen wir uns bemühen müssen“. Dies mache die Niederschrift eines Traktates über das Leben am Hof zu einem „gefährlichen Unterfangen“ (res periculosa)[27]. Weil eine solche Schrift bei ihren Adressaten, den Fürsten und ihren Höflingen, unbändige Wut provoziere, habe ihn Stromer in eine kritische Lage ge-bracht. Zu befürchten sei, daß ihm einer von den fürstlichen Gefolgsleuten nur „wegen dieser Nichtigkeiten“ einen Fußtritt versetze, um ihn kopfüber aus dem Hof hinauszuwerfen. Die von ihm kritisierten Herrscher würden auf Widerruf drängen. Einer von den königlichen Hau-degen werde ihn übel malträtieren. Wenn der Text gedruckt vorliege, fühle er sich den „höfi-schen Affen zur Zerstückelung“ ausgeliefert. Stromer hielt den Bedenken Huttens entgegen, hochgelehrte Männer wie Konrad Peutinger, Jakob Spiegel und Johann Stabius hätten an seiner Schrift über den Hof Gefallen gefunden. Hutten bleibt skeptisch. Es sei zu befürchten, daß die drei gelehrten und amtserfahrenen Männer „um der Freundschaft willen“ und „mehr aus Sympathie zum Lob neigen als aus Überzeugung die Veröffentlichung billigen“.

Die martialischen Handgreiflichkeiten, die sich Hutten als Reaktion auf seinen hof-kritischen Traktat ausdachte und möglicherweise auch zu erwarten hatte, wollte er nicht wört-lich verstanden wissen. Es sei genug gescherzt (iocatum satis est), schreibt er, um das Nach-denken über gewalttätige Folgen seiner Hofkritik zum Abschluß zu bringen. Der ganze Dialog, versichert er, sei ein in scherzhafter Absicht verfaßtes Spiel (lusum est enim, ioco scriptum) und müsse deshalb als „dichterische Posse“ (nugamentum; nugae) gelesen und begriffen werden[28]. Insofern, so Hutten, gebe es für niemanden einen Grund, über das, was er über das Leben am Hof geschrieben habe, empört zu sein. Misaulus verdiene deshalb Nach-sicht, auch wenn er das höfische Leben nachhaltiger kritisiere, als es den tatsächlichen höfi-schen Verhältnissen angemessen sei. Mit Nachdruck stellt Hutten heraus, daß seine Kritik nicht dem Mainzer Hof gelte. Der Mainzer Erzbischof und Kardinal sei ein menschen-freundlicher und gebildeter Fürst, der als „einzigartiger Freund der Rechtschaffenheit“ nach allen Tugenden strebe. „Er nimmt sich aber dennoch voll Achtung besonders der wissen-schaftlichen Bildung und deren Verfechter an und fördert sie großzügig“. Deshalb seine rhetorische Frage: Wo gibt es in Deutschland derzeit einen wahrhaft Gebildeten, den der Fürst nicht kennt, oder einen solchen, der ihn nicht aufgesucht hätte, um vom „reichen Regen seiner Großzügigkeit“ besprengt zu werden?[29] Besteht Anlaß, Ulrich von Hutten, dem selbstbewußten Edelmann, dem leidenschaftlichen Humanisten und umtriebigen Publizisten, aufs Wort zu glauben? Wollte er, als er sich über den Hof und das höfische Leben Gedanken machte, nur eine scherzhafte Spielerei oder eine unterhaltsame Satire zu Papier und zum Druck bringen? Man tut Huttens Schrift über den Hof keine Gewalt an, wenn man ihr einen kritischen Subtext unterstellt, der sowohl auf Huttens Denk- und Lebenswelt als auch auf die tatsächlichen Verhältnisse an den Höfen geistlicher und weltlicher Fürsten Bezug nimmt. Warum sollte er sich nicht eines Stilmittels der antiken Rhetorik bedient haben, das darauf angelegt ist, Scherz und Ernst miteinander zu vermischen (ioca seriis miscere)?

Mit guten Gründen konnte denn auch die These vertreten werden, Hutten habe in seinem im September 1518 gedruckten Dialog „Aula“ die ihn „bewegenden Fragen und Kon-flikte“ zur Sprache bringen wollen. Zu diesem Zweck habe er sich zweier Kunstfiguren bedient, die über Glanz und Elend des Hoflebens kontrovers debattierten[30]. Hutten greife auf die ältere literarische Hofkritik zurück, um an Hand von deren Denk- und Sprachmustern die Problematik seines eigenen Hofdienstes zu erörtern. „Es ist evident, daß Huttens eigene Posi-tion weder von Castus noch von Misaulus allein vertreten wird, daß sie vielmehr in den Par-tien des Dialogs zum Ausdruck kommt, die tendenziell zwischen der Hofsehnsucht des Castus und der Hoffeindlichkeit des Misaulus vermitteln und die Möglichkeit eines Kompromisses zwischen Gelehrtendasein und Höflingsexistenz aufscheinen lassen“[31].

Im Medium herkömmlicher Topoi, in denen über die Jahrhunderte hin Hofkritik geübt und überliefert wurde, diskutiert Hutten Grundfragen höfischer Lebensführung. Im Fall von Huttens „Aula“ gewinnen Vorgaben der herkömmlichen Hofkritik „in einem konkreten Le-benszusammenhang biographische Relevanz, die sich für sonstige antihöfische Äußerungen des 16. Jahrhunderts entweder gar nicht oder nicht mit hinreichender Gewißheit und Präzision nachweisen läßt“[32]. Demnach ist Huttens „Aula“ kein Text, der mit der Geistes- und Lebens-welt seines Autors nichts zu tun hat. Hutten befaßt sich mit dem Verhältnis zwischen Hof und Humanismus nicht losgelöst von seiner Person und seiner Standeszugehörigkeit. „Von seinem persönlichen Erfolg bei Hofe sieht Hutten das Urteil seines ganzen Standes über die Ver-einbarkeit von Adel und humanistisch gelehrter Bildung abhängen“. Deshalb lehnt er die an-gebliche Unvereinbarkeit zwischen humanistischer und höfischer Lebensform entschieden ab und dies „zugunsten einer nicht allein in der Sache gerechtfertigten und im konkreten Lebens-vollzug möglichen, sondern auch gesellschaftlich notwendigen Vereinbarkeit“[33].

Auf ein fundamentum in re kann sich möglicherweise auch folgende Vermutung stüt-zen: Hutten habe seinen Dialog über das Hofleben deshalb als bloße „Spielerei“ (ludum) cha-rakterisiert, um durch eine Schutzbehauptung die Schärfe seiner hofkritischen Auslassungen zu unterlaufen. Der Nürnberger Humanist und Ratsherr Willibald Pirckheimer (1470-1530) war jedenfalls nicht der Meinung, daß Hutten einen scherzhaften Text hatte schreiben wollen. Er hielt Huttens „Aula“ für eine „unausgegorene Angelegenheit“ (immatura res); sie sei aus-gesprochen „aggressiv“ (intempestiva)[34]. In seinem Antwortbrief an den Nürnberger Huma-nisten, am 25. Oktober 1518 in Augsburg geschrieben und im November desselben Jahres auch in Augsburg gedruckt, wollte Hutten dies keinesfalls in Abrede stellen[35]. „Du bist nicht im Irrtum“, räumte Hutten ein, „wenn du schreibst, in meiner Schrift ‚Aula‘ sei es zu merken, daß ich bisweilen meine sehr gereizte Galle wider Erwarten zur Ruhe gezwungen habe“[36]. Hutten suchte seinem Freund Pirckheimer deutlich zu machen: Seine Schrift gebe einen ge-dämpften Zorn und eine erzwungene Ruhe zu erkennen. Ursprünglich habe er beabsichtigt, „heftiger vorzugehen“. Dem fügte er hinzu: „Du hast recht: Ich habe mich zurückgehalten, einmal weil ich sehe, daß man sich gegenwärtig allerseits und überall gegen die Freiheit verschworen hat, andererseits aber weil ein Scherz keinen schärferen Tadel verträgt“. Zensur behindere die freie Rede und die Freiheit des Schreibens. Scherz setze dem Tadel Grenzen[37].

Seine Kritik an Huttens Schrift nahm Pirckheimer zum Anlaß, seinem Freund Hutten nahezulegen, am Hof nicht alt zu werden und sich von der „höfischen Pest“ (aulica pestis) zu trennen. Auf Pirckheimers Rat reagierte Hutten so: Er habe ihn stets „für einen offenen, auf-richtigen und freimütigen Mann gehalten“, der als solcher auch über seinen Dialog „Aula“ ge-urteilt habe. „Aber“, so fährt Hutten fort, „sag mir, wenn du in diesem Dialog meine Unreife bemängelst, weil ich schon etwas über das Hofleben geschrieben habe, kaum daß ich den Hof von der Schwelle aus begrüßt habe (wie du sagst) – warum willst du mich daher nicht eben-falls am Hofe zur Reife gelangen lassen, sondern willst mich gleich unmittelbar beim Eintritt zur Umkehr bewegen und wegreißen?“[38]. Hutten widerspricht nicht, wenn ihm sein Nürn-berger Freund Willibald unterstellt, er sei für das höfische Leben ungeeignet. Er hält es über-dies für einen Akt der Freundschaft, wenn ihm Pirckheimer den Rat gibt, den Hof zu ver-lassen, um dadurch allen Unannehmlichkeiten des höfischen Lebens zu entkommen. Dieser Rat, konzediert Hutten, scheine richtig zu sein. Dennoch stellt Hutten entschieden fest: „Ich will aber dennoch den Hofdienst, den ich anderen zu fliehen rate, selbst kennenlernen“[39]. Seine Freunde in Deutschland hätten sich getäuscht, wenn sie meinten, er würde seine Studien aufgeben, nachdem er sich in den Hofdienst begeben habe, der die Beschäftigung mit Literatur und Wissenschaft nicht zulasse[40].

Hutten beharrt für seine Person auf der faktischen Vereinbarkeit von höfischem Leben und humanistischer Gelehrsamkeit. Eine solche Verbindung von Hof (aula) und Bücher-studium (litterae), so sein Argument, gelinge ihm nur deshalb, weil er sich gegen den höfi-schen Betrieb, der zu geistloser Tätigkeit verführe und moralisch anrüchige Verhaltensformen hervorbringe, zu behaupten wisse. Dies befähige und bestärke ihn, auch am Hof seine eigenen geistigen Interessen zur Geltung zu bringen. Er fühle sich stark genug, um von den Geschäften immer wieder Abstand zu nehmen und sich – unbehelligt durch störende Einflüsse seiner Umgebung – seinen Studien zu widmen. Nirgendwo anders als am Mainzer Hof, versichert Hutten, „bin ich mehr zum Studieren gekommen, da der Fürst mir dazu genügend Ruhe läßt; denn er in seiner Güte hat mir die völlige Befreiung von den gewöhnlichen Beratungen und dem niedrigen Hofdienst zugestanden“. Diese Zeit verwende er auf gelehrte Studien, mit Ausnahme der Mußestunden, die er mit anderen gemeinsam verbringe. Daher trage er meistens eine Handbibliothek bei sich, die die besten Autoren enthalte. Wo immer es möglich sei, lese er; bisweilen schreibe er auch etwas. Oft sei er mitten im Trubel für sich allein[41]. Deshalb werde es ihm inmitten des höfischen Trubels an tiefster Ruhe nicht fehlen[42].

Um sich inmitten höfischer Turbulenzen einen Raum produktiver Einsamkeit zu ver-schaffen, bedurfte es günstiger Umweltverhältnisse, welche die Bildung lärmfreier Oasen ermöglichten. Die ihm abverlangten Hofdienste waren in der Tat so bemessen, daß ihm noch genügend Zeit für seine Studien blieb. „Kurfürst Albrecht hat den jungen Ritter zwar auch zu wichtigen und ehrenvollen politischen Aufgaben herangezogen, aber im Ganzen hat er ihn nicht übermäßig beansprucht, so daß sich ihm eine nahezu ideale Situation eröffnete: eine gute Stelle, genügend Zeit für seine publizistische Tätigkeit, hohe Achtung des Erz-bischofs“[43]. Um sich am Hof bietende Chancen im Interesse humanistischer Wissenschafts- und Bildungsideale zu nutzen, bedurfte es überdies angestrengten Bemühens um die Wahrung der eigenen Identität. Als Mann des Hofes wollte Hutten kein „Verräter seiner selbst“ (desertor mei) sein; er wollte sich selber treu bleiben (mihi consto)[44].

Für seine eigene Person hat Hutten den vermeintlichen oder tatsächlichen Gegensatz zwischen höfischer und gelehrter Wissenschaft produktiv gelöst. Er war aber auch redlich und realistisch genug, auch die materielle Seite höfischen Lebens zur Sprache zu bringen. Im Blick auf die Grundlagen seiner eigenen materiellen Existenz bekannte er in aller Offenheit: „Ich bin durch die Notwendigkeit dazu gezwungen, Hofdienste zu leisten“[45]. Als Kenner der humanistischen Geistes- und Lebenswelt wußte Hutten sehr wohl, daß Humanisten, die sich mit neulateinischer Vers- und Dichtkunst, mit Tugendlehre, Herrscherlob und patriotischen Geschichten befassen, an fürstlichen Höfen ihr Auskommen suchten und auch immer wieder fanden. Huttens Eintritt in den Hofdienst, so wurde zu Recht gesagt, sei deshalb auch unter rein pragmatischen Gesichtspunkten zu begreifen. Hutten war sich darüber im klaren, daß der Dienst an den Höfen von Fürsten Tätigkeitsbereiche und Wirkungsmöglichkeiten erschloß, die es Humanisten ermöglichte, ein standesgemäßes Leben zu führen. Deshalb gab er seinen Standesgenossen den Rat, die Gunst und das Wohlwollen der Herrschenden „auf jede Weise zu erhaschen und, wo immer es geht, der Fürstengunst die Fangnetze auszuspannen, sich den Fürsten deshalb anzuschließen, damit wir dort mit den andern gleichziehen, zumal wir sehen, daß die Juristen und Theologen auf keinem anderen Weg nach oben steigen“[46]. Nur so sei es für Humanisten möglich, als eine „neue soziale Gruppierung“ an den Hof zu gelangen[47]. Sei-nen Entschluß, am Mainzer Hof zu bleiben, begründete Hutten in apologetischer Manier mit fünf Argumenten[48]: In seinem Alter ein beschauliches Gelehrtenleben zu führen, widerspre-che seinem jugendlichen Naturell (1). Zudem komme es darauf an, Fürsten und ihre Höfe für die geistigen und politisch-sozialen Ziele des Humanismus zu gewinnen (2). Er glaube, die am Hof anfallenden Geschäfte und seine privaten Studien genauso miteinander verbinden zu können, wie dies auch Pirckheimer in seiner Heimatstadt Nürnberg zustande bringe, wo er öffentliche Pflichten, berufliche Geschäfte und humanistische Studien schadlos miteinander zu verknüpfen vermöge (3). Das Hofleben biete mehr Annehmlichkeiten als das Leben auf einer Ritterburg. Es bewahre überdies vor wirtschaftlichen Nöten und politischen Krisen, von denen insbesondere der ritterschaftliche Adel betroffen sei (4). Schließlich und nicht zuletzt: Er wolle sich in Einsamkeit und Stille nicht begraben, sondern im Interesse des Allgemeinwohls öffentlich wirken. Dazu bedürfe es des geselligen Verkehrs mit anderen Menschen. Indem er seinen Geblütsadel (nobilitas generis) mit dem Adel literarischer Gelehrsamkeit (nobilitas litteraria) zu verknüpfen suche, verschaffe er seinem Geschlecht Ruhm und Ehre (5).

 

5. Überlieferung, Textgestaltung, Übersetzung

 

Ein Autograph von Huttens Dialog „Aula“ hat sich nicht erhalten. Jede Rekonstruktion von deren Text kann sich nur auf gedruckte Vorlagen stützen. Josef Benzing verzeichnet in seiner Monographie über „Ulrich Hutten und seine Drucker“ von Huttens „Aula“ für die Zeit vom September 1518 bis zum Februar 1521 insgesamt acht Ausgaben, die in Augsburg, Basel, Bologna, Leipzig und Paris gedruckt wurden[49]. In dem von Benzing erarbeiteten Werkver-zeichnis Huttens begegnet Augsburg als Druckort zwei Mal. Zwei Mal vertreten ist in Ben-zings Verzeichnis von Huttens Werken auch Paris. In Wirklichkeit sind von Huttens „Aula“ im Jahre 1518 in Augsburg nicht weniger als fünf Ausgaben erschienen[50].

Eine den lateinischen Text paraphrasierende, sich vom lateinischen Text bisweilen weit entfernende Übersetzung brachte 1792 L. S. Schubart in der ‚Deutschen Monatsschrift‘ zum Druck[51]. Eine Gesamtausgabe der ‚Opera omnia‘ Huttens besorgte in den zwanziger Jahren des 19. Jahrhunderts Ernst Joseph Herman Münch, Doktor der Philosophie, ehemaliger Pro-fessor an der Kantonsschule Aarau. Huttens „Aula“ erschien in ‚Des teutschen Ritters Ulrich von Hutten sämmtliche Werke, Dritter Theil / Ulrici de Hutten equitis Germani opera quae extant omnia, Tomus tertius, Berlin 1823, S. 18-58. Gegliedert hat er seine Ausgabe, die weder mit sachlichen Anmerkungen noch mit einem textkritischen Apparat ausgestattet ist, folgendermaßen: Einleitung (S. 3-11); Jo. Frobenius Thomae Moro, Regio apud Anglos Con-siliario. S[alutem] D[icit] (S. 12-13); Ulrichi ab Hutten Eq[uitis] Ad Heinrichum Stromerum, med[icum] in Misaulum suum Praefatio (S. 14-17); Ulrichi Hutteni Equitis Germani Misaulus. Dialogus (18-58). Daß Hutten einen von dem geistreichen Enea Silvio behandelten Gegenstand von neuem kritisch bearbeiten konnte, betrachtete Münch als Indiz für die am Mainzer Hof herrschende „liberale Stimmung“. Beschrieben habe Hutten das Hofleben, ein altes und immer noch aktuelles Thema, „in Form eines Dialogs, worin Scherz und Ernst auf das Anziehendste gepaart“ seien. Dabei habe er „Wahrheiten aufgetragen, welche ihm bey andern Umständen und an einem andern Hofe leicht das Schicksal hätten herbeiführen können, welches er sich in der scherzhaften Zueignung an Stromer selbst prophezeite“[52].

Eine kommentierte und mit einem textkritischen Apparat versehene Ausgabe von Huttens „Aula“ brachte 1860 der geheime Justizrat Eduard Böcking, der Rechte und der Philosophie Doktor, öffentlicher ordentlicher Professor der Rechte zu Bonn, im Rahmen der von ihm besorgten Gesamtausgabe von Huttens Werken zum Druck. Erschienen ist er in Hut-tens ‚Dialogi / Gespräche‘ (Vlrichi Hvtteni equitis Dialogi / Ulrichs von Hutten und irrig ihm zugeschriebene Gespräche, Opera quae reperiri potvervnt omnia, Tom. IV, Leipzig 1860, S. 43-74). Die Widmung des Johannes Froben an Thomas Morus und die Stromer zugedachte Praefatio hat er davon abgetrennt und in seiner Edition von Huttens Briefen abgedruckt (Ulrichi Hvtteni equitis Germani opera quae reperiri potvervnt omnia / Ulrichs von Hutten Schriften, hg. von Eduard Böcking, Tom. I, Leipzig 1859, Brief LXXXXI: S. 217-220; Brief LXXXXII: 220-221). Veröffentlicht hat Böcking Huttens Dialog über den Hof unter dem Titel ‚VLRICI HVTTENI EQVITIS GERMANI MISAVLVS DIALOGUS‘. Böckings Titelgebung beruht auf einer Notiz, die Hutten auf dem Titelblatt der 1519 in Paris gedruckten Ausgabe seines Dialoges angebracht hat. Diese lautet: ‚Vlrici Hutteni Equ[itis]. Germani Misaulus qui et Aula inscribitur; Dialog[us]‘. In der vorliegenden Ausgabe folgten wir der Titelei der Drucker des 16. Jahrhunderts, die alle Huttens Schrift unter dem Titel ‚AVLA. DIALOGVS‘ oder ‚AVLICA VIA‘ veröffentlichten. Der Sachkommentar der vorliegenden Ausgabe wurde – verglichen mit dem der Böckingschen Edition – erheblich erweitert. Sowohl der lateinische Text als auch die deutsche Übersetzung wurden neu erarbeitet.

Der vorliegende Text beruht auf der 1519 in Paris gedruckten Ausgabe, von der sich ein Exemplar heute in der Zentralbibliothek Zürich befindet[53]. Das Züricher Exemplar ist von Hutten eigenhändig korrigiert worden und kann deshalb als authentischer Text gelten. Als solcher macht er einen textkritischen Apparat, der angesichts zahlreicher früher Drucke mach-bar wäre, entbehrlich. Eigenhändig korrigiert hat Hutten auch die beiden Texte, die in der Pa-riser Ausgabe dem Text seiner „Aula“ vorausgehen: Den Brief des Johannes Frobenius, seines Basler Druckers, an den englischen Kanzler Thomas Morus sowie das Heinrich Stromer gewidmete Vorwort.

 


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Lateinisch-deutsche Edition von Huttens ‚Aula‘

 

 


Io [annes] Frobenivs Thomae Moro,

regio apvd Anglos consiliario, S. D.

 

[Basel, 13. Nov.1518]

 

Lucianus1 salsissimus scriptor et inimitabilis facetiarum artifex, in dialogo

quem inscripsit peri\ tw=n e)pi\ misq%= suno/ntwn vitam istam aulicam (ut nosti)

sic verbis depingit, ut nullus Apelles2, nullus Parrhasius3 penicillo potuerit ex-

pressius, quem Erasmi4 nostri beneficio, Latini maiore propemodum gratia red-

ditum legunt, quam ille græce scripsit; unde et nos eam picturam mutuati

sumus, qua frontispicium librorum, qui typis nostris excuduntur, nonnunquam

ornamus. Sylvius item Senensis, patrum memoria, de miseriis aulicorum libellum

aedidit5 sane frigidum, ut qui natura quam arte vel literis ad dicendum esset

instructior. Sed ut hunc equis (quod aiunt) albis præcurrit, ita ad illum proxime

accedit V[lricus] Huttenus, e nobili Huttenorum familia prognatus, qui inter Fran-

conicos Equites cumprimis clari sunt, si spectes ætatem, adulescens plane, si

doctrinam et prudentiam, vel senibus eruditissimis cordatissimisque connume-

randus. Imo per Pythagoricam illam paliggenesi/an renatum in hoc Lucianum

dices, ubi illius Aulam, lepidissimum dialogum, legeris. Quem ideo nunc ad

te misimus, ut quoniam nuper Musis suam vicem inconsolabiter dolentibus, in

aulam invictissimi regis tui pertractus es, habeas in quo tuam sortem ceu in

tabella dhmokriti/zwn contempleris, aut aliorum quorundam potius.


Jo[annes] Frobenius grüßt Thomas Morus,

den Rat des Königs der Engländer

 

Basel, 13. Nov. 1518

 

Lukian, der geistreichste Autor und unnachahmliche Dichter der heiteren Muse, zeichnet in seinem Dialog mit dem Titel ‚Über die von Lohn Lebenden‘ das höfische Leben (wie du weißt) so mit Worten nach1, wie es kein Apelles2, kein Parrhasius3 mit dem Pinsel besser hätte ausdrücken können. Ihn können die Lateiner dank unseres Erasmus beinahe mit größerem Gefallen lesen als Lukians Text auf Griechisch4. Deshalb haben auch wir dieses Bild entlehnt, mit dem wir das Deckblatt der Bücher, die in unserer Sprache gedruckt werden, manchmal schmücken. Auch Sylvius aus Siena hat zur Zeit unserer Väter ein allerdings trockenes Büchlein über das Elend der Hofleute herausgegeben5. Es ist freilich mehr von realistischer Darstellung bestimmt als von dichterischer und sprachlicher Kraft gestaltet. Aber wie U. Hutten diesen, wie man sagt, auf Schimmeln überholt, so ist er jenem sehr nahe. Er entstammt der adeligen Familie derer von Hutten, die vor allem unter den fränkischen Rittern berühmt sind. Betrachtet man sein Alter, so ist er ein sehr junger Mann, wenn man aber auf seine Gelehrsamkeit und sein Wissen achtet, ist er unter die gebildetsten und gescheitesten Alten zu rechnen. Man könnte ihn sogar in dieser Hinsicht nach der pythagoreischen Wieder-geburtslehre einen wiedergeborenen Lukian nennen, wenn man seine Aula, einen sehr an-mutigen Dialog, gelesen hat. Diesen haben wir jetzt an dich geschickt. So sollst du mit ihm etwas haben, worin du dein Los oder vielmehr manch anderer Los wie auf einem volks-tümlichen Gemälde betrachten kannst. Denn du bist ja neulich zum untröstlichen Leidwesen der Musen an den Hof deines unbesiegbaren Königs geholt worden.

 

1       Lukian (ca. 120 bis nach 180), griechischer Schriftsteller, der sich durch seine Satiren als Zeit- und Kultur-kritiker einen Namen machte. Das höfische Leben kritisiert er in seiner Schrift ‚Über die von Lohn Lebenden‘. Zur Abhängigkeit Huttens von Lukian vgl. Gewerstock, Olga: Lukian und Hutten. Zur Geschichte des Dialogs im 16. Jahrhundert, Berlin 1924. Wie sich Hutten Lukian zum Vorbild nahm und sich auf ihn als Autorität berief, ist genauestens zu erfahren von Honemann, Volker: Der deutsche Lukian. Die volkssprachigen Dialoge Ulrichs von Hutten, in: Ulrich von Hutten 1488-1988, hg. von Stephan Füssel, München 1989 (Pirckheimer Jahrbuch 1988, 4), S. 38-55.

2       Apelles, Hofmaler Alexanders des Großen, lebte in der 2. Hälfte des 4. Jh. v. Chr.

3       Parrhasius, griechischer Maler aus Athen, 2. Hälfte des 5. Jh. v. Chr.

4       Erasmus von Rotterdam (1466-1536), der hochgelehrte Humanist, Philologe und Theologe an der Wende vom späten Mittelalter, hat Lukians hofkritischen Traktat unter dem Titel ‚De iis, qui mercede conducti, in divitum familiis vivunt‘ ins Lateinische übersetzt. Vgl. Desiderii Erasmi Roterodami opera omnia, recognovit Johannes Clericus, Tomus I-X, MDXVII, unveränderter reprographischer Nachdruck der Ausgabe Leiden 1703, Hildesheim 1961, Tomus I, Sp. 297-312. Abgedruckt ist die Übersetzung des Erasmus auch in einer Anthologie hofkritischer Traktate, die der Gymnasialprofessor Henricus Petreus Herdesianus 1578 in Frankfurt am Main in zweiter Auflage unter dem Titel ‚Aulica vita‘ herausgab. Vgl. Aulica Vita, et opposita huic vita privata: a diversis, tum veteribus, tum recentioribus autoribus luculenter descripta, et in hoc Enchiridion collecta, atque nunc denuo in lucem edita, ab Henrico Petreo Herdesiano, Francoforti ad Moenum 1578. Über das Verhältnis Huttens zu Erasmus vgl. Honemann, Volker: Erasmus von Rotterdam und Ulrich von Hutten, in: Ulrich von Hutten in seiner Zeit. Schlüchterner Vorträge zu seinem 500. Geburtstag, hg. von Johannes Schilling, Kassel 1988 (Monographia Hassiae, 12), S. 61-86.

5       Enea Silvio de’ Piccolomini, Nachfahre einer alten verarmten Sieneser Adels- und Kaufmannsfamilie, hervorragender Humanist, von 1450 bis 1458 Bischof von Siena, von 1458 bis 1464 Papst mit dem Namen Pius II. Der Titel der Schrift, auf die der Basler Drucker und Verleger Johannes Frobenius Bezug nimmt, lautet: ‚De miseriis curialium‘ (Über das Elend der Hofleute). Enea Silvio de’ Piccolomini hat diese als Brieftraktat verfaßte Satire auf das Hofleben im Jahre 1444 geschrieben. Er war damals Berater und Sekretär Kaiser Friedrichs III. Auf Grund ihrer weiten Verbreitung darf diese hofkritische Schrift des späteren Papstes Pius II. als repräsentativ für die lateinische Hofkritik des 15. Jahrhunderts gelten. Zur Abhängigkeit Huttens von Enea


Nam te felicem plane puto, cui in ministris et quidem honoratissimis esse contigerit

regis ut omnium florentissimi, ita modestissimi optimique. Tuam Utopiam

denuo typis nostris excudimus, ut scias non a Britanis modo, sed ab orbe

toto Moricum probari ingenium. Commenda me magnis illis literarum heroibus

Io[annes] Coleto6, Linacro7, Grocino8, Latomero9, Tunstallo10, Paceo11, Croco12 et Sixtino13.

Bene vale, vir clarissime. Basileæ. Idibus Novemb[ris]. M.D.XVIII.

 

 

Vlrichi ab Hvtten Eq[vitis]

ad Henrichvm Stromervm medicvm,

in Misavlum svvm praefatio

 

[Augsburg vor März 1519]

 

Næ tu rem mihi periculosam suasisti, Stromer, de vita aulica ut scri-

berem, hoc potissimum tempore, quo tot agentibus hic principibus tanta

est aulicorum frequentia. Quasi ullo modo tutum sit, has spinas contrectare,

aut consultum, eos irritare, quibus etiam si blandus sis, non admodum pla-

ceas. Et dic mihi, amicissime hominum, quid te iuvit in hoc discrimen

adducere amicum? nec in mentem venit, cui me furori obiicias, contra

quam rabiem excites, præsertim aulicum et ipsum nuper factum?14 ut in aula

iubeas me aulam offendere, et quod dici solet, e)n fre/ati kusi\ ma/xesqai??

 

 


Ich glaube nämlich, daß du sehr glücklich sein kannst, weil es dir gelungen ist, zu den Dienern, und zwar den angesehensten des mächtigsten und auch des ehrbarsten und besten Königs zu gehören. Deine Utopia drucken wir von neuem in unserer Sprache, damit du weißt, daß das Genie des Morus nicht nur von den Britannen, sondern auch von der ganzen Welt anerkannt wird. Empfiehl mich jenen großen Helden der Literatur Io. Coletus6, Linacer7, Grocinus8, Latomerus9, Tunstallus10, Paceus11, Crocus12 und Sixtinus13. Leb wohl, erlauchter Herr. Basel, am 13. November 1518.

 

Des Ritters Ulrich von Hutten Vorwort zu seinem Dialog Aula

an den Medicus Heinrich Stromer (von Auerbach)

 

Augsburg (vor März 1519)

 

Fürwahr, du hast mir zu einem gefahrvollen Unterfangen geraten, Stromer, über das Leben am Hofe zu schreiben, insbesondere in der heutigen Zeit, in der sich so viele Fürsten tummeln und deswegen die Zahl der Höflinge so groß ist. Glaubtest du etwa, man sei sicher, wenn man sich mit diesen Dornen befaßt oder wenn man absichtlich die erzürnt, denen man, auch wenn man ihnen schmeichelt, nicht allzu sehr gefällt? Und sag mir doch, bester Freund unter den Menschen, weshalb es dir zur Freude gereichte, den Freund in diese kritische Lage zu bringen? Warum hast du nicht die Tollheit bedacht, der du mich auslieferst, nicht die Wut der anderen Seite, die du weckst? Denn ich bin doch selbst erst neulich Höfling geworden14, und da läßt du mich am Hofe den Hof verunglimpfen und, wie man gewöhnlich sagt, in einem Brunnen mit Hunden kämpfen.

 

Silvio de’ Piccolomini vgl. Paparelli, Giacchino: Il De Curialium Miseriis di Enea Silvio Piccolomini e il Misaulus di Ulrico von Hutten, in: Ithalica 24 (1947) S. 125-133.

6       John Colet (1466-1519), Theologe und Begründer der Sankt Pauls-Schule in London, einer der Haupt-vertreter des Humanismus und der Renaissance in England.

7       Thomas Linacker (1460/1-1524) (Linacre; Lynacer; Linacrus), Studium der griechischen und lateinischen Sprache in Oxford, Florenz und Rom, Erzieher des Sohnes Heinrichs VII., danach Studium der Medizin und Gründer von Medizinschulen in Oxford und Cambridge, Leibarzt Heinrichs VII. und Heinrichs VIII., Übersetzer lateinischer Werke und Verfasser eines Lehrbuchs der lateinischen Sprache.

8       William Grocyn (1446-1519), (Grocyn; Grocin; Grocinus), Philologe, Gräzist an der Universität Oxford, Geistlicher, Autor und Übersetzer, Mitbegründer des Humanismus in England. Vermutlich war er der erste Brite, der Griechisch unterrichtete.

9       Ein humanistisch gebildeter Gelehrter mit dem Namen Latomerus konnte mit Hilfe der gängigen bio- und bibliographischen Hilfsmittel nicht ermittelt und nachgewiesen werden. Vermutlich handelt es sich bei dem Na-men Latomerus um eine Verschreibung oder um eine Variante des Namens Latimer. William Latimer (ca. 1460-1545), Humanist, studierte ab 1480 in Oxford, mehrere Jahre Logik und Philosophie. Danach setzte er seine Studien mit Grocyn und Linacker an der Universität Padua fort, erwarb Kenntnisse im Griechischen und schloß seine Studien mit dem M.A. ab. 1513 Mitglied der Universität Oxford, war er zu Beginn der Herrschaft Hein-richs VIII. Lehrer Reginald Pools, des späteren Kardinals und Erzbischofs von Canterbury. Dank seines Ein-flusses erhielt Latimer hohe kirchliche Ämter. Er war ein großer Kenner der Heiligen Schrift und der profanen Literatur und eng befreundet mit Thomas Morus und Richard Paceus. Zusammen mit Linacker und Grocyn war er an der Übersetzung des Aristoteles ins Lateinische beteiligt. Vgl. Dictionary of National Biography, ed. Sidney Lee, Volume XXXII, London 1892, S. 181f.

10     Cuthbert Tunstall, Prälat und Bischof von Durham (1530-52 und 1553-59), Humanist, befreundet mit Thomas Morus, nahm Partei für Heinrich VIII. und hat mit Rom gebrochen.

11     Richard Pak (Paceus), Dechant bei St. Paul in London, großer Kenner der Literatur und Freund des Kanz-lers Thomas Morus, des Erasmus von Rotterdam und des Reginald Pools. König Heinrich VIII. bediente sich seiner als Gesandten in wichtigen Angelegenheiten in der Schweiz, Venedig, Rom und anderswo. Er fiel auf Betrei-ben des Kardinals Wolsey beim König in Ungnade und starb 1532 mit ungefähr 50 Jahren. Von ihm ist eine Reihe lateinischer Werke erhalten.

12     Richard Crocus, geboren in London gegen Ende des 15. Jhs., hielt 1514 Vorlesungen über griechische und


Quid restat aliud igitur, nisi ut me ob has nugas, non in nostra quidem

aula, in qua tuta ac tranquilla sunt omnia, verum ubiubi negocium incesserit,

ut apud hos rerum dominos agendum sit, ex stipatoribus unus

cubito protrudat, aut inflicta calce præcipitem eiiciat, deinde fiducia plenus,

facti rationem reddat, et causam tueatur, quam mihi impugnare non us-

quequaque oportunum sit, demum ad palinodiam quoque adigat, quam nisi

mox promisero, dentes amisero? Nisi tu contra aulicam vaesaniam habes me-

dicamentum, aut iam parasti helleborum, quo furentes illos inebries. Quod

si est, quæso in tempore consilium adhibe, ut venienti malo occurras. Sed

vereor, ne in medicina non tantus sis, ut hominum affectibus mederi scias.

Et iam mihi caput, mihi os, mihi malæ trepidant. Ac aliquem videre vi-

deor ex gigantibus regiis, pugnum sex librarum stringere, quem iamiam in

buccam mihi impingat. Quod ubi fiet, tum vereor ne tu in sinum interim

rideas, et pro ludo ducas, mihi alapas infligi, os obverberari, dentes excuti.

Et fortasse mortis causa si mihi fueris, non magni facies, quod clericus

non sum, ut illo te sagittent Canone Ecclesiastici patres, Siquis suadente

diabolo15. Verum heus tu, hominem esse memineris, idque satis existima,

quod tibi iratum deum reddat, quandoquidem sic ille dicit, quod feceritis

uni ex minimis meis, mihi feceritis16. Vin deum igitur prodere, quum hoc

facias, si me aulicis simiis discerpendum tradas? Quaeso rem intuere, et con-

sydera, quam non deceat sero sapientem te, illud, non putabam futurum,

prætexere. Credis enim non vehementer quosdam succensere mihi, ob

hoc nugamentum? aut eam esse in aula moderationem, ut qui sic com-

moti sunt, contineant sese?


