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Mitteilungen der Residenzen-Kommission
der
Akademie der Wissenschaften zu Göttingen

 

 

 

Jahrgang 5 (1995) Nr. 1

 

 

 

 

Residenzen-Kommission
Arbeitsstelle Kiel

 

 

ISSN 0941-0937
 
Herstellung:
Vervielfältigungsstelle
der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel
 
Titelvignette:
Vogelschau des Schloßgartens zu Eutin:
Aus dem Stichwerk:
Wahre Abbildung und umständliche Beschreibung der
Bischöffl. Residentz und Garten ... zu Eutin ...,
hg. v. Johann Christian Lewon, Augsburg 1743.
 


Inhalt
 

Vorwort S. 5

Aus der Arbeit der Kommission S. 6

Langzeitprogramm S. 8

5. Symposion: "Hofordnungen - Ordonnances de l'Hôtel
1200-1600". Programm und Aufruf S. 11

Böhmens "Sonderweg". Ein Leserbrief von Ivan Hlavácek S. 14

Die Arbeit der anderen S. 16

Aloys Winterling, "Hof" - Versuch einer idealtypischen
Bestimmung anhand der mittelalterlichen und frühneuzeit-
lichen Geschichte S. 16

Miriam Feldmann/Jan-Dirk Müller, Pragmatische Schriftlichkeit
im Umkreis des Heidelberger Hofes (15. Jahrhundert) S. 22

                Adrian von Buttlar, "Historische Gärten Schleswig-Holsteins" DFG-Projekt am Kunsthistorischen Institut der Christian-
Albrechts-Universität zu Kiel S. 30

Heide Wunder, Projektskizze des Forschungsvorhabens
"Konfession, Religiosität und politisches Handeln von Frauen
vom ausgehenden 16. bis zum Beginn des 18. Jahrhunderts". S. 33

Kolloquiumsberichte S. 35 "Palais et séjours royaux et princiers au moyen âge"
Internationales Kolloquium in Le Mans, 6.-8. Oktober 1994, von
Thomas Zotz S. 35

"Das Leben an den Höfen des Barocken Adels im 17. und in der
ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts". Kolloquium in Krumau,
10.-12. Oktober 1995, von Václav Buzek S. 38

"Früher Schloßbau und seine mittelalterlichen Vorstufen".
3. Tagung der Wartburg-Gesellschaft vom 24.-26. März 1995
auf Schloß Annettenhöh in Schleswig, von Christine Kratzke S. 39

Kolloquien, Ausstellungen, Jubiläen S. 46

Buchvorstellungen S. 55

Antje Wendt, Das Schloß zu Reinbeck, Neumünster 1994, von
Uwe Albrecht. S. 55

Klaus Flink, Der klevische Hof und seine Chronisten.
Verwaltungsschriftgut als Quelle und Mittel der territorialen
Geschichtsschreibung, Kleve 1994, von Detlev Kraack S. 56

Antoni Maczak, Travel in Early Modern Europe. Translated by
Ursula Philipps, Oxford 1995, von Detlev Kraack S. 60

Josef Wiesehöfer, Das antike Persien. Von 550 v. Chr. bis
650 n. Chr. München 1994, von Detlev Kraack S. 62

Neuerscheinungen S. 65

Die Arbeitsstelle Kiel S. 81


Vorwort

Langzeitprogramm, Idealtypus, Hofordnungssymposium

Welcher ist der wichtigste Beitrag zu diesem Heft?

Ist es das Langzeitprogramm, das die Kommission hiermit vorlegt, voller Hoffnung, daß es sich auch verwirklichen läßt - was nicht von unserem Geist und Schwung abhängt, sondern von einer Stelle, die uns nicht gewährt wird.

Oder ist es Aloys Winterlings überaus dichte idealtypische Definition des Hofes? Ich bin sicher, daß sie über den Tag hinaus Bedeutung behalten wird.

Oder ist es doch die Ankündigung unseres nächsten Kolloquiums, mit dem Aufruf, alsbald Vorträge anzubieten? Denn auch hier betreten wir Neuland und haben die Chance, im immer dichteren Gewühl der Residenz- und Hofesforscher (siehe die Rubrik: "Die Arbeit der anderen") geziemend mitzuhalten.

Natürlich sind dies rhetorische Fragen. Aber zugleich auch ein Beweis von Lebendigkeit. Wir veröffentlichen hier eben nicht nur Vereinsnachrichten.

Was gibt es sonst noch?

Im nächsten Heft ist endlich die Vorstellung des italienischen "Centro Europa delle Corti" zu erwarten, dessen Kolloquien in Piacenza und Ferrara über die Farnese und Herrschaft und Stadt in den lombardischen Fürstentümern wir im letzten Heft schon verzeichnet haben.

Detlev Kraack, wiederum stark im gegenwärtigen Heft vertreten, hat eine Stelle bei der Berliner Metropolenforschung gefunden und verließ deshalb zu Jahresbeginn die Redaktion der Mitteilungen. Aber er bleibt den Kieler Residenzenforschern aktiv verbunden. An seine Stelle trat, auch hinsichtlich der niederländischen Reiseberichte, der uns allen nicht unbekannnte Jan Hirschbiegel M.A. (vgl. Mitteilungen 3, Nr. 1, S. 11-25, u.ö.).

Zum Schluß eine Bitte: Wenn Sie den Mitteilungen einen Text zusenden wollen (bitte, tun sie es: nächster Redaktionsschluß: 1. Oktober 1995), dann schicken Sie ihn bitte ohne namentliche Anschrift an die Redaktion in Kiel oder persönlich an mich in Paris. Die jeweiligen Adressen sind, wie stets, auf der letzten Seite angegeben.

Werner Paravicini, Paris


Aus der Arbeit der Kommission

1. Nächste Kommissionssitzung.

Sie findet am 27. Oktober 1995, 11 h c.t. im Akademiegebäude in Göttingen statt. Da Anmeldungungen für die angebotene Nachmittagswerkstatt nicht vorliegen (vgl. Mitteilungen 4 Nr. 2 S. 5), entfällt diese.

2. Langzeitprogramm.

Ein "Langzeitprogramm" der Kommission wurde verabschiedet, das wenigstens für eine halbe Wissenschaftlergeneration unsere Ziele festschreibt (soweit dergleichen überhaupt möglich ist). Siehe den Text unten S. 8.

3. Symposien.

3.1. "Hofordnungen - Ordonnances de l'Hôtel" 1996.

Siehe Programm und Aufruf unten S. 11.

3.4. "Das Frauenzimmer - La chambre des Dames" 1998.

Die Planung, vorerst im Schatten des Kolloquiums 1996, wird fortgesetzt, immer im Gedanken an den möglichen Tagungsort Celle.

4. Reihe "Residenzenforschung".

4.1. Dieter Kerber (Koblenz), "Herrschaftsmittelpunkte im Erzstift Trier. Hof und Residenz im späten Mittelalter". Die Auslieferung wird täglich erwartet.

4.2. Kolloquium "Alltag bei Hofe". Die korrigierte 1. Fahne ging am 10. Mai 1995 an den Verlag zurück.

4.3. Kolloquium "Zeremoniell und Raum". Die allermeisten Mss. sind eingetroffen und zum Druck vorbereitet, doch fehlen noch einige, so daß sich der Druckbeginn noch bis in den Sommer oder gar Herbst hinziehen wird.

4.4. Mark Mersiowsky (Münster), "Die Anfänge der landesherrlichen Rechnungslegung im norddeutschen Raum", ist weiterhin in Bearbeitung.

4.5. Johann Kolb (Kiel), "Heidelberg. Die Entstehung einer landesherrlichen Residenz im 14. Jahrhundert", wird überarbeitet.

4.6. Michael Scholz (Göttingen), "Die Magdeburgische Residenz Halle 1503-1541", ist zum Druck angenommen und wird überarbeitet.

4.7. Liliane Châtelet-Lange (Mundolsheim), "Die Katharinenburg in Birlenbach (Unterelsaß), ein Schloß des Pfalzgrafen Johann Casimir von Zweibrücken", ist in Vorbereitung.