Was bleibt also anderes übrig, als daß mich einer von den Gefolgsleuten plötzlich we-gen dieser Nichtigkeiten wegstößt, mir einen Fußtritt gibt und mich kopfüber hinauswirft? Das wird zwar nicht an unserem Hofe geschehen, an dem ja alles sicher und ruhig ist, sondern gegebenenfalls überall bei den Herren, bei denen ich künftig tätig sein werde. Danach wird jener Höfling voll Zuversicht über sein Tun Rechenschaft ablegen und den Beweggrund seines Handelns verteidigen, gegen den anzukämpfen für mich nicht überall von Vorteil sein dürfte. Schließlich wird er mich auch zum Widerruf drängen. Wenn ich ihn nicht sogleich ausspreche, werde ich alle Zähne verlieren, es sei denn, du hast gegen diese höfische Raserei ein Medikament oder hast schon ein Heilmittel vorbereitet, mit dem du jene Rasenden trunken machen kannst.

Wenn das der Fall ist, entschließe dich bitte zur rechten Zeit, dem kommenden Unheil entgegenzutreten. Aber ich fürchte, daß du in der Heilkunst nicht so bedeutend bist, daß du die Leidenschaften der Menschen zu heilen verstehst. Denn schon beben mir Kopf, Mund und Wangen, und ich glaube zu sehen, wie einer von den königlichen Riesen einen sechs Pfund schweren Dolch zieht, den er mir bald in den Rachen stößt. Sobald das geschieht, muß ich fürchten, daß du dir indessen ins Fäustchen lachst und es für einen Scherz hältst, daß ich ge-ohrfeigt werde, daß mir mein Gesicht zerschlagen wird und die Zähne ausgeschlagen werden. Und wenn du vielleicht an meinem Tod schuld bist, wirst du ihn nicht für bedeutsam halten, weil ich ja kein Kleriker bin. Denn wäre ich einer, dann würden die Geistlichen der Kirche wie mit einem Pfeil auf dich mit jenem kirchlichen Rechtssatz ‚Siquis suadente diabolo‘15 [Wenn jemand auf den Rat des Teufels] schießen. Doch wohlan, denke daran, daß du ein Mensch bist, und bedenke ausführlich, was Gott gegen dich zornig machen kann. Jener sagt ja folgendes: „Was ihr einem von meinen Geringsten getan habt, das habt ihr mir getan“16. Willst du also Gott verraten, indem du das machst, wenn du mich an die höfischen Affen zur Zerstückelung auslieferst? Schau dir bitte die Sache an und bedenke, wie wenig es dir als einem Weisen ziemt, jene Entschuldigung zu spät vorzubringen, die da lautet „Ich habe nicht geglaubt, daß dies geschehen wird.“ Glaubst du denn wirklich nicht, daß einige mir heftig zürnen wegen dieser poetischen Possen oder daß am Hofe solche Mäßigung üblich ist, daß diejenigen, die so empört sind, sich selbst beherrschen können?

 

 

 

 

 

 

 

 

 

lateinische Sprache und Literatur an der Universität Leipzig, kehrte 1517 nach England zurück und wurde 1530 Professor in Cambridge.

13     Johannes Sixtine (Sixtinus), studierte in Siena und erwarb dort den Grad eines Doktors beider Rechte. Ab 1510 war er in Oxford und machte die Bekanntschaft mit Erasmus von Rotterdam. Er starb um 1519 als Rektor zu Ecclescliffe in der Diözese Durham.

14     Ulrich von Hutten trat im September 1517 in den Hofdienst Kardinal Albrechts von Brandenburg.

15     Zu dem hier zitierten Dekretale ‚Si quis suadente diabolo‘ vgl. Decretum Gratiani, secunda pars, causa XVII, quaestio IV, c. 29, in: Corpus iuris canonici, instr. Aemilius Friedberg, pars prior, Decretum magistri Gratiani, Lipsiae 1879, Sp. 822. Das auf dem Laterankonzil des Jahres 1139 beschlossene Dekretale bedroht jeden, der einem Kleriker oder Mönch Gewalt antut, mit dem Ausschluß aus der Kirche. Von den Folgen einer solchen Untat zu dispensieren, vermag kein Bischof, sondern nur der apostolische Stuhl in Rom. Das Decretale hat folgenden Wortlaut: Si quis suadente diabolo huius sacrilegii vicium incurrerit, quod in clericum uel monachum uiolentas manus iniecerit, anathematis uinculo subiaceat, et nullus episcoporum illum praesumat absolvere, nisi mortis urgente periculo, donec apostolico conspectui presentetur, et eius mandatum suscipiat.

16     Vgl. Matth. 25, 40.


Præterea memento aliquos esse quibus iam ante

aversa fuit a studiis mens; hi exilient ac arma et equos poscent his ferme

verbis. Hoc ille feret impune scriba? Nosti enim quantum literatis detrac-

tum putent, quoties scribas vocant, nobis contumeliam minime agnoscen-

tibus. Qui ut stultus sit metus, vulgatum hoc tamen est, occasione tan-

tummodo opus improbitati. Sed iocatum satis est. Per miras, Stromer,

difficultates, ut tibi obsequerer, eundum fuit. Primum Canicularibus, in-

festo studiis tempore, ingenium cum exerceo. Deinde in hoc Germanæ

nobilitatis conventu, in quo ita turbis referta sunt omnia, ut nemo satis

meminisse quid suum sit, queat. In quo nulla quies, nullum silentium, nulla

tranquillitas, ingentes tota urbe motus, vociferationes, tumultus, equita-

tiones, strepitus, clangores, equorum hinnitus, plaustrorum stridores, bom-

bardarum tonitrua, tubæ, concentus, saltationes ac plausus17. Quæ me cum

circumstiterit, et paucis diebus absolvi negocium postulaverit, ac nihil interim ces-

sare obeundis in aula officiis licuerit, aliquid arbitraris in hoc dialogo futu-

rum, quod his placeat, quibus ut placeamus studere debemus? Ede tamen,

inquis, ut te hic esse homines cognoscant. Erras, bone Stromer. Neque

enim tanti est, in hominum oculis ac auribus versari, ut ob id incon-

syderatius aliquid, et cui non prius limam admoverim in lucem edere velim. Pla-

cuit ais Peutingero18, homini ut gravissimo, ita recte docto, et Iacobo Spigel19 regio secretario, mire literas amanti, placuitque Stabio20, festivi admodum ingenii, et minime fucatæ eruditionis viro.

 


Außerdem denke daran, daß es manche gibt, die schon vorher den Wissenschaften abge-neigt waren. Diese werden aufspringen, Waffen und Pferde fordern, ungefähr mit folgen-denWorten: „Das darf jener Schreiberling ungestraft verbreiten?“ Denn du weißt doch, wie-viel, wie sie meinen, es Gebildeten schadet, wenn sie diese Schreiber nennen, während wir die Schmähung überhaupt nicht zur Kenntnis nehmen. Gesetzt den Fall, diese Angst ist töricht, so ist der Ausspruch‚ Gelegenheit macht Diebe, dennoch allgemein bekannt. Doch es ist genug gescherzt. Ich mußte, lieber Stromer, um dir einen Gefallen zu erweisen, durch außergewöhnliche Schwierigkeiten gehen: zunächst als ich zur Zeit des Hundssterns, einer Zeit, die der wissenschaftlichen Arbeit feindlich ist, meine schöpferischen Talente erprobte; dann in dieser Versammlung des deutschen Adels, in der alles so von Lärm erfüllt ist, daß niemand genug daran denken kann, was seine Aufgabe sein soll. In dieser Versammlung gibt es keine Ruhe, keine Stille, keine innere Ruhe. Gewaltig sind in der ganzen Stadt die Umtriebe, Klagegeschrei, Empörung, Reiterhorden, Getöse, das Geschmetter von Trompeten, Gewieher von Pferden, das Rattern der schwer beladenen Wagen, das Donnern der Feuergeschütze, Posaunenmusik, Gesang, Tanzvorführungen und Beifallsstürme17. All das umgibt mich. Dazu verlangt meine Aufgabe, innerhalb weniger Tage erledigt zu werden. Denn bei der Erfüllung der Verpflichtungen am Hofe darf man es überhaupt nicht an etwas fehlen lassen. Glaubst du da wirklich, daß in diesem Dialog etwas vorkommen wird, was denen gefallen könnte, denen zu gefallen wir uns bemühen müssen? „Veröffentliche dennoch etwas“, sagst du, „daß die Leute erkennen, daß du hier lebst.“ Du irrst, guter Stromer: Es ist nämlich nicht so sehr von Bedeutung, daß ich, um von den Menschen gesehen und gehört zu werden, etwas reichlich Unüberlegtes, und ohne an ihm vorher gefeilt zu haben, veröffentliche. „Peutinger“18, sagst du, „einem ebenso bedeutenden wie auch wirklich hervorragenden Gelehrten, einem Mann von scharfer Beobachtungsgabe, hat es gefallen, ebenso auch Jakob Spiegel19, einem königlichen Sekretär, einem Mann von seltener Bildung und einzigartigem Urteilsvermögen. Auch Stabius20, der königliche Sekretär, hat daran Gefallen gefunden, ein äußerst angenehmer und geistreicher Mensch, keinesfalls ein Mensch von vorgetäuschter Bildung.“

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

17     Hutten erinnert hier an die Hitze der Hundstage, desgleichen an das Gedränge und den Lärm während des Reichstages in Augsburg im Sommer 1518.

18     Konrad Peutinger (1465-1547), kaiserlicher Rat und Freund Maximilians, gelehrter Humanist.

19     Jakob Spiegel (um 1483-1547), humanistisch gebildeter Jurist, in Schlettstatt gebürtig, kaiserlicher Rat und Sekretär Kaiser Maximilians.

20     Johann Stabius, gestorben 1522, Humanist, Mathematiker, gekrönter Poet und Historiograph im Umkreis Kaiser Maximilians.


Ut dicam quod sentio, commovisti me his autoribus. Quan-

quam verendum, ne per amicitiæ studium ex favore potius laudent hi, quam

ex iudicio probent. Verumtamen pervicisti tu. Atque ecce tibi Aulam in

aula, sed in ea aula, in qua ista facere licet, et quæ nisi talis esset, nos

non caperet. Sic enim iudico, Stromer, simpliciores esse nos quam auli-

corum consuetudini aptum sit. Itaque gratulandum interim nobis invicem,

quos ibi exercet fortuna, ubi non magnopere nostri nos status piget, sub

illo scilicet, omnium, quos hæc natio habet principes, benignissimo huma-

nissimoque Alberto21, Archiepiscopo, qui cum maximo virtutum

omnium teneatur studio, et singularis probitati amicus sit, imprimis tamen

bonarum literarum studia, eorumque assertores reverenter suspicit, et fovet liberaliter. Quis enim nunc recte per Germaniam eruditus est, quem

ille non agnoscat. Aut a quo tali unquam salutatus est, quem non largo mu-

nificentiæ suæ imbre consperserit? Atque ut sollicitus nuper fuit, ne quid se

indignum pateretur bonus Capnion?22 Ut cupide literis ad se vocavit Eras-

mum, cuius etiam nomini solet honorificam semper præfationem adiungere?

Etiam a nobis crebro percontatur, ex docte doctis, quid quisque faciat, quid

patiatur. Quæ cum ita sint, et omnino liberior sit nobis aula, quam in qua

libere aliquid iocari periculum sit, ecce tibi dialogum, quem iubeo spe-

culi vice propositum esse aulicis illis, in quo se intueantur. Quanquam in-

vidiam deprecor, lusum est enim, ioco scriptum est, nequis temere in nu-

gis moveatur. Tum veniam meretur Misaulus, tedio aulicæ consuetudinis

impatientius forte, quam pro tempore invectus. Id quod pro me illis in-

culca, et iam colloquentem cum Misaulo Castum audi.


Um zu sagen, was ich denke: Du hast mich mit diesen Autoren beeindruckt. Indes ist zu fürchten, daß diese um der Freundschaft willen mehr aus Sympathie zum Lob neigen als aus Überzeugung die Veröffentlichung billigen. Dennoch hast du dich durchgesetzt. Und siehe, du erlebst deine „Aula“ am Hofe, aber an einem Hofe, an dem man dies machen kann. Wenn es nicht ein solcher Hof wäre, würde er uns nicht anziehen. Denn ich glaube, Stromer, wir sind ehrlicher, als es der Gepflogenheit von Höflingen entspricht. Deshalb können wir uns einstweilen gegenseitig Glück wünschen, uns, die das Schicksal dort beschäftigt, wo uns unsere Stellung nicht sehr verdrießt. Es ist dies unter dem Erzbischof und Kardinal Albert21, jenem gütigsten und gebildetsten unter allen Fürsten, die unser Volk hat. Er strebt mit größtem Eifer nach allen Tugenden und ist ein einzigartiger Freund der Rechtschaffenheit. Er nimmt sich aber dennoch voll Achtung besonders der wissenschaftlichen Bildung und deren Verfechter an und fördert sie großzügig. Wo gibt es in Deutschland in der jetzigen Zeit einen wahrhaft Gebildeten, den jener nicht kennt, einen solchen, von dem er nicht aufgesucht wurde, ohne daß er ihn nicht mit dem reichen Regen seiner Großzügigkeit besprengt hätte? Wie war er auch neulich besorgt, der gute Capnion22 könne etwas Schmachvolles erleiden, so daß er wohlwollend den Erasmus schriftlich zu sich einlud. Seinem Namen pflegt er auch immer eine ehrende Einleitungsformel anzufügen. Er fragt uns auch häufig danach, was jeder von den gebildeten Gelehrten macht und wie es ihm geht. Unter diesen Umständen und da der Hof uns überhaupt größere Freiheit gibt, als daß an ihm freimütig über etwas zu scherzen eine gefährliche Sache sei, schicke ich dir also den Dialog, der jenen Höflingen als Spiegel vorgehalten werden soll, damit sie sich in ihm erkennen sollen. Indes suche ich den Haß abzuwenden: Denn der Dialog ist ein Spiel, er ist in scherzhafter Absicht geschrieben, damit sich keiner ohne Grund über dichterische Possen empört. Auch Misaulus verdient dann Nachsicht, der aus Abneigung gegen die höfische Lebensform vielleicht unleidlicher, als es den Zeitumständen angemessen ist, Kritik übt. Das ist es, was du an meiner Statt jenen besonders einschärfen sollst. Jetzt aber höre, worüber Castus sich mit Misaulus unterhält.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

21     Kardinal Albrecht von Brandenburg, 1490-1545, Erzbischof von Magdeburg und Mainz. Sein Ablaßhandel war Anlaß zu Luthers Thesenanschlag.

22     Capnion, Humanist, Kunstmäzen, ist der gräzisierte Name des Humanisten Johannes Reuchlin (1455-1522). Eine 1514 anläßlich seiner Rückkehr nach Pforzheim vollendete Schrift (veröffentlicht 1519) trägt den Titel Triumphus Reuchlini vel Capnionis, nach dem griechischen Wort ka¿pnion Räuchlein.


Ulrici Hutteni Equitis Germani,

Misaulus, Dialogus.

Interloquutores Castus et Misaulus

 

CASTUS. Quam non est hoc falsum, Misaule, quod aiunt, vestis virum

facit1. Nam tu mihi sic vestitus, sicque cultus, valde places.

MISAULUS. At mihi contra non placeo. Ac ad illos olim pannos respicio.

CASTUS. Quid ais? Ab his mundiciis, ad illas sordes?

MISAULUS. A servitute ad libertatem Caste. Quem quidem pannis ob-

situm esse villissimis oportuit, liber ut essem.

CASTUS. Non es tu liber igitur?

MISAULUS. Quia enim servio. Atque ut intelligas rem plane ut est, hoc

sericum ultro accersitam mollitiem, et vitam viris indignam arguit. Hæc

qua collum obvinctum gero aurea catena miræ indicium est captivitatis.

Tum ubi me consultorem2 salutari animadvertis, servitutis symbolum accipe.

CASTUS. Quo me ducis? Quæ absurda refers? Servi sunt, captivi sunt,

qui in principum aulis versantur?

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Ulrich von Huttens

eines deutschen ritters

dialog

m i s a u l u s

 

Teilnehmer: CASTUS und MISAULUS

 

CASTUS. Wie ist es doch nicht falsch, Misaulus, daß man sagt, das Kleid macht erst den Mann1; denn so gekleidet und herausgeputzt gefällst du mir sehr.

MISAULUS. Ich dagegen gefalle mir gar nicht, und ich blicke auf jene einst ärmliche Kleidung zurück..

CASTUS. Was sagst du da, du blickst in dieser feinen Kleidung auf jene schmutzigen Lumpen zurück?

MISAULUS. Von der Knechtschaft schaue ich auf die Freiheit zurück, Castus. Ich müßte nämlich mit den billigsten Lumpen bedeckt sein, um frei zu sein.

CASTUS. Bist du also nicht frei?

MISAULUS. Nein, weil ich Sklave bin. Und damit du die Sache ganz verstehst, dieses mein Gewand da aus Seide offenbart die freiwillig erworbene unmännliche Schwäche und ein für Männer unwürdiges Leben. Die Kette, die ich um den Hals trage, ist das Kennzeichen einer sonderbaren Knechtschaft. Wenn du bemerkst, daß ich mit dem Titel Rat2 gegrüßt werde, dann nimm das als Zeichen der Knechtschaft.

CASTUS. Wohin führst du mich? Was erzählst du mir da für einen Unsinn? Sind es Sklaven, sind es Gefangene, die an den Höfen der Fürsten weilen?

 

 

 

 

 

 

1       Vgl. das deutsche Sprichwort „Kleider machen Leute“, so der Titel einer Novelle des Schweizer Dichters Gottfried Keller (1819-1890). Hutten zitiert ein lateinisches Sprichwort. Dieses lautet: vestis facit virum (Das Kleid macht den Mann). Es gibt davon folgende Varianten: Qualis enim vestis, talis et ipse vir est (Wie das Ge-wand, so ist auch der Mann) und veste vir efficitur (Durch das Gewand wird erst der Mann). Vgl. Carmina medii aevi posterioris Latina II, 9, Proverbia sententiaeque Latinitatis ac recentioris aevi, nova series, Lateinische Sprichwörter aus dem Nachlaß von Hans Walter, hg. von Paul Gerhard Schmidt, Teil 9: P-Z, Göttingen 1986, S. 787. Siehe dazu auch Thesaurus Proverbiorum Medii Aevi, Lexikon der Sprichwörter des romanisch-germa-nischen Mittelalters, begründet von Samuel Singer, Bd. 7, Berlin u.a. 1998, Stichwort „Kleid“, S. 62-81, hier 1.3., S. 65. Im übrigen war dieses Sprichwort schon bei den Griechen und Römern bekannt. Zu verweisen ist da auf Desiderii Erasmi Roterodami opera omnia, recognovit Johannes Clericus, Tomus I-X, MDXVII, unverän-derter reprographischer Nachdruck der Ausgabe Leiden 1703, Hildesheim 1961, Tomus II. In Spalte 731 E, Chil. III, Centur. I Prov. LX führt er die griechische Redewendung eÀmata a¹ìne¿r (Kleidung macht den Mann aus) an und verweist auf Quintilian, Instititutiones 8. Vgl. M. Fabi Quintiliani institutiones oratoriae libri duodecim, ed. Michael Winterbottom, Tomus II (libri VII-XII), Oxford 1970, liber VIII, Prohoemium § 20, S. 422: cultus concessus atque magnificus addit hominibus, ut Graeco versu testatum est, auctoritatem (Eine zugestandene und dazu prächtige Kleidung verleiht, wie es in einem griechischen Vers heißt, Ansehen) und auf die Nausikaa-Erzählung bei Homer. Hier erscheint Odysseus, sobald er nach dem Schiffbruch gebadet, mit Öl gesalbt und vornehm gekleidet ist, der Nausikaa als den Göttern gleich, nun d\\e Jeoiªsin eÃoike. Vgl. Homeri Opera, ed. Thomas W. Allen, 2. Aufl., Oxford 1917, repr. 1962, Tomus III, Odysseae Libros I-XII continens, liber VI, bes.V. 243. Vgl. auch Moos, Peter von: Das mittelalterliche Kleid als Identitätssymbol und Identifikationsmittel, in: Unverwechselbarkeit. Persönliche Identität und Identifikation in der vormodernen Gesellschaft, hg. von Dems., Köln u.a. 2004, S. 122-146, hier: S. 123-126.

2       Als Mitglied des Hofes von Kardinal Albrecht führte Ulrich von Hutten den Titel eines Consiliarius. Durch seine Dichterkrönung, die Kaiser Maximilian am 8. Juli 1517 in Augsburg vornahm, erhielt Hutten das Recht, den Titel eines Dr. legum und eines Eques auratus zu führen.


MISAULUS. Et miserum in modum. Deinde exules quoque. Nam quod

vides molliter vestiria nos, quid aliud sibi vult quam a veris vitæ officiis

longe exulare? Atque ita me dii ament, ut meam conditionem quoties re-

puto, neque liber esse mihi, neque vir, sed ex pessimo captivorum genere

videor. Atque utinam maluissem cum Diogene3 olera lavare quam regias

cum Aristippo4 sectari epulas.

CASTUS. Valde præter opinionem ista narras. Proinde si tibi videtur,

rem clarius expone, ut edoceas eam vitam, in qua te ego fortunatum

existimabam, atque igitur imitari decreveram, tantopere calamitosam esse.

MISAULUS. Facile est hoc intelligere, Caste. Vides enim, ut breve vix

tempus colloqui nunc tecum liceat, amico vetere, et aliquot iam post annos

tandem reviso. Huc illa cogit temere abs te felix putata conditio. Nam

ad septimam statim horam standum ad principis conclave. Quem sic

operiri, ceremonia est.

CASTUS. Et quamdiu standum?

MISAULUS. Aliquot sepe horas.

CASTUS. Quem in usum?

MISAVLVS. Officii causa, siquid iubere velit ille forte, aut ne quo in-

comitatior exeat. Adeo mea omnia extra me sunt. Ipse ab alterius nutu

ac imperio totus pendeo.

CASTUS. Quid? Illud pulchrum non est, sic vestiri? summo cum ho-

mine consuetudinem habere? his immunitatibus frui? hec contrectare? huc

ingredi?

MISAULUS. Quid? Illud deforme non est, ad subitum tintinabuli pulsum,

quasi fulmine territum sic exilire? abiectis omnibus ad summi illius fores

consistere? ibique non tantum quid ille iubeat, sed et quid nutu significet,

aut digito crepet, religiose et ad anxietatem usque observare? nullum ha-

bere sibi tempus, nullum locum proprium, omnia precario? aliena vivere

quadra? ad omnem principis occursum pallere? erubescere? fugitare? non-

nunquam timere, ac obstupescere? tum multa simulare ac dissimulare?

toties genua inflectere? tantisper nudo esse vertice? omnia serviliter, omnia

suppliciter agere? nunquam tui iuris esse? magnis diu laboribus, multis

vigiliis, favorem hominis captare? observare ne quid dicas quod ille proba-

turus non sit, nedum ne quid facias? perpetua cum paribus invidia con-

flictari? laudem pariter ac vituperationem indigno loco ponere? nihil dicere,

quod sentias, sed quod conveniat?

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

a       Mollis vestitus in margine dextra.


MISAULUS. Sogar auf unglückliche Weise. Dazu leben sie auch in der Verbannung: Denn daß du uns in unmännlicher Kleidung siehst, was bedeutet das sonst als von den wirklichen Aufgaben des Lebens weit entfernt in Verbannung zu leben? Und bei den Göttern, wie oft ich auch meine Situation überdenke, ich sehe mich weder frei noch als einen richtigen Mann, sondern als einen Gefangenen von der schlimmsten Art. Und hätte ich doch lieber mit Diogenes3 Gemüse gewaschen, als mit Aristipp4 eifrig danach gestrebt, an den königlichen Gastmählern teilzunehmen!

CASTUS. Was du erzählst, widerspricht meiner Auffassung außerordentlich. Deshalb erkläre mir, wenn du es für richtig hältst, die Sache deutlicher. So kannst du mir genau zeigen, daß diese Lebensweise so unheilvoll ist, in der ich dich glücklich glaubte und die ich nachzuahmen beschlossen hatte.

MISAULUS. Das ist leicht zu verstehen, Castus. Du siehst nämlich, daß die flüchtige Zeit mir jetzt kaum erlaubt, mich mit dir, einem alten Freund, den ich endlich nach einigen Jahren wiedersehe, zu unterhalten. In diese Situation nötigt mich jene von dir für glücklich gehaltene Stellung. Denn genau zur siebten Stunde muß ich vor dem Zimmer des Fürsten stehen, auf den so zu warten zum Zeremoniell gehört.

CASTUS. Und wie lange mußt du stehen?

MISAULUS. Oft einige Stunden.

CASTUS. Zu welchem Zweck?

MISAULUS. Meiner dienstlichen Stellung wegen, wenn jener vielleicht einen Befehl geben will oder, damit er nicht irgendwohin mit zu wenig Begleitern ausgehen muß. So sehr wird all mein Tun von außen bestimmt, ich bin ganz vom Wink und Befehl eines anderen abhängig.

CASTUS. Was meinst du? Ist es nicht schön, sich so zu kleiden? Umgang mit dem höchsten Menschen zu haben? Diese Vorrechte zu genießen, mit derartig ehrenden Tätigkeiten befaßt zu sein, sich darauf einzulassen?

MISAULUS. Was glaubst du? Ist es nicht entehrend, beim plötzlichen Glockenschlag wie vom Blitz erschreckt aufzuspringen, alles wegzuwerfen und vor der Tür jenes Allerhöchsten Stellung zu beziehen und dort nicht nur auf das, was jener befehlen könnte, sondern auch auf das, was jener durch einen Wink anzeigt oder durch Fingerschnalzen andeutet, voll Ehrfurcht und bis hin zur Angst zu achten? Keine Zeit für sich zu haben, keinen eigenen Platz zu haben, alles nur auf Bitten hin zu bekommen? Von fremdem Brot zu leben? Bei jeder Begegnung mit dem Fürsten blaß zu werden, zu erröten, zu flüchten? Manchmal Angst zu haben und zu erstarren, dann vieles vorzugeben und zu verheimlichen? So oft die Knie zu beugen, unterdessen mit entblößtem Haupte dazustehen? Alles unterwürfig, alles demütig zu tun, niemals Herr über dein eigenes Tun zu sein? Mit großen Anstrengungen bei Tage und mit vielen durchwachten Nächten nach der Gunst eines Menschen zu streben? Darauf zu achten, daß du ja nichts sagst, geschweige denn etwas tust, was jener [der Fürst] möglicherweise nicht billigt? Wegen dauernder Mißgunst mit anderen in Zwist zu leben? Lob in gleicher Weise wie den Tadel am unpassenden Platz zu äußern? Auf keinen Fall zu sagen, was du denkst, sondern was sich ziemt?

 

 

 

3       Diogenes von Sinope, um 412-322, kynischer Philosoph.

4       Aristippus von Kyrene, Schüler des Sokrates, Stifter der kyrenaischen Schule (ca. 380 n. Chr). Vgl. Qu. Horati Flacci Opera, ed. Eduardus C. Wickham, 2. Aufl. von Heathcote William Garrod, Oxford 1901, repr. 1957, Epistu-larum liber I, 17, 13 f: si pranderet holus patienter, regibus uti nollet Aristippus (Würde Aristipp mit seinem Kohlgericht zufrieden sein, würde er an den Umgang mit Königen keinen Geschmack finden). Qu. Horatius Flaccus (65-8 v. Chr.), römischer Dichter, gehörte zum Kreis des Mäzenas, des berühmten Förderers der Dichter und Künstler unter Kaiser Augustus.


plurima debere? plurima accepta referre? assentari? adulari?

ipsum te negligere? omnia alterius curæ mancipata

habere? indigna multa facere, multa pati? sæpe contra naturam conformare

te aliis?

CASTUS. Mare malorum commemoras.

MISAULUS. Recte ais mare5. Et si libet, adde Tyrium mare6, quod im-

petu rapit, vi detinet, fluctibus iactat, infidum, surdum et instabile, re-

pente turbatum, subito concitatum, inconstans, inquietum, nunquam non

procellis obnoxium, semper ventis oppositum, tempestate furens, motu

æstuans, plenum periculis, plenum exitio, impellens, ac inundans, omni

monstrorum genere, omnibus refertum portentis. Ad quod pernavigandum,

cum me dulces quædam syrenes7 illexissent, paulo post sentire cœpi, cuius-

modi malis fortuna inuoluisset, quantam mihi ad miserias meus error fe-

nestram aperuisset. Ac lugens cum Homerico sapiente8 dico, oi(/% me o( dai/mwn te/rati ceiªrcen.

 

 


Sehr viel schuldig zu sein, das meiste Erhaltene zurückzuerstatten, zuzustimmen, zu schmei-cheln, auf dich selbst nicht zu achten, dein ganzes Denken und Tun der Sorge um einen an-deren verkauft zu haben, viel Schändliches zu tun, viel Schändliches zu erleiden und dich oft gegen deine Natur anderen anzupassen?

CASTUS. Du erinnerst an das Meer der Übel.

MISAULUS. Mit Recht sagst du Meer5, und wenn es beliebt, füge hinzu das tyrische Meer6. Es rafft mit seiner ungestümen Gewalt hinweg, es hält gewaltsam fest, wirft in seinen Wogen hin und her, ist tückisch, gefühllos und unstet, plötzlich aufgewühlt, unvermutet stark bewegt, unbeständig, unruhig, immer den Stürmen ausgesetzt, immer den Winden preisgegeben, bei Sturm tobend, bei Aufruhr schäumend, voller Gefahren, voller Verderben, ins Wanken brin-gend und überflutend, voll von jeder Art Ungeheuern und von allem Abschaum. Als mich einige Sirenen7 mit süßem Gesang zu dieser Seefahrt verlockt hatten, begann ich bald zu mer-ken, in welches Übel das Schicksal mich verstrickt hatte, welch großes Fenster zum Unglück mein Irrtum geöffnet hatte. Traurig spreche ich mit dem Homerischen Weisen8„mit welchem Ungeheuer hat mich das Schicksal eingeschlossen.“

 

5       Der Vergleich zwischen Hof und Meer ist eine hofkritische Metapher, die auf Lukian zurückgeht. Lukian verglich das Leben griechischer Gelehrter, die in den Häusern reicher Römer tätig waren, mit dem Schicksal von Schiffbrüchigen. Vgl. Luciani opera, ed. Matthew D. Macleod, Tomus II, Oxford 1974, S. 212f. Die Meer-metapher begegnet auch in dem hofkritischen Traktat des Enea Silvio de’ Piccolomini. In diesem vergleicht der humanistische Autor und spätere Papst die mit Hofangelegenheiten befaßten Kurialen als „Schiffbrüchige“ (naufragantes). Vgl. Der Briefwechsel des Aeneas Silvius Piccolomini, hg. von Rudolf Wolkan, Fontes Rerum Austriacarum, Abt. II: Diplomata et Acta, Bd. 61, Brief 38, Wien 1909, S. 115. Auch mittelalterliche Reform-theologen bedienten sich des Hof-Meer-Vergleichs, um den königlichen und fürstlichen Hof als einen Ort zu charakterisieren, der more maris durch weltliche Strömungen und Wogen gefährdet, erschüttert und gepeitscht wird. Als eine mit dem Meer vergleichbare Einrichtung müsse der Hof als Lebensbereich angesehen werden, in dem der Fromme und Gebildete nur Schiffbruch (naufragium) erleiden könne. Vgl. Schreiner, Klaus: ‚Hof‘ (curia) und ‚höfische Lebensführung‘ (vita curialis) als Herausforderung an die christliche Theologie und Fröm-migkeit, in: Höfische Literatur, Hofgesellschaft, Höfische Lebensformen, hg. von Gerd Kaiser und Jan-Dirk Müller, Düsseldorf 1986 (Studia humaniora, 6), S. 82.

6       Vgl. Sexti Pompei Festi De verborum significatu quae supersunt cum Pauli Epitome, ed. Wallace M. Lindsay, Leipzig 1913, S. 484, Nr. 534: Tyria maria in Proverb. deductum est, quod Tyro oriundi Poeni adeo potentes maris fuerunt, ut omnibus mortalibus navigatio esset periculosa. Eine Seefahrt über das tyrische Meer war demnach schon zur Zeit des Festus von sprichwörtlicher Waghalsigkeit. Dies wegen der Punier, die es be-herrschten, weniger wegen der Stürme und des dadurch verursachten gefährlichen Wellenganges. Zur Bezeich-nung des Hofes als kakwªn qa/lassa bzw. Mare malorum vgl. Desiderii Erasmi Roterodami opera omnia (Anm. 1), Spalte 122 F, Chil. I, Centur. III Prov. XXVIII, wo es heißt: Mare malorum dici solitum de calamitatibus immensis et omnigenis, inde sumptum quod mare res quaedam infinita, vel quod infinitis aerumnis abundant qui in eo versantur (Meer der Übel heißt es für gewöhnlich wegen der unermeßlichen Mißgeschicke allerlei Art. Deshalb wurde es zum Sprichwort, weil das Meer geradezu unendlich ist oder weil die, die sich auf ihm befinden, Mühsale ohne Ende erleiden).

7       Die Sirenen, Töchter des Acheloos und der Kalliope, sind Mischwesen aus Mädchen- und Vogelleib, die durch ihren Gesang vorbeifahrende Schiffer ins Verderben führen. Vgl. Homeri Opera (wie Anm. 1) Tomus III, lib. XII, V. 41f. ti\j [...] fqo¿ggon a¹kou¯sv Seirh¯nwn, t%ª d¡ ouà ti gunh kai [...] te¿kna oiÃkade [...] pari¯statai (Wer den Gesang der Sirenen hört, dem werden zu Hause niemals die Gattin und die Kinder begegnen). Zu ihrer Verwandlung siehe P. Ovidi Nasonis Metamorphoses, ed. Richard J. Tarrant, Oxford 2004, Metam. V, 555ff., S. 146. Zur Abstammung der Sirenen, Umwandlung in Mischwesen und den weiteren Taten vgl. Tutte le opere di Giovanni Boccaccio A cura di Vittorio Branca, Volume Settimo-Ottavo, Genealogie Deorum gentilium. A cura di Vittorio Zaccaria, 1. Aufl., Milano 1998, Tomo primo, Lib. VII., XX. De Syrenis filiabus Acheloi, S. 752ff.

8       Vgl. Corpus Paroemiographorum Graecorum, ed. Ernestus Ludovicus a Leutsch et Friedrich Wilhelm G. Schneidewin, Göttingen, 1839, Tomus I, Zenobii Centuria V Nr. 45, S. 139: Hier wird auf das Drama ‚Der Kyklope‘ des Philoxenos (um 435-380 v. Chr.). verwiesen, in dem Odysseus sagt: OiÐä% m` o¸ dai¿mwn te¿rati sugkaqeiªrcen (Mit welchem Ungeheuer hat mich das Schicksal eingesperrt). Das Ungeheuer ist der Kyklope


CASTUS. Mirum si tam fugienda res est aula, cum te Philosophum

reddiderit, ita ut gratiam habere debeas ei vitæ quæ te sic excoluit.

MISAULUS. Nescis quanti hoc constiterit philosophari.

CASTUS. Quasi vero quisquam citra negocium philosophiam didicerit,

aut dura non sint, quæ ego facio, vigilare, esurire, sitire, algere, aestuare,

peregrinari, terra ac mari studiorum gratia multa pati, fraudari volupta-

tibus, accersere dura omnia, et iniucunda, pulices pati, a cimicibus com-

morderi.

MISAULUS. Sunt ista quidem ut narras acerba, sed quæ tu quatenus

vis minimeque coactus fers. Tum eadem omnia adfert aula, et quædam ad-

huc sexcenties his duriora. Nisi tu modica ista tanti facis, ut in pulicis

morsu toìn a¹leci¿kakon Herculem9 invoces.

CASTUS. Igitur omnes ab aula trahis, et desertas principum domus red-

dis? vel miseros omnes putas qui illis convivunt?

MISAULUS. Nihil istorum, Caste; verum sanitatem illis precor mundi

dominis, ut sit instituendæ aulæ consilium. Deinde sic aio, valde pruden-

tem esse oportere, magis etiam quam illum Homericum Vlyssem10, qui caute

hanc consuetudinem tractet.