5. Mitteilungen der Residenzenkommission.

Heft 4/2 und 5/1 sind erschienen. Es wird erwogen, den 5. Jg. der Mitteilungen durch eine kumulative retrospektive Bibliographie zu beschließen.

6. Das Projekt "Europäische Reiseberichte des späten Mittelalters. Eine analytische Bibliographie".

Teil 1: Deutsche Reiseberichte, bearb. v. Chr. Halm, ist 1994 erschienen, wohlwollend aufgenommen worden und hat sich bislang gut verkauft.

Teil 2: Niederländische Reiseberichte, bearb. v. D. Kraack/J. Hirschbiegel, wird der nächste Band sein, der veröffentlicht wird, doch ist mit dem Abschluß des Ms. nicht vor Ende 1996 zu rechnen.

Teil 3: Französische Reiseberichte, bearb. v. Chr. Halm/S. Baus, ist in Vorbereitung. S. Baus erhebt gegenwärtig in Paris Drucke, die in Kiel nicht greifbar sind. Mit dem Manuskriptabschluß ist jedoch nicht vor Ende 1997 zu rechnen.

Für weitere Teile: England, Italien, Spanien, Ostmitteleuropa ist noch kein Bearbeiter in Aussicht genommen.

7. Projekt "Hof- und Verwaltungsordnungen", hier: Niedersächsischer Reichskreis (P. Johanek, Münster).

Es ist zu hoffen, daß es demnächst wieder vorangeht.

8. Stellensituation.

Die Stellensituation ist unverändert: Ein hauptamtlicher, promovierter Mitarbeiter bleibt der Kommission versagt. Neben Chr. Halm und D. Kraack/J. Hirschbiegel konnte jedoch, dank besonderem Einsatz der Akademie, für die Zeit vom 1. April bis 30. September 1995 auch S. Baus unter Werkvertrag genommen werden. D. Kraack ist zum 1. Januar 1995 ausgeschieden. Sein Nachfolger wurde J. Hirschbiegel.

Werner Paravicini, Paris

Nach längeren Beratungen im Kreise der Kommission wurden im Interesse einer kontinuierlichen, langfristigen Arbeit die wissenschaftlichen Ziele der Residenzen-Kommission definiert. Was hier beabsichtigt wird, ist keineswegs utopisch: Es fehlt bislang nur am notwendigen Geld. Aber fünf Jahre nach der Wiedervereinigung dürfen wir vielleicht auf Normalisierung hoffen.

Werner Paravicini, Paris

 


Langzeitprogramm der "Residenzenkommission" der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen

 

1. Ziel

Die Kommission strebt an, Grundlagen zu schaffen für die wissenschaftliche Beschäftigung mit den lange vernächlässigten Phänomen der Höfe und Residenzen als neuen politischen, sozialen und kulturellen Zentren im Reich des späten Mittelalters, von 1200 bis 1600, unter Einschluß der beträchtlichen Wirkungen bis hin zur Gegenwart. Das Ziel ist erreicht, wenn durch die Verzeichnung und Aufbereitung der einschlägigen Quellen und durch die Diskussion geeigneter Frageraster und Modellvorstellungen eine umfassende Beschäftigung mit dem Thema möglich geworden ist. Dafür soll eine erste Synthese in Handbuchform vorgelegt werden. Außerdem fördert die Kommission die Erarbeitung und Publikation von Monographien.

2. Veröffentlichungsorgane

(a) Buchreihe "Residenzenforschung"

(b) "Mitteilungen der Residenzenkommission"

Die "Mitteilungen" (ISSN 0941-0937) erscheinen gegenwärtig halbjährlich als Hefte von ca. 50-70 S. Umfang. Ein Ausbau zu einer echten Zeitschrift ist vorerst nicht geplant, doch ist er vorstellbar.
 

3. Repertorien, Hilfsmittel, Texte und Materialsammlungen (a) "Bibliographie europäischer Reiseberichte des Spätmittelalters"

(b) "Repertorium der deutschen Hof- und Verwaltungsordnungen"

(c) Edition von Textgruppen und von Einzeltexten
 

4. Monographien über einzelne Höfe und Residenzen oder über Gruppen derselben
Eine vollständige monographische Behandlung aller Höfe und Residenzen ist nicht beabsichtigt, doch erwünscht.

5. Kolloquien
sollen im Zweijahres-Rhythmus stattfinden, mit zunehmender Betonung des internationalen, jedenfalls europäischen Charakters in Teilnahme und Diskussion.

Nach "Alltag bei Hofe" und "Zeremoniell und Raum" könnten behandelt werden z.B. "Hof und Hofordnungen". "Das Frauenzimmer". "Fremde bei Hofe". "Das Gehäuse der Macht". "Die ideale Residenz". "Der Ort der Verwaltung". "Der Ort der Erinnerung". "Hofkirchen". "Tiergärten, Parks und Lusthäuser". "Repräsentation der Macht". "Residenz und Stadt". "Patrone und Klienten bei Hofe". "Große Höfe und kleine Höfe". "Hofämter". "Hofkunst". "Der Jahreslauf bei Hofe". "Der Hof im Kriege". "Engerer Hof und weiterer Hof". "Hofmodelle". "Wie groß war die Verspätung? Westeuropa, Südeuropa und die deutschen Höfe".

5. Synthese

(a) "Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich (1200-1600). Ein topographisches Handbuch"

(b) "Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich (1200-1600). Ein systematisches Handbuch in Einzelbeiträgen"

(c) "Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich (1200-1600). Ein Textbuch"

(d) "Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich (1200-1600). Ein Bildbuch"

 

6. Personelle Voraussetzungen und Zeitvorstellungen
Dieses Programm läßt sich nur verwirklichen, wenn (a) wenigstens eine Stelle eines wiss. Mitarbeiters, (besser wären zwei Stellen) für die dauernden organisatorischen und redaktionellen Aufgaben zur Verfügung steht;

(b) zwei wiss. Hilfskräfte dabei unterstützen;

(c) durch Einwerbung von Drittmitteln weitere wiss. Mitarbeiter für konkrete Projekte eingestellt werden können;

(d) freiwillige Mitarbeiter an Universitäten, Forschungsinstituten, Archiven und Bibliotheken gewonnen werden. Hierfür wäre die Einrichtung eines Graduiertenkollegs o. ä. anzustreben.

Ist dies alles der Fall, insbesondere aber die Einrichtung einer ständigen Arbeitsstelle, kann das Programm in ca. 10-15 Jahren durchgeführt werden.

 

Beschlossen auf der 8. Sitzung der Residenzenkommission am 27. September 1994 zu Potsdam. Revidiert aufgrund schriftlicher Stellungnahmen abwesender Kommissionsmitglieder am 18. Dezember 1994 zu Paris.
 

 gez. Werner Paravicini

Vorsitzender


5. Symposium "Hofordnungen - Ordonnances de l'Hôtel 1200-1600"
 

Im Herbst des nächsten Jahr ist es wieder soweit: In Zusammenarbeit mit dem Deutschen Historischen Institut und dem Staatsarchiv Sigmaringen veranstaltet die Residenzenkommission ihr 5. internationales Symposium, und zwar vom

 

Donnerstag, dem 3. Oktober 1996 (Anreise)

bis zum

Sonntag, dem 6. Oktober 1996 (Abreise)

 
Der Tagungsort wird Sigmaringen sein, wo sich außer dem Staatsarchiv auch das Verlagshaus Thorbecke und womöglich das Fürstenhaus beteiligen werden.

Im Zentrum des Interesses steht diesmal ein Quellentypus, der früher oder später im ganzen spätmittelalterlichen Europa begegnet: Die Hofordnung. Diese Textgattung gibt allein einen Begriff vom gesamten Hofpersonal, vom Hofmeister und Kammerherrn bis zum Heizer und Küchenjungen. Ziel der Veranstaltung wird es sein, zum ersten Mal überhaupt eine europäische Gesamtübersicht zu geben und zugleich ein erstes, wenigstens das Reich umfassendes Hofordnungsverzeichnis in Einzelbeiträgen zu erarbeiten. Denn vermutlich wird das Kolloquium doch aus einer Reihe regionaler Studien von Fachleuten für einzelne Höfe bestehen. In diesem Planungsstadium seien doch jedoch einige systematische Fragen vorangestellt, die quer zur Geographie und Chronologie behandelt werden könnten:

(1)
Weshalb Hofordnungen? Verschriftlichung, Ordnung, Bürokratie und die Macht
 

(2)
Wen repräsentieren Hofordnungen? Enger Hof und weiter Hof im Spiegel der Texte
oder: Wen nennen die Hofordnungen und wen nennen sie nicht?
 