CASTUS. Ut intelligo, aut plane desipiunt reges ac principes, aut nulli

boni sunt aulici.

MISAULUS. Neque hoc, neque illud. Nam et sapiunt aliqui principes,

rari illi quidem, sed tamen aliqui, et ex aulicis quidam Ulyssem imitantur,

qui in turbulento hoc mari navigantes cera obthuratis auribus, insidiosæ

Syrenum cantionis capaces non sunt, et consilium habent præter navigandæ

Scyllæ vitandæque Charibdis et in Syrtes11 non impingunt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


CASTUS. Es ist schon erstaunlich, daß der Hof ein Ort ist, den man so sehr meiden muß, obwohl er dich zum Philosophen gemacht hat. Daher müßtest du diesem Leben dankbar sein, das dich so ausgebildet hat.

MISAULUS. Du weißt nicht, was dieses Philosophieren gekostet hat.

CASTUS. Als hätte wahrlich jemand ohne Mühe Philosophie studiert oder als wäre nicht mühsam, was ich mache: wachen, hungern, dürsten, frieren, Hitze erdulden, in der Fremde sein, zu Wasser und zu Lande vieles wegen des Studiums erleiden, um die Vergnügungen betrogen werden, sich alle Beschwerlichkeiten und Unannehmlichkeiten zuziehen, Flöhe ertragen und von Wanzen gebissen werden.

MISAULUS. Freilich sind das alles Bitterkeiten, wie du sagst, aber du willst sie ja selber und erduldest sie nicht gezwungenermaßen. Ferner bringt der Hof alle diese Unannehmlichkeiten mit sich, und manche sind noch sechshundertmal härter als diese, außer du hältst diese gering-fügigen Unannehmlichkeiten für so schwer, daß du beim Biss der Flöhe den Unglück abweh-renden Herkules9 anrufst.

CASTUS. Also willst du alle Menschen vom Hofe verbannen und die Häuser der Fürsten menschenleer machen? Oder hältst du alle für unglücklich, die mit ihnen zusammen leben? MISAULUS. Nichts von alledem, Castus; aber ich bete um Besonnenheit für jene Herren der Welt, daß Klugheit bei der Einrichtung des Hofes walte. Ich behaupte ferner auch, daß der sehr klug sein muß, der diese höfische Lebensform mit Bedacht lenken soll, mehr sogar als jener Homerische Odysseus10.

CASTUS. Wie ich sehe, sind entweder die Könige und Fürsten ganz und gar töricht oder es gibt überhaupt keine guten Höflinge.

MISAULUS. Weder dies noch jenes, denn auch einige Fürsten wissen es. Sie sind zwar sel-ten, aber dennoch gibt es einige, und von den Höflingen ahmen manche den Odysseus nach. Sie segeln auf diesem aufgewühlten Meer, haben ihre Ohren mit Wachs verstopft und können so den tückischen Gesang der Sirenen nicht hören. Sie haben die Absicht, an der Scylla vor-beizufahren und die Charybdis zu meiden, und geraten nicht in die Syrten11.

 

 

 

 

Polyphem, der sechs Gefährten des Odysseus zerriss und verschlang. Vgl. Homer (wie Anm. 1) Liber IX, V. 287ff. Auch Ovid (wie Anm. 7) meint Polyphem in Metam. XIV 174f., S. 417, wenn er Achaemenides sprechen läßt: [...] dedit, quod non anima haec Cyclopis in ora / venit (Er gab es, daß meine Seele nicht in den Schlund des Kyklopen kam). Vgl. Giovanni Boccaccio (wie Anm. 7) Tomo primo, Lib. X, XIV. De Polyphemo, [...] VII. Neptuni filio, S. 994ff.

9       Herkules a¹leci¿kakoj (der das Übel abwehrt), in der griechischen Mythologie Sohn des Zeus und der Alkmene, griechischer Heros, der sich durch ein Leben voll Arbeit und Heldentaten im Dienste der Menschheit die Aufnahme in den Himmel und die Unsterblichkeit verdient hat. Vgl. Giovanni Boccaccio (wie Anm. 7) Tomo secondo, Lib. XIII, I. De Hercule, S. 1264ff, wo 31 Heldentaten angeführt werden.

10     Nach Homer, Tomus III, liber IX, Vers 364f., gibt Odysseus Polyphem seinen Namen mit ouÃτις (Niemand) an. Dadurch rettet er sich und viele Gefährten vor dem grausamen Tode durch den Kyklopen. Vgl. Homeri Opera (Anm. 1). Giovanni Boccaccio (wie Anm. 8) S. 1000, charakterisiert Odysseus als sehr klug (prudentissimum).

11     Die Scylla, Tochter des Phorcus und der Nymphe Creteis, ist eine gefährliche Klippe auf der italienischen Seite der Meerenge von Messina, dem gefürchteten Strudel der Charybdis gegenüber. Bei Homer sind beides Meeresungeheuer. Vgl. Homeri Opera (Anm. 1), Tomus III, liber XII, V. 85ff. bzw. V. 104ff. Siehe auch P. Ovidi Nasonis Metam. (wie Anm. 7) VII 63 und 65; VIII 121; XIII 730; XIV 75 und P. Ovidi Nasonis Amores, Medicamina faciei femineae, Ars amatoria, Remedia amoris, ed. Eduard John Kenney, Oxford 1961; Amorum lib. II XI, 18; XVI, 25. Die Syrten an der nordafrikanischen Küste waren wegen ihrer Sandbänke gefürchtet, Ovid Met. VIII 120f. inhospita syrtis (ungastliche Syrte); Amorum lib. II XI, 20; XVI 21. Giovanni Boccaccio (wie Anm. 7) stellt Scylla als mytholog. Gestalt ausführlich vor, Tomo primo, Liber X, IX. De Scylla, S. 982. Charybdis bezeichnet er im Prohemium zu Lib. V, S. 516 als […] Caribdin cuncta sorbentem […] (alles verschlingende).


Tum, quantum in se est, clausos in utre ventos12 continent, quo minus sit perturbationibus locus.

CASTUS. Et non recte fit hoc, quod isti suadent, ut nos tempori con-

formemus, et scenæ ut fertur serviamus?13

MISAULUS. Cum decoro recte si possis. Quantum dedecet enim a¿¹¿¹lwpeki/zein proj [sic!] e(te/ran a)lw/peka14, quod aula inprimis exigit? Porro diffi-

cile est ibi continere te, unde omnis exulat continentia. Et invidiosum est,

cum lupis versantem simul non ululare. Mihique videtur, paucissimis datum

esse, chlamydem simul ac pallium ferre.

CASTUS. At præclarum mihi videtur, multos habere amicosb, id quod

vobis proclive est.

MISAULUS. Neque proclive, ob perversa aulæ studia, neque si id asse-

qui possis, uno plus amico recte utaris, vel Hesiodo persuadente, cuius

est hoc mh/de polucei/non [sic!] mhda¿)ceinon kale/essai15.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

b       Amicitia multorum in margine sinistra.

c       Thus aulicum in margine dextra.


Dann halten sie, soweit es möglich ist, die Winde im Schlauch eingesperrt12, damit sich für einen stürmischen Seegang weniger Gelegenheit bietet.

CASTUS. Und ist es nicht richtig, wenn geschieht, wozu diese raten, nämlich daß wir uns, wie man sagt, den Zeitumständen anpassen und der Öffentlichkeit zu Gefallen sind?13

MISAULUS. Wenn du es mit Anstand machen könntest, dann geschähe es recht. Wie wenig ziemt es sich doch, sich listig und verschlagen zu verhalten wie ein Fuchs dem anderen gegenüber14, ein Verhalten, das der Hof vor allem fordert? Ferner ist es schwierig, dich dort zu zügeln, wo jegliche Mäßigung verbannt ist. Auch erregt es Unwillen, nicht mitzuheulen, wenn man unter Wölfen lebt, und mir scheint es nur sehr wenigen gegeben zu sein, den Mantel des Höflings und zugleich auch den des Philosophen zu tragen.

CASTUS. Aber es erscheint mir vortrefflich, viele Freunde zu haben, was eurer Meinung nach ins Verderben führt.

MISAULUS. Es würde wegen der verkehrten Neigungen der Hofgesellschaft nicht ins Verderben führen, wenn du es erreichen könntest, mit mehr als einem Freund ehrlich zu verkehren oder auf den Rat Hesiods hin, weder viele Gastfreunde zu haben noch als ungastlich bezeichnet zu werden15.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

12     Vgl. P. Vergili Maronis Opera, ed. Fredericus Arturus Hirtzel, Oxford 1900, repr. 1959, Aeneidos liber I, 53ff: hic vasto rex Aeolus antro / luctantis ventos tempestatesque sonoras/ imperio premit ac vinclis et carcere frenat (Hier herrscht in einer weiten Höhle Äolus über die widerstrebenden Winde und brausenden Stürme und hält sie gebändigt in Fesseln und Kerkerhaft). Weitere Hinweise bei Ovid (wie Anm. 11) finden sich u.a. in Amorum lib. III XII, 29, mit Aeolios Ithacis inclusimus Euros (Wir haben die äolischen Winde in die ithakischen Schläuche eingeschlossen) und in den Metamorphosen (wie Anm. 7) liber XIV, 223f mit Aeolon [...], cohibentem carcere ventos (Aeolus [...], der die Winde im Kerker bändigt). Nach Giovanni Boccaccio (wie Anm. 7) Tomo primo, Liber quartus LIV. De Ventis filiis Astrei in generali, S. 470 ff, sind die Winde die Söhne des Titanen Astreus und der Aurora. Sie wurden von Juno gegen Jupiter aufgewiegelt und deshalb von ihm in Höhlen eingeschlossen und unter der Herrschaft des Äolus festgehalten.

13     Hutten greift eine Äußerung aus einem Brief Ciceros auf, die lautet: Ac mihi tum, Brute, officio solum erat et naturae, tibi nunc populo et scenae, ut dicitur, serviendum est (Ich mußte mich damals, mein Brutus, nur nach meiner Pflicht und meiner Überzeugung richten, du aber mußt, wie es scheint, dem Volk und der öffentlichen Meinung folgen). Vgl. M. Tulli Ciceronis Epistulae, ed. William Smith Watt, Oxford, 1958, Volumen III, Epistulae ad M. Brutum, Fragmenta epistularum XVII, § 2, S. 123.

14     Vgl. Corpus Paroemiographorum Graecorum (wie Anm. 8) Zenobius, Centur. I, Nr. 70, S. 25, und Desiderii Erasmi Roterodami opera omnia (wie Anm. 1) Sp. 81 E, Chil. I, Centur. II Prov. XXVIII, a)lopeki¿zein proìj e¸te¿ran a¹lwpe¿ka (sich wie ein Fuchs einem anderen Fuchs gegenüber verhalten, d.h. Hinterlistigen ebenfalls mit List begegnen).

15     Vgl. Hesiodi Theogonia opera et dies, ed. Friedrich Solmsen, 2. Aufl., Oxford 1983, repr. 1984, Vers 715, S. 80: mhdeì polu¿ceinon mhd¡ a/)ceinon kale/esqai (nicht gastfrei, noch ungastlich zu heißen). Der griechische Dichter Hesiod lebte um 700 v. Chr. in Askra (Böotien).

16     Aristotelis Ethica Nicomacheia, ed. Ingram Bywater, 1. Aufl., Oxford 1894, repr. 1959. In liber VIII, § 1, S. 155f, erläutert Aristoteles den Wert der Freundschaft für den Menschen und das menschliche Zusammenleben und weist darauf hin, daß Freundschaft nicht nur unter Menschen, sondern auch unter Vögeln und den meisten Tieren beobachtet werden kann (ouÓ mo/non e¹n a)nqrw/poij a)lla\ kai\ e)n o)/rnisi kai\ toi=j plei/stoij tw=n z%/wn).


Certe enim, quem-

admodum Aristoteles sentit, omnem penitus ami-citiam excludere16 nec ullius consuetudinem admittere, ferinum esse et iniucundum, ita ego puto, multos habere amicos hominis esse nullius rei delectum habentis, nihil prudenter statuentis, nihil constanter facientis. Nisi amicos vocas, qui vicies die salutant, et dum te sibi vicissim adsentari volunt, genua inclinant, nudo capite occursant, a tertio usque

iugere dextram porrigunt. Et quidam sesquiulnaribus advolutus tibiis, con-

tinuo thus illud aulicumc adspergit, magnifica promissa, ingentes pollicita-

tiones. Dicas plane divinitus oblatum tibi a quo sic ameris. Cum ille in-

terim huiuscemodi inescatum te illecebris, totum ad se traducit, tuaque

animadversa simplicitate, crebro ista intonat.Heus age, tuus sum, mea

omnia committo tibi. Quid ni? Amicorum omnia communia17, utere me ut

voles, voles autem in mortem usque, et confestim voles. Quas ubi bulla-

tas nugas olfeceris, nihil prius tale expertus, incunctanter credis. Ac forte

secretum aliquod committis, quo ille arrepto, et certior factus, qua tibi

parte plurimum obesse possit, quod apud Comicum est, altera manu pa-

nem ostentat, altera fert lapidem18. Verbis amicus est, cogitatione insidias

struit. Palam benevolentiam, occulte periculum intentat. Qui ubi semel

edoctus est, quo te consilio subvertere liceat, nunquam sinit emergere.

Omnem præcipit favorem. Et siquid tibi boni destinatum est, callide occu-

pat. Quodsi neglectum te queraris, et officium requiras, aut in disceptatio-

nem voces rem ipsam, tum se tibi opponit manifeste iam, atque eo libe-

rius, quod videri vult aliquando amicus fuisse, ut exprobrare illa possit promissa,

illas bullas. Si ignoras enim, promittere etiam beneficium est in aula.


Sicherlich entspricht es nämlich, wie Aristoteles meint, der Art einzeln lebender wilder Tiere und gilt als inhuman, jegliche Freundschaft generell auszuschließen16 oder keinen geselligen Umgang zu pflegen. Ich aber glaube bestimmt, daß viele Freunde zu haben zum Wesen eines solchen Menschen gehört, der keine Wahl zu treffen vermag, der sich nicht klug entscheiden und mit Ausdauer etwas tun kann. Außer du nennst diejenigen Freunde, die dir zwanzigmal am Tag ihre Aufwartung machen, und da sie wollen, daß du ihnen andererseits schmeichelst, die Knie beugen, mit bloßem Haupt entgegenkommen und dir von weitem schon ihre Rechte entgegenstrecken. Und wieder einer wirft sich trotz anderthalb Ellen langer Unterschenkel nieder und versprengt fortwährend jenen höfischen Weihrauch, großartige Verheißungen und außerordentliche Versprechen. Du wirst dann sagen, daß dir gewiss durch göttliche Gnade gewährt sei, von ihm so geliebt zu werden. Dagegen zieht dich jener, wenn er dich inzwischen derartig geködert hat, durch Verlockungen ganz auf seine Seite. Dabei läßt er häufig folgende Worte laut ertönen, da er deine Treuherzigkeit erkannt hat: „Hallo, wohlan ich gehöre dir, all meine Habe vertraue ich dir an; warum sollte ich das nicht tun? Freunde haben alles gemeinsam17, bediene dich meiner, wie du willst. Wenn du willst, bis in den Tod, und wenn du willst, auf der Stelle.“ Wenn du dieses nichtssagende Geschwätz auf dich hast wirken lassen, ohne es früher gehört zu haben, glaubst du ihm ohne Bedenken und vertraust ihm vielleicht irgendein Geheimnis an. Jener reißt es an sich und weiß nun, wie er dir am meisten schaden kann. Das gehört zum Schauspieler in der Komödie, er zeigt dir in der einen Hand Brot, in der anderen trägt er einen Stein18. Seinen Worten nach ist er ein Freund, in Gedanken sinnt er Verrat; nach außen hin zeigt er Wohlwollen, insgeheim droht er mit einer Anklage. Sobald er einmal weiß, mit welchem Plan er dich vernichten kann, wird er dich niemals nach oben kommen lassen: Er nimmt dir vorher jeden Gunsterweis weg, und wenn dir etwas Gutes bestimmt ist, reißt er es heimtückisch an sich. Wenn du klagst, missachtet zu sein, und seine Freundespflicht einforderst oder die Angelegenheit besprechen willst, dann widersetzt er sich schon offen. Das macht er umso freier, weil er als dein ehemaliger Freund erscheinen möchte, damit er jene Versprechen und jenes Geschwätz vorwurfsvoll erwähnen kann. Falls du es nämlich nicht weißt, Versprechungen sind am Hofe auch schon ein Gunsterweis.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

17     Vgl. Corpus Paroemiographorum (wie Anm. 8) Tomus II, Apostolius, Centuria IX, Nr. 88, S. 481: koina\ ta\ tw==n filw=n (der Besitz der Freunde gehört allen gemeinsam), und Desiderii Roterodami opera omnia (wie Anm. 1) Sp. 13 F, Chil. I, Centur. I Prov. I, das auf den Ausspruch des Micio in den Adelphoi des Terenz, Actus V, Vers 803f, verweist: Nam vetus quidem hoc verbum, amicorum inter se omnia communia esse (Denn das ist freilich ein alter Ausspruch, daß Freunde untereinander alles gemeinsam haben). Vgl. P. Terenti Afri Comoediae, ed. Robert Kauer et Wallace M. Lindsay, Oxford 1926, repr. 1965. P. Terentius Afer war neben Plautus der größte römische Komödiendichter, er lebte von 190-159 v. Chr. Siehe dazu auch Thesaurus Proverbiorum Medii Aevi (wie Anm. 1) Bd. 4, S. 25, 3. 2. 4. Wahre Freunde haben alles gemeinsam und teilen alles miteinander.

18     Vgl. T. Macci Plauti Comoediae, ed. Wallace M. Lindsay, Oxford 1904 bzw. 1905, repr. 1980, Tomus II, Aulularia, Actus II, Szene I, V. 195, S. 105, Magadorus: Altera manu fert lapidem, panem ostentat altera (In der einen Hand hält er einen Stein, in der anderen zeigt er Brot). T. Maccius Plautus lebte von 250-184 v. Chr.

 


CASTUS. At aliquos invenire licet ni fallor bonos.

MISAULUS. Et ea, Caste, rara avis est, quam tu vnquam sequi velles

tanto periculo?

CASTUS. Nondum constitui, quanquam certum est aulam experiri mihi.

MISAULUS. Ac tanto derelicto bono, in tantum te ultro præcipitare

malum?

CASTUS. Imo ex bono in bonum transferre, non minus recte, quam qui

ex bono citharœdo bonus fit pœta Tragicus.

MISAULUS. Bene Tragicus.

CASTUS. At nequid præter rationem proponere me arbitreris, sic ac-

cipe. Omnes qui in umbra philosophamur, nec aliquando ad res gerendas

accedimus, quod scimus, nescimus19. Nam ut in tranquillo navim quilibet

facile gubernat, ita in isto ocio, unamquamque rem strennue laudamus vel

vituperamus, aut utrumque facimus, et consilia damus, ac de rebus maxi-

mis acutissime interdum disputamus, verbis abunde instructi, re penitus in-

utiles, et ad omne opus, nisi exerceamur prius, inepti. Iam ego enim

quem in usum toties caput scabo? ungues rodo? qui si hodie rerum ad-

ministrationi admovear, omnia imperite egero, in consiliis absurda, et nihil

ad rem suasero, ut iure exclamaturus sit aliquisd, bove, cives, leporem

venamur20. Id quod illis quoque contingere videmus, qui multos postquam

annos in libris versatie, multa ac varia bellorum genera legerunt, aliqui etiam

scripserunt, opus aggressi, nihilo peritius rem militarem tractant. Adeo

perite aliquid facere, aliud est, quam diserte dicere. At semper legere, sem-

per meditari, aut scribere etiam, vel disserere, si nihil agas præterea, quæ

tandem vita est? mihi enim vivere non videtur, qui, quod nostri aiunt, sibi

vivit.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

d       Proverbium in margine sinistra.

e       Studiosi in margine sinistra.


CASTUS. Aber man wird doch einige gute Freunde finden, wenn ich mich nicht täusche.

MISAULUS. Doch das ist ein seltener Vogel, Castus, dem du einmal unter so großer Gefahr nachjagen willst?

CASTUS. Ich habe mich noch nicht entschieden, obwohl es für mich fest steht, mich an den Hof zu begeben.

MISAULUS. Du willst also ein so großes Gut verlassen und dich aus freien Stücken in ein solches Übel stürzen?

CASTUS. Im Gegenteil, mich von einem Gut in ein anderes Gut zu begeben, finde ich nicht weniger ehrenhaft als das Verhalten dessen, der sich von einem guten Zitherspieler zu einem tragischen Dichter verwandelt.

MISAULUS. Gut, also ein tragischer Dichter.

CASTUS. Aber damit du nicht glaubst, daß ich etwas Unvernünftiges vorschlage, so höre: Alle, die wir im Schatten philosophieren und niemals eine Tätigkeit übernehmen, kennen nicht, was wir wissen.19 Denn wie bei ruhiger See jeder das Schiff leicht steuern kann, so heißen wir in dieser Zeit der Muße jede Angelegenheit gut oder tadeln sie oder machen bei-des, geben Ratschläge und diskutieren bisweilen scharfsinnig über die größten Dinge, mit Worten reichlich ausgestattet. Diese aber sind in Wirklichkeit völlig nutzlos und zu jedem Werk, wenn wir es vorher nicht erprobt haben, unbrauchbar. Zu welchem Zweck kratze ich mir sooft den Kopf, beiße die Nägel? Wenn ich mich heute an eine Tätigkeit machte, würde ich alles ohne Erfahrung machen, bei Beratungen würde ich Widersinniges und nichts zur Sache raten, so daß mit Recht jemand ausrufen wird: „Mit einem Ochsen, Mitbürger, jagen wir einen Hasen“20. Das ist es, was wir auch jenen zustoßen sehen, die sich seit vielen Jahren mit Büchern beschäftigt haben. Sie haben von vielen und verschiedenen Arten von Kriegen gelesen, und einige von ihnen haben auch Kriege beschrieben. Doch sie behandeln das Kriegswesen keineswegs aus größerer Erfahrung, wenn sie mit dem Schreiben des Werkes begonnen haben. Es ist eben etwas anderes, etwas aus Erfahrung zu tun als beredt darüber zu sprechen. Aber immer nur zu lesen, immer nur nachzudenken oder nur zu schreiben oder nur Erörterungen anzustellen, wenn man nichts außerdem macht, was ist das eigentlich für ein Leben? Mir scheint nämlich der nicht zu leben, der, wie man bei uns sagt, für sich lebt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

19     Vgl. dazu P. Terenti Comoediae (wie Anm. 17) Eunuchus, Actus IV, Szene 4, V. 722: Tu pol, si sapis, quod scis nescis neque de eunucho neque de vitio virginis (Beim Pollux, du weißt es nicht, wenn du weißt, was du weißt, weder über den Eunuchen noch über die Schändung des Mädchens). „Im Schatten philosophieren“ heißt sich in ländlicher Einsamkeit unter Bäumen seinen Gedanken hingeben.

20     Vgl. Plutarchi Moralia, Vol. III, ed. William Roger Paton, Max Pohlenz und Wilhelm Sieveking, Leipzig 1972, libellus 30, De tranquillitate animi, 471, § 12, S. 204. Hutten nimmt hier einen Gedanken Plutarchs aus Peri Eu¹tumi/aj (De tranquillitate animi) auf, nämlich ou)de\ ga\r o( toceu/ein t%= a)ro/tr% boulo/menos ka\i t%= boi\ to\n lagw= kunegetei=n dustuxh/j e)stin (dieser Gedanke besagt, daß der nicht unglücklich sei, der mit seinem Pflug den Hasen schießen und ihn mit einem Ochsen jagen will, sondern daß er etwas Unsinniges und Törichtes tue). Plutarch, geb. um 46, gestorben nach 119 n. Chr., griechischer Schriftsteller mit vielseitigen Interessen und einer universellen Bildung. Vgl. auch Desiderii Erasmi Roterodami opera omnia (wie Anm. 1) Sp. 624 F, Chil. II, Centur. VII Prov. XLV, wo dieses Zitat ebenfalls angeführt wird.


Adde huc, quod hi qui in studiis literarum diutius versantur, non

tantum interim non experiuntur res ipsas, verum etiam fiunt plerumque

obeundis negociis inepti. Unde suis ut plurimum moribus vivunt, ab alio-

rum convictu abhorrentes. Quos spectare licet, si quando hominum fre-

quentiæ admoti fuerint, quam sint in omnibus difficiles, quamque morosi,

et communi plane sensu carentes. Audent tamen interim nulli non sua ex-

probrare vitia, ac reges incessunt, ut stupidos, et e medio tollunt militiam,

omnemque rei familiaris curam, ut supervacuam damnant, in diem viven-

dum docentes, porro divitias risu, voluptatem conviciis insectantur. Rident

autem fora, rident leges. Non navigare, non equitare per illos licet, puto

non cacare etiam. Et quæ maxima pestis est, coniugia quoque ut rem fri-

volam detestantur, et humani generis propagationi operam dandam non

putant. Vellent mundum desertum reddere, ut neque ipsi essent21. Ita vitæ

piget. Quid enim ista sibi volunt, optimum non nasci, proximum cito na-

tum aboleri? aut quid non absurdum hi qui vocantur monachif, aliquando

declamant? Hortantur ad solitudinem, trahunt sub regulam, cilicium osten-

dunt, vitam cælibem solam cœlo dignam prædicant, rerum usum damnant,

mundum iugulant, quicquid extra cucullum est, sathanæ addicunt, ipsi

nihil experti, nulla neque bona, neque mala fortuna exerciti. Atque hæc

illis ingerunt cellæ ac solitudo, ut quicquid ex culicis morsu indignationis

concaeperint, in mores, in tempora evomant. In principes, in divites, in

quodlibet diversum vitæ genus iaculentur, ac illa ab inferis terricula, ho-

minum auribus atque oculis obversari faciant, ita depingentes ac si viderint.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

f        MONACHI in margine dextra.


Füge hinzu, daß die, die sich längere Zeit mit dem Studium der Wissenschaften befassen, nicht nur einstweilen das eigentliche Leben nicht erfahren, sondern auch meistens unfähig werden, Tätigkeiten aufzunehmen. Denn sie leben meistens nach ihren Gewohnheiten und meiden das Zusammenleben mit anderen. Sie kann man daran erkennen, wie sie bei allem unduldsam und eigensinnig sind und überhaupt kein Gemeinschaftsgefühl haben, wenn sie sich einmal unter zahlreichen Menschen aufhalten sollten. Dennoch wagen sie es mitunter, jedem seine Fehler vorzuwerfen, sie greifen Könige als Dummköpfe an und sie schaffen das Kriegswesen ab, verurteilen jegliche Fürsorge für die familiären Belange als überflüssig und lehren, man müsse in den Tag hinein leben. Sie verhöhnen den Reichtum unter Lachen, das Vergnügen mit Schmähungen; sie verlachen politisches Handeln, verlachen die Gesetze. Man darf nicht zur See fahren, man darf nicht reiten und, wenn es nach ihnen geht, glaube ich, auch seine Notdurft nicht verrichten. Was aber die größte Pest ist, sie verwünschen die Ehe als albern und vertreten die Ansicht, man dürfe sich nicht für die Vermehrung des Menschen-geschlechtes einsetzen. Ihr Wunsch wäre es, die Welt menschenleer zu machen, um auch selbst nicht zu existieren. So sehr sind sie des Lebens überdrüssig21. Wohin denn führen solche Einstellungen, daß der Beste nicht geboren, der Nächste nach der Geburt schnell hin-weggerafft wird? Oder was äußern nicht manchmal die sogenannten Mönche Unsinniges? Sie fordern zur Einsamkeit auf, gebieten, nach einer Ordensregel zu leben, zeigen das Bußge-wand, verkünden nur eheloses Leben als des Himmel würdig, verurteilen den Gebrauch der Dinge, verachten die Welt, bezeichnen alles, was sich außerhalb der Kutte befindet, als teuf-lisch. Sie selbst aber haben keine Erfahrung, sie sind weder durch gutes noch schlechtes Schicksal geschult. Ihre verkehrte Ansicht drängen ihnen ihre Zelle und die Einsamkeit auf, daß sie alles, was sie an Unmut durch einen Mückenstich empfunden haben, auf die Sitten, auf die Zeitumstände ausspeien, auf die Fürsten, die Reichen und auf jede von ihrer Lebens-weise abweichende Lebensweise schleudern und daß sie jene Schreckmittel aus der Hölle so beschreiben, daß sie von den Ohren und Augen der Menschen wahrgenommen werden können, als hätten sie diese selbst gesehen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

21     Vgl. Ciceronis Tusculanarum disputationum libri V, ed. Max Pohlenz, Erstes Heft, Libri I und II, Stuttgart 1957, liber I, § 48, S. 88/89. Adfertur etiam de Sileno fabella quaedam; qui cum a Mida captus esset, hoc ei muneris pro sua missione dedisse scribitur: docuisse regem non nasci hominem longe optimum esse, proximum autem quam primum mori (Es wird auch über Silen eine Geschichte angeführt. Als dieser von Midas gefangen worden war, habe er ihm für seine Freilassung, wie geschrieben wird, folgendes Geschenk gegeben: Er habe den König darüber belehrt, daß nicht geboren zu werden, das bei weitem Beste sei, das Zweitbeste aber, möglichst bald zu sterben). Max Pohlenz verweist ebd. in seiner Anmerkung auf Euripides, für den „dieser pessimistische Satz schon eine abgedroschene Weisheit“ sei, derzufolge es „für die Sterblichen das Beste sei, nicht geboren zu werden.“ Marcus Tullius Cicero lebte von 106-43 v. Chr. Er war Redner, Politiker und Schriftsteller. Auch Plinius der Ältere 23-79 n. Chr. führte den Lebensüberdruß auf die vielen Mühsale des menschlichen Lebens zurück. Vgl. C. Plini Secundi Naturalis Historia, libri XXXVII, ed. Carolus Mayhoff, Bd. II, 2. Aufl., Stuttgart 1909, Neudruck 1967, liber VII, (1) § 4, S. 3: itaque multi extitere qui non nasci optimum censerent aut quam ocissime aboleri (Daher gibt es viele, die der Meinung sind, das Beste sei es, nicht geboren zu werden, oder doch möglichst schnell hinweggerafft zu werden).


Quos qui audiunt, aliqui statim mori destinant, alii in cellam sese abstrudunt. Non nulli derelictis coniuge ac liberis, ad solitudinem procur-

runt. Quosdam ita piget vivere, ut patri ac matri quod se genuerint ira-

scantur. Quæ cum video, et quam non deceat hominem nihil agere con-

sydero, ac quæ ipsum me circumstant intueor, cum iam tempus sit, ut

vivere incipiam, non deserendi quidem studia consilium capio, sed emer-

gendi ex his sordibus viam prospicio. Atque hæc prolixius attuli, quo ne

mihi persuasum putares, tantum bonum esse, sic ociari. Tu cœptum de

aula sermonem prosequere.

MISAULUS. Nihil istosg moror, amice, qui terrarum orbi molesti sunt,

Theologistas, ac difficiles illos et superciliosos disputatores ipse non probo,

nec te in cellam relego, et agendum omnino aliquid puto. Sed aulam nego

esse idoneam, qua emergere potissimum cogites. Quod si obstinatissime

hoc vitæ genus tibi proponis, atque ibi potissimum actæ ætatis fru-

ctum quæris, tum te dico e nassa cibum petere22.

CASTUS. At multi evehuntur apud principes, et ad honores cito ac

dignitates transcendunt.

MISAULUS. At multi consenescunt ibi pauperes, nec usquam transcen-

dunt, aut unquam speratum vitæ portum23 attingunt. Quidam etiam maximas

sæpe ad opes ac potentiam elati, quando illis visum fuerit bonorum dato-

ribus dominis, deiiciuntur rursus ac spoliantur. Vide enim quam acute

hæc intellexerit sapiens24 ille qui sic exaltatos calculis Arithmeticis compara-

bat. Nam ut illi aliquando minorem, aliquando maiorem numerum refe-

runt, ita hos aliquando fortunatos, aliquando calamitosos, rursumque ali-

quando illustres, aliquando obscuros, ut regibus libitum sit, haberi.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

g       Mataeologi Superciliosi disputatores in margine sinistra.


Einige von denen, die sie hören, beschließen sofort zu sterben, andere verbergen sich in einer Zelle; einige verlassen Frau und Kinder und eilen in die Einsamkeit; einige verdrießt das Leben so, daß sie Vater und Mutter zürnen, die sie gezeugt haben. Wenn ich das sehe und überlege, wie wenig es dem Menschen ziemt, untätig zu sein, und wenn ich meine Umgebung betrachte, so habe ich zwar nicht die Absicht, meine Studien aufzugeben, obwohl es schon Zeit wäre, mit dem wirklichen Leben zu beginnen. Aber ich sehe den Weg vor mir, aus diesem traurigen Dasein herauszukommen. Indes habe ich diese Gedanken bereitwillig vorgebracht, damit du nicht glaubst, ich sei überzeugt, daß so in Muße zu leben, nur gut sei. Du aber fahre fort mit dem Gespräch über den Hof.

MISAULUS. Ich will die nicht abhalten, mein Freund, die dem Erdkreis zur Last fallen, die „Theologisten“, aber ich selbst heiße die mürrischen und finsteren Vertreter jener Ansicht nicht gut, auch verbanne ich dich nicht in eine Zelle. Ich meine durchaus, daß etwas getan werden muß. Doch ich behaupte, daß der Hof nicht der geeignete Ort ist, an dem du dich am ehesten emporzuarbeiten erwägen solltest. Wenn du dir aber hartnäckig einzig diese Lebensweise vornimmst und dort vor allem die Frucht eines tätigen Lebens suchst, dann behaupte ich, daß du, gefangen im Netz, Nahrung suchst22.

CASTUS. Aber viele steigen bei den Fürsten auf und wechseln schnell in Ehrenstellen und Würden.

MISAULUS. Aber viele werden in Armut dort alt und bleiben, was sie sind, und erreichen nirgends und niemals den erhofften Hafen des Lebens23. Manche, die zu größtem Reichtum und höchster Macht emporgestiegen sind, stürzen auch wieder und werden beraubt, wenn es jenen Gebern der Gaben gut erscheinen sollte. Siehe nämlich, wie jener weise Philosoph24 das erkannt hat, der die Erhöhten folgendermaßen mit Rechensteinen verglich: denn wie jene bald eine kleinere, bald eine größere Zahl ergeben, so gelten diese einmal als glücklich, einmal als unglücklich, wieder einmal als berühmt, dann wieder als ruhmlos, wie es den Königen beliebt.

 

 

 

 

 

 

 

22     E nassa cibum petere erinnert an T. Macci Plauti Comoediae (wie Anm. 18) Miles gloriosus, Tomus II, Actus II, Szene 6, Vers 581, S. 33: Sceledrus: Numquam hercle ex ista nassa ego hodie escam petam (Niemals werde ich, bei Gott, in dieser „Reuse“ am Köder naschen). Vgl. auch Desiderii Erasmi Roterodami opera omnia (wie Anm. 1) Sp. 1044 E, Chil. IV, Centur. IV Prov. LXXXVIII, wo nassa folgendermaßen erläutert wird: Est autem nassa piscatorii vasis genus, quo postea quam intrarit piscis, exire non potest. Unde proverbialia fuerint et illa: In nassam incidere, et, e nassa elapsus (Nassa ist ein Gefäß des Fischers, aus dem der Fisch nicht mehr entrinnen kann, sobald er hineingeschwommen ist). Darauf dürften auch die sprichwörtlichen Wendungen In nassam incidere et e nassa elapsus, d.h. in die Schlinge geraten und der Falle entkommen, Bezug nehmen.

23     Spätantike und mittelalterliche Laien, die aus dem Schiffbruch dieser Welt fliehen wollten, ergriffen den Mönchsberuf und begaben sich ins Kloster, das sie als „Hafen der Ruhe“ (portus tranquillitatis) oder als „Hafen des Heils“ (portus salutis) empfanden. Vgl. dazu Thesaurus Proverbiorum Medii Aevi (wie Anm. 1) Bd. 5, 1997, S. 338, 1. Hafen als sicherer Zufluchtsort. Unter 10 verweist er auf Ovid Remedia amoris 610f.: Praestiterat iuvenis quicquid mea Musa iubebat, / inque suae portu paene salutis erat. (Der Jüngling hatte alles geleistet, was meine Muse gebot, und war schon fast im Hafen seines Heiles).

24     Vgl. Diogenis Laertii Vitae Philosophorum, ed. Herbert S. Long, Tomus I, libri I-V, Tomus II, libri VI-X, Oxford 1964. In Tomus I, liber I, Solon, § 59, S. 24 vergleicht Solon die Einflußreichen mit den Rechensteinen, derer wir uns bei Rechnungen bedienen. Wie nämlich jeder Stein einmal eine größere, bisweilen eine geringere Ziffer bedeutet, so sehe der Tyrann nach Belieben jeden von ihnen als bedeutend und berühmt an, irgendwann aber auch als unbedeutend und unbekannt.


CASTUS. Licet sperare.

MISAULUS. Et falli licet. Tum illud nunquam memoria tibi excidat,

quod ille ait, et rex, et vates, nolite confidere in principibus. Quod si me

audis, non tanto spem istam precio emes, nec ad hunc scopum, vitæ ar-

cum intendes, aut dulcem scholæ quietem commutabis cum his turbis, quæ

me annos iam plus viginti sine fructu exercent, dum teror et conteror,

dum sudo ac algeo, dum valetudinem corrumpo, dura patior, grata refu-

gio, dum magnis laboribus ac vigiliis conor, dum omnem aleam iacio, ne-

que aliquid tamen assequor præter unum hoc, quod tibi tantis malis

parandum videtur, ut quemadmodum Phryges, sero sapiens tandem in are-

nam ædificasse25 me, ac ventos coluisse videam, et illud tandem intelligam,

quam non bene vitam instituerim. At te dulces interim Musæ, vitæ secu-

rum, at ab omni tumultu liberum, vera et honesta voluptas detinent.

CASTUS. Egentem sæpe multis.

MISAULUS. Contemnentem etiam multa.

CASTUS. At nunc opinor quærendæ facultates, deinde ad virtutis stu-

dia redeundum, si unquam liceat.

MISAULUS. Recte, si liceat. Nam ut parari queant hæ quas petis facul-

tates, aut laborem non feres tu, aut indigna multa non sustinebis. Deinde

vereor, ne bonam tui partem depravet aula.

CASTUS. De labore scio, qui nucleum petat, ei necesse fore, ut fran-

gat nucem26. Iam autem firmior mihi videor, quam ut ullam posthac morum

in peius mutationem admittam.

MISAULUS. De nuce fieri potest, ut nucleum non habeat, cui tu cum

periculo dentem impegeras. Quod ad mores pertinet, nescis quam blanda

pestis aula sit, quantumque pondus, hi qui hoc mare perflant venti,

quam nullo negocio dimoveant.

 

 


CASTUS. Man kann aber hoffen.

MISAULUS. Und man kann sich auch täuschen. Dann solltest du niemals jenen Ausspruch vergessen, den jener König und Seher getan hat: „Vertraut nicht auf die Fürsten.“ Wenn du auf mich hörst, wirst du diese Hoffnung nicht so teuer erkaufen und nicht zu diesem Ziel den Bogen des Lebens spannen oder die angenehme Stille der Schule mit dieser Unruhe ver-tauschen. Diese plagt mich schon mehr als zwanzig Jahre, ohne daß ich Erfolg habe. Dabei reibe ich mich völlig auf, schwitze und leide, ruiniere meine Gesundheit, erdulde Härten und vermisse den Dank. Während ich mich unter großen Mühen und in Nachtwachen anstrenge, während ich jeden Würfel werfe, erreiche ich dennoch nicht, etwas zu sein, abgesehen von dem, was du unter so großen Übeln erreichen zu müssen glaubst. Denn wie die Phrygier25 sehe ich schließlich, zu spät weise geworden, daß ich auf Sand gebaut habe und dem Wind-hauch nachgelaufen bin. So erkenne ich schließlich, wie verkehrt ich mein Leben eingerichtet habe. Dich aber, der du frei von Sorgen ums Leben bist, halten unterdessen die lieblichen Musen fest, von jeglicher Unruhe dagegen hält dich wahre und ehrbare Freude ab.

CASTUS. Den Bedürftigen halten sie von vielem ab.

MISAULUS. Den Verächter hält vieles ab.

CASTUS. Aber jetzt, glaube ich, müssen die Möglichkeiten erkundet werden, dann müssen wir zur Beschäftigung mit der Tugend zurückkehren, wenn es irgendjemals möglich ist.

MISAULUS. Mit Recht, wenn es möglich sein sollte. Denn um diese Möglichkeiten, die du anstrebst, erlangen zu können, wirst du entweder die Mühe nicht ertragen oder vieles Un-würdige nicht aushalten. Dann, so fürchte ich, wird der Hof die gute Seite deines Wesens ver-derben.

CASTUS. Von der Mühe weiß ich, daß der, der den Kern haben will, die Nuß knacken muß26. Ich glaube schon stark genug zu sein, um nicht in der Zeit danach eine Wandlung meines Charakters zum Schlechteren zuzulassen.

MISAULUS. Es kann sein, daß die Nuß, auf die du unter Gefahr für deinen Zahn gebissen hast, keinen Kern hat. Was den Charakter angeht, weißt du nicht, was der Hof für eine Pest der Schmeichelei und wie groß der Einfluß ist, den die Winde haben, die auf diesem Meer wehen. Sie machen bei jeder Angelegenheit ihren Einfluß geltend.

 

 

 

25     Die sprichwörtliche Wendung sero sapiens in arenam […] aedificasse me […] videam (zu spät weise geworden, sehe ich, daß ich auf Sand gebaut habe) geht in ihrem ersten Teil auf Livius Andronikus zurück, aus dessen verlorener Tragödie ‚Das Trojanische Pferd‘ das Zitat sero sapiunt überliefert ist. Vgl. dazu Livi Andronici et Cn. Naevi Fabularum Reliquiae, ed. Lucianus Mueller, Berlin 1885, Tragoediae, Equus Troianus III, S. 8. Nach Desiderii Roterodami opera omnia (wie Anm. 1) Sp. 37 F, Chil. I, Centur. I, Prov. XXVIII enthält sie in ihrem zweiten Teil eine Redewendung, die eine allgemein menschliche Erfahrung beinhaltet, nämlich daß viele in törichter Weise zu spät ihr Tun bereuen (Convenit in eos, quos stulte factorum sero penitet), wie auch die Trojaner zu spät eingesehen hätten, daß sie Helena dem Menelaos zurückgeben hätten sollen, um unermeßlichem Unheil zu entgehen (innumeralibus sese calamitatibus subduxissent). Siehe P. Ovidi Nasonis Metamorphoses (wie Anm. 7) XII 3ff.: defuit […] Paridis praesentia […], / postmodo qui rapta longum cum coniuge bellum / attulit in patriam (Nicht anwesend war Paris, der bald darauf zusammen mit seiner geraubten Gemahlin langwährenden Krieg in die Heimat brachte) und XIII 201: accuso Parin praedamque Helenamque reposco / et moveo Priamum Priamoque Antenora iunctum; / at Paris et fratres et qui rapuere sub illo vix tenuere manus […] nefandas (ich beschuldige Paris und fordere die Beute und Helena zurück / und mache den Priamus wan-kend und mit ihm Antenor; / doch Paris und seine Brüder und die, welche mit ihm den Raub ausführten, hielten nur mit Mühe […] ihre frevelhaften Hände zurück).

26     Vgl. T. Macci Plauti Comoediae (wie Anm. 18) Curculio, Tomus I,: Die Wendung qui nucleum petat, ei necesse fore ut frangat nucem ist sinngemäß Curculio, Actus I, Szene 1, Vers 55, S. 317 entnommen, wo sie heißt: Qui e nuce nuculeum esse volt, frangit nucem (Wer den Kern aus der Nuß essen will, bricht die Nuß auf).


CASTUS. Dic aliquid de ventis igitur, aut si præstat, de convictoribus

aulicis, interpellatum a me sermonem prosequere prius, deinde totum hoc

mare absolve.

MISAULUS. Quos commemoravi convictores Caste, hi sunt, qui cum Ulysse illo tantum

maris obeunt, infidi ac fraudulenti comites, quorum ille

sive suo ingenio fraudem eluserit, sive deorum benignitate insidias effugerit,

ad aliquam deferetur Calypso27 primum, deinde Alcinoi28 hospitium, post Itha-

cam29 forte obtinebit.

CASTUS. Qua hos igitur arte pervincere oportet?

MISAULUS. Providentia, quam illi si quando abesse abs te senserint,

perdendi consilium inibunt. Quare fidendum penitus nulli. Ut dicam enim

quod sentio, optimam etiam indolem, et recte institutam vitam, in aula

suspectam habere oportet, quod hi quos dixi ventos omnia impellant ac

perfringant, et summam sæpe innocentiam ad pessimos mores invertant. An

non audisti illum qui ait? Discedat ab aula qui vult esse pius30. Verum ut

sint aliqui boni, periculosa tamen ibi experientia est, quod multi sunt pes-

simi, suopte partim ingenio, partim aulico veneno imbuti, oiªsin [sic!] ut ait

Comicus, ... ou)/te bwmo\j ou)/te pi/s[t]ij ou)/te oÀrkoj me/nei31.

 

 


CASTUS. Sag deshalb etwas über die Stürme, oder wenn es besser ist, fahre zuerst fort mit deinen von mir unterbrochenen Äußerungen über die Tischgenossen am Hofe. Dann aber komme mit diesem ganzen Meer an ein Ende.

MISAULUS. Die erwähnten Höflinge, Castus, sind die, die als treulose und betrügerische Ge-fährten mit jenem Odysseus das große Meer befahren. Jener ist wohl durch seine eigene Ein-gebung ihrem Anschlag entkommen oder durch die Güte der Götter deren Nachstellungen entgangen. Er wird zunächst zu einer Kalypso27 gebracht, dann die Gastfreundschaft des Alkinoos28 erfahren, schließlich wird er durch Zufall Ithaka29 erreichen.

CASTUS. Wie soll man also diese Gefährten bezwingen?

MISAULUS. Durch Voraussicht. Wenn jene bemerkt haben, daß dir diese fehlt, werden sie den Plan fassen, dich zu vernichten. Deshalb darf man keinem ganz trauen. Um zu sagen, was ich meine: Am Hofe muß man auch dem besten Charakter und einer guten Lebensführung mißtrauen. Denn die, die ich als Winde bezeichnet habe, bringen alles ins Wanken und stürzen es um und verwandeln oft die Unschuld in den schlechtesten Charakter. Oder hast du nicht von jenem gehört, der sagt „Der möge sich vom Hof entfernen, der gottesfürchtig bleiben will“?30. Indes: Gesetzt den Fall, es gibt einige Gute, so ist dennoch am Hofe die Probe mit Gefahren verbunden, weil viele gänzlich verdorben sind, teils infolge ihrer eigenen Veranlagung, teils durch das Gift des Hofes besudelt. „Diesen bleibt“, wie der Komödiant sagt, „weder der Altar noch die Treue noch der Eid heilig“31.

 

27     In der griechischen Sage ist Kalypso eine Nymphe, Tochter des Atlas, die auf der Insel Ogygia lebte und den schiffbrüchigen Odysseus aufnahm und sieben Jahre bei sich behielt. Vgl. Giovanni Boccaccio (wie Anm. 7) Tomo primo Liber quartus XLI. De Calypsone Athlantis filia, S. 444f., und Hunger, Herbert: Lexikon der griechischen und römischen Mytholgie, 6. Aufl., Reinbek bei Hamburg 1974, S. 205. Siehe auch P. Ovidi Nasonis, Amores (wie Anm. 11) Amorum lib. II XVII, 15: traditur et nymphe mortalis amore Calypso / capta recusantem detinuisse virum (Auch Kalypso hielt, so wird überliefert, von Liebe zu einem Sterblichen ergriffen, den Mann fest, als er sich weigerte). Ars amatoria II 125, 129 verweist ebenfalls auf sie.

28        König der Phäaken auf der Insel Scheria, Vater der Nausikaa. Diese traf, nachdem sie mit ihren Mägden ihre Kleidung am Fluß gewaschen hatte, den schiffbrüchigen Odysseus und brachte ihn zu ihrem Vater. Siehe Homeri Opera (wie Anm. 1) Tomus III, liber 6, V. 135ff.

29     Ithaka, eine der ionischen Inseln, Heimat des Odysseus.

30     Hutten hat sich hier an Verse Lucans aus De bello civili, liber VIII, Verse 493ff., angelehnt, die folgen-dermaßen lauten: exeat aula / qui vult esse pius. Virtus et summa potestas / non coeunt; semper metuet quem saeva pudebunt (Der entferne sich vom Hofe, der rechtschaffen sein will. Tugend und Macht sind nicht miteinander zu vereinbaren; immer wird der sich fürchten, der über seine Grausamkeit Scham empfindet). Vgl. Lucanus, de bello civili, ed. David R. Shackleton Bailey, Stuttgart 1988, S. 212 (M. Annaeus Lucanus war nach Vergil der bedeutendste epische Dichter Roms; er lebte von 39-65 n. Chr.). Zur Überlieferung dieses Sprichwortes im Mittelalter vgl. Carmina medii aevi posterioris Latina II/5, proverbia sententiaeque Latinitatis medii aevi (wie Anm. 1) Teil 1: A-E, S. 1066, Nr. 8412: Exeat aula, qui volet esse pius. Überliefert sind auch folgende Varianten: Aula privatus sis, si vis esse beatus (ebd., S. 201, Nr. 1761); Aule vitet onus, qui cupit esse bonus (ebd., S. 201, Nr. 1762); Aulam desere, qui vis pia facta sequi (ebd., S. 201, Nr. 1763); Tollas aula te, si vis uti pietate, in Carmina II, 5, Teil 5: Sim-Z, Göttingen 1967, S. 330, Nr. 31431. Kiesel, Helmuth: ‚Bei Hof, bei Höll‘, Untersuchungen zur literarischen Hofkritik von Sebastian Brant bis Friedrich Schiller, Tübingen 1979.S. V-VI. Noch Friedrich Carl von Moser zitierte es im zweiten Band seines 1754 publizierten ‚Teutschen Hof- Recht‘: „Da dann ein altes Sprüchwort bekannt ist, das heißt: Exeat aula, qui volet esse pius; ist es jemalss wahr gewesen, so wird es bey unsern gegenwaertigen Zeiten an vilen Hoefen, wo die Irreligiosität und Religions-Spoetterey den Freibrief hat, mathematisch gewiß“ (S. 87). Zur inhaltlichen Bedeutung dieses Sprichwortes vgl. Studt, Birgit: Exeat aula, qui volet esse pius. Der geplagte Alltag des Hofliteraten, in: Alltag bei Hofe, hg. von Werner Paravicini, Sigmaringen 1995 (Residenzenforschung, 6), S. 113-136.

31     Vgl. Aristophanis Comoediae, ed. Frederick William Hall und William Martin Geldart, Tomus I, 2. Aufl., Oxford 1906, repr. 1952, Acharnenses, V. 307f. Hutten zitiert hier einen Ausspruch des Dikaiopolis, näm-lich daß man den Lacedaemoniern nicht trauen darf: pw=j de\ g?§ a)\n kalw=j le/goij a)\n ei)/per e)spe/isw g??` a/(pac oiÂsin. ou)/te bwmo\j ou)/te pi/stis ou)/q¡ o(/rkoj me/nei. (Wie könnte man es klug nennen, denen zu ver-trauen, denen weder der Altar noch die Treue noch der Eid heilig bleiben, selbst wenn man mit ihnen einmal einen Vertrag geschlossen hat). Aristophanes (445-386 v. Chr.) war der wichtigste Vertreter der alten Komödie in Athen.


Proinde cautum

esse oportet, qui cum ingeniis conflictari velit eiusmodi, ac danda sæpe

verba, et vicissim adulandum, moresque dissimulandi sui, atque omni able-

gato candore, istiusmodi simulandum ingenium.

CASTUS. Ut intelligo, primus est iste discedendi a Philosophia gradus.

MISAULUS. Et hæc est quam dixi difficultas. Quantus essem nunc enim

ego, si vel simulare adulationem potuissem ? Qui dum illum sequor

naturæ rigorem et bonus esse studeo, omnem tot erumnarum fructum perdidi in sublime procul abeuntibus, qui æquales erant, ac inter hos multis

qui nec diu iam, nec multum adeo laboraverunt.

CASTUS. Omnino igitur adulari necesse est aulico?

MISAULUS. Omnino. Sed faciunt hoc alii plus, alii minus. At quisquis

huic iugo colligandam cervicem præbuerit, opus est Alcibiademh, 32

imitetur:

Nam ut aliter Athenis vixit ille, Attica morum suavitate, aliter Lacedæ-

mone, solutius, rursum aliis apud Thraces, populum bellicosum, aliis apud

Persas, mollem et delicatum, moribus usus est, ita opus est aulico, omnem

in modum conformare se moribus eorum, quibus cum vivit, ut ingenio omnem

in partem mutabili sit, in omnibus versutus et callidus, in summa, ipso

Protheo33 varius magis.

CASTUS. Tragicum est hoc malum.

MISAULUS. At in aulica comœdia spectatum, Caste, nec aliud frequen-

tius, aut timendum magis, cum intestinum sit, et domesticum. Nam qui

aperte inimici sunt, facile ab his tibi caveris. Hoc malum, per speciem

amicitiæ clam irrepit, blandum venenum, fucata pestis. Atque aliquos ho-

rum novi, miros in modos, principum bonitate abutentes, quosdam vero ita

effœminate assentantes, ut non verba tantum rebus accommodent, verum

etiam gestu verba exprimant. In quibus falsissimus animi index frons est.

Nam omnem opportune affectum simulant, et ut volunt, colorem vultus mu-

tant, udi ac molles, et quancumque personam fingere velis, idonei. Quippe

omnia facile imitantur ac exprimunt34.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

h       Alcibiades in margine dextra.


Daher muß der vorsichtig sein, der es mit derartigen Charakteren aufnehmen will. Auch muß man oft abwechselnd betrügen und schmeicheln und seinen Charakter verstellen und alle Aufrichtigkeit ablegen und sich wetterwendisch geben.

CASTUS. Wie ich sehe, ist dies der erste Schritt, sich von der Philosophie abzuwenden.

MISAULUS. Und dies ist die genannte Schwierigkeit: Wie einflußreich wäre ich nämlich jetzt, wenn ich mir den Anschein hätte geben können zu schmeicheln. Während ich der Stren-ge meiner Natur folge und mich bemühe, ehrlich zu sein, habe ich die Frucht so vieler Mühen verloren, während meine Altersgefährten weit nach oben gekommen sind. Und unter ihnen sind viele, die weder schon so lange, noch so viel gearbeitet haben wie ich.

CASTUS. Der Höfling muß also durchaus ein Schmeichler sein?

MISAULUS. Durchaus. Aber die einen sind das mehr, die anderen weniger. Doch jeder, der diesem Joch seinen Nacken zur Fesselung dargereicht hat, der sollte den Alcibiades32 nach-ahmen. Denn jener führte in Athen sein Leben anders, in Attica mit liebenswürdigem Charakter, anders in Sparta wiederum, nämlich entspannter. Bei den Thrakern, einem kriege-rischen Volk, zeigte er einen anderen Charakter, wiederum einen anderen bei den Persern, nämlich einen anpassungsfähigen und angenehmen. So muß auch der Höfling sich auf jede Weise dem Charakter derer, mit denen er lebt, anpassen. D.h. er muß in jeder Hinsicht eine wandelbare Veranlagung haben, in allem verschlagen und gerissen sein, kurz, er muß wandel-barer als Proteus33 sein.

CASTUS. Das ist ein tragisches Übel.

MISAULUS. Doch das konnte man sich in der Komödie des Hofes ansehen, Castus, und keines ist häufiger und mehr zu fürchten. Denn es gehört wesentlich zum Hofe und zur höfi-schen Familie. Vor denen, die sich offen als Feinde zeigen, könnte man sich leicht vorsehen. Dieses Übel aber hat sich unter der Vorspiegelung von Freundschaft eingeschlichen, als Gift der Schmeichelei, als geschminkte Pest. Indes kenne ich einige von ihnen, die auf merk-würdige Weise die Güte der Fürsten mißbrauchen. Manche schmeicheln wirklich auf so wie-bische Art, daß sie nicht nur ihre Worte den Gegebenheiten anpassen, sondern sie auch durch ihre Gebärden ausdrücken. Bei ihnen ist das Gesicht das verlogenste Kennzeichen der Seele. Denn zu gelegener Zeit täuschen sie jedes Gefühl vor und ändern, wie sie wollen, die Farbe ihres Gesichtes, sie vergießen Tränen, sind zartfühlend und geeignet für jede Rolle, die du dir auch immer vorstellst. Denn sie ahmen alle Gefühle mühelos nach und drücken sie aus34.

 

 

32     Alkibiades, um 450-404 v. Chr., athenischer Politiker und Feldherr, der mehrmals die Seiten zwischen Athen und Sparta wechselte zum Schaden des jeweiligen Gegners, schließlich auf Befehl des Pharnabazos, zu dem er aus Furcht vor der Rache Spartas geflohen war, ermordet wurde.

33     Proteus, griechischer Meeresgott, Sohn des Oceanus und der Thetis, soll die Fähigkeit besessen haben, sich in alle möglichen Gestalten zu verwandeln. Hutten verweist auf Lukian (120-180 n. Chr). Περί Θυσεων, libellus 30, § 5, wenn er sagt, daß Alkibiades wandlungsfähiger als Proteus war (ποικιλw¿τερος αυ¹το Πρωτως). Vgl. Luciani Opera (wie Anm. 5) Tomus II, libelli 26-43, S. 116. Ovid nimmt ebenfalls wiederholt Bezug auf die Wandlungsfähigkeit des Proteus, so in den Metam. II 9 und VIII 732, ebenso in den Amorum lib. III 2, 35 (wie Anm. 7 und 11). Siehe auch Giovanni Boccaccio (wie Anm. 7) Tomo primo Liber VII, IX. de Protheo sene, S. 730ff., und Desiderii Erasmi Roterodami opera omnia (wie Anm. 1) Sp. 473 B, Chil. II, Centur. II, Prov. LXXIV Proteo mutabilior. Die Notwendigkeit, am Hofe wandelbarer als Proteus sein zu müssen, bezeichnet Castus als tragisches Übel. Dieser Ausspruch ist nach Erasmus (wie Anm. 1) Sp. 1014, Chil. IV, Centur. III Prov. XL so zu erklären, daß in den Tragödien immer außerordentliche und große Übel, d.h. Katastrophen gestaltet bzw. dargestellt werden.

34     Wenn Hutten sagt, daß die Höflinge Mienen und Gefühle nach Bedarf ausdrücken können, erinnert er an ein Epigramm Martials, in dem jener sagt, daß am Hofe kein Höfling sich selbst treu bleibe, sondern den Charakter des Fürsten annehme (Nemo suos - haec est aulae natura potentis - / sed domini mores Caesarianos habet). Vgl. M. Val. Martialis Epigrammata, ed. Wallace M. Lindsay, 2. Aufl., Oxford 1929, repr.1969, liber IX, Satire 79, Vers 6/7.


CASTUS. Qualiter ille existimo Philippi adulator, qui se claudum fin-

gebat, quod is crus fractum haberet, ob idque oculos etiam contorque-

bat, quod eodem gestu esset herus35. Et hos alunt principes, ac honoribus efferunt?

MISAULUS. Primo loco, per errorem,

homines gravibus alioqui curis impliciti et ad tristi-

tiam ob id proclives, quos illi, grata semper ac læta nunci-

antes, iucunde afficiunt, omnia eorum admirantes, omnia

laudibus efferentes, etiam ea quæ iniquissima noverint.

Non est invenire aliud hoc hominum generei

peius. Atque hi sunt, qui suis pessimis consiliis, optime

animatos principes in multorum ac in orbis perniciem

invertunt ac pervertunt, semper duplices ac bilingues.

Per quos fit, quo minus recte sapiant, recteve faciant

illi. Nam his autoribus, neque bonis præmium, neque

pœna malis est. Hi sunt, Caste, qui fumum vendunt. Qui-

bus ab illis emptoribus dicitur, commenda me principi.

Certe officia et præfecturas ab his mercari licet et,

ut aliquid faciant, aliquidve dicant principes, redimere.

Quibus etiam quos volunt caros, rursumque infestos quos volunt, reddunt.

Hi a quibus munera quoque acceperunt, iis aliquando fucum faciunt at in

causa sunt, multorum principum felicitas ut pereat et subvertatur. Hi sunt,

Caste, sorices ac tineæj palatii, qui plurima die noctuque arrodunt et cor-

rodunt, quique plurima devorant. Omnino enim vitam ac sanguinem prin-

cipum exugunt isti ac lente consumunt. De quibus valde prudenter Anti-

sthenes36 philosophus olim monuit. Si necessitas urgeat, præstare in corvos

quam in assentatores incidere, illos enim mortuos, hos viventes devorare. Qui cum noxii ubique sint, utiles nusquam, maximis tamen ac intolerabi-

libus aluntur sumptibus. Hos videas in omni mundicia, omnibus lautitiis

delitiantes, splendide vestitos, bene nummatos, semper ebrios ac temulen-

tos vel citra vinum, studiosos aleæ, deditos crapulæ, qui

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

i        Adulatores in margine sinistra.

j        Sorices ac tineae palatii in margine sinistra.


CASTUS. Ich glaube, wie jener Schmeichler Philipps, der sich lahm stellte, als dieser seinen Oberschenkel gebrochen hatte. Deswegen verdrehte er auch die Augen, weil der Herr dieselbe Miene zeigte35. Und diese Menschen fördern die Fürsten und zeichnen sie durch Ehrungen aus?

MISAULUS. In erster Linie machen die Fürsten das aus Irrtum. Es sind ja Menschen, die im allgemeinen schwere Sorgen haben und deswegen zur Verstimmung neigen. Die Schmeichler melden immer erfreuliche und frohe Nachrichten und versetzen sie damit in heitere Stim-mung, wobei sie alles an ihnen bewundern, alles loben, auch das, was sie als ganz und gar ungerecht erkannt haben. Man kann keinen schlechteren Menschenschlag als diesen finden. Und das sind die Menschen, die durch ihre gänzlich verworfenen Ratschläge auch die bestgesinnten Fürsten zum Verderben vieler Menschen und der Welt verändern und zu Grun-de richten, da sie immer mit doppelter und gespaltener Zunge sprechen. Sie sind schuld, daß jene sich nicht richtig ihrer Vernunft bedienen und richtig handeln, denn auf ihre Veran-lassung gibt es weder für die Guten Belohnung noch für die Schlechten Strafe. Sie sind es, Castus, die leere Versprechen verkaufen. Ihnen wird von den Käufern gesagt „Empfiehl mich dem Fürsten“. Ganz bestimmt kann man von ihnen Ämter und Vogteien kaufen und gegen Bezahlung erreichen, daß die Fürsten etwas ganz Bestimmtes tun oder sagen. Für diese machen sie auch, wen sie wollen, zum Freund und, wiederum wen sie wollen, zum Feind. Sie hintergehen irgendwann die, von denen sie auch Geschenke erhalten haben, und sie sind schuld, daß das Glück vieler Fürsten verlorengeht und zerbricht. Das sind, Castus, die Mäuse und Würmer des Palastes, die sehr vieles Tag und Nacht annagen und zerfressen und die sehr vieles auffressen. Kurz, die da saugen nämlich das Leben und das Blut der Fürsten aus und verzehren es allmählich. An sie hat der Philosoph Antisthenes einst sehr klug erinnert, wenn er sagt, daß es, wenn es unvermeidlich sein sollte, besser sei, unter die Raben zu fallen als unter die Schmeichler36. Denn jene verschlängen die Toten, diese aber die Lebenden. Obwohl diese Schädlinge überall sind und nirgends nützlich, werden sie dennoch mit hohen und uner-träglichen Aufwendungen unterhalten. Diese Gecken kannst du in aller Eleganz, in jeglichem Prunk verführerisch, prachtvoll gekleidet, reichlich mit Geld ausgestattet, immer betrunken und berauscht oder dicht neben dem Wein, dem Spiel frönend und dem Trunk ergeben sehen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

35     Hutten bezieht sich an dieser Stelle auf Athenaeus Deipnosophista, der aus dem Leben Philipps des Satyrus diese Geschichte über Kleisophos erzählt. Vgl. Athenaeus ex recensione Giulielmi Dirndorfii (ed. Wilhelm Dirndorf), Volumen I-III, Leipzig 1827, Volumen. I, ζ (liber VI), § 248, Nr. 54, S. 541.

36     Vgl. Ioannis Stobaei Anthologium, ed. Curtius Wachsmuth und Otto Hense. Volumen tertium Anthologii librum tertium editum continens, ed. Otto Hense, Berlin 1894. Ioannis Stobaei Anthologii libri duo posteriores, ed. Otto Hense, Bd I, 1894, c. XIV, Nr. 17, S. 474, wo er den Gründer der kynischen Schule, Antisthenes (444 - 366 v. Chr.), sprechen läßt Antisqe/nhs ai(retw/tero/n fhsin ei)j ko/rakaj e)mpesei=n h)\ ei)j ko/lakaj; oi( me\n ga\r a)poqano/ntoj to\ sw=ma, oi( de\ zw=ntoj th\n yuxh\n lumai/nontai (Anthistenes sagt, daß es besser sei, unter die Raben zu fallen als in die Hände der Schmeichler; erstere würden nur die Leichname, letztere die Seele vernichten). Auch Diogenes Laertius Vitae Philosophorum (wie Anm. 24) Tomus II, liber VI, Antisthenes, § 4, S. 248, erwähnt diese Redewendung.


aliter non vivunt in aula, quam illa Ulyssis domi procorum colluvies. Adeo non parare aut

augere rem nati, sed consumere ac perdere, a)/gousi kai\ fe/rousi37. Ne-

que istorum quicquam gratis, quandoquidem primi isti munifice donantur,

liberaliter habentur, regie vestiuntur, et ad officia facile, præfecturas ac

honores evehuntur. Et de Palponibus aulicis dictum fortasse plus, quam

oportuit; sed idcirco, ut intelligeres, hanc navigationem quid potissimum

difficilem et intranquillam redderet. Ac in aula amicitiam ne præsumeres.

CASTUS. Ut video, maxime indignis benevoli ac benefici sunt Principes.

MISAULUS. Atque hoc est, quod vides quosdam, neque genere claros,

neque virtute commendatos in summum conscendisse.

CASTUS. Scribas maxime.

MISAULUS. Immo quosdam scribis nequiores. Atque utinam scribas tan-

tum eveherent. Ita sine iudicio ac delectu liberales sunt principes.

CASTVS. Iam dudum extra tuum sermonem meæ peregrinantur aures,

ac de quodam cogito Morione38. Sed tu tria verba, quæ neglexi interim,

repete.

MISAULUS. Si de Morione prius dixeris.

CASTUS. Audierat is auri penuriam conqueri suum principem, et re-

pente, quin tu scriba vis esse, inquit, ut aurum habeas. Nam illos præ

omnibus pecuniosos viderat.

MISAULUS. Ita est. Nam et primi illi, et plurima in aulis principum lu-

crantur, partim dum, quod officium est suum, literas ac signa vendunt39,

partim dum, quod soli scite faciunt, cottidie aliquid a principibus exugunt.

Quamquam quid de scribis querimur, qui qualescumque sunt, omino ali-

quis eorum usus est, cum alii multi sint omnino inutiles et, ut ille ait,

tantum fruges consumere nati40. Atque igitur dixi, sine iudicio ac delectu liberales

sunt principes.

 


Sie leben nicht anders am Hofe als jenes Gesindel von Freiern im Hause des Odysseus: Sie sind nicht so sehr dazu geboren, Vermögen zu erwerben oder zu vermehren, sondern um es aufzubrauchen und zu vergeuden, sie „tragen es fort und schleppen es weg“37. Und nichts ist bei ihnen unentgeltlich, weil sie zuerst freigebig beschenkt, hochherzig behandelt, königlich gekleidet werden und mühelos zu Ämtern, Vogteien und Ehrenstellungen gelangen. Aber über die höfischen Schmeichler ist vielleicht mehr als nötig gesagt; das jedoch deshalb, damit du erkennst, was diese Seereise sehr gefährlich und unruhig macht und daß man am Hofe Freundschaft nicht voraussetzen kann.

CASTUS. Wie ich sehe, sind die Fürsten den Unwürdigen gegenüber ausnehmend wohl-wollend und freigebig.

MISAULUS. Und es ist so, daß manche von ihnen weder durch Abstammung erlaucht noch durch Tüchtigkeit empfohlen nach oben gekommen sind, wie man sieht.

CASTUS. Vor allem die Schreiber.

MISAULUS. Allerdings gibt es einige, die nichtsnutziger sind als die Schreiber. Und würden sie doch nur die Schreiber fördern: So aber sind die Fürsten, ohne mit Bedacht auszuwählen, freigebig.

CASTUS. Schon lange schweift meine Aufmerksamkeit von deinem Gespräch ab, und ich denke an Morio38. Doch wiederhole du drei Worte, auf die ich inzwischen nicht geachtet habe.

MISAULUS. Erst dann, wenn du über ihn gesprochen hast.

CASTUS. Nun, er hatte gehört, daß sein Fürst über Goldmangel klage, und sagte plötzlich: „Warum willst du nicht Schreiber sein, um Gold zu besitzen“? Denn er hatte jene reicher als alle anderen gesehen.

MISAULUS. So ist es, denn jene stehen ganz oben und machen den größten Gewinn39 an den Höfen der Fürsten, teils wenn sie, was ihr Amt ist, Brief und Siegel verkaufen, teils wenn sie, was sie allein geschickt anstellen, täglich etwas aus dem Fürsten heraussaugen.

Doch indes, was klagen wir über die Schreiber, die, wie immer sie auch sind, tatsächlich ir-gendwie von Nutzen sind. Dagegen gibt es viele andere, die überhaupt zu nichts nützlich sind und, wie jener sagt, auf der Welt sind, nur um die Früchte aufzubrauchen40. Und deshalb habe ich gesagt: “Die Fürsten sind, ohne selbst mit Bedacht auszuwählen, freigebig.“

 

 

 

 

 

 

 

 

 

37     Die Verbindung der beiden Verben aÃgein kai\ fe/rein im Sinne von „rauben und plündern“ kommt in der griechischen Geschichtsschreibung häufig vor, z.B. auch in Plutarchs Lucullus, c. 31, § 9 a)/gontej kai\ fe/rontej a)pei=pon oi( (Rwmai=oi (Plündernd und raubend wurden sie müde). Vgl. Plutarchi Vitae Parallelae, ed. Claes Lindskog und Konrat Ziegler, iterum recensuit Konrat Ziegler, Volumen I, Leipzig, 1957, S. 404.

38     Damit soll wohl ein Hofnarr gemeint sein, im Lateinischen heißt morio Hofnarr.

39     Hutten will sagen, daß die Schreiber „Brief und Siegel“ ohne Gebühr erteilen müssen, wenn sie ihr Amt ehr-lich ausüben.

40     Vgl. Qu. Horati Flacci opera (Anm. 4), Epistularum liber I, 2, Vers 27: nos numerus sumus et fruges consumere nati (Wir sind nur eine Nummer und dazu geboren, die Früchte der Erde aufzubrauchen).


CASTUS. Dii perdant assentatores omnes, quo ne bonos hi nobis diu-

tius principes perdant. Sed tu iam de ventis narra, nisi quid restat de

adulatoribus.

MISAULUS. Huius generis sunt fratres, olim et rectius φrάτοrες dicti,

qui principum mentes tenent ex auditu confessionis. Circa quod studium

adeo superstitiosi sunt illi, ut credant perpetuo clausos sibi cælos, nisi ex

Dominici41 aut Francisci42 phratria bene saginatus aliquis ac nitidus, et obesus

aperiat. Neque enim satis est sacerdote hic uti, ex ordine sit oportet. Quasi

nemo post mortem revixerit, antequam hi essent nescio quomodo ordinati

ordines43. Audiunt illi tamen interim secretissima quæque et non produnt,

nisi raro forte, dum inter alios palpones in multam noctem pergræcantur.

Sed ut nunquam prodant, tamen sciunt quid principi, quatenus suadere

conveniat, et quos non egredi oporteat limites eum qui obtinere quid velit.

Atque igitur cautissime adulantur hi, ac mire semper abuntuntur magnatum

vanitate. Quorum aliquis persuadetur neminem ascendere illam beatorum

mansionem, qui non prius in scapulis Francisci consederit, aut quem sub-

latum in brachia Dominicus sursum proiecerit, aut qui valde liberaliter fra-

trum vectigalia auxerit, monasteria locupletaverit, vel novum aliquem huic

colluvioni nidum construxerit. Quo fit, ut indies magis ac magis crescat

illorum res, nemine reclamante, dum hostiatim colligunt. Quasi vero sit res

parva stipem emendicare, aut non in multa aureorum milia hi redeant sti-

pes. Scilicet peritissimum est hoc assentatorum genus, ac identidem perni-

ciosissimum. Nam per speciem religionis mali sunt tales. Sed iam ad ven-

tos vocor. Hi sunt in aula, Caste, favor, invidia, cupiditas, ambitio, luxusk,

consuetudo, egestas et huiusmodi.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

k       Venti in margine sinistra.