(3)
Wie funktioniert Hofdienst? Die Hofordnungen als Dienstanweisungen
 

(4)
Finanzdokumente oder Zeremonialordnungen? Der starre Hof und der Hof in Bewegung
 

(5)
Einmalige Texte? Fortschreibung und Erneuerung von Hofordnungen
 

(6)
Eine Bewegung von Westen nach Osten, von Süden nach Norden? Das europäische Kulturgefälle und die Hofordnungen
 

(7)
Diplome, Rotuli, Hefte, Arbeitshandschriften oder Prachtcodices? Diplomatik und Kodikologie der Hofordnungen im Kreis der Dokumente über Verwaltung und Hof
 

(8)
Wanderung der Texte? Der Austausch von Hofordnungen in Europa
 

(9)
Wer steht nicht in den Hofordnungen? Nicht betroffene und ausgegliederte Teile des Hofes
(z.B. Jagd, Kapelle, Kanzlei, Gericht, Armee)
 

(10)
Orte der Hofordnung? Die Residenzen und die normativen Texte
 

(11)
Wurden sie befolgt? Hofordnungen in der Praxis

 
Angeregt von solchen und anderen Fragen sollten wir nicht nur versuchen, das Reich möglichst umfassend zu behandeln, sondern sollten England, Frankreich, Burgund, Spanien und Italien angemessen berücksichtigen, schon allein des Vergleichs und des möglichen Vorbilds wegen. Ich sehe die Veröffentlichung auch solcher Texte vor, die eingesandt aber nicht vorgetragen wurden. Eine Reihe von Vortragsangeboten liegt mir schon vor. Bei einer Redezeit von 30 Minuten wäre Platz für insgesamt 12 Referate in drei bis vier Sitzungen.

 

Bitte senden Sie ihre Vortrags- bzw. Beitragsanmeldung

zusammen mit einer Skizze der geplanten Mitteilung

in der Länge von maximal einer Seite

- bis zum 1. Juli 1995 -

an Dr. Holger Kruse

Deutsches Historisches Institut

Hôtel Duret de Chevry

8, rue du Parc-Royal

F - 75003 Paris

Dr. Kruse wird mit mir zusammen das Kolloquium vorbereiten.

Zum Schluß als Literaturangabe für Eilige der Hinweis auf den Art. "Hofordnungen" von K.-H. Ahrens im Lexikon des Mittelalters, Bd. 5, 1990, Sp. 74-76. Und - natürlich - lesen Sie die folgenden Ausführungen von A. Winterling!

Werner Paravicini, Paris

Nichts freut den Autor und Berichterstatter mehr als wenn er gelesen wird. Hier ein solches Zeugnis aufmerksamer Lektüre, das gleichzeitig ein wichtiges Thema berührt: Welche Stellung nimmt die oft beobachtete gradlinige Entwicklung Prags zur Hauptstadt Böhmens im Europäischen Vergleich ein, zumal im mitteleuropäischen? Paradebeispiel einer Residenz oder böhmischer Sonderfall?

Werner Paravicini, Paris



Böhmens "Sonderweg". Ein Leserbrief von Ivan Hlavácek
 

Wie stets die Mitteilungen der Residenzen-Kommission so ist auch ihr letztes Heft inhaltsreich und lesenswert (Jg. 4, Heft 2). U.a. bringt es einen ausgedehnten Bericht Detlev Kraacks über das wichtige Berliner Juni-Kolloquium 1994, das die ostmitteleuropäischen Metropolen des Humanismus und der Renaissance auch den Abwesenden vorstellte. Die vertiefte Fortführung des Dialogs wird wohl erst aufgrund des gedruckten Protokolls möglich sein, heute wollte ich nur zu einer Bemerkung über den Vortrag Kubinyi's knapp Stellung nehmen, da es mir scheint, daß es sich auch allgemeiner um ein wichtiges Phänomen handelt, das breiteres Interesse verdient, das jedoch nicht ins richtige Licht gestellt wurde.