CASTUS. Die Götter mögen alle Schmeichler verderben, damit sie uns nicht länger die Für-sten zu Grunde richten. Aber du berichte nun über die Winde, außer es gibt noch etwas über die Schmeichler zu sagen.

MISAULUS. Von der Art sind die geistlichen Mönche, einst und richtiger Mitglieder einer Bruderschaft geheißen, die das Gewissen der Fürsten durch das Hören der Beichte beherr-schen. Was die Beichte angeht, sind die Fürsten so abergläubisch zu glauben, der Himmel sei ihnen für immer verschlossen, wenn ihn nicht ein gut genährter, glänzender und feister Bruder aus der Bruderschaft des Dominikus41 oder des Franziskus42 öffnet. Und es reicht auch nicht, sich einem Weltpriester [als Beichtvater] anzuvertrauen, er muß aus einem Orden sein, als wäre niemand nach dem Tode zum Leben erstanden, bevor ihm nicht, unbegreiflich genug, die Mönchsweihe43 erteilt worden wäre. Freilich hören jene mitunter gerade die größten Geheimnisse und verraten sie nicht, es sei denn vielleicht dann, wenn sie mit anderen Schmeichlern bis tief in die Nacht schlemmen und trinken. Aber angenommen, sie verraten sie niemals, wissen sie soweit dennoch, was man dem Fürsten raten muß und welche Grenzen der nicht überschreiten darf, der etwas erreichen will. Und so schmeicheln diese sehr behut-sam und nützen immer auf seltsame Weise die verkehrten Vorstellungen der Vornehmen aus. Einer von ihnen wird überzeugt, daß niemand zu jener Wohnung der Seligen emporsteigt, der sich nicht vorher auf die Schultern des Franziskus gesetzt hat oder den nicht Dominikus in seinen Armen in den Himmel emporgetragen hat oder der nicht reichlich die Einkünfte der Brüder vermehrt, die Klöster reich gemacht oder ein neues Gebäude für diesen Unrat errichtet hat. So kommt es, daß deren Vermögen Tag für Tag wächst, ohne daß jemand Klage erhebt, solange sie von Tür zu Tür sammeln, als wäre es nur eine geringfügige Sache, eine Spende zu erbitten, und als würden sich nicht vielmehr diese Spenden zu Tausenden von Gulden anhäu-fen: Natürlich sind derartige Schmeichler sehr erfahren und ebenso auch sehr gefährlich. Solche sind nämlich unter dem Deckmantel der Religion moralisch verkommen. Aber ich werde schon wieder auf die Winde verwiesen: Das sind am Hofe, Castus, Gunst, Mißgunst, Habsucht, Ehrgeiz, Ausschweifung, Liebschaften, Armut und andere Laster dieser Art.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

41     Dominikus von Guzmán (1170-1221), Spanier, Gründer des Dominikanerordens.

42     Franz von Assisi (1181-1226), eigentlich Giovanni Bernardone, Gründer des Franziskanerordens.

43     Zur Mönchsweihe angesichts des Todes (in articulo mortis) vgl. Brückner, Wolfgang: Sterben im Mönchsgewand. Zum Funktionswandel einer Totenkleidsitte, in: Kontakte und Grenzen. Probleme der Volks-, Kultur- und Sozialforschung. Festschrift für Gerhard Heilfurth zum 60. Geburtstag, hg. von Friedrich Foltin u.a., Göttingen 1969, S. 259-277.


CASTUS. Rem capere videor. Sed audiendum est, quomodo hæc a suo

statu mentem dimoveant.

MISAULUS. Favor l, Caste, ut iniusta suadeas, cum hoc demulctus, rectum

dignoscere haud facile potes, et idcirco iniquam sæpe amici causam iuvas,

aut quae amas, utcumque cadat hoc, principi probas. Contra invidiam, ut bo-

nis sæpe obsis, æquitatem impedias, quæ infesta habes, persequaris. Quæ

duo, cum qui in aula versantur adsint omnibus, incorruptam non sinunt

genuinam bonitatem. Atque ita fit, ut multa indigna contingant. Nam et

eliguntur frivoli multi, ac excluduntur frugi homines, et iniuria fit bonis

moribus. Iam de cupiditaten non dubitas, in quos errores præcipitet, ut-

que nihil sæpe facere, nihil dicere aliquis vereatur, dum quod cupit, paret.

Hinc illa sunt in aulis periuria, illæ perfidiæ, illa falsa testimonia, tanto

crebriora, quanto quis eget magis. An non cupiditas est quæ facit, ut

munera accipiant aliqui? ut favorem principis, et fumum vendant? ut com-

pilent? ut depeculentur? ut rapiant? ut furentur? Porro ambitio quid non

perferre cogit? omnia digna ac indigna obire faciens, et dissensionem ex-

citans inter eos sæpe, qui sibi chari invicem fuerant, et adulationem ac

assentationemo gignens, duas ut audisti maximas aulæ pestes.

CASTUS. Non ferendum vitium narras.

MISAULUS. At frequentius ibi nullum est. Adeoque late regnat in aulis

principum ambitio, ut huic uni accepta referantur omnia. Nullus violentior

Boreas44 navim impellit, quam illa hominis mentem concutit ibi. Qua imbuti

qui sunt, omnes autem sunt, quod hæc ab aula nunquam absit, non du-

bitant, adire pericula, discriminibus sese obiicere, per tela ac per hostes

ferri,

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

l        Favor in margine dextra.

m      Invidia in margine dextra.

n       Cupiditas in margine dextra.

o       Dissensio/Adulatio in margine dextra.


CASTUS. Ich glaube, ich begreife die Sache, aber laß hören, wie diese Winde die Seele von ihrer Haltung abbringen können.

MISAULUS. Die Gunst, Castus, führt dazu, daß du, wenn du von ihr umschmeichelt bist, zu ungerechten Entscheidungen rätst. In diesem Zustand kannst du das Rechte und Gute nur schwer erkennen und unterstützt deshalb oft die ungerechte Sache eines Freundes oder empfiehlst dem Fürsten das, was du liebst, wie immer es auch ausfallen mag. Dagegen führt die Mißgunst dazu, daß man sich den Guten oft entgegenstellt, die Billigkeit behindert und verfolgt, was man als feindlich ansieht: Diese beiden Laster dürften bei allen vorhanden sein, die am Hofe weilen. Daher lassen sie den angeborenen guten Charakter nicht zu. Und so ge-schieht es, daß viel Würdeloses passiert: Denn es werden nämlich viele unfähige Menschen ausgewählt und Tüchtige ausgeschlossen, und es geschieht guten Charakteren Unrecht. Du hast nun keine Zweifel mehr darüber, in welche Irrtümer die Habsucht stürzt, auch nicht darüber, daß einer sich keinesfalls scheut, oft etwas zu tun, etwas zu sagen, bis er sein Ziel erreicht hat. Deshalb kommen an den Höfen umso häufiger Meineide, jene berüchtigten Treulosigkeiten und falschen Zeugnisse vor, je mehr einer Mangel leidet. Ist es denn nicht die Habsucht, die dazu führt, daß manche Geschenke annehmen, um die Gunst des Fürsten und leere Versprechungen zu verkaufen, daß sie ausbeuten, plündern, rauben und stehlen? Was zwingt schließlich nicht der Ehrgeiz zu ertragen! Er führt dazu, alles Würdige und Unwürdige auf sich zu nehmen, er ruft oft unter denen Streit hervor, die sich gegenseitig teuer waren, bringt Schmeichelei und Liebedienerei hervor, die zwei schlimmsten Formen der Pest an den Höfen.

CASTUS. Du erzählst von einem unerträglichen Laster.

MISAULUS. Aber kein anderes Laster ist dort häufiger anzutreffen. So sehr herrscht an den Fürstenhöfen der Ehrgeiz, daß diesem allein alle empfangenen Gunsterweise zugeschrieben werden. Kein Nordwind ist stürmischer44, der das Schiff hin und her wirft, als jener, der den Sinn des Menschen am Hofe zerrüttet. Die von ihm befallen sind – alle aber sind es, weil dieser immer am Hofe herrscht – zögern nicht, sich Gefahren zu unterziehen. Sie zögern nicht, sich kritischen Situationen auszusetzen, durch das Feuer der Geschosse und durch die Feinde zu stürmen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

44     Boreas ist das griech. Wort für stürmischen Nordwind, vor dem sich Odysseus und seine Gefährten ans Ufer flüchten müssen. Vgl. Homeri Opera (wie Anm. 1) Tomus III, liber 9, Verse 52-81, hier in Vers 67: aÃnemon bore/hn. Auch Ovid (wie Anm. 7) spricht in den Metamorphosen I 65 vom schaurigen Nordwind, der Scythien und die sieben Stiere angefallen hat (Scythiam septemque Triones / horrifer invasit Boreas). Siehe auch Giovanni Boccaccio (wie Anm. 7) Tomo primo, Liber quartus, LVII. De Aquilone seu Borea vento, S. 480f., wo er u.a. Ovids Metam. VI, 690ff. anführt, um die Gewalt des Nordwindes aufzuzeigen. So läßt Ovid in Vers 690f. den Nordwind sprechen apta mihi vis est; vi tristia nubila pello, / vi freta concutio (Gewalt gehört zu mir, mit Gewalt vertreibe ich die Wolken, mit Gewalt wühl ich das Meer auf) und in Vers 688 werden als seine Waffen saevitia, vires, ira und animique minaces (Wüten, Gewalt, Zorn und drohendes Schnauben) aufgezählt.


amicum lædere, necessitudines perrumpere, fidem fraudare, in deos

atque homines delinquere, dum huic civitati præficiantur, hoc officium,

hunc magistratum occupent, aliquando etiam, ut sine fructu inanem titulum

ferant. Ita falsæ gloriæ studium aulicorum omnium animis tenaciter in-

hæret. Agunturque hoc flatu sursum ac deorsum, et in miros abiiciuntur

errores, nonnunquam naufragium faciunt, ac omnia perdunt, per largitio-

nem ingenti consumpta pecunia. Habet enim vitium hoc comites, largitio-

nem et reliquas corruptiones, quibus, impellente ipso, tota flagrat aula, ac

omnia passim aduruntur. Quid luxus?p Quam morum depravationem adfert?

quod contagium trahit? vitium tanto aliis odiosius, quanto plura perdit ac

dissipat. Hoc errore contemnuntur pecuniæ45, non quo a sapientibus illis

pacto, sed per stoliditatem ac dementiam, contra vanissima omnia adaman-

tur. Atque inde preciosa vestis, inde purpura, inde aurum et argentum,

inde gemmæ ac margaritæ, et reliquæ id genus nugæ aulam invaserunt.

Quæ omnia licet maximi emantur, magnanimitatis est ibi tamen, ea abiicere

et pro neglectis habere, ac tanto quis animosior censetur, quanto hæc vi-

lioris facit. Videas ad contentionem usque insumi pecunias, quo nequid

splendidius alteri adsit. Nec ad usum fit emptio, sed ad inanem ostenta-

tionem. Quo loco, haud refert dicere, unde suppetant hæc, aut hanc vora-

ginem quid impleat. Certe impletam oportet, sive dispolientur pauperes, aut

ipsi etiam principes egeant, sive uniuscuiusque patrimonium huc erogetur.

Ac plura multo profunduntur ibi inaniter, quam in usum vertuntur ne-

cessarium.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

p       Luxus in margine sinistra.


Sie haben auch keine Bedenken, den Freund zu verletzen, enge Beziehungen zu zerstören, das gegebene Wort zu brechen und gegen Götter und Menschen zu fehlen. Sie hören damit nicht eher auf, bis sie an die Spitze dieser Stadt hier gestellt werden, jenes Amt da und jene obrig-keitliche Würde dort erhalten. Manchmal tun sie das auch, um einen leeren Titel ohne Gewinn zu tragen. So sitzt das Streben nach trügerischem Ruhm zäh in den Herzen aller Höflinge fest, sie werden von diesem Wehen des Windes nach oben und nach unten getrieben und in merkwürdige Irrtümer geworfen. Bisweilen erleiden sie Schiffbruch und verlieren alles, da sie, um zu bestechen, ungeheuer viel Geld aufgewendet haben. Denn das uns beschäftigende Laster hat als Begleiterinnen die Bestechung und die übrigen Formen der Verderbtheit. Deswegen lodert der ganze Hof, weil diese Laster das Feuer anfachen, und allmählich geht alles in Flammen auf. Wohin aber führt die Verschwendungssucht? Welche Sittenverderbnis hat sie zur Folge, welche Ansteckung zieht sie nach sich, ein Laster, das umso hassenswerter ist, je mehr es vernichtet und zerstört? In dieser Verblendung wird das Geld verachtet, nicht wie von jenen Weisen45, sondern infolge von Torheit und Dummheit, dagegen findet man Gefallen an allen Nichtigkeiten. Und daher sind wertvolle Kleidung, Purpur, Gold und Silber, Edelsteine und Perlen und die übrigen derartigen unnützen Dinge über den Hof hereingebrochen. Mag sein, daß all diese Dinge sehr teuer gekauft werden. Am Hofe ist es aber dennoch Zeichen von Großmut, diese wegzuwerfen und für wertlos zu halten. Und einer wird als umso mutiger gelten, für je wertloser er diese Dinge hält. Man kann beobachten, daß ununterbrochen Geld für den Wettstreit aufgewendet wird, damit ein anderer ja nichts Prächtigeres hat. Man kauft auch nicht, weil man etwas benötigt, sondern für eitles Zurschaustellen. An diesem Ort ist es auch nicht von Bedeutung zu sagen, weshalb diese Dinge im Überfluß vorhanden sind oder was diesen Schlund füllt: Sicher aber muß er gefüllt sein, sei es daß die Armen ausgeplündert werden oder auch die Fürsten selbst arm sind, sei es daß das väterliche Erbe jedes einzelnen ausgegeben wird. Und viel mehr wird am Hofe für eitle Nichtigkeiten verschleudert, als zum Nutzen aufgewendet wird.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

45     Vgl. Ioannis Stobaei Anthologium (wie Anm. 36) Volumen quintum Anthologii libri quarti partem alteram continens, ed. Otto Hense, Berlin 1912. Ioannis Stobaei Anthologii libri duo posteriores, ed. Otto Hense, Volumen III, c. XXXI, pars tertia, S. 754–777, Yo/gos plou/tou (Schmährede auf den Reichtum). In diesem Kapitel hat Stobaeus viele Gedanken und Aussprüche negativen Inhalts von Philosophen und Dichtern zum Reichtum gesammelt, unter anderem auch über das Unheil, das von ihm ausgeht. Vgl. Nr .63, S. 756: ¸W polla plou=tos dustuxe/statoj kurw=n (Reichtum, der du häufig die Ursache des größten Unheils bist). Siehe dazu auch Thesaurus Proverbiorum Medii Aevi (wie Anm. 1) Bd. 9, 1999, S. 241, 3. Reichtum ist ein Übel. Unter dieser Ziffer werden auf den folgenden Seiten viele Redewendungen aufgeführt, die vom Unheil des Reichtums sprechen.


CASTUS. Fieri video quæ dicis. Nam optime vestientem hic lanam, quid

aliud contemnere docuit, ut peregre sericum emeremus ac purpuram?

aut non potuimus ornari, populus bellicosus et omnis olim mollitiei expers

et contemptor, sine gemmis, sine auro? et nos sagi piget, nos loricæ?

MISAULUS. Tum cinnama, crocum, piper et reliqua exotica id malum

invexit.

CASTUS. Simul credo mores emollivit, ac illud vere Germanum robur

enervatum reddidit?

MISAULUS. Sic est. Quanto decentius enim primi illi Germani ferarum

pellibus amicire corpora solebant, cum multa interim strenue facerent,

quam nos sic compti, sic ornati nulla bella gerimus? nullis principibus,

nullis regibus iugum imponimus? nullam laudem parimus? nullam ad poste-

ros gloriam transmittimus? nisi quod alacriter plenis concursantes poculis,

utrinque vires comminuimus, corpora delassamus, ingenia perdimus.

CASTUS. Quæ audio. Sed perge.

MISAULUS. Præter hæc in miros sæpe scopulos impellit consuetudo.q

Quippe multorum convictus in aula cum sit, in proclivi est morum exem-

plum, quod omnes trahunt, sed ita trahunt, ut adhuc viderim qui cum

bonis consueverant, meliores paucos, admodum multos per malorum con-

victum deteriores factos. Hoc inducente flatu, adolescentuli in aulam de-

lati primum, pereunt, omnis innocentia pessum it, candor infuscatur,

bona indoles corrumpitur. Cum enim nostrapte alioqui natura in vetitum

nitamur, ac negata cupiamus46, quam facile in aula invenire est, quo labem

contrahamus, alii in gulones et potores incidentes, alii in aleatores, qui-

dam in scortatores, plurimi passim in assentatores ac simeas aulicas47 impingentes.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

q       Consuetudo in margine dextra.


CASTUS. Ich sehe, daß das geschieht, was du sagst. Was hat denn sonst die bestens kleidende Wolle zu verachten gelehrt wenn nicht der Kauf von Seide und Purpur im Ausland? Oder konnten wir uns nicht ohne Edelsteine und ohne Gold schmücken, wir ein kriegerisches Volk, das einst Verweichlichung nicht kannte und sie verachtete? Und uns verdrießen der Soldatenmantel und der Panzer?

MISAULUS. Ferner hat das oben genannte Übel Zimt, Safran, Pfeffer und die übrigen exoti-schen Gewürze mit sich gebracht.

CASTUS. Zugleich hat es, wie ich glaube, die Sitten verweichlicht und jene gerühmte Kraft der Germanen geschwächt.

MISAULUS. So ist es. Denn jene ersten Germanen hüllten ihre Körper für gewöhnlich pas-send in Tierfelle, wobei sie viele kriegerische Unternehmungen entschlossen ausführten. Wir aber, die wir doch so herausgeputzt und geschmückt sind, führen keine Kriege. Wir legen kei-nen Fürsten, keinen Königen das Joch auf, vollbringen keine ruhmvollen Taten, hinterlassen den Nachkommen keinen Ruhm, außer daß wir fröhlich mit gefüllten Bechern Besuche ma-chen, die Kräfte auf beiden Seiten schwächen, den Körper ermatten und den Geist zerstören.

CASTUS. Was muß ich hören! Aber fahre fort.

MISAULUS. Außerdem treibt uns diese Lebensweise oft zu seltsamen Klippen: Denn da ja viele am Hofe zusammenleben, ist das Beispiel der Sitten gefährlich, da es alle anzieht. Frei-lich zieht es alle so an, daß ich immer wieder beobachte, daß von denen, die mit den Guten Umgang pflegten, nur wenige besser, sehr viele aber infolge des Umgangs mit den Schlechten schlimmer geworden sind. Da diese Atmosphäre verführt, gehen zuerst die jungen Leute, wenn sie an den Hof gebracht werden, zugrunde. Jegliche Unschuld geht verloren, ihr Glanz verdunkelt sich, die guten Anlagen verderben. Da wir nämlich von Natur aus zum Verbotenen hinneigen und das Verbotene wünschen46, wie leicht ist es da am Hofe zu finden, wodurch wir uns Schmach zuziehen. Die einen geraten in den Kreis von Schlemmern und Säufern, andere unter die Spieler, wieder andere unter die Zuhälter, die meisten stoßen allmählich auf Schmeichler und höfische Affen47.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

46     Hutten hat hier eine Formulierung aus Ovids Amores (wie Anm. 11) übernommen. Der entsprechende Vers in den Amores, liber III IV, 17 lautet: Nitimur in vetitum semper cupimusque negata (Wir streben immer nach dem Verbotenen und begehren das, was versagt ist).

47     Desiderii Erasmi Roterodami opera omnia (wie Anm. 1) Sp. 264, Chil. I, Centur. VII, Prov. X weist darauf hin, daß manche Fürsten sich Affen zum Vergnügen halten und diese wie Menschen kleiden. Nichts aber sei lächerlicher als ein in Purpur gekleideter Affe. Möglicherweise ist das der Hintergrund für Huttens Bemerkung von den „höfischen Affen“. Denn in Prov. XI ebenda, Spalte 265, gibt Erasmus folgenden Ausspruch Lukians wieder: pi¿qhkos o¸ pi¿qhkos, kan xru¿sea eÓxh su¿mbola (Ein Affe ist ein Affe, auch wenn er goldene Abzeichen hat), mit dem er daran erinnert, daß goldene Insignien der Stellung nicht den Charakter ändern. Auch Thesaurus (wie Anm. 1) Bd. I, S. 45, 1. 8. und 1. 8. 30. nimmt auf Lukian Bezug und führt zudem ein abgewan-deltes Sprichwort des Mittellateinischen an, nämlich Tiriis inserto vestibus auro Simia veletur, non desinit esse (Ein Affe mag sich in goldgewirkte Purpurkleider hüllen, er hört nicht auf, ein Affe zu sein).

 
Quorum in medio quæ tuta probitas? quæ satis tibi munita integritas videtur?

CASTUS. Mihi quidem videtur, ipsa Pallas48 hac assuetudine contractura

malum, tali contagio, tam pestifero inficiente. Ac misere decipiuntur qui

pueros in aulam erudiendos mittunt, cum inde vi ac violentia extrahendi

potius essent.

MISAULUS. Ut narras. Verum egestasr, quam dixi, suas et ipsa sibi par-

tes vendicat, necessarium malum, et quod optime institutam indolem per-

vertit, nec sibi constare sinit, quod omnia venalia habet, et nihil non pe-

cuniæ studio facit ac patitur. Hæc proditores gignit, ac rebus semper novis

studet. Vides enim, ut opus sit egentibus illis, quod prodigant, quandoqui-

dem et ipsis commune est cum aliis luxum colere? Itaque undeunde pos-

sunt, corradunt, per phas ac nefas quærentes. Certe enim, ut ille ait,

viro esurienti necesse est furari49.

CASTUS. Quid tu? Illos pauperes deteriores putas his, qui ex crumena,

ut fertur, generosi sunt?50

MISAULUS. Nihil minus. Sed sua sunt et illis vitia, quæ nihil ad hunc

locum. Egentess vero omnibus semper vitiis obnoxii sunt. Nam cito munera

accipiunt, cito spe lucri fidem frangunt et adduci facile possunt, ut com-

missa sibi secreta effutiant, et ea quæ in consiliis agitata sunt, prodant, ut

iniquam principi causam commendent. His intercessoribus, si quis eos pe-

cunia præceperit, omnia citra negotium a principibus impetrabit. Atque

hos præsertim observant ii, qui illorum favorem venantur, non impruden-

tius, quam qui oppidum expugnaturi, ea parte, qua munitum minus est, ag-

grediuntur. Sed iam de his satis dictum, quæ aulam turbant. Quæ recte

ventis comparavimus.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

r        Egestas in margine sinistra.

s       Egestosi in margine sinistra.


Wie kann dir in deren Mitte Rechtschaffenheit sicher, wie kann Charakterstärke dir da ausreichend gefestigt erscheinen?

CASTUS. Mir scheint jedenfalls, selbst Pallas48 würde dem Laster erliegen und sich durch eine derartige pestartige Berührung anstecken. Und zu ihrem eigenen Unglück werden die hintergangen, die ihre Söhne an den Hof zur Erziehung schicken, obschon sie vom Hofe gewaltsam ferngehalten werden müßten.

MISAULUS. Wie du sagst. Aber auch die drückende Armut, von der ich sprach, beansprucht selbst für sich ihre Rolle daran, ein unvermeidliches Übel, das auch die besten Anlagen verdirbt und auch nicht zuläßt, sich treu zu bleiben, weil es alles zum Verkauf anbietet und alles aus Geldgier macht und erduldet. Die Armut bringt Verräter hervor und strebt immer nach Neuem. Du siehst nämlich, daß die Armen jene Reichtümer benötigen, um sie verschwenden zu können, weil es nun einmal ihre gemeinsame Eigenart ist, mit anderen der Ausschweifung zu frönen. Daher raffen sie, wo auch immer sie können, zusammen, wobei sie rechtmäßig und unrechtmäßig zu Reichtum zu kommen versuchen. Denn ganz bestimmt hat ein hungernder Mann es nötig zu stehlen, wie jener bekannte Schriftsteller sagt49.

CASTUS. Was meinst du? Hältst du jene Armen für geringer als die, die auf Grund ihres Geldes in ihrem Beutel adelig sind, wie man sagt?50

MISAULUS. Nichts weniger, aber auch jene haben ihre eigenen Laster, die nicht hierher gehören. Die Armen sind immer allen Lastern ausgesetzt, denn schnell erhalten sie Geschenke, schnell brechen sie, auf Gewinn hoffend, das gegebene Wort und lassen sich leicht verleiten, ihnen anvertraute Geheimnisse auszuplaudern und das, was in Versamm-lungen behandelt worden ist, zu verraten, um dem Fürsten eine ungerechte Sache zu empfehlen. So wird einer, der sie mit Geld gewonnen hat, alles von den Fürsten unter ihrer Vermittlung ohne Gegenleistung erhalten. Und deshalb achten auf sie vor allem diejenigen, die der Gunst der Fürsten nachjagen. Sie tun es nicht ungeschickter als diejenigen, die eine Stadt erobern wollen und auf der Seite angreifen, wo sie weniger befestigt ist. Indes ist genug darüber gesagt, was den Hof in Verwirrung stürzt. Wir haben es zurecht mit den Winden verglichen:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

48     Pallas (gr. Mädchen), Beiname der jungfräulichen Göttin Athene der griechischen Sage, Tochter des Zeus und der Latona. Sie wurde auch als Göttin der Klugheit und des Verstandes verehrt. Wie es bei Boccaccio heißt, wollten die Alten, daß sie sich durch lebenslängliche Jungfräulichkeit auszeichnete. Vgl. dazu Giovanni Boccaccio (wie Anm. 7) Tomo primo, Lib. IV., II. De Diana prima Iovis secundi filia, S. 520ff., und Herbert Hunger (wie Anm. 27) S. 73f.

49     Vgl. Corpus Paroemiographorum Graecorumi (wie Anm. 8) Tomus II, Macarios Cent. II, Nr. 14, S. 145, wo es heißt )A)ndri peinwnti kle/ptein e)/st¡ a)nagkai/wj e)/xon (Für den Armen ist stehlen notwendig).

50     Ebd. Tomus I, Diogenian, Centuria IV, Nr. 6, S. 233: Gennaiªoj eiÅ e)k balanti/ou: e)pi\ tw=n dia\ plou=ton eu)genw=n eiÅnai dokou/ntwn (Du bist adelig wegen deines Geldbeutels). Die Redewendung kriti-siert, daß Reiche wegen ihres Reichtums adelig geworden sind. Vgl. auch Thesaurus Proverbiorum medii aevi (wie Anm. 1) Bd. 1, 1995, S. 31, 3.1.3., 57. Mlat. Nobilis est locuples, ignobilis omnis egenus (Adlig ist der Reiche, nicht adelig ist jeder Arme); 58: Nobilitant gaze privatos nobilitate (Schätze machen gewöhnliche Menschen adelig).


Nam ut hi quieto mari fluctus concitant, ita illi quos

memoravi flatus, miras aulæ tempestates invehunt, ut iam nosse videaris,

unde hæ sint in aula inquietudines, hi tumultus. Verum quo tandem, diu

multumque iactatam navim nostram impellant, accipe.

CASTUS. Audire gestio.

MISAULUS. Aliquando in perniciem statim, ut si quis cupiditate excæ-

catus, aut egestate coactus, rem committat supplicio expiandam, aut si huc

eum consuetudo quam cum malis habuit, abstrahat. Aliquando ad infamiam,

his eisdem spiritibus, aut per ambitionem et luxum.

CASTUS. Quo illi puto recidunt, qui aut in furto deprehensi sunt, aut

quos innotuit mercede fidem prostituisse. Aut vero qui ambitionis studio

principi fucum fecerunt, aut qui per vinum vel amorem turpia admiserunt.

MISAULUS. Qualis ille hic nuper decoctor fisci præfectus, a quo prin-

ceps rationem audire cum vellet, intellexit uno anno subducta aliquot au-

reorum milia.

CASTUS. Et qui pacta cum Venetis pecunia, nihil utile Cæsari51 suasit.

MISAULUS. Et eiusdem consilia Gallis qui prodidit, mercede admodum grandi.

CASTUS. Et illud apud hunc scribarum vulgus, quod nihil non facit,

si lucrum adsit.

MISAULUS. Et favores principum qui venditant, honores et ipsi et ma-

gistratus emunt.

CASTUS. Et qui vino dediti, multa sæpe tacenda per ebrietatem effundunt.

MISAULUS. Qualis etiam fuit qui paucos ante annos in hac aula ver-

satus, cum honestum locum haberet, sed per luxum prodigeret omnia ac

ære allieno obrueretur, meretriculam, cuius amore tenebatur, equestri or-

dine natus iuvenis, uxorem duxit, deinde non suppetente, quod necessarius

usus requirebat, latrocinando cepit victum quærere, ac tandem cum aliis

latronibus comprehensus, carnifici secandam cervicem præbuit.

CASTUS. Ut capio, hæ sunt in isto mari Syrtes, hæ Scyllæ, hæ

Charibdes, quo navigantes, hoc modo deiecti, pereunt.

 

 


Denn wie diese, wenn das Meer ruhig ist, die Fluten auftürmen, so bringen jene erwähnten Strömungen seltsame Stürme über den Hof. So dürftest du schon genau wissen, woher die Störungen und woher die Aufregungen am Hofe kommen. Doch höre, wohin sie endlich unser lange und heftig hin und hergeworfenes Schiff treiben.

CASTUS. Ich freue mich es zu hören.

MISAULUS. Irgendwann sofort ins Verderben, wie wenn jemand blind vor Geldgier oder von Armut gezwungen, eine Tat ausübt, die mit dem Tode zu sühnen ist, oder wenn ihn der Umgang, den er mit Übeltätern hatte, irgendwann zur Ruchlosigkeit durch diese selben Gesinnungen oder durch Ehrgeiz und Ausschweifung verleitet.

CASTUS. Auch ins Verderben, glaube ich, geraten jene, die entweder beim Diebstahl ergrif-fen worden sind oder von denen bekannt ist, daß sie gegen Lohn die Treue verraten haben. Oder sie haben sich aus Ruhmsucht vor dem Fürsten verstellt, oder jemand hat im Rausch oder aus Liebe Schändlichkeiten begangen.

MISAULUS. Wie hier jener bankrotte Schatzmeister, von dem der Fürst, als er Rechenschaft hören wollte, erkannte, daß er in einem Jahr einige tausend Gulden unterschlagen hatte.

CASTUS. Und wie der, der gegen eine mit den Venetern vereinbarte Geldsumme dem Kaiser einen Rat gegeben hat, der ihm zum Schaden gereichte51.

MISAULUS. Und wie der, der gegen eine hohe Belohnung den Franzosen dessen Pläne verraten hat.

CASTUS. Und wie bei diesem jenes gemeine Volk der Schreiber, das alles macht, wenn es nur Gewinn verspricht.

MISAULUS. Und wie die, die die Gunst der Fürsten verkaufen, Ehrenstellen und Ämter auch selbst kaufen.

CASTUS. Wie die, die dem Wein ergeben, vieles, was verschwiegen werden muß, oft in der Trunkenheit ausplaudern.

MISAULUS. Wie es auch einen gegeben hat, der vor einigen Jahren an diesem Hofe weilte und, obwohl er eine ehrenvolle Stellung hatte, in seiner Verschwendung alles vergeudete und von Schulden erdrückt wurde. Als junger Mann heiratete er, obwohl aus dem Ritterstande stammend, eine Dirne, die ihn durch ihre Liebe fesselte. Als dann nicht zu Gebote stand, was der nötige Aufwand erforderte, begann er durch Raubzüge den Lebensunterhalt zu suchen. Schließlich wurde er mit anderen Räubern festgenommen und mußte seinen Nacken dem Scharfrichter hinhalten.

CASTUS. Wie ich begreife, sind das auf diesem Meer die Syrten, das die Scylla, das die Charybdis, wo die Seeleute zugrundegehen, wenn sie auf sie geschleudert werden.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

51     Mit dem Kaiser ist Kaiser Maximilian I (1493-1519) gemeint.


MISAULUS. Et Lestrygones52, Caste, ac Cyclopes, qui statim devorant.

Ad quos ille, ut scis, deferebatur nuper qui cum pacta mercede, principis

vitæ insidiaretur, consilio præventus, extremo supplicio affectus est, et nunc

a quatuor stipitibus dependet. Et quem proxime laqueo suspendi vidimus,

quod ærarium compilasset.

CASTUS. Et quem ego vidi Romæ, quod liberius monuisset pontificem,

capite plecti.

MISAULUS. Non ille, Caste, sed forte ad scopulum offenderat. Sunt

enim scopuli etiam hoc in mari, caute transeundi, ne frangas navim, et

omnem semel substantiam perdas.

CASTUS. Et hi qui sunt?

MISAULUS. Unus omnium maxime vitandus, furor principis. Nam qui

huc impegerit, actum de eo puta. Atque audi, Caste, quo potissimum

periculo versemur apud pricipes. Sive te tuus ille conductor, benignius

respicit, anxius es nequid offendas, et favorem ut retineas. Sive abs te

oculos, aures, ac manus longe habet, bene mereri studes. Idque vigilando,

laborando, dum sursum ac deorsum volitas, dum frigus ac æstum fers,

dum digna ac indigna pateris, dum omnia conaris, ac sæpe contra flumen

natas53. Ita semper lassandus venis. Semper ac singulos in dies deterior fit

servitus, cum tamen interim nescis, an hæc ille sentiat aut agnoscat. Qui

si sciat etiam, quantum merearis, non facile tamen concedit, quæ ad tran-

quillitatem tibi sunt. Quippe ex cuius re est, hiantem te detinere, ac sus-

pensum, sperantem semper fore, ut emergas, ut aliquid se melius det, ut

sit laboris merces, sudoris præmium.

Quo in statu sæpe interim contingit, ut tibi irascatur o( deino\j

e)kei/noj [sic!],ob levem aliquam adversum te causam motus,

quam ille tanti facit, ut magna deprecatione opus esse velit,

quo tecum in gratiam redeat, cum sæpe ob rem nihili, ob flocos, ob pilum,

ob vitiosam nucem, ob fumi umbram excandescant principes, ac inflam-

mentur et rabiem contrahant, furiantque, ac coelum terræ misceant, brevi-

ter, in nugis Tragoedias agant. Tanti est diu servire, ac se affligere et

conterere. Quapropter quosdam vidi, postquam multis annis summa dili-

gentia, maximis laboribus serviissent, semel vel ficta causa commoto prin-

cipe, pecunia pariter ac libertate multatos, nonnullos vita etiam spoliatos.

Leviores scopuli sunt Principum suspitiones, quarum illi capaces maxime

sunt, sed in quas non sine periculo incidimus.


MISAULUS. Und es sind auch die Laestrygonen52, mein Castus, und die Kyklopen, die sofort jeden verschlingen. Zu ihnen wurde, wie du weißt, neulich einer abgetrieben. Er stellte für eine verabredete Belohnung dem Fürsten nach und wurde hingerichtet, da man seinem Plan zuvorkam. Er hängt jetzt an vier Balken. Auch jener wurde zu ihnen verschlagen, der, wie wir jüngst sehen mußten, aufgehängt wurde, weil er die Staatskasse geplündert hatte.

CASTUS. Auch der, den ich in Rom hingerichtet gesehen habe, weil er allzu frei den Papst ermahnt hatte.

MISAULUS. Jener gehört nicht dazu, mein Castus, aber er war vielleicht auf eine Klippe auf-gefahren: Es gibt nämlich auch in diesem Meer Klippen, man muß vorsichtig an ihnen vorbei-fahren, damit man nicht Schiffbruch erleidet und auf einmal alle Habe verliert.

CASTUS. Und welches sind diese?

MISAULUS. Eine Klippe ist vor allem zu meiden, nämlich der Zorn des Fürsten: Denn wer auf diese aufgelaufen ist, um den ist es, glaube es, geschehen. Und höre, Castus, in welcher Gefahr wir vor allem beim Fürsten leben: Sei es, daß der Fürst, der dich angeworben hat, dich gnädiger betrachtet, so sorgst du dich ängstlich, nicht irgendwie anzustoßen und seine Gunst zu behalten. Sei es, daß er Augen, Ohren und Hände fern von dir hält, mühst du dich ab, dich verdient zu machen, und das durch Wachen, durch Arbeit, indem du nach oben und unten eilst, indem du Kälte und Hitze erträgst, indem du Würdiges und Unwürdiges erduldest, indem du alles versuchst und oft gegen den Strom schwimmst53. So kommst du, immer bereit bis zu Erschöpfung, und die Knechtschaft wird von Tag zu Tag schlimmer. Trotzdem weißt du bisweilen nicht, ob jener dies spürt oder anerkennt. Sollte er auch deine Verdienste kennen, gesteht er dir dennoch nur schwerlich zu, was dir zur Ruhe gereicht. Denn es ist in seinem Interesse, dich atemlos und in Unruhe zu halten, dich immer hoffen zu lassen, daß du emporkommst, daß er etwas Besseres, als du jetzt schon hast, schenkt, daß es Lohn für die Mühe gibt, einen Preis für den Schweiß. In dieser Situation geschieht es bisweilen, daß dir jener Furchtbare zürnt, über dich empört ist wegen einer unerheblichen Angelegenheit. Er hält sie für so schwerwiegend, daß seiner Mei-nung nach eine inständige Bitte nötig ist, um in seine Gunst zurückkehren zu können. Denn oft werden die Fürsten wegen eines unbedeutenden Vorfalls, wegen Kleinigkeiten, wegen eines Haares, wegen einer faulen Nuß, wegen des Schattens des Rauches zornig und empören sich und verfallen in Raserei und vermischen Himmlisches und Irdisches. Kurz und gut, sie machen aus Kleinigkeiten eine Tragödie. So viel ist es wert, lange zu dienen, sich zu grämen und sich aufzureiben! Deswegen habe ich einige gesehen, die, nachdem sie in vielen Jahren mit größter Gewissenhaftigkeit, mit größten Anstrengungen ihre Dienste geleistet hatten, einmal sogar unter einem Vorwand zu einer Geldstrafe und mit dem Verlust der Freiheit bestraft worden sind, weil der Fürst empört war. Einige sind sogar ihres Lebens beraubt worden. Die kleineren Klippen sind die Verdächtigungen der Fürsten, zu denen jene in hohem Maße neigen, aber in die wir nicht ohne Gefährdung hineingeraten.

 

52     Bei Homer (wie Anm. 1) Tomus III, liber 10, 115ff., sind die Laestrygonen menschenfressende Riesen, die Giganten, nicht Menschen gleichen. Deren König Antiphates packte einen Gefährten des Odysseus und tischte ihn als Schmaus auf, während die zwei übrigen fliehen konnten. Danach zerstörten zahlreiche herbeieilende Laestrigonen den größten Teil der Schiffe, indem sie gewaltige Steinblöcke auf die im Hafen liegenden Schiffe schleuderten und viele weitere Gefährten des Odysseus töteten, um sie dann zum unerfreulichen Fraß (Vers 124) zu tragen (a¹te¯rpea dai=ta). Nur Odysseus entging mit wenigen Gefährten diesem Unheil. Vgl. dazu auch Giovanni Boccaccio (wie Anm. 7) Tomo primo, Liber undecimus XI, S. 1142, LX. De Ulixe. Auch die Kyklopen, liber 9, V. 292, vgl. Homeri Opera (wie Anm. 1) sind menschenfressende Riesen. Siehe dazu Giovanni Boccaccio ebd. und auch Anm. 8.

53     Zu contra flumen natare, gegen den Fluß schwimmen, vgl. P. Vergili Maronis Opera (wie Anm. 12) Georgicon, I, 199f: sic omnia fatis / in peius ruere ac retro sublapsa referri, / non aliter quam qui adverso flumine lembum / remigiis subigit (So verschlimmert sich durch das Schicksal alles, sinkt nieder und treibt rückwärts, nicht anders wie einer, der mit seinen Rudern das Boot gegen den Strom zwingt).


Atque in his ego perpe-

tuo, Caste, ob loquendi libertatemt, quo plurimum offenduntur illi, hæreo.

Oderunt enim, ut vix aliud, veritatem. Nec opus est syncere apud hos

vivere, aut recte, obsequenter volunt et blande. Deinde est parium invi-

diau intra quam non admodum secure navigatur. Ac præsentius omnibus

malum delationesv, quarum cum impetu si impariter conflixeris, periculum

est rerum simal ac vitæ. Porro caute omnino tractanda est eius, cui ser-

vis, quantumcunque iusta obiurgatio. Ea est his ægris natura, quædam sibi

nonnunquam ulcera tangi nolunt. Iam hoc, quam fugiendum et ipsum

est saxum, speciosa uxor si illi sit, aut filia, ne vel ames, vel amari tibi

contingat.

CASTUS. Ad huiusmodi scopulos periit apud Alexandrumw Callisthenes54.

MISAULUS. Et cum periculo navigavit Agis55Argivus, eundem reprehen-

dere ausus, quod in adulatores et ridiculos, perinde ac in bonos liberalis

esset.

CASTUS. Clytus56 vero, quam ab illo Cyclope repente devoratus est?

MISAULUS. Et ab Astyage quæ passus est57 Harpagus?

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

t        Loquendi libertas in margine dextra.

u       Invidia parium in margine dextra.

v       Delationes in margine dextra.

w      Alexander Magnus in margine dextra.


Und in diesen sitze ich dauernd fest, mein Castus, wegen meiner freimütigen Rede, durch die jene Herren sehr häufig beleidigt werden. Sie hassen nämlich die Wahrheit, wie kaum etwas anderes. Man darf auch bei ihnen nicht ein unbescholtenes oder ein gutes Leben führen, sie wollen, daß man ein willfähriger Schmeichler ist. Sodann herrscht unter den Gleichgestellten Mißgunst. In ihr kann man nur unter Gefahr zur See fahren. Und das offensichtlichste Übel von allen sind die Denunziationen. Wenn du deren Angriff nicht gewachsen bist, besteht Gefahr für deine Habe und dein Leben. Zudem muß man mit Tadel an dem, dem du dienst, im allgemeinen vorsichtig umgehen, wie sehr er auch immer berechtigt ist: Eigentümlich für diese Kranken ist nämlich, daß sie sich manchmal bestimmte Wunden nicht berühren lassen. Wie muß man ferner gerade diese Klippe meiden, daß du ja nicht liebst oder geliebt wirst, wenn der Fürst eine hübsche Gattin oder Tochter haben sollte.

CASTUS. An derartigen Klippen ist bei Alexander Kallisthenes54 zugrundegegangen.

MISAULUS. Und unter Lebensgefahr ist der Argiver Agis55 gesegelt, der denselben zu tadeln wagte, weil er gegen Schmeichler und Witzbolde in gleicher Weise wie gegen die Guten frei-gebig war.

CASTUS. Wie plötzlich aber ist Klitus von jenem Kyklopen56 verschlungen worden?

MISAULUS. Und was hat Harpagus von Astyages57 erlitten?

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

54     Alexander der Große, König der Makedonen 356-323 v. Chr., ließ Kallisthenes hinrichten. Vgl. dazu Qu. Curtii Rufi De rebus gestis Alexandri Magni libri superstites cum Freinshemii Supplementis, ed. von A. Huguet, Paris 1834, liber VIII, § 10, S. 119: Callisthenes quoque tortus interiit, initi consilii in caput regis innoxius, sed haudquaquam aulae et assentantium accomodatus ingenio (So kam auch Kallisthenes, nachdem er gefoltert worden war, ums Leben, obwohl er am Plan gegen das Leben des Königs unschuldig war. Er hatte sich jedoch keineswegs der Hofgesellschaft und dem Charakter der Schmeichler angepaßt).

55     Vgl. Plutarchi Moralia, Vol. I, ed. William Roger Paton, Hans Wegehaupt und Max Pohlenz, Leipzig, 1974, Quomodo adulatores ab amico internoscuntur, libellus 4, § 18, S. 120: kaqa/per ÅAgij o( )Argei=oj Aleca/ndrou gelwtopoi%= tini mega/laj dwrea\j dido/ntoj, u(po\ fqo/nou kai\ luph=j e)ce/kragen w)\ th=j pollh=j a)topi/aj”, e)pistre/yantoj de\ tou= basile/wj pro\j au)to\n o)rg$= kai\ “ti\ dh\ su\ le/geij”; (Als der Argiver Agis aus Neid und Kummer aufschrie, weil Alexander einem Possenreißer große Geschenke machte, [...] wandte sich der König in Erregung an ihn und herrschte ihn an: Was sagst du da?).

56     Mit dem menschenfressenden Kyklopen ist Alexander der Große gemeint, weil er seinen Freund Klitus, der das persische Hofzeremoniell ablehnte und seinen Kriegsruhm relativierte, im Jähzorn mit der Lanze tötete. Siehe Qu. Curtii Rufi (wie Anm. 53) De rebus gestis Alexandri Magni, liber VIII, 1, S. 94ff. bzw. S. 97: Quem Rex, quisnam esset, interrogat. Eminebat etiam in voce sceleris, quod parabat atrocitas: et ille, [...] Clitum esse, et de convivio exire respondit. Haec dicentis latus hasta transfixit (Ihn fragte der König, wer er sei. In seiner Stimme schwang sogar das schreckliche Verbrechen mit, zu dem er sich anschickte. Jener aber dachte nicht mehr an seinen Zorn, sondern an den des Königs und antwortete, er sei Klitus und verlasse das Gastmahl. Als er dies sagte, durchbohrte der König seine Seite mit der Lanze).

57     Astyages, König von Medien 585-550 v. Chr., ließ den Sohn des Harpagus töten und setzte ihn dem Vater bei einem Gastmahl vor, weil dieser den Befehl des Königs, seinen Enkel Kyros zu töten, nicht ausgeführt hatte. Vgl. Herodoti Historiae, ed. Carolus Hude, Tomus prior, 3. Aufl., Oxford 1927, repr. 1955, liber I, §§ 119/120.


CASTUS. Et sub Cambyse58 Prexaspes ut habitus?

MISAULUS. Porro illi Rhomanorum imperatores quam misere multos

habuerunt?

CASTUS. Nostra autem tempestate, quæ se non indigna dederunt? et in

Suevis59 illud quale exemplum? Proinde omni pede standum, ne in hoc mari

navigationem experiantur, qui vitæ consultum volunt suæ.

MISAULUS. Quod nisi a me sic esses monitus, quo te præcipitasses?

CASTUS. In mirum, ut video, pistrinum. Quapropter alia ineunda vitæ

ratio est.

MISAULUS. Ita, Caste, cogita.Nam aut ager honeste coli potest, aut

literæ doceri, aut utcunque manibus operari licet, et rem militarem ex-

ercere kai\ e)n a)spi¿di ceni/zesqai60, aut medicinam tractare, ut ex te tibi

vivas.

CASTUS. Recte suades. Tu vero, sic monito me, quid tandem in hac

pœnitudine tibi proponis iam senex? An omni devorata bove61, in cauda tan-

dem deficies? nec extremum fabulæ actum implebis?

MISAULUS. Ne hoc quidem degeneris animi, vel in extremo resistere. Et

iam varie super his consultans, nondum invenio, ut me expediam.

CASTUS. Dii te ex ista iactatione in portum aliquem referant, Misaule,

ac ut libertatem recipias, faxint, aut aliquam tibi fructuosam cogitationem

indant, qua te ab his rhetibus explices. Sed prosequere oro de vita aulica,

quando adhuc ante horam sumus, quæ te ad illud servitutis hostium avo-

cabit. Et quod restare videtur, quæ te causæ in hanc navigationem ad-

duxerint, aut de Syrenibus, ut meministi, aliquid refer.

MISAULUS. Audi igitur servitutis huius causas, nam fructum abunde

opinor intellexisti. Primum ea, Caste, quæ tu quoque paulo ante suspe-

xisti, admirabar, vestium nitorem, aurum, et gemmas,

 


CASTUS. Und wie ist Prexaspes unter Kambyses58 behandelt worden?

MISAULUS. Nun aber, wie erbärmlich haben jene Kaiser der Römer viele gefangen gehalten?

CASTUS. Was hat sich nicht in unserer Zeit Würdeloses begeben? Und was für ein Beispiel gibt es da bei den Schwaben?59 Deshalb muß man auf beiden Beinen stehen, damit die, die für ihr Leben Sorge tragen wollen, nicht auf diesem Meere probehalber eine Seereise machen.

MISAULUS. Wenn du von mir nicht so gewarnt worden wärest, wohinein hättest du dich gestürzt?

CASTUS. In eine sonderbare Mühle, wie ich sehe. Deshalb muß ich wohl mein Leben anders planen.

MISAULUS. Denke, Castus, an folgendes: Entweder können ein Acker gut angepflanzt oder Wissenschaften gut gelehrt werden, oder man mag, wie auch immer, mit den Händen arbeiten und das Kriegshandwerk ausüben und im Waffenkleid geehrt werden60 oder die Heilkunst betreiben, damit du von deiner Hände Arbeit leben kannst.

CASTUS. Dein Ratschlag ist gut. Du aber, was nimmst du dir schließlich vor für das Alter in dieser Zeit der Buße, nachdem du mich so gewarnt hast? Wirst du etwa, wenn das ganze Rind verzehrt ist, schließlich beim Schwanz ermüdet erlahmen und den letzten Akt des Dramas nicht zu Ende bringen?61

MISAULUS. Selbst am Ende innezuhalten, wäre nicht einmal Zeichen erbärmlichen Sinnes. Obwohl ich schon an Verschiedenes denke, habe ich noch keine Möglichkeit entdeckt, mich loszumachen.

CASTUS. Die Götter mögen dich aus dieser stürmischen Lage in einen Hafen geleiten, Misaulus, und sie mögen gewähren, daß du die Freiheit wiedererhältst, oder dir einen nütz-lichen Gedanken eingeben, mit dessen Hilfe du dich aus diesen Netzen herauswickeln kannst. Aber fahr fort, bitte, mit dem Leben am Hofe, da wir uns ja schon vor der Stunde befinden, die dich zu jenem Eingang zur Knechtschaft rufen wird. Erzähle etwas darüber, welche Grün-de dich zu dieser Seereise veranlaßt haben, oder über die Sirenen, wie du meinst. Das scheint noch zu fehlen.

MISAULUS. Höre also die Gründe für diese Knechtschaft, denn ich glaube, du hast den Nutzen zur Genüge erkannt.

Zuerst bewunderte ich, Castus, das, zu dem du auch kurz vorher emporgeschaut hast, den Prunk der Kleider, Gold und Edelsteine,

 

58     Kambyses II., König von Persien (529-522 v. Chr). Prexaspes, ein von Kambyses in hohen Ehren gehal-tener Mann, mußte mit ansehen, wie Kambyses mit einem Pfeilschuß seinen Sohn tötete. Der Grund für diese Raserei des Kambyses war, daß Prexaspes ihm nicht schmeichelte (vgl. Anm. 56, Buch III, §§ 34/35).

59     Mit dem Beispiel aus Schwaben meint Hutten Herzog Ulrich von Württenberg, der Huttens Vetter ermordet hat. Der württembergische Herzog erscheint in Huttens Dialog Phalarismus als der Tyrann Phalaris. Hutten nennt in diesem Dialog als abschreckende Beispiele von Tyrannen auch die beiden Könige Kambyses und Astyages, bei den Römern die Kaiser Caligula und Domitian.

60     Vgl. Corpus Paroemiographorum Graecorum (wie Anm. 8) Tomus I. Das Zitat heißt bei Zenobius, Centuria I, Nr. 64, S. 24  ÃAll w(/sper h(/rwj e)n a)spi/di ceni/sai se\ bou/lomai (Ich wünsche, daß du wie ein Held im Schild als Gastfreund aufgenommen wirst). Zenobius äußert sich in diesem Zusammenhang über die, die durch Taten und Fähigkkeiten den Freunden nützen.

61     Bove devorata [...] soll heißen, daß jemand nach Erfüllung seiner Aufgabe zu guter Letzt völlig ermattet. Siehe Desiderii Erasmi Roterodami opera omnia (wie Anm. 1) Sp. 797 E, Chil. III, Centur. III Prov. LXVIII: Toto devorato bove in cauda defecit (Nach dem Verzehr des ganzen Rindes ist er schließlich beim Schwanz ermattet). Zur Erklärung schreibt Erasmus: Hoc est reliquo negotio peracto, in extremo fine delassatus est (Nach Erledigung der übrigen Aufgabe ist er kurz vor dem Ende ermattet). Im übrigen ist die von Hutten verwendete Formulierung auch bei Apostolius angeführt. Corpus Paroemiographorum Graecorum (wie Anm. 8) Tomus II, Apostolius, Centuria XIII, Nr. 97, S. 602: Pant¡ e)ntragw\n ton\ boun ªei)j th\n ou)ra\n a)pe/kamen (Als er das ganze Rind verzehrt hatte, gab er ermattet beim Schwanz auf).


ac illos Arabice olentes purpuratos, ut deos verebar.

Deinde magni faciebam, iis conversari, ad quorum conspectum

etiam, summa contentione, maxima sæpe multitudo

procurreret, iisque colloqui, et eorum familiaritate censeri, ac illas affecta-

bam immunitates, et divites omnes putabam, qui sic ornarentur. Cumque

patrimonium mihi esset perexiguum, facile hoc loco ditescere proponebam.

Quædam præterea insita fuit, et iuveni, et imperito, ut multis, ambitio. Nam

aliquando videns ex aulicis reverenter aliquos appellari, ac orari ab iis, qui

aliquid apud principem captabant, deinde muneribus quoque peti, rebar

omnes in aula consuescentes, potentia plurimum valere. Ac facile audiebam,

cottidie increpantes me his verbis, quin tu in aulam te confers, ut pro-

desse et tibi possis, et omnibus tuis, aliquam adeptus præfecturam, aut ad

aliquod promotus officium, vel aliter principi charus?’ His, Caste, Syreni-

bus, cum occinuissent, neque ego Ulyssis consilio, caera obthurassem aures,

subvertendum me præbui, deceptus miser, cum minime præsentiscerem, in

quæ mala deo irato meo provolverer. Nam quid vestes admirabar stultus,

quæ truncum etiam ornant, et animum non arguunt? cum ex animo con-

stet homo, nec ad eum aliquid pertineat, eorum quæ exterius adhærent

corpori.

CASTUS. Quo minus illos fero, qui monachix vocantur, qui nobis vestium

ostentatione volunt sanctimoniæ opinionem persuasam. Etiam ipse hoc ho-

minum genus valde detestatus est Christus, quem ego credo, cum in terris

esset, nihil aliter atque alios homines vestibus usum. Hi autem quas non

diversitates excogitant? in quod se non monstrum transformant?

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

x        MONACHI in margine dextra.


und ich verehrte jene nach arabischen Düften riechenden und mit Purpur Bekleideten wie Götter. Danach schätzte ich es hoch ein, mit denen zu verkehren, zu deren Anblick auch oft eine große Menge unter größter Anstrengung herbeieilte, um mit ihnen zu sprechen und zu ihrem Freundeskreis zu zählen. Ich strebte nach jenen Privilegien und hielt alle für reich, die sich so schmückten. Da mein Erbe sehr klein war, hatte ich die Vorstellung, an diesem Platz mühelos reich zu werden. Außerdem hatte ich wie viele, jung und unerfahren, einen gewissen Ehrgeiz in mir. Denn als ich einmal sah, daß einige von den Höflingen ehrfürchtig von denen gegrüßt und gebeten wurden, die etwas beim Fürsten zu erreichen suchten, dann auch mit Geschenken angegangen wurden, glaubte ich, daß alle am Hofe Verkehrenden durch ihren politischen Einfluß sehr viel vermöchten. Und gern hörte ich, wie mich Leute täglich mit folgenden Worten tadelten: „Warum begibst du dich nicht an den Hof, um dir und allen deinen Angehörigen zu nützen, wenn du das Amt eines Vogtes erreicht hast oder zu einem Amt befördert oder auf andere Art dem Fürsten teuer bist?“ Diesen Sirenen habe ich mich auf ihren Gesang hin zu meinem Verderben ausgeliefert, da ich auch nicht auf den Rat des Odysseus hin meine Ohren mit Wachs verschlossen hatte. Ich habe mich zu meinem Unglück getäuscht, weil ich nicht im geringsten vorausahnte, in welche Übel ich durch den Zorn Gottes geraten würde. Denn warum bewunderte ich die Kleider in meiner Torheit, die auch einen Verstümmelten schmücken und nicht die Seele offenbaren, zumal der Mensch doch aus seiner Seele besteht und nichts zu ihr gehört, was außen am Körper hängt?

Castus. Umso weniger achte ich die Mönche, die mit ihrer Kleidung prahlen und wollen, daß wir von ihrem heiligmäßigen Leben überzeugt sind: Auch Christus selbst hat diese Art von Menschen verflucht und auf Erden, wie ich glaube, keine andere Kleidung als die anderen Menschen getragen. Was lassen sich diese nicht an unterschiedlicher Kleidung einfallen? In welches Ungeheuer verwandeln sie sich nicht, um sich möglichst deutlich zu unterscheiden?

 


ut quam maxime dissimiles sint. Atque in his aliud Francisco placuit,

aliud Bernardo62, aliter visum est Dominico, aliter aliis.

MISAULUS. Neque illud videbam, multos sic vestitos, plurimis interim

egere. Sunt enim ista non ex uniuscuiusque facultate, sed consuetudine ac

moribus aulæ, quæ vult homines iactabundos, ostentatores, gloriosos ac

magnificos, qui se omni foris pulchritudini ac venustati conforment, cum

intus morbidi, marcentes, ac mire informes sint, similes, ut mihi videtur,

parieti incrustato, intra quem ruinosa multa sint, aut sepulchro splendide

foris extructo, et statuis ac imaginibus egregie adornato, quod deformes

intus calvarias, nuda ossa, et obscœnos fœtores contineat. Quinetiam multi

horum, ut sic vestiantur, fraudant, rapiunt, ac furantur. Nam habendus est

in aula vestitus, non quem tu parare potes, sed qui ex principis digni-

tate est.

CASTUS. Ibi te illius meminisse oportuit, quod Crœsoy obiectum a So-

lone est63. Nam ille cum adhibito Solonez; aurea se sponda molliter ac regie

adornatum, nitide composuisset, ac ab illo percontaretur, num quid unquam

speciosius vidisset, respondit Solon, gallos gallinaceos, pavones et id genus

animalia, in his enim admirandum naturam spectaculum exhibuisse, regis

stoliditatem arguens, ac istiusmodi fucorum contemptum innuens.

MISAULUS. Et multa præterea, quæ si mihi in mentem venissent, non

his concessissem, huiusmodi obiicientibus illecebras Syrenibus. Qui si itidem,

quam periculose tractentur regum ac principum amicitiæ, consyderassem,

non tanti fecissem huic interesse pompæ, in qua multi opprimuntur. Quam

frivolum est enim tunc se putare

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

y       Croesus in margine sinistra.

z        Solon in margine sinistra.

 


Und dabei ließ sich Franziskus etwas anderes einfallen, etwas anderes Bernhard62, wieder etwas anderes Dominikus, und wiederum der eine dies, der andere das.

MISAULUS. Doch sah ich nicht, daß viele so Gekleidete sehr viele Dinge entbehrten. Die Kleidung hängt nämlich nicht von der Möglichkeit jedes einzelnen ab, sondern von den Ge-pflogenheiten und den Gewohneiten des Hofes. Er will, daß die Menschen sich zur Schau stellen, prahlen, auf sich aufmerksam machen und prachtliebend sind und sich äußerlich aller Schönheit und Anmut angleichen. Doch innen sind sie krank, schlaff und merkwürdig häßlich, wie mir scheint, ähnlich einer mit Marmor verkleideten Wand, in der viele Teile einsturzgefährdet sind. Oder sie gleichen einem außen prächtig errichteten Grabmal, das mit Statuen und Bildern erlesen geschmückt ist, das aber innen entstellte Schädel, nackte Gebeine und ekelhaften Gestank verwahrt. Ja viele von diesen betrügen, rauben und stehlen, um sich so kleiden zu können. Denn am Hofe darf man nicht Kleidung tragen, die man sich leisten kann, sondern die der Würde des Fürsten entspricht.

CASTUS. Am Hofe mußt du dich an jenen Ausspruch erinnern, der Krösus von Solon63 ent-gegengehalten wurde. Denn als sich jener im weich fließenden Königsornat mit Solon auf einem goldenen Sofa prunkvoll niedergelassen hatte und ihn fragte, ob er jemals etwas Schö-neres gesehen habe, antwortete Solon „Hähne, Pfaue und ähnliche Tiere: In ihnen habe die Natur ein bewundernswertes Schauspiel gegeben“. So offenbarte er die Torheit des Königs und deutete an, wie verächtlich ihm eine derartige Scheinhaftigkeit war.

MISAULUS. Außerdem täuschte ich mich noch in vielem anderen. Wenn es mir in den Sinn gekommen wäre, hätte ich diesen Sirenen, die derartige Verlockungen bieten, nicht Zuge-ständnisse gemacht. Wenn ich doch ebenso bedacht hätte, unter welchen Gefahren man die Freundschaften mit Königen und Fürsten pflegt, hätte ich es nicht so hoch bewertet, an diesem Prunk teilzuhaben, in dem viele unterdrückt werden. Wie albern ist es nämlich, zu glauben,

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

62     Bernhard von Clairvaux (1190-1153), Gründungsabt der Zisterzienserabtei Clairvaux, der durch seine mystische Theologie die Spiritualität seines Ordens maßgeblich geprägt hat, Kreuzzugsprediger und Kirchen-reformer.

63     Siehe Diogenis Laertii Vitae Philosophorum (wie Anm. 24) Tomus I, liber I, Solon, § 51, S. 21. Solon antwortet auf die Frage des Krösus, ob er etwas Prächtigeres als ihn gesehen habe: )A)lektruo/naj, eipe <kai\> fasianou\j kai\ taw/j fusik%= ga\r a)/nqei keko/smhntai kai\ muri/% kalli/oni (Hähne, sagte er, Fasane und Pfauen sind von Natur aus durch ihre Farbe geschmückt, und zwar durch eine tausendmal schönere). Krösus, König von Lydien (560-546 v. Chr.), unterlag 546 bei Pteria dem Perserkönig Kyros II. Solon (640-560 v. Chr.), athenischer Politiker und Dichter.


charum his dominis, cum dextras porrigunt,

aut osculandas etiam præbent, aut ubi familiariter collo-

quuntur,cum non affectus sint illa, sed ostentationisa

plerumque, quæ per omnia in aulis regnat. Porro insidiosi

ut plurimum sunt, principum affatus, quos illi ob id

blande conferunt, ut suorum animos explorent, et allectos hac benignitate ad

effundendum aliquid temere inducant. Plurima enim oportet simulare ac dissi-

mulare reges. Unde non imperite solebat dicere Germanus imperator Segi-

mundus64, qui nesciat simulare, eum nescire regere. Plerisque vero tunc

affabiles sunt, cum solvendum salarium est. Ac idcirco blande conferunt,

ne sibi illi pecuniam petendo molesti sint. Maxima enim et ibi difficultas

est, postquam diuturnam ac duram servitutem servieris, ut stipendium ex-

torqueas. Quod sive non petis, non solvitur, sive multum ac sæpe, offen-

dis. Hoc autem tempore omnes fere per Germaniam principesb egent,

propter luxum et vanitatem, quibus dediti, plurima inutiliter absumunt. Vides

enim, ut multa scurris, ludionibus, mimis, parasitis ac musicis largiantur?

Vides ut in aulis noctu diuque bibatur et edatur? ut pavimenta vino ma-

deant? ut plus ebrii isti profundant, quam ingurgitent? plus ingurgitent, quam

ferre possint? tum ad emulationem usque dantur vestes. Atque is est,

principum tumor, quanto magis egent, tanto minus egere videri volunt.

Et idcirco nihil de pompa, nihil de apparatibus remittunt. Imo in alterius

invidiam alter prodigit, ne perdendo inferior sit. Interea speciosus ille

foris Colossus65 intus squalet et pedorem nutrit.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

a       Ostentatio in margine dextra.

b       Principes Germaniae in margine dextra.


diesen Herren teuer zu sein, wenn sie ihre Rechte darreichen oder die Hand zum Kuß hinhal-ten oder sich freundschaftlich unterhalten. Im Gegenteil, jene Gnadenerweise sind nicht Zei-chen der Zuneigung, sondern meistens des Scheins, der in allem an den Höfen herrscht. Zu-dem sind die Worte, die die Fürsten an jemanden richten, wie das meiste arglistig. Sie äußern deswegen schmeichelhafte Worte, um ihre Untergebenen auszuforschen und sie, angelockt durch diese Güte, zu veranlassen, etwas unbedacht zu äußern. Denn die Könige müssen sich in den meisten Angelegenheiten verstellen und dürfen sich nichts anmerken lassen. Deshalb pflegte der deutsche Kaiser Sigismund64 nicht ohne eigene Erfahrung zu äußern, daß der, der sich nicht zu verstellen verstehe, nicht zu herrschen verstehe. Die Herren sind dann den meisten gegenüber leutselig, wenn der Sold gezahlt werden muß. Deshalb richten sie ge-winnende Worte an sie, damit jene ihnen nicht lästig fallen, wenn sie das Geld fordern: Es ist nämlich an den Höfen auch sehr schwierig, den Sold einzufordern, nachdem man einen langen und harten Sklavendienst geleistet hat. Denn sei es, du verlangst ihn nicht, so wird er nicht gezahlt, sei es, du forderst ihn eindringlich und oft, so eckst du an. In unserer Zeit aber sind fast alle Fürsten Deutschlands arm infolge ihrer Prachtliebe und ihrer Eitelkeit, denen sie huldigen und für die sie das meiste Geld nutzlos ausgeben: Denn du siehst doch, daß sie viel Geld den Narren, den Tänzern, den Schauspielern, den Schmarotzern und den Musikanten schenken? Du siehst, daß an den Höfen bei Nacht und bei Tag getrunken und gegessen wird, daß die Fußböden von Wein nass sind, daß diese Trunkenbolde mehr verschütten als in die Kehle schütten, mehr trinken als sie vertragen können? Darüberhinaus werden auch Gewänder aus Gründen der Rivalität zum Geschenk gemacht. Und darin besteht der Stolz der Fürsten, daß sie, je mehr sie bedürfen, umso weniger arm erscheinen wollen. Deshalb schränken sie in keiner Weise ihren Prunk und ihren Aufwand ein, im Gegenteil, der eine ist verschwenderisch, um den anderen neidisch zu machen, um im Verschwenden nicht unterlegen zu sein. Unterdessen starrt jener äußerlich schöne Koloss65 innen vor Schmutz und nährt den Unrat.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

64     Sigismund, deutscher König und Kaiser aus dem Geschlechte der Luxemburger, der von 1410 bis 1437 re-gierte.

65     Im Vorgriechischen bedeutete das Wort Koloss ursprünglich Statue. Die Bedeutung von überlebensgroßen Standbildern erhielt das Wort durch die riesengroße Helios-Statue aus Bronze, die von Chares aus Lindos ge-gossen worden war. Irmscher, Johannes: Das große Lexikon der Antike, 2. Aufl., Leipzig 1976. Von Hutten wird der Fürst als Koloss bezeichnet. Vgl. dazu Desiderii Erasmi Roterodami opera omnia (wie Anm. 1) Sp. 746 F, Chil. III, Centur. II Prov. V: Proverbialis apud Lucianum hyperbole, in homines praegrandi corporis mole, a statuis ingentibus, quas Colossos appellant [...] Nam iis impendio delectabantur olim imperatores Romani, quibus, ut videtur, magis erat maximos esse quam optimos (Bei Lukian gibt es sprichwörtlich die Übertreibung, und zwar nach den gewaltigen Statuen, die man Kolosse nennt, auf Menschen von außerordentlich großer Körpermasse gemünzt. Denn an ihnen hatten die römischen Kaiser ihre Freude, denen, wie es scheint, mehr daran lag, daß es sehr große Menschen statt sehr tüchtige Menschen waren).


Quod me ditescere volentem, misere decepit, aurum subæratum cum

pro solido venerarer, ac istasesurirem pontificales cœnas66,

ad has tam cupide respicerem Gallicas vestes, hæc monilia.

Nam in aulis qui habent ista, plerumque nihil præterea ha-

bent. Quinetiam plus aliquando perdunt aliqui serviendo, quam lucrantur.

Quod apud quosdam neque emergere est, et rem suam dissipare oportet.

Porro stultissime delectum agunt principes eorumc, quos in famulatum ad-

sumunt. Neque enim ex virtute licet emergere, sed ut plurimum quæritur,

qui procera sit statura, latis humeris, ardua cervice, prælongis tibiis. Atque

is commendabilior fit si etiam barbam ad terrorem adornet aut calamistro

cæsariem urat ac per aulam ingressus, huc illuc brachia iactet, tibias ven-

tilet, humeros ostendat, ut illos poscere videatur Virgilianos cæstus67, cum

Entello depugnaturus, et vestes habeat discolores: ac per omnia pictas, ma-

gis etiam quam pictus est gallus gallinaceus, triginta gallinarum maritus,

cum istiusmodi Thrasonumd, 68 unus non sufficiat ad explendum unius mulier-

culæ desyderium. Scilicet athletas bonos amant principes, crassos istos,

pingues et torosos; illos vero macilentos, breves, graciles, subpallidos, ac

tenueis, quanquam prudentia forte et consilio valent, non admodum curant.

Quia non est, inquiunt, bene personatus istee. At vero hos gigantes in sa-

tellitium citra cunctationem libenter adsumunt, ac tales sibi gaudent esse

anteambulones et sectatores, quanquam minus sit nonnunquam in aliqui-

bus cerebri quam in culice sanguinis, nimirum hoc comitatu abunde orna-

tos se, etiam si nulla sit virtutis ne cogitatio quidem, putantes.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

c       Qualeis plerumque principes sibi in ministros cooptent. in margine sinistra.

d       Thrasones in margine sinistra.

e           Non est bene personatus iste in margine sinistra.


So habe ich mich unglücklicherweise getäuscht, als ich reich werden wollte. Denn ich verehrte Gold, das innen Kupfer enthielt, als echtes Gold, verlangte nach den Mählern66 an den Höfen geistlicher Fürsten und schaute gierig auf die prächtigen französischen Gewänder und auf die glänzenden Halsbänder. Doch wer sie an den Höfen besitzt, hat meistens nichts außer diesen. Ja manche verlieren bisweilen mehr durch ihren Dienst als sie gewinnen. Das bedeutet auch für einige, nicht aufzusteigen, und deshalb müssen sie ihr Vermögen vergeuden. Zudem wählen die Fürsten auf sehr törichte Weise die aus, die sie in ihren Dienst nehmen. Man darf sich nämlich nicht durch seine Tüchtigkeit emporarbeiten, sondern meistens wird einer ausgesucht, weil er eine schlanke Gestalt, breite Schultern, einen aufrechten Nacken und überlange Beine hat. Der empfiehlt sich umso mehr, wenn er auch seinen Bart furchterregend zurechtmacht und mit dem Brenneisen sein Haupthaar kräuselt und beim Betreten des Palastes seine Arme hin und her wirft, seine Unterschenkel schlenkert, seine Schultern zeigt. So fordert er, wie es den Anschein hat, jene virgilianischen Schlagriemen67, als wolle er mit Entellus kämpfen. Er trägt auch bunte und über und über bestickte Kleidung, bunter noch als ein Haushahn, der Gemahl von dreißig Hennen. Dabei dürfte kein einziger von diesen Thrasonen68 in der Lage sein, die Sehnsucht einer einzigen Dirne zu stillen. Freilich schätzen die Fürsten gute Wettkämpfer, beleibte, fette und muskulöse. Um jene mageren, kleinen, schlanken, blassen und schmächtigen aber kümmern sie sich nicht in dem Maße, obwohl sie sich vielleicht durch kluge Ratschläge Geltung verschaffen. „Weil dieser sich nicht gut darstellen kann“, so sagen sie. Aber die Giganten69 nehmen sie gerne ohne Zögern unter ihre Vasallen auf und freuen sich, daß sie solche Wegbereiter und solches Gefolge haben, obwohl manche mitunter weniger Gehirn haben als eine Mücke Blut hat. Es wundert nicht, daß sie sich durch ein solches Gefolge reichlich geehrt glauben, auch wenn es überhaupt keinen Wert hat und nicht einmal der Gedanke, daß es zu etwas wert sei, aufkommt.

 

 

 

 

 

 

66     Vgl. Qu. Horati Flacci Opera (wie Anm. 4) Carminum liber II, 14, 25f. Es heißt hier: absumet heres Caecuba dignior /[...] et mero tinget pavimentum superbo, pontificum potiore cenis (der befähigtere Erbe wird den Caecuber trinken [...] und mit dem stolzen Wein, der für die Gastmähler der Priester würdiger ist, den Boden benetzen). Auch Desiderii Erasmi Roterodami opera omnia (wie Anm. 1) Sp. 741 C, Chil. III, Centur. I Prov. XCI bezieht sich auf dieses Zitat, wenn er sagt: Horatius, praelautas opiparasque coenas, Deum coenas vocat (Horaz bezeichnet herrliche und reichliche Mähler als Mähler der Götter).

67     Die Virgiliani caestus sind Schlagriemen der Faustkämpfer, die nach Vergil, Aeneis liber V, V. 401 ein Riesengewicht haben (immani pondere caestus). Denn nach Vers 404f bestehen sie aus Häuten von sieben Ochsen, die von Eisen und Blei starren. Diese wirft der alte Entellus in den Ring, um mit Dares zu kämpfen. Vgl. P. Vergili Maronis opera (wie Anm. 12).

68     Thraso, abgeleitet vom griechischen Jρασύς (kühn, mutig, tapfer, auch: trotzig, übermütig, verwegen, frech), ist der Name des Offiziers in der Komödie des Terenz ‚Eunuchus‘. Siehe P. Terenti Afri Comoediae (wie Anm. 17).

69     Die Giganten sind in der Odyssee ein riesenhaftes, wildes, den Göttern verhaßtes Volk. Sie werden als [...] aÃgria fu=la Giga¿ntwn (rohes Geschlecht der Giganten) bezeichnet. Vgl. Homeri opera (wie Anm. 1) Odysseae Lib. VII 206. In lib. X. 119f. gleichen die Laestrygonen nicht Menschen, sondern den Giganten ([...] ou¹k aÃndressin e¹oiko¿tej, a¹lla Gi¿gasin). Siehe dazu Giovanni Boccaccio (wie Anm. 7) Tomo primo, Liber quartus LXVIII. De Gigantibus [...], S. 498. Letztere sind sterbliche Riesen. Sie gehen aus den Blutstropfen hervor, die Gaia bei der Verstümmelung des Uranos durch Kronos aufnimmt. Ihr Kampf gegen die olympischen Götter ist ein beliebtes Motiv in der Kunst. Herbert Hunger (wie Anm. 27). Vgl. auch P. Ovidi Nasonis Metam. (wie Anm. 7) lib. I, 152: adfectasse ferunt regnum caeleste Gigantas / altaque congestos struxisse ad sidera montes (man berichtet, daß die Giganten nach dem himmlischen Reich strebten und deswegen ein Gebirge bis zu den hohen Sternen aufgeschüttet und errichtet haben).


Præter quos capita extollunt adulatores quos dixi, relictis post tergum bonis, et

plerumque pauperibus. Nam, ut nosti, Haud facile emergunt, quorum virtutibus obstat

Res angusta domi70. Atque hi sunt, quorum hæc Ilias capax est, quæ alioqui

Stultorum regum et populorum continet æstus.71 Quod intelligentem

consyderare oportet, priusquam aggrediatur, an aptus

sit hæc obire munia. Nam præter ea quæ dixi, quid in aula ferendum

sit, nihil te caelabo. Ac primum omnium, quod de immunitate dixisti,

quæ posset in hac servitute immunitas esse? Quam molestum est autem ac

indignum, omnia humiliter, omnia submisse et abiecte facere? Nam cum

omnino servitus sit aulica vitaf, nec aliam appellationem capiat, quam ea

quæ faciunt emptitii illi, quando nomen haud effugimus, in re ipsa sola-

tium repositum habere debebamus, ut esset hæc scilicet liberalis servitusg.

At non putant nunc principes, aliquod esse inter se et ministros suos dis-

crimen, nisi ad contumeliam usque utantur opera nostra. Itaque volunt

assiduitatem, volunt sudores, volunt quoquo eant, ut se velut propria um-

bra comitemur. Neque amant quemquam, nisi qui in oculis sibi perpetuo

est. Et eos benignius habent, qui obstippo ante se capite, quoties respexerint,

inclinant. Quibus agilia sunt genua. Qui omnes illorum nutus, nedum iussa

observant. Qui ceremonias aulicas pro legibus colunt, atque igitur uno omnes

ordine callent et exequuntur, ita ut si latum ab his unguem discedant,

piaculum hoc sit. Proinde desertores vocant eos, quos non semper in tergo

hærentes sibi conspexerint, magis quam qui in acie locum cesserunt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

f        Aulica vita in margine dextra.

g       Liberalis servitus in margine dextra.


Von diesen abgesehen erheben die schon genannten Schmeichler ihre Häupter und lassen die Tüchtigen und meist Armen hinter sich: Denn, wie du weißt

„nicht leicht kommen die nach oben, deren Fähigkeiten

beengte Verhältnisse zu Hause entgegenstehen“70.

Und die sind es, von denen diese Ilias voll ist, die übrigens

„die Leidenschaften der törichten Könige und Völker beinhaltet“71.

Was der Einsichtige, ehe er etwas in Angriff nimmt, bedenken muß, ist die Frage, ob er fähig ist, diese Aufgaben zu bewältigen. Denn von dem abgesehen, wovon ich dir schon gesagt habe, daß es am Hofe zu ertragen ist, will ich dir nichts verheimlichen. Was könnte zunächst von alledem, was du über Privilegien gesagt hast, bei dieser Knechtschaft Privileg sein? Wie lästig aber ist es und unwürdig, alles demütig, alles untertänig und alles verachtet machen zu müssen? Denn das Leben am Hofe bedeutet in jeder Hinsicht Knechtschaft, und keine andere Bezeichnung paßt für die Tätigkeit, die jene gekauften Knechte ausüben. Da wir ja der Bezeichnung nicht ausweichen, so müßten wir im Tun selbst einen verborgenen Trost haben, damit diese Knechtschaft freilich als eines freien Mannes würdig empfunden wird. Aber die jetzigen Fürsten glauben, daß kein Unterschied zwischen ihnen selbst und ihren Dienern bestehe, außer sie beanspruchen unsere Arbeit bis hin zur schmachvollen Behandlung. Deshalb wollen sie Ausdauer, sie wollen den Schweiß, sie wollen, daß wir sie, wohin sie auch gehen, wie der eigene Schatten begleiten. Sie lieben nur den, der immer vor ihren Augen ist, und behandeln die gütiger, die mit gesenktem Haupt sich vor ihnen neigen, wenn sie zurückschauen, die geschmeidige Knie haben, die jeden Wink von ihnen, noch vielmehr die Befehle beachten, die das höfische Protokoll als Gesetz achten und sich also alle an die eine höfische Ordnung halten und diese vollziehen, und zwar so, daß es als Vergehen gilt, davon auch nur einen Fußbreit abzuweichen. Deshalb nennen sie eher die Fahnenflüchtige, die sie nicht immer unmittelbar hinter ihrem Rücken erblicken, als die, die in der Schlacht ihren Platz verlassen haben.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

70     Durch das Zitat des Satirikers und Redners Iuvenal (um 60-127 n. Chr.) aus der Satire III, V. 164f, will Hutten seiner Aussage, daß arme, aber kluge und tüchtige Leute nur schwer ein Amt am Hofe erhalten, größeres Gewicht geben. Siehe A. Persi Flacci et D. Iuni Iuvenalis Saturae, ed. Wendell V. Clausen, Oxford 1959, repr. 1977, S. 54/55.

71     Dieser Vers steht bei Horaz. Er bezieht sich auf die Leidenschaft des Paris für Helena und ihre Entführung als Grund für den langdauernden trojanischen Krieg. Vgl. Qu. Horati Flacci Opera (Anm. 4), Epistularum liber I, epistula II, V. 6- 8. Siehe dazu auch die Schilderung Boccaccios (wie Anm. 7) Tomo primo, Liber quartus XXII, De Paride VIII: Priami filio [...], S. 650ff., wo es unter anderem heißt Ex qua rapina bellum decennale Grecorum adversus Troianos suscitatum est (Wegen dieses Raubes wurde der zehnjährige Krieg der Griechen gegen die Trojaner losgetreten).


Et summum studium est, ut recte misceatur regiæ pompæ incessus, ut ad

omnem principis intuitum palleat quis, ac attonito similis sit. An non vides,

ut apud hos titubantem dicere oportet? ac præ timore sudantem nonnun-

quam? Et quantumcumque aliquod familiare et exiguum est negocium, qua

perplexitate, quam hæsitanter ac trepide ille agat orator, ut

Lugdunensem Rhetor dicturus ad aram?72

Ubi periculum est, si in titulo pronunciatione vel syllabam

prætermiseris aut poplites tui si officium ibi minus scite faciant. Cavendumque ut omnia

sint mollia, perfracta omnia, ut opus sit, docto alicui comœdiarum actori

operam dedisse, ac histrionicam didicisse, quo nequid in congenudatione

aberretur. Quæ cum vanissima omnia sint, tamen plurimum in his

diei absumitur. Deinde apparitionesh illæ quales sunt, quando totas non-

nunquam sex horas standum est, uno quasi in vestigio? quando huc illuc,

sursum deorsum procurrendum? quando equitantem illum per urbem fessis

diu pedibus sequi oportet? quando in plurimam frequenter noctem obser-

vandus est, dum a convivio redeat? quando in æstu ac frigore excubandum?

Et sunt homines qui in his erumnis vitam putent, qui in hoc volutari cœno

volupe admodum ducant, et pro deliciis habeant, hæc facere hæcque pati.

Quasi aliquid adhuc intersit inter aulicam captivitatem, et eos, qui bello capti

Turcis serviunt, aut serviri principibus citra assentationis vitium possit.

Quæ sunt enim ista paulo ante a me pertractata? quæ etiam si adamussim

exequi studeas, et efficere quod placeat coneris, tamen in ambiguo est, an

tuam ille sedulitatem agnoscat, aut per optimos illos convictores an placere

tibi liceat.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

h       Apparitiones in margine sinistra.


Und es ist das größte Bestreben, daß sich das Schreiten ordentlich zu einer königlichen Pro-zession wandelt, so daß einer auf jeden Blick des Fürsten hin blaß wird und einem Bestürzten gleicht. Oder siehst du nicht, daß man vor ihnen nur stammelnd und manchmal vor Furcht schwitzend sprechen darf? Und siehst du nicht, wie verwirrt, wie stotternd und ängstlich sich jener Redner bei einer auch noch so unbedeutenden familiären Angelegenheit verhält, der sich anschickt wie

ein Redner vor dem Opferaltar in Lyon eine Rede zu halten?72

Da besteht ja die Gefahr, daß man bei der Aussprache des Titels z. B. eine Silbe ausläßt oder daß die Knie ihren Dienst weniger geschickt verrichten. So ist dafür Sorge zu tragen, daß alle Gesten ruhig, alle ergriffen wirken. Deshalb ist es nötig, sich bei einem ausgebildeten Komö-dianten abgemüht und die Schauspielkunst gelernt zu haben, damit man nicht irgendwie in den Kniefall abirrt. Obwohl dieses ganze Zeremoniell inhaltlos und eitel ist, wird doch der größte Teil des Tages damit zugebracht. Denn was sind das schließlich für Verpflichtungen, wenn man manchmal ganze sechs Stunden gleichsam auf einer Stelle stehen muß, wenn man hierhin und dorthin auf und ab eilen muß, wenn man jenem Fürsten zu Pferde mit müden Beinen lange durch die Stadt folgen muß, wenn man häufig bis tief in die Nacht darauf lauern muß, bis er vom Gastmahl zurückkehrt, wenn man bei Hitze und Kälte wachen muß? Und es gibt Menschen, die meinen, daß aus solcher Mühsal das Leben bestehe. Sie wälzen sich in diesem Schmutz und sehen es als Vergnügen an und empfinden es als Genuß, das zu tun und zu erleiden. Als ob immer noch ein Unterschied bestehe zwischen der Gefangenschaft am Hofe und denen, die im Kriege gefangen wurden und den Türken als Sklaven dienen, oder als ob man den Fürsten ohne das Laster der Schmeichelei dienen könnte. Was sind denn das für Pflichten, die ich kurz vorher angeführt habe? Auch wenn du dich bemühst, diese genau aus-zuführen und zu erreichen versuchst, was Beifall finden könnte, so ist dennoch nicht sicher, ob der Fürst deinen Eifer anerkennt oder ob es dir von jenen besten Mithöflingen erlaubt wird, Gefallen zu finden.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

72     Hutten vergleicht die Härte der Fürsten mit der Grausamkeit des römischen Kaisers Caligula (37-41), der in Lyon verschiedenartige Spiele veranstalten ließ. Zu diesen zählte auch, wie Sueton berichtet „ein Wettkampf in griechischer und lateinischer Beredsamkeit; bei diesem – so sagt man – hätten die Besiegten den Siegern die Preise stiften müssen, auch seien sie genötigt worden, die Lobgesänge auf die Sieger zu komponieren. Denjenigen, die am meisten Mißfallenskundgebungen davongetragen hatten, habe man befohlen, ihre Machwerke mit der Zunge wie mit einem Schwamm zu tilgen, wenn sie es nicht vorzogen, mit der Gerte verhauen oder im nächsten Fluß untergetaucht zu werden“ (Edidit […] ludos et in Gallia Luguduni miscellos; sed hic certamen quoque Graecae Latinaeque facundiae, quo certamine ferunt victoribus praemia victos contulisse, eorundem et laudes componere coactos; eos autem, qui maxime displicuissent, scripta sua spongia linguave delere iussos, nisi ferulis obiurgari aut flumine proximo mergi voluerunt). Vgl. Suetonius in two volumes, ed. George Patrick Goold, translated by John Carew Rolfe, volume I, London, 1913, revised and reprinted 1951, reprinted 1979, De vita Caesarum, liber IV, Caius Caligula c. XX, S. 432. Iuvenal benutzte in seinen Satiren (I, 42-44) „das Reden am Altar von Lyon“ als geflügeltes Wort, mit dem er ausdrücken wollte, daß sich ein Redner in einer un-angenehmen Situation befindet. Vgl. Barrett, Anthony A.: Caligula. The Corruption of Power, London 1989, S. 132; 286 Anm. 25.


Nec minus danda opera, nequid aulici isti susurronesi impro-

bent, quam ipse ille Iupiter tuus ne offensam contrahat. Nam ubi assi-

duum te vident, ut iam frequentari in principis auribus incipias, meritum

omne tuum invertere student, [te] gravem vocantes ac importunum. Et si ascen-

dere quantuliscumque gradibus animadverterint, deiiciendi consilium ca-

piunt. Quorum studio factum est, ut inter abiectos nunc adcumbam. Certe

enim Fortunæ rota est, Caste, in hac vita, in qua quotusquisque, si ascen-

derit etiam, diu consistere potest? Et quis posset illic consistere, ubi vicis-

sim omnia fiunt, ut qui nunc sublimes sunt, rursus decumbant? et qui

paulo ante deprimebantur, nunc summo in orbe conspiciendi emineant ? ut

alius alium impellat, ut tuum illum æmulum, siquid tibi prospere succedit,

urat? Iam in illa pompa, quæ invidia est, quis quo loco ambulet? quæ

ambitio? Deinde prælibatoresj, cui malo exponunt se, præcepturi, si qua

illi domino mors destinata est. Atque adeo ne quid tutum, ne quid sit in

aula pacatum, aliquos vidi a Morionibus exoculatos, dum provocati illi

furiunt, quosdam ad mortem usque cæsos. Inter quas molestias, inter

quæ discrimina, quid tandem præmii, quid solatii est, Caste? Aut non sem-

per vigilandum, alteram in partem, ne tibi vilescat gratia, in alteram, ne

quid invidiæ suboriatur. Et forte officium petis, quod aut locatum iam est,

aut si vacet, plurimos habet competitores, quorum tu studio nisi par fueris,

quando tandem spes est, multis unum ante latum iri? Tum nonnunquam

in piratask incidit hæc navis.

CASTUS. Quos in piratas dic oro. Nam ut video omni a parte navi-

gatio est vita aulica.

MISAULUS. Quid aliud enim? nisi tu quicquam invenisti magis naviga-

tioni periculosæ etiam simile.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

i        Susurrones aulici in margine dextra.

j        Praegustatores principum in margine dextra.

k       Piratae in margine dextra.


Man muß ebenso Mühe darauf verwenden, daß diese höfischen Ohrenbläser nicht etwas miß-billigen, wie darauf, daß sich nicht dein Jupiter selbst eine Kränkung zuzieht. Denn sobald sie sehen, daß du ständig anwesend bist, daß du allmählich schon zunehmend häufiger beim Fürsten Gehör findest, bemühen sie sich, all dein Verdienst anders zu deuten, indem sie dich als lästig und ungeeignet bezeichnen. Und wenn sie wahrnehmen, daß du mit noch so kleinen Schritten nach oben kommst, fassen sie den Plan, dich zu stürzen. Durch deren Bemühung ist es geschehen, daß ich jetzt bei den Verachteten am Tisch sitze. Bestimmt gibt es das Rad der Fortuna in diesem Leben, Castus. Wie wenige können sich auf ihm lange halten, auch wenn sie nach oben gekommen sind? Und wer könnte dort verweilen, wo wiederum alles geschieht, damit die wieder hinunterfallen, die jetzt oben sind, und daß die, die kurz zuvor hinab-gestoßen wurden, jetzt auf der höchsten Stelle des Rades zu sehen sind und emporragen? So kommt es, daß der eine den andern veranlaßt, jenen deinen Rivalen anzustacheln, wenn dir etwas geglückt ist. Welche Eifersüchtelei gibt es bei jener schon erwähnten Prozession, an welcher Stelle wer mitgehen kann? Welche Mißgunst? Welchem Unheil setzen sich dann die Vorkoster der Fürsten aus, wenn jenem Herrn der Tod bestimmt ist und sie vorkosten. Und zum Beweis gerade dafür, daß es am Hofe keine Sicherheit, kein friedliches Leben gibt, habe ich Leute gesehen, die von den Hofnarren geblendet wurden, während jene gereizt rasten. Einige habe ich gesehen, die zu Tode geprügelt wurden. Welchen Lohn, welchen Trost gibt es bei diesen Unannehmlichkeiten, bei diesen Gefahren, Castus? Entweder man darf sich einer-seits nicht unermüdlich sorgen, daß dir die Gunst wertlos wird, oder andererseits, daß Miß-gunst aufkommt. Und vielleicht strebst du eine Stellung an, die entweder schon vergeben ist, oder, wenn sie frei ist, viele Mitbewerber hat. Wenn du deren eifrigem Bemühen nicht ge-wachsen bist, wann endlich besteht die Hoffnung, den vielen als einziger vorgezogen zu wer-den? Dann fällt dieses Schiff auch manchmal unter die Seeräuber.

CASTUS. Sage, bitte, unter welche Seeräuber? Denn ich sehe, das höfische Leben ist in jeder Hinsicht eine Seefahrt.

MISAULUS. Was kann es denn anderes sein? Es sei denn, du hast ein Leben gefunden, das einer gefährlichen Seefahrt sogar noch mehr gleicht.


CASTUS. Nihil esse credo.

MISAULUS. Proinde multos habeant insidiatores, multos etiam aperte

Inimicos, necesse est, qui multa possident. Unde si contigerit, ei apud quem

servis, bellum esse, ac in hostes tu incideris, et illi captum abducant, tum

quis redimit?

CASTUS. Quis enim alius; quam cuius id causa passus sim?

MISAULUS. At nemo minus, Caste. Nam tuum ibi patrimonium diffluit. Ac ipse te ut liberes opus est. Quod si immitiorem nactus sis piratam, car-

cerem, vincula, torturas tibi propono. Nonnunquam etiam mortem.

CASTUS. Duram valde conditionem narras.

MISAULUS. Quasi aliquid mite ferat aula.Vides igitur aliquot sæpe

milia; ob duorum homuncionum leviusculam contentionem, ex ambitione

sumptam forte, mutua se cæde conficere?

CASTUS. Video.

MISAULUS. Quid principum familiaritatem suspicis igitur?

CASTUS. Cum in mentem non venirent hæc, suspiciebam igitur?

MISAULUS. At nunc sapis?

CASTUS. Tuo beneficio.

MISAULUS. Quamobrem fortunatum te, qui alieno periculo caves73, me infelicem, qui sic pereo.

CASTUS. Ni fallor, bona principum pars ea facit, quæ de Syracusanol illo respondit

Diogenes. Nam interrogatus, quomodo amicis uteretur Dionysius, ut vasculis inquit,

dum plena evacuat, et abiicit vacua.74

MISAULUS. Sic est. Et iam prope arbitror, ut bene vacuum me eiiciat

ille, quando quidem longius esse mihi a limine, quam solebam videor. Ac

nisi me omnia fallunt, iam dudum illam exuo gratiam, quam diu serviendo

aucupatus eram, et quod pœnitendum maxime est, optimam vitæ partem,

et ætatis florem in aula perdidi inter sycophantas ac assentatores, inter

fastuosos congerrones, insidiosos convictores, inter magnificos Satrapas, re-

gios canesm

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

l        Dionysius Syracusanus in margine sinistra.

m      Regii canes in margine sinistra.


CASTUS. Ich glaube es nicht.

MISAULUS. Also ist es zwangsläufig, daß denen, die viel besitzen, viele nachstellen, daß sie sogar offensichtlich viele Feinde haben. Deshalb kann es dem Fürsten, bei dem du im Dienste stehst, zustoßen, eine kriegerische Auseinandersetzung zu haben. Wenn du in die Hand der Feinde fällst und dich jene gefangen wegführen, wer wird dich dann loskaufen?

CASTUS. Wer anders als der, dessentwegen ich das erlitten habe?

MISAULUS. Aber niemand weniger, Castus, denn dein Erbe zerrinnt dort und du mußt dich selbst freikaufen. Wenn du auf einen grausameren Seeräuber gestoßen sein solltest, versprech ich dir Kerker, Fesseln, Folter, manchmal auch den Tod.

CASTUS. Du sprichst von einer sehr harten Lage.

MISAULUS. Als brächte das Leben am Hofe ein friedliches Dasein mit sich. Siehst du da nicht oft, daß sich etliche Tausende wegen eines nichtssagenden, von ungefähr infolge des Ehrgeizes zweier Menschen begonnenen Streites gegenseitig umbringen?

CASTUS. Ich sehe es.

MISAULUS. Warum also blickst du ehrfürchtig zum vertrauten Umgang mit den Fürsten empor?

CASTUS. Ich blickte zu ihm auf, weil mir diese Gefahren nicht in den Sinn kamen.

MISAULUS. Aber jetzt kennst du sie?

CASTUS. Durch dein Entgegenkommen.

MISAULUS. O du Glücklicher, der du dich angesichts der Gefährdung eines anderen in Acht nimmst73, o ich Unglücklicher, der ich zugrunde gehe.

CASTUS. Wenn ich mich nicht täusche, macht ein Großteil der Fürsten, was Diogenes hin-sichtlich jenes berüchtigten Tyrannen von Syracus geantwortet hat: Denn gefragt, wie Dio-nysius mit Freunden umgehe, sagte er: „wie mit Gefäßen, wenn er volle leert und die leeren wegwirft74.

MISAULUS. So ist es, und ich glaube schon beinahe, daß der Fürst mich, fast geleert, hinaus-wirft, weil ich eben weiter entfernt von seinem Gemach zu sein scheine als gewohnt. Und wenn mich nicht alles täuscht, gehe ich schon seit längerer Zeit seiner Gunst verlustig, der ich in meiner langen Zeit des Dienens nachjagte. Was am meisten zu bereuen ist, ist, daß ich den besten Teil meines Lebens und die Blütezeit meines Lebens am Hofe vertan habe unter Schmarotzern, Schmeichlern, kalten Zechgefährten, tückischen Mithöflingen, unter prahleri-schen Statthaltern, königlichen Hunden

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

73     Vgl. Desiderii Erasmi Roterodami opera omnia (wie Anm. 1) Sp. 496 D, Chil. II, Centur. III Prov. XXXIX. Erasmus verweist bei dieser Redewendung auf Plinius, Naturalis historia (wie Anm. 19) liber XVIII, § 5, S. 150, wo es heißt: Optimum est, ut vulgo dixere, aliena insania frui (Am besten ist es, wie man allgemein sagt, aus fremder Torheit Nutzen zu ziehen). Auch erinnert er an den im Volke verbreiteten Spruch: Felix, quem faciunt aliena pericula cautum (Glücklich der, den die Gefahren anderer vorsichtig machen). Weitere ähnliche Redewendungen ebd.

74     Vgl. Diogenis Laertii Vitae philosophorum (wie Anm. 24). In Tomus II, liber VI, Diogenes, § 50, S. 268 heißt es allerdings: e)rwthqei\j pw=j xrh=tai Dionu/sioj toiªj fi/loij, e)/fh, w(j qula/koij, tou\j me\n plh/reij krhmnw=n, tou\j de\ kenou/j r(i/ptwn (Gefragt, wie Dionysius mit seinen Freunden verfahre, antwortete er: „Wie mit Geldbeuteln, die vollen hängt er sich um, wenn sie leer sind, wirft er sie weg“).


et homines, quorum ne in cœna quidem laudandus sit aliquis, inter

gloriosos milites ac illos, equitesn, qui sunt ipsi magis plerumque bestiæ,

quam eæ quas equitant, atque adeo inter Centauros75, inani spe, sine fructu,

duris semper modis fatigatus, ac delassatus, dum virebant genua, dum omnia

erant integra. Qui si hodie abiiciar, ac aliquis roget, quonam pacto in aula

consenuerim, quid aliud respondero, quam quod ille apud Senecam, in-

iurias patiendo, et gratias sæpe agendo?76

CASTUS. Vicem tuam doleo, Misaule, quanquam desperandum non puto.

Et forte tempus erit, cum lætius aliquid eveniet.

MISAULUS. In illius hoc, Caste, genibus situm est.77 Qui quomodo aliquid

daturus credetur, exhausto iam et inutili, cum omnia falso promiserit iu-

veni et valido?

CASTUS. Spes est hæc lubrica, quantum sapio.

MISAULUS. Te monitum igitur velim, ne tam periculosæ navigationi te

committas. Quid enim divitias sperat aliquis, inter tot egentes competitores?

Aut potentiam quid ambit, quam sine invidia habere non potest? aut quam

si habeat, cum periculo habeat? Cum de omnibus illi secum petentibus

male suspicentur. Porro quis nisi valde stultus, si hoc modo sit monitus,

in hac experiri nave sustinuerit, cuius præter alia tam spurca est, tam

fœda, ac tetra sentina?

CASTUS. Etiam sentina ibi molesta est?

MISAULUS. Etiam, ne quid ulli nautæ patiantur quod non commune

illis sit cum aulica familia. Igitur immundissimæ sunt in aula sordes, mira

obscœnitas. Primum cibus ut multis, ita negligenter apparatus, marces-

centibus sæpe ac rancidis carnibus, in vas nihil purius coniectiso, quibus

cum grylli se, muscæ, ac aranei et id genus

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

n       Equites in margine dextra.

o       Aulicae sordes in margine dextra.


und unter Menschen, von denen nicht einmal einer sich beim Mahle untadelig verhielt, unter prahlerischen Soldaten und unter jenen Rittern, Castus, die meistens mehr Tiere sind als die, auf denen sie reiten. Und so bin ich unter Kentauren75 von eitler Hoffnung, ohne Erfolg, im-mer mit harten Vorschriften müde geworden und ermattet, solange meine Kräfte noch unver-braucht waren und ich in jeder Hinsicht gesund war. Wenn ich heute weggeworfen werde und mich jemand fragen sollte, wie ich denn am Hofe alt geworden sei, was könnte ich dem ande-res antworten als jener Mann bei Seneca „indem ich Unrecht erlitten und oft gedankt habe“?76

CASTUS. Ich bedauere dein Los, Misaulus, obwohl ich glaube, daß man nicht verzweifeln darf. Vielleicht wird es eine Zeit geben, wo etwas Erfreulicheres in Erfüllung gehen wird.

MISAULUS. Dies liegt in der Macht dessen77, Castus, der, wie man von ihm glauben wird, einem schon Erschöpften und Unnützen etwas geben will, obwohl er doch alles trügerisch dem Jungen und Kräftigen versprochen hat.

CASTUS. Das ist eine flüchtige Hoffnung, soweit ich weiß.

MISAULUS. Ich will dich also gewarnt haben, dich einer so gefährlichen Seefahrt anzu-vertrauen: Warum erhofft einer Reichtum unter so vielen bedürftigen Mitbewerbern oder wa-rum bewirbt er sich um Macht, die er nicht ohne Mißgunst haben kann, oder wenn er sie hat, sie nur unter Gefahr hat? Denn jene, die sich mit ihm bewerben, beargwöhnen alle Mit-bewerber in übler Weise. Wer dürfte zudem, abgesehen von einem großen Toren, es auf sich nehmen, wenn er auf diese Weise gewarnt ist, eine Probefahrt auf diesem Schiff zu machen, dessen Kielwasser, von anderem abgesehen, so unflätig, so schmutzig und ekelhaft ist?

CASTUS. Auch über das Kielwasser empfindest du Mißbehagen?

MISAULUS. Auch darüber, damit nicht irgendwelche Seeleute etwas erdulden, was sie nicht mit der Familie am Hofe gemeinsam haben. Am Hofe nämlich ist der Schmutz unbe-schreiblich, es herrscht eine ungeheuere Unsauberkeit. Zunächst ist die Speise, da sie für viele zubereitet wird, auch nachlässig zubereitet, wobei oft das Fleisch ranzig und stinkig in ein Gefäß, das um nichts sauberer ist, geworfen wird. Mit ihm mischen sich Grillen, Fliegen, Spinnen und ähnliche Tiere,

 

 

 

75     Mit Kentauren, den Söhnen des Ixion und der Nubis und Fabelwesen der griechischen Sage mit mensch-lichem Oberkörper und Pferdeleib, bezeichnet Hutten seine adeligen Standesgenossen. Ovid (wie Anm. 11) nennt sie in Amorum libri I VI, 8 ambiguos [] viros (doppelgestaltig ), in II XII, 19 populum biformem (zwiegestaltig), und in Metam. (wie Anm. 7) XII 219ff. prangert er mit nam tibi, saevorum saevissime Centaurorum, Euryte, quam vino pectus tam virgine visa ardet, et ebrietas geminata libidine regnat (denn dir, Eurytus, dem grimmigsten der grimmigen Kentauren, glüht die Brust ebenso vom Wein wie vom Anblick der jungen Frau, und doppelte Trunkenheit beherrscht dich durch die Begierde) ihr tierisches Verhalten an. Sie ver-suchten nämlich die schöne Hippodamia beim Hochzeitsmahl zu entführen. Dazu ausführlich auch Giovanni Boccaccio (wie Anm. 7) Tomo primo, Liber septimus XXVIII. De Centauris [...], S. 944, und ebda XXIX: De Eurito, S. 944f.

76     Phalaris, Tyrann von Akragas, im 6. Jh. v. Chr. Für die spätere Zeit war er das Beispiel des grausamen Tyrannen. Indirekt nimmt Seneca in De tranquillitate animi auf ihn Bezug, wenn er sagt: Canus Iulius, vir in primis magnus, cuius admirationi ne hoc quidem obstat, quod nostro saeculo natus est, cum Gaio diu altercatus, postquam abeunti Phalaris ille dixit „ne forte inepta spe tibi blandiaris, duci te iussi“, „gratias“ inquit, „ago optime princeps“ (Canus Julius war einer der bedeutendsten Männer, dem nicht einmal die Tatsache schadet, daß er in unserem Jahrhundert geboren ist. Mit Gaius hatte er einen langen Wortwechsel. Nachdem dieser ihm beim Weggang gesagt hatte: „Mach dir nur ja keine törichte Hoffnung, ich habe befohlen, dich zur Hinrichtung abzuführen“, antwortete er: „Ich danke dir, bester Fürst“). Vgl. L. Annaei Senecae Dialogorum libri duodecim, ed. Leighton D. Reynolds, De tranquillitate animi, Oxford 1977, liber IX, c. 14, S. 232.

77     Huttens Formulierung In illius genibus situm est (es liegt in der Macht der Götter) geht auf tau=ta qew=n e)n gou/nasi kei=tai bei Homer zurück. Vgl. Homeri Opera (wie Anm. 1) Tomus III, liber I, V 267, V 400 u.a.


animalia miscuerunt. Aut quæ vermes iam pepererant.

Atque hæ quales quales sunt semicoctæ tibi nonnunquam

apponuntur. Iuxta insipidum, olus, aut legumina utcunque com-

mixta, aut pisces iam diu ante mortui, aut aliquid his multo spurcum

magis. Vinum aut acidum aut quod ab alia sumptum mensa est, de quo

biberat forte barbatus aliquis, barbam profuso nuper iure conspurcatam

habens. Qui adsident, hesternam crapulam olent et quiddam eructant

odiose fœtidum. Quorum aliquis percacatis sedet foemoralibus, vini impetu

emollita alvo, aut apud ipsam statim mensam vomit. Nam ita frequenter

hæc fiunt in aula, ut quocunque tempore abs te aliquis percontetur, quid

agatur ibi, recte illi respondeas, bibitur, vomitur, effunditur p. Huc adde

quod non hominum tantum, sed bestiarum etiam ferendus est fœtor, ca-

num excrementisq tota referta aula, adversus quæ obthurasse nares, adeo

est inurbanum et inelegans, ut in fabulam quoque venire soleat, qui facit.

Quare, ut feras, assuefieri te oportet, tum alibi, tum vero in ipso etiam tri-

clinio, sumentem iam cibum. Quanquam ut non sint etiam ista, nihil est

alioqui lautum ibi, nihil est mundum, insyncera omnia, crassum ac multo

semper iure impinguatum mantiler, ut digitis hærens quoquo trahas sequa-

tur. Calices situ oppleti ac feculenti, mirum in modum sordidatæ patinæs,

iuxta inquinata alia ac obscœna, et odore ut plurimum teterrimo. Noctu

autem quæ commoditas quiescendi, inter obstreperos potatores? Quorum ille

a)mouso/taton aliquid nocte iam concubia, quod omnium asinorum ruditum

superet, occinit. Alius vino disertus, aliquot sæpe horas declamat, inconditis

tibi fabulis somnum interturbans.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

p       Quid agitur in Aula? Bibitur in margine sinistra.

q       Canum excrementa in margine sinistra.

r        Mantile.

s       Calices/Patinae in margine sinistra.


oder auch solche Tiere, welche schon Würmer hervorgebracht hatten. Und das Fleisch wird dir manchmal halbgar vorgesetzt. Daneben werden dir ranzig schmeckendes Öl oder Hülsen-früchte, wie auch immer gemischt, oder schon lange tote Fische oder Speisen, die noch viel schmutziger als diese sind, vorgesetzt. Der Wein ist entweder sauer oder Wein, der von einem anderen Tisch genommen worden ist und von dem vielleicht irgendein Bärtiger getrunken hatte, dessen langer Bart vor kurzem, wie es nicht anders sein kann, mit Suppe beschmutzt war. Die mit am Tische sitzen, riechen nach dem gestrigen Rausch und würgen etwas häßlich Stinkendes heraus. Von diesen sitzt einer da, mit von Exkrementen verschmutzten Ober-schenkeln, mit einem durch die Gärung des Weines aufgeblähten Bauch, oder übergibt sich sofort am Tisch. Denn das geschieht so häufig am Hofe, daß, wann auch immer einer dich fragt, was dort geschieht, du ihm mit Recht antworten kannst „Es wird getrunken, es wird er-brochen, es wird verschüttet.“ Zudem ist nicht nur der Geruch der Menschen, sondern auch der der Tiere zu ertragen. Der ganze Hof ist voll von den Ausscheidungen der Hunde. Gegen diese die Nasen verstopft zu haben, gilt als sehr unhöflich und unfein. So kommt für gewöhn-lich, wer das macht, ins Gerede. Deshalb mußt du dich an die Tiere gewöhnen, bald hier und dort, bald auch im Speisesaal selbst, wenn du das Essen einnimmst. Freilich, wenn dies nicht der Fall sein sollte, so ist im allgemeinen nichts gewaschen, nichts sauber, alles schmutzig. Das Tischtuch ist schmierig von Fett und reichlich Suppe, so daß du mit den Fingern kleben bleibst, und wohin du diese auch ziehst, jenes hängen bleibt. Die Becher sind voller Schimmel und scheußlich, die Teller außerordentlich schmutzig, daneben das andere Geschirr besudelt und ekelhaft und hässlich riechend wie das meiste. Was gibt es da für eine angenehme Ruhe in der Nacht unter Trinkern, die sich überschreien? Einer von ihnen, ein völlig Unmusika-lischer, singt zu nachtschlafender Zeit etwas, was das rauhe Gebrüll aller Esel übertrifft. Ein anderer, vom Wein redselig, deklamiert oft einige Stunden lang, mit seinen wirren Erzäh-lungen dir den Schlaf störend.


Forsitan et eundem tecum sortitur lectum, aut ex ebriis illis unus,

aut qui ex morbo putet, ac scabie infectus est, aut cui spurce

olet anima, vel qui aliis tibi modis est molestus. Adde lectost,

non impuros tantum, sed et pestilentes sæpe, ubi ille dormierat paucis ante

diebus, morbo Gallico adesus, ubi leprosus aliquis desudaverat. Lodicesu

sextum ante mensem loti, in quibus se volutarunt morbosi illi, unde mul-

tam saniem, multum pus exceperunt. Atque hæc omnia tunc magis obii-

ciuntur, quando vaga est aula, ut in aliis ac aliis diversoriis pernoctandum

sit, humi nonnunquam, vix raris substratis tibi stipulis, aut pediculosa

aliqua culcitra inter cimices, et conserta pulicum examina.

CASTUS. Capio, et videre memini ebrios illos modis omnibus im-

mundos.

MISAULUS. Tunc cum in suis illis versarentur delitiis?

CASTUS. Cum eodem in triclinio alii biberent, alii vomerent, nonnulli

invicem sibi oppederent.

MISAULUS. Tunc cum ille iaceret iam victus potator, ac inter dormien-

dum vomeret, inter vomendum dormiret, excubantibus iuxta canibus, qui

defluentes mediotenus palato sordes elamberent.

CASTUS. Cum alii scorta, taxillos alii poscerent.

MISAULUS. Non iam ignoras igitur, cuiusmodi tibi, si huc concedas, ex-

haurienda sentina sit. Quodsi cum ipso nonnunquam principe seorsum

cœnes, ut laute omnia parata, eleganter apponantur, non audes per vere-

cundiam apposita sumere, ac Tantali78 more, in copia eges. Vel te interficiunt,

ibi aut morbis omnibus obnoxium reddunt, varia ciborum genera, si appo-

sitis iis continere te facile non possis, quin nimium edas. Ibi etiam longo

intervallo missus importantur. Ac ea ut plurimum hora cibus sumitur quæ

tibi minime convenit.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

t        Lecti in margine dextra.

u       Lodices in margine dextra.


Vielleicht bekommt er zufällig daßelbe Bett mit dir oder einer von jenen Betrunkenen oder einer, der infolge einer Krankheit faulig riecht und von Ausschlag angesteckt ist oder dessen Atem ekelhaft riecht oder der dir mit anderem lästig ist. Dazu sind die Betten nicht nur un-sauber, sondern oft auch gesundheitsschädlich. In diesen hatten vor wenigen Tagen jener Armselige, der von der französischen Krankheit hinweggerafft wurde, und ein Aussätziger geschwitzt. Die Bettlaken, in denen sich jene Kranken gewälzt haben, sind vor fünf Monaten gewaschen worden. Deshalb haben sie viel blutigen Eiter und Wundflüssigkeit aufgesaugt. Aber all diese Unannehmlichkeiten werden dir dann noch mehr begegnen, wenn der Hof auf Reisen ist, so daß man in der einen und anderen Herberge übernachten muß, manchmal auf dem Boden, wobei dir nur wenig Stroh oder irgendeine Matratze voll von Läusen als Unter-lage dienen inmitten von Wanzen und Schwärmen von Flöhen.

CASTUS. Ich verstehe und erinnere mich, gesehen zu haben, daß jene Betrunkenen in jeder Hinsicht ekelhaft sind.

MISAULUS. Obwohl sie doch in ihrem ersehnten Luxus leben sollten?

CASTUS. Während die einen im selben Speisesaal trinken, andere sich übergeben, einige auch sich gegenseitig verhöhnen.

MISAULUS. Da liegt schon ein Zecher dort überwältigt am Boden und erbricht sich während des Schlafes. Er schläft während des Erbrechens, und die Hunde wachen neben ihm und lecken das herabfließende Erbrochene bis in die Gaumenhöhle ab.

CASTUS. Während die einen nach Dirnen, die anderen nach Würfelspielen verlangen.

MISAULUS. Du weißt also schon sehr wohl, daß du ein derartiges Kielwasser austrinken mußt, wenn du dich hierher begibst. Wenn du manchmal abgesondert mit dem Fürsten selbst speisen solltest, so daß alles erlesen zubereitet und vornehm aufgetragen wird, wagst du aus Scheu nicht, von den vorgesetzten Speisen zu nehmen, und darbst nach des Tantalus78 Art trotz des Überflusses. Oder es kann sein, daß dich die verschiedenen Arten von Speisen töten oder dich allen Krankheiten ausliefern, wenn du dich nur schwer mäßigen kannst, zuviel von den vorgesetzten Speisen zu essen. Dort werden auch in langem Abstand die einzelnen Gänge hereingebracht, und zwar wird, wie ja meistens, zu einer Stunde das Essen eingenommen, die dir am wenigsten paßt.

 

 

 

78     Tantalus, Gestalt der griechischen Sage, Sohn des Zeus und der Nymphe Plotis, durfte an der Tafel der olympischen Götter teilnehmen. Er plauderte die Geheimnisse der Götter aus und entwendete Ambrosia und ließ sterbliche Freunde davon kosten. Eine andere Version besagt, daß er seinen Sohn Pelops schlachtete und den Göttern als Speise vorsetzte. Zur Strafe für seine Frevel wurde er in die Unterwelt verstoßen und muß dort die sprichwörtlich gewordenen Tantalusqualen erleiden, auf ewig unter Hunger und Durst leiden, obwohl er bis zum Kinn im Wasser steht und sich die herrlichsten Früchte über ihm in scheinbar greifbarer Nähe befinden. Siehe Hunger (wie Anm. 27) S. 388. Vgl. auch Ovid Amorum lib. (wie Anm. 11) II, II, 43f.: quaerit aquas in aquis et poma fugacia captat / Tantalus: hoc illi garrula lingua dedit (Nach Wasser trachtet im Wasser und hascht nach flüchtigen Äpfeln Tantalus: Das hat ihm seine geschwätzige Zunge eingebracht); Amorum lib. III VII, 51f. sic aret mediis taciti vulgator in undis / pomaque, quae nullo tempore tangat, habet (so schmachtet der Ausplauderer des Geheimen mitten im Wasser und hat Früchte, die er zu keiner Zeit berühren kann); Metam. IV 458 und X 41 (wie Anm. 7) tibi, Tantale, nullae deprenduntur aquae, quaeque imminet, effugit arbor (Tantalus, von dir wird kein Wasser erhascht, und der Baum, der sich herzuneigt, entflieht) und nec Tantalus undam captavit refugam (auch Tantalus haschte nicht nach dem zurückweichenden Wasser). Weitere Hinweise auf die Tantalusqualen finden sich auch in Amorum lib. III XII, 30, ebenso in Ars amatoria (wie Anm. 11) II 605, ebenso bei Horaz (wie Anm. 4) Satura I I, 68.In der Metam. VI 407f. weist Ovid auch auf das verbrecherische Tun des Tantalus an seinem Sohn hin: manibus mox caesa paternis membra ferunt iunxisse deos (man erzählt, daß die Götter bald die von der Hand des Vaters zerlegten Glieder vereint haben). Auch Giovanni Boccaccio (wie Anm. 7) Tomo secondo, Liber duodecimus I. De Tantalo, S. 1156ff., berichtet ausführlich über das Ver-brechen des Tantalus und seine Qualen.


Neque enim in aula tunc editur, quando homines esu-

riunt, aut tunc bibitur, quando sitiunt, aut suo tempore quiescitur. Omnia

confusa sunt, omnia intempestiva. Et forte expectandus est ille, qui aut in

venationem abest, aut ius dicit ac leges dat. Quæ omnia eo tendunt, ut

valetudinem negligas, ac corrumpas, ut febres, ut podagras, ut ulcera ac

pestes contrahas. Sed iam credo satisfeci, et tuæ, Caste, petitioni, et meo

in te studio, quo magis ad servitutem remittas iam me, atque audin so-

nare æs illud, quod me dixi ad officium vocaturum?

CASTVS. Audio, sed breviter adde aliquid si restat, Epilogi in modum.

MISAULUS. Quid vis addam, nisi ut te moneamv quo mare illud tot mo-

dis suspectum fugias ac vites. Ne unquam navigationi te committas tam

periculosæ, tam exitiosæ. Ne in rebus adeo dubiis, adeo incertis spem po-

nas. Ne tibi pedicas induas, ac spontaneam servitutem accersas, in qua

postea miser cum sis, non identidem sis miserabilis, cum ultro talis esse

volueris, et ex miseria voluptatem tibi petendam duxeris. Aut siquibus mo-

lestus aliquando extiteris, aulico illo turgens fastu, tunc cum multa tibi

arriderent. Aut vero quia insolenter quod vixeris, eos nunc adficias gau-

dio deiectus, quos invidia olim sublimatus. Moneo inquam, ne te ex com-

modiore vita in has tempestates, has procellas, unde emergere difficillimum

sit, abiicias. Ne ab animo exules. Et in his afflictionibus immunitatem ne

quæras. Utque memineris libertati renunciatum, ut primum in aulam te

mancipaveris, nisi servus non est, aut captivus non est, qui unam domum

egredi citra præscriptum non audet. Omnino, ut longum valere dicas aulæw,

in qua corrupta sunt omnia, ou)de/n u(gie/j79. Ubi difficultates miræ obiiciun-

tur, malis gratificatur. Ubi aliis opera impenditur, sibi malum accersitur.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

v       Admonitio in margine sinistra.

w      Aula in margine sinistra.


Denn am Hofe wird auch nicht dann gegessen, wenn die Menschen Hunger haben, oder dann getrunken, wenn sie Durst haben, oder man schläft auch nicht, wenn es Zeit ist. Alles ist in Unordnung, alles geschieht zu ungelegener Zeit. Und vielleicht muß man auch auf den Für-sten warten, der entweder auf der Jagd ist oder Recht spricht und Gesetze erläßt. Diese gesamte Unordnung zielt darauf ab, daß du auf deine Gesundheit nicht achtest und sie unter-gräbst, so daß du dir Fieber, Gicht, Geschwüre und die Pest zuziehst. Aber ich glaube, daß ich deiner Bitte, Castus, und meiner Fürsorge für dich bereits Genüge getan habe und daß du mich jetzt umso eher zu meiner Knechtschaft entläßt. Und hörst du nicht jene Glocke ertönen, von der ich gesagt habe, daß sie mich zu meiner Pflicht ruft?

CASTUS. Ich höre sie, aber füge noch kurz etwas als Epilog hinzu, wenn noch Zeit ist.

MISAULUS. Was kannst du noch wünschen, daß ich hinzufüge, außer dich zu ermahnen, jenes Meer, das auf so viele Weise unberechenbar ist, zu fliehen und zu meiden, damit du dich niemals einer so gefährlichen, so verderblichen Seereise anvertraust. Mögest du nicht auf so bedenkliche, auf so unsichere Dinge deine Hoffnung setzen, mögest du dir nicht Fußschlingen anlegen und freiwillige Knechtschaft einhandeln. Wenn du später in ihr unglücklich sein solltest, dürftest du nicht in gleicher Weise beklagenswert sein, da du ja aus freien Stücken so sein wolltest und glaubtest, aus dem Elend Freude zu ziehen. Oder wenn du, vom höfischen Dünkel aufgeblasen, einigen irgendwann, als dir viel Beifall zuteil wurde, zur Last gefallen bist. Es kann auch sein, daß du nach deinem Sturz nun die mit Freude erfüllst, die du einst nach deiner Erhöhung mit Mißgunst erfüllt hast, weil du ein anmaßendes Leben geführt hast: So warne ich dich, sage ich, dich wegen eines bequemeren Lebens in diese Unwetter, in diese Stürme zu werfen, aus denen man nur sehr schwer wieder herauskommen kann. Ich warne dich davor, dir selbst entfremdet, in der Verbannung zu leben lebst und in diesen Betrübnissen die Freiheit zu suchen. Ich kann dich nur noch daran erinnern, daß du auf die Freiheit verzichtest, sobald du dich an den Hof verkauft hast, außer der ist nicht Sklave oder Gefangener, der es nicht wagt, ohne Erlaubnis das Haus zu verlassen. Überhaupt denke daran, daß du dem Hofe, an dem alles verdorben und nichts gesund ist79, für lange Zeit Lebewohl sagst. Wo sich außerordentliche Widrigkeiten in den Weg stellen, werden den Niederträchtigen Gefälligkeiten erwiesen. Wo anderen Mühsal auferlegt wird, zieht man sich selbst das Verderben zu.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

79     u(gie\j mhde\ e(/n (Gesund ist überhaupt nichts) ist ein Ausspruch des Xremylos in der Komödie des AristophanesPluto‘. Hutten zitiert den Ausspruch des Xremylos, um auszudrücken, daß am Hofe nichts unverdorben ist. Siehe Aristophanis Comoediae (wie Anm. 31) Bd. II, Pluto, Vers 37.


Ubi optimum quod habemus, frustra tempus, conteritur. Tandem videsis

huic invenustæ venustati ne te capiendum præbeas, quo ne foris iucundis-

sime demulctus, intus acerbissime pertracteris, denique misere subverta-

ris. Nam quid refert, aureis te cathenis vinctum quis, an ferreis detineat?

Aut aliquid refert, a quo metallo piscis trahatur? In summa, ut mare esse

memineris aulam. De me, ut ab isto naufragio enatem, ipse videro.

CASTUS. Ubi faelicitatem tibi opto, et dabo ipse operam, ex te ut

profecisse videri possim, ac tibi multa libenter debeo, qui me in tempore

monueris.

MISAULUS. Tibi ego gratiam vicissim habeo, quod me non oscitanter

audiveris. Sed iam eundum est, tu vale, ac in longum vale, et extra au-

lam vale.

CASTUS. Et tu vale, ac liber esto!

MISAULUS. Quod diis videatur, Caste. Sed ecce Velinum80 video re-

verti a principe, quem de salario persolvendo moniturus, hodie accessit.

Interrogabo, quod respondum tulerit. Heus tu, Veline.

Audin, Veline: ti/ soi o¸ a©pw¿llwn kekuqa/risen;81


Wo das Beste, das wir haben, – die Zeit –, nutzlos vergeudet wird. Endlich, achte doch darauf, daß du dich nicht in die Gefangenschaft dieser anmutlosen Schönheit begibst, damit du nicht äußerlich durch größte Annehmlichkeit erfreut, aber in deinem Innersten aufs bitterste behandelt, schließlich auf elende Weise zugrunde gerichtet wirst: Denn was für ein Unterschied besteht, ob dich jemand in goldenen Ketten oder in ehernen gefesselt hält? Oder was für ein Unterschied ist, an welchem Draht der Fisch herausgezogen wird? Kurz zusammengefaßt, denke daran, daß der Hof das Meer ist. Für mich werde ich selbst sehen, wie ich aus diesem Schiffbruch herausschwimme.

CASTUS. Wobei ich dir Glück wünsche, und ich werde mir selbst Mühe geben, daß ich mit deiner Hilfe einmal sichtbar Fortschritte machen kann, und ich schulde dir gerne vieles, der du mich zur rechten Zeit gewarnt hast.

MISAULUS. Ich danke dir auch meinerseits, weil du mich nicht teilnahmslos angehört hast. Aber ich muß sofort gehen. Du lebe wohl und lebe lange wohl, und lebe außerhalb des Hofes wohl!

CASTUS. Auch du lebe wohl und sei frei!

MISAULUS. Was die Götter beschließen mögen, Castus. Aber, sieh da, ich sehe Velinus80 vom Fürsten zurückkehren, zu dem er heute gegangen ist, um ihn an die Auszahlung des Sol-des zu erinnern. Ich werde ihn fragen, welche Antwort er erhalten hat. Heda, Velinus. Hörst du nicht, Velinus, was hat dir dieser Apollo auf der Zither gespielt?81

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

80     Velinus scheint ein frei erfundener, sprechender Name zu sein, dessen lat. Wurzel velle (wollen) ist. Er bedeutet, daß einer etwas will.

81   Tiì soi o¨ 'Apo¿llwn kekiqa¿reken (Was hat Apollo dir auf der Kithara vorgespielt?) ist ein Zitat aus der Tragödie Aiax auf Locri des Sophokles, von der nur wenige Fragmente erhalten sind. Sophocles, The Plays and Fragments, edited with Englisch Notes and Introductions by Lewis Campbell, Volume II, Hildesheim, 1969, Fragment 14, S. 485. Auch Diogenian (wie Anm. 8) führt es in Tomus I, Centuria VI, Nr. 14, S. 165 in der ursprünglichen Bedeutung er hat geweissagt an. Die Entstehung der Redewendung ist darauf zurückzuführen, daß die Alten für gewöhnlich von einem Apollo (es soll drei gegeben haben) Antworten [auf Fragen] erhalten haben (a quo consueverunt antiqui responsa suscipere). Vgl. Giovanni Boccaccio (wie Anm. 7) Tomo primo, Liber quintus III. De Apolline II. Iovis secundi filio [...], S. 524ff. Das Sprichwort wurde später verwendet, um die Frage nach der Antwort des Fürsten auf eine Bitte zu umschreiben. Siehe Desiderii Erasmi Roterodami Opera omnia (wie Anm. 1) Sp. 642 E, Chil. II, Centur.VIII Prov. XVI.



Quellen- und Literaturverzeichnis

 

 

Quellen:

 

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Tutte le opere di Giovanni Boccaccio. A cura di Vittorio Branca, Arnoldo Montadori. Editore, Volume Settimo-Ottavo, Genealogie Deorum gentilium A cura di Vittorio Zaccaria, Tomo primo e Tomo secundo, 1. Aufl., Milano 1998.

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Desiderii Erasmi Roterodami opera omnia, emendatiora et auctiora, recognovit Johannes Clericus, Tomus I–X, MDXVII, unveränderter reprographischer Nachdruck der Ausgabe Leiden 1703, Hildesheim, 1961: Tomus Primus, Sp. 297-312, Libellus de iis qui mercede conducti in divitum familiis vivunt. Tomus Secundus, Complectens Adagia, Lugduni Patavorum, MDCCIII, Collectanea Adagiorum Veterum Argentoratianus in 4to edita.

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Literatur:

 

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Trillitzsch, Winfried: Der Brief Ulrich von Huttens an Willibald Pirkheimer, in: Ulrich von Hutten, Ritter, Humanist, Publizist 1488-1523. Katalog zur Ausstellung des Landes Hessen anläßlich des 500. Geburtstages, bearbeitet von Peter Laub und Ludwig Steinfeld (bis Oktober 1987), Kassel 1988, S. 211-229.

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Wulfert, Heiko: Ulrich von Hutten und Albrecht von Mainz, in: Ulrich von Hutten. Ritter, Humanist, Publizist 1488-1523, Katalog der Ausstellung des Landes Hessen anläßlich des 500. Geburtstages, bearbeitet von Peter Laub und Ludwig Steinfeld (bis Oktober 1987), Kassel 1988, S. 175-195.


Danksagung

 

 

Das Öffentlichmachen von Erträgen wissenschaftlicher Arbeit ist nicht umsonst zu haben. Es bedarf der Mäzene und Sponsoren, die fördern, was des Erinnerns wert ist. Ermöglicht hat die Drucklegung von Huttens „Aula“ eine großzügige finanzielle Zuwendung der Maximilian-Bickhoff-Stiftung an der Universität Eichstätt. Dieser Hilfe eingedenk sagen alle, die mit der Edition von Huttens hofkritischem Traktat befaßt waren, der Maximilian-Bickhoff-Stiftung herzlichen Dank. Dank schulden Herausgeber und Übersetzer insbesondere Volker Honemann, der die lateinische Transskription und die deutsche Übersetzung sowie die Einleitung und den Kommentar kritisch und sachkundig lektoriert hat. In kollegialer Verbundenheit hat sich Werner Paravicini des Textes angenommen. In seiner Eigenschaft als Vorsitzender der Residenzen-Kommission bei der Göttinger Akademie der Wissenschaften hat er sich dafür eingesetzt, daß Huttens „Aula“ als Sonderheft der Residenzen-Kommission in der jetzigen Form erscheinen kann.

Angeregt und auf den Weg gebracht hat die Edition von Huttens „Aula“ Rainer A. Müller (†). In dessen Lehre und Forschung an der Universität Eichstätt bildete der mittelalterliche und frühneuzeitliche Hof ein zentrales Thema. Seinem Andenken sei der Band gewidmet.

 

München, im April 2008                                                                                       Klaus Schreiner

 



Herausgeber und Übersetzer

 

 

Rainer A. Müller (†)

geb. 1944, gest. 2004. Studium der Geschichte und Germanistik in Münster, Innsbruck und München, 1968/69 Staatsexamen, 1971 Promotion, 1972-1982 wissenschaftlicher Assistent an der Ludwig-Maximilians-Universität München, 1982 Habilitation, 1983-88 (Ober-)Konservator am Haus der Bayerischen Geschichte, seit 1988 Professor für Ge-schichte der frühen Neuzeit an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt. Seit 1984 Mitherausgeber des Historischen Jahrbuchs, seit 1994 Mitherausgeber der Ab-handlungen zum Studenten- und Hochschulwesen, seit 1995 Herausgeber der Deutschen Geschichte in Quellen und Darstellungen, seit 1996 Herausgeber der Schriften der Augustiner-Chorherren von Windesheim. Forschungsschwerpunkte: Bildungs-, Universitäts- und Wissenschaftsgeschichte, Ordensgeschichte (Augustiner-Chorherrren, Jesuiten), Katholische Historiographie und Staatsrechtslehre, Politische Theorie, Historische Bildkunde, Hof- und Zeremonialgeschichte, Sozial- und Kulturgeschichte (Geschichte von Spiel und Sport).

 

Klaus Schreiner

geb. 1931 in Bad Friedrichshall am Neckar. Studium der Geschichte, der katholischen Theologie sowie der klassischen und mittellateinischen Philologie an der Eberhard-Karls-Universität Tübingen und an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Promotion 1961 und Habilitation 1968 in Tübingen. Von 1969 bis 1976 außerplan-mäßiger Professor für geschichtliche Landeskunde und historische Hilfswissenschaften an der Universität Tübingen, von 1976 bis 1996 ordentlicher Professsor für Geschichte des Mittelalters an der Universität Tübingen. Fellowships im Historischen Kolleg in München, im Wissenschaftskolleg zu Berlin und im Institute for Advanced Study in Princeton. Arbeitsschwerpunkte: Spiritualität und Sozialgeschichte des mittelalterlichen Mönchtums; Begriffs-, Bildungs- und Wissenschaftsgeschichte; Sozial- und Kultur-geschichte mittelalterlicher und frühneuzeitlicher Laienfrömmigkeit. Veröffent-lichungen in Buch - und Aufsatzform aus diesen Themen- und Problemfeldern.

Ernst Wenzel

Gymnasiallehrer a. D., geb. 1937 in Schmeil/Nordmähren im heutigen Tschechien. 1959 Abitur am Alten Gymnasium in Bamberg, danach Studium der Fächer Latein, Germanistik und Geschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. 1964 Staatsexamen in Latein und Germanistik, 1965 in Geschichte. Von 1966 bis 2002 Gymnasiallehrer an den Gymnasien Schrobenhausen und Gräfelfing/Ldkr. München. Arbeitsschwerpunkt: Übersetzung und Edition neulateinischer historischer und hagio-graphischer Texte



[1]       Vgl. dazu Kiesel, Helmut: ‚Bei Hof, bei Höll‘. Untersuchungen zur literarischen Hofkritik von Sebastian Brant bis Friedrich Schiller, Tübingen 1979, S. V-VI; Ders.: ‚Lang zu hofe, lang zu helle‘: Literarische Hofkritik der Humanisten, in: Legitimationskrisen des deutschen Adels 1200-1900, hg. von Peter Uwe Hohendahl u.a., Stuttgart 1979 (Literaturwissenschaft und Sozialwissenschaft, 11), S. 61, 73; Szabo, Thomas: Der mittel-alterliche Hof zwischen Kritik und Idealisierung, in: Curialitas. Studien zu Grundfragen der höfisch-ritterlichen Kultur, hg. von Josef Fleckenstein, Göttingen 1990 (Veröffentlichungen des Max-Planck-Instituts für Geschichte, 100), S. 231-301; Studt, Birgit: Exeat aula qui vult esse pius. Der geplagte Alltag des Hofliteraten, in: Alltag bei Hofe, hg. von Werner Paravicini, Sigmaringen 1995 (Residenzenforschung, 3), S. 113-136; Müller, Rainer A.: Hofstaat – Hofmann – Höfling. Kategorien des Personals an deutschen Fürstenhöfen der Frühen Neuzeit, in: Hofgesellschaft und Höflinge an europäischen Fürstenhöfen in der Frühen Neuzeit (15.-18. Jh.). Société de cour et courtisans dans l’Europe de l’époque moderne XVe-XVIIIe siècle, hg. von Klaus Malettke und Chantal Grell unter Mitwirkung von Petra Holz, Münster 2001 (Forschungen zur Geschichte der Neuzeit. Marburger Beiträge, 1), S. 52; Luttenberger, Albrecht P.: Miseria vitae aulicae. Zur Funktion hofkritischer Reflexion im Reich während der Frühen Neuzeit, in: ebd., S. 459-490; Grell, Chantal: La critique de la cour: la source des sermons, in: ebd., S. 439-446.

[2]       Siehe diese Arbeit S. 33. Im Folgenden beziehen sich alle Seitenangaben, für deren Provenienz keine Buch- und Aufsatztitel genannt werden, auf den Text der vorliegenden Edition.

[3]       Zur Biographie und zum literarischen Lebenswerk Huttens vgl. Honemann, Volker: Ulrich von Hutten, in: Deutsche Dichter der frühen Neuzeit (1450-1600). Ihr Leben und Werk, hg. von Stephan Füssel, Berlin 1993, S. 359-375, ebd., S. 364 zu Huttens „Aula“.

[4]       Zitiert nach Wulfert, Heiko: Ulrich von Hutten und Albrecht von Mainz, in: Ulrich von Hutten. Ritter, Humanist, Publizist 1488-1523. Katalog zur Ausstellung des Landes Hessen anläßlich des 500. Geburtstages, bearbeitet von Peter Laub und Ludwig Steinfeld (bis Oktober 1987), Kassel 1988, S. 182.

[5]       Siehe S. 25.

[6]       Wulfert, Ulrich von Hutten (wie Anm. 4) S. 179.

[7]       Mertens, Dieter: Der Preis der Patronage. Humanismus und Höfe, in: Funktionen des Humanismus. Stu-dien zum Nutzen des Neuen in der humanistischen Kultur, hg. von Thomas Maissen und Gerrit Walther, Göttingen 2006, S. 147.

[8]       Huttens „Aula“ ist im 16. Jahrhundert häufig gedruckt worden. Die damals angefertigten Drucke sind ver-zeichnet bei Benzing, Josef: Ulrich von Hutten und seine Drucker. Eine Bibliographie der Schriften Huttens im 16. Jahrhundert mit Beiträgen von Heinrich Grimm, Wiesbaden 1956 (Beiträge zum Buch- und Bibliotheks-wesen, 6), S. 49-53.

[9]       Siehe S. 39 und ebd., Anm. 5. Zum Folgenden vgl. S. 45-47, 55, 63ff.

[10]     Siehe S. 52: blanda pestis; S. 64: maximae aulae pestes.

[11]     S. 57.

[12]     S. 61.

[13]     S. 81.

[14]     Ebd.

[15]     S. 85.

[16]     S. 97.

[17]     S. 103.

[18]     Schreiner, Klaus: ‚Hof‘ (curia) und ‚höfische Lebensführung‘ (vita curialis) als Herausforderung an die kirchliche Theologie und Frömmigkeit, in: Höfische Literatur, Hofgesellschaft, Höfische Lebensformen um 1200, hg. von Gerd Kaiser und Jan-Dirk Müller, Düsseldorf 1986 (Studia humaniora, 6), S. 91. Zum Folgen-den siehe ebd., S. 91-94.

[19]     Schnell, Rüdiger: Hofliteratur und Hofkritik in Deutschland. Zur funktionalen Differenz von Latein und Volkssprache, in: Deutscher Königshof, Hoftag und Reichstag im späteren Mittelalter, hg. von Peter Moraw, Stuttgart 2002 (Vorträge und Forschungen, 48), S. 340. – Zu Enea Silvio vgl. auch Widmer, Berthe: Zur Arbeitsmethode Enea Silvios im Traktat über das Elend der Hofleute, in: Lettres latines du moyen âge et de la Renaissance, ed. Guy Cambiers, in: Collection Latomus 158 (1978) S. 183-206; Studt, Exeat aula (wie Anm. 1) S. 118-122.

[20]     Schnell, Hofliteratur (wie Anm. 19) S. 341.

[21]     Ebd., S. 342.

[22]     Ebd., S. 343f.

[23]     So Wulfert, Ulrich von Hutten (wie Anm. 4) S. 183: Der Dichter schildere in seinem Dialog „Aula“ „weniger seine eigenen Erfahrungen“, sondern arbeite nach „klassischen Vorlagen“.

[24]     Guajak ist der Name eines aus dem Holz des Guajakbaumes gewonnenen Heilmittels. Es bestand aus einem Aufguß des von den Fuggern aus Übersee importierten Guajakholzes. Während seines Aufenthaltes in Leipzig im Jahre 1507 hatte sich Hutten vermutlich mit der Syphilis infiziert. Deshalb unterzog er sich im Herbst 1518 in Augsburg einer sechswöchigen Guajakkur, nach der er sich als geheilt betrachtete. Ein „Gefühl religiös gestimmter Dankbarkeit“ bewog ihn, eine aus 26 Kapiteln bestehende Abhhandlung über das Guajakholz zu schreiben. Die Schrift, eine „Mischung aus Sachbuch und Erfahrungsbericht“, trägt den Titel ‚Vlrici de Hvtten eq. De Gvaiaci medicina et morbo gallico liber vnvs, Mogvntiae 1519‘. Siehe Ulrich von Hutten (wie Anm. 3) S. 427. Vgl. dazu auch Peschke, Michael: Ulrich von Hutten und die Syphilis, in: Ulrich von Hutten, ebd., S. 309-320, und Honemann, Volker: Erasmus von Rotterdam und Ulrich von Hutten, in: Ulrich von Hutten in seiner Zeit. Schlüchterner Vorträge zu seinem 500. Geburtstag, hg. von Johannes Schilling, Kassel 1988 (Monographia Hassiae, 12), S. 63f.

[25]     Uhlig, Claus: Hofkritik im England des Mittelalters und der Renaissance. Studien zu einem Gemeinplatz der europäischen Moralistik, Berlin u.a. 1973, S. 73.

[26]     Siehe S. 26-33.

[27]     Hutten wußte, wovon er schrieb. Die Türkenrede, die er auf dem Augsburger Reichstag von 1518 halten wollte, fiel einer zweifachen Zensur zum Opfer. „Weder erhielt Hutten Gelegenheit die Rede vorzutragen, noch konnte er sie so, wie er sie vorab an Peutinger geschickt hatte, für die Reichstagsbesucher drucken lassen, viel-mehr mußte er sich für den Druck während des Reichstags mit der Tilgung der antipäpstlichen Passagen, die er die ‚besseren‘ nannte, einverstanden erklären“ (Mertens, Preis der Patronage [wie Anm. 7] S. 147f.).

[28]     Wer sich Huttens Leseanweisung vorbehaltlos zu eigen macht, kann dann auch auf den Gedanken kommen, „das Ganze etwas als Scherz aufzufassen, wie die Übertreibungen schon andeuten“ (Benzing, Ulrich von Hutten und seine Drucker [wie Anm. 8] S. 49).

[29]     Siehe S. 33.

[30]     Kühlmann, Wilhelm: Edelmann – Höfling – Humanist: Zur Behandlung epochaler Rollenprobleme in Ul-rich von Huttens Dialog ‚Aula‘ und in seinem Brief an Willibald Pirckheimer, in: Höfischer Humanismus, hg. von August Buck, Weinheim 1989, S. 165.

[31]     Kiesel, Literarische Hofkritik (wie Anm. 1) S. 69.

[32]     Luttenberger, Albrecht P.: Miseria vitae aulicae. Zur Funktion hofkritischer Funktion im Reich während der Frühen Neuzeit, in: Hofgesellschaft und Höflinge (wie Anm. 1) S. 463f.

[33]     Mertens, Preis der Patronage (wie Anm. 7) S. 141.

[34]     Ulrici de Hutten equitis ad Bilibaldum Pirckheymer patricium Norimbergensem epistola vitae suae rationem exponens, in: Ulrichi Hutteni equitis Germani opera/Ulrich von Huttens Schriften, hg. von Eduard Böcking, Bd. 1, Leipzig 1859, S. 193f.: immatura res mihi tua videtur Aula […] quid enim si intempestivam nominassem. Der Brief Pirckheimers, in dem dieser Hutten solche Vorhaltungen machte, ist nicht überliefert. Geschrieben hat ihn Pirckheimer in den Monaten September/Oktober des Jahres 1518. Bruchstücke von Pirckheimers Reaktion auf Huttens Aula lassen sich aus der hier zitierten Antwort Huttens vom 25. Oktober 1518 erschließen.

[35]     In diesem Brief gibt Hutten seinem Freund Pirckheimer Rechenschaft über seine Lebensentwürfe, seine Lebensführung und seinen Hofdienst. Der Inhalt von Huttens Brief steht in engster Beziehung zu Huttens „Aula“. Beide Texte erhellen sich gegenseitig. Der Brief gehört „mit gutem Grund zu den wiederholt übersetzten und zitierten Dokumenten des deutschen Humanismus. Sein biographischer und epochengeschichtlicher Referenzwert ist beträchtlich“. In dem Brief, einer „situationsbezogenen Lebensbilanz und Selbstdarstellung“, „beleuchtet Hutten darüber hinaus die Bedingungen seiner Herkunft, d.h. die Lebenswelt des landsässigen Dienstadels wie auch seinen weiteren Werdegang mitbestimmenden sozialen Instanzen und gesellschaftlichen Handlungs-möglichkeiten“ (Kühlmann, Edelmann – Höfling – Humanist [wie Anm. 30] S. 161f.). Zu den lateinischen Editionen und deutschen Übersetzungen von Huttens Brief an Willibald Pirckheimer vgl. ebd., S. 161, Anm. 1; Mertens, Preis der Patronage (wie Anm. 7) S. 139 Anm. 47. Im Folgenden benutze und zitiere ich Trillitzsch, Wolfgang: Der Brief Ulrich von Huttens an Willibald Pirckheimer, in: Ulrich von Hutten (wie Anm. 4) S. 211-229.

[36]     Trillitzsch, Der Brief Ulrich von Huttens an Willibald Pirckheimer (wie Anm. 35) S. 226.

[37]     Ebd.

[38]     Ebd., S. 212.

[39]     Ebd.

[40]     Ebd., S. 214.

[41]     Ebd., S. 217.

[42]     Ebd., S. 222.

[43]     Press, Volker: Ulrich von Hutten und seine Zeit, in: Ulrich von Hutten (wie Anm. 4) S. 32.

[44]     Vgl. dazu Kühlmann, Edelmann – Höfling – Humanist (wie Anm. 30) S. 165; Mertens, Preis der Patronage (wie Anm. 7) S. 144.

[45]     Trillitzsch, Der Brief Ulrich von Huttens (wie Anm. 4) S. 221.

[46]     Mertens, Der Preis der Patronage (wie Anm. 7) S. 141.

[47]     Ebd., S. 140.

[48]     Vgl. dazu Kiesel, Literarische Hofkritik (wie Anm. 1) S. 69f.

[49]     Benzing, Ulrich von Hutten (wie Anm. 8) S. 49-52.

[50]     Künast, Hans-Jörg: ‚Getruckt zu Augspurg‘. Buchdruck und Buchhandel in Augsburg zwischen 1468 und 1555, Tübingen 1997 (Studia Augustana, 8), S. 239 Anm. 46. –„Hutten konnte sicher sein, daß die Augsburger Buchhändler dafür sorgten, daß seine Schriften in zwei bis drei Wochen in ganz Deutschland erhältlich sein würden“ (ebd., S. 239).

[51]     Deutsche Monatsschrift, Jg. 1792, May bis August, zweiter Band, S. 235-271.

[52]     Münch, Ernst Joseph Herman: Des teutschen Ritters Ulrich von Hutten sämmtliche Werke, Dritter Theil / Ulrici de Hutten equitis Germani opera quae extant omnia, Tomus tertius, Berlin 1823, S. 3f.

[53]     Benzing, Ulrich von Hutten (wie Anm. 8) S. 51, hat sie ausführlich beschrieben.

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