Auf Seite 38 heißt es, daß in Buda und folglich in Ungarn ein "poli- bzw. multizentrisches Modell" befolgt wurde, ähnlich wie in anderen Staaten, "etwa in Böhmen, Polen, im Reich" usw. Dem ist jedoch für Böhmen buchstäblich für alle Zeiten energisch zu opponieren, da dieses Land eben umgekehrt ein Musterbeispiel der zentralistischen Entwicklung in allen denkbaren Richtungen war, was auf der anderen Seite viele Ereignisse der politischen, kulturellen, kirchlichen, sozialen etc. Entwicklung erklären hilft. Nicht nur der Königshof (mit der nahezu vollständigen Grablege der ersten Familie des Königreichs in seiner dichtesten Nähe), Landgericht und (bis auf Ausnahmen) auch der Landtag, sondern auch die kirchliche Zentrale (Bistum und nachher Erzbistum), kulturelle Institutionen (Universität), das Zentrum des städtischen Rechtslebens im Lande (die Altstadt als Appellationszentrale für die Städte des größten Teils des Stadtrechtssprengels - nur für die Magdeburger Stadtrechtsfamilie war es Leitmeritz) waren hier ständig präsent, so daß man höchstens (das wohl mit vollem Recht) über eine Residenzenlandschaft sprechen könnte, wenn man weiß, daß es sich unmittelbar um zwei Burgen und vier Städte, sowie mehrere zentrale vorstädtische (sowohl örtlich als auch landschaftlich) Klöster außerhalb der Stadtmauer handelte. Die sich wiederholenden Reibereien zwischen dem König und Bischof sind oft eben Ergebnis dieser unmittelbaren Nähe, die der Herrscher manchmal mit Verlegung des Hofes aus der Prager Burg zu lösen versuchte: Wratislav nach Wyschegrad, Wenzel IV. in die Altstadt (andernorts residierte der Metropolit - wenigstens dem Titel nach - fast stets von der königlichen Residenz getrennt: Frankreich, England, Spanien, Polen, Ungarn, Skandinavien, aber auch kleinere Machthaber: die Habsburger, die Pfalzgrafen am Rhein, die Herzge von Bayern usw.). Freilich ist Mähren schon wieder etwas anderes, über andere Nebenländer der Böhmischen Krone gar nicht zu sprechen. So ist zusammenzufassen, daß eben Böhmen seinen Eigenweg ging, der in solcher Klarheit und Eindeutigkeit kaum anderswo zu verfolgen ist. Die detaillierte Herausarbeitung dieser spezifischen Lage Böhmens ist im Gange.

Ivan Hlavácek, Prag


Die Arbeit der anderen

 
J. Hirschbiegel hatte in den Mitteilungen 3 Nr. 1 S. 11-25 den Versuch unternommen, dem Phänomen des Hofes mit Hilfe der Systemtheorie beizukommen. A. Winterling geht von klassischen Begriffen der Soziologie aus und kommt nun zu Ergebnissen, die in ihrer unmittelbaren Verständlichkeit einen weiteren Fortschritt darstellen. Sein Referat auf dem dem letzten Historikertag in Leipzig war mir aufgefallen. Ich habe ihn gebeten, es uns in Vorveröffentlichung zur Verfügung zu stellen. Er hat es dankenswerter Weise ohne Umschweife getan. Daß der Althistoriker sich so vorzüglich in Mittelalter und Früher Neuzeit auskennt, wird angesichts des Titels seiner Dissertation weniger überraschen: A. Winterling, Der Hof der Kurfürsten von Köln 1688 - 1794. Eine Fallstudie zur Bedeutung absolutistischer Hofhaltung, Bonn 1986. Neues gibt es übrigens auch zur Ellias'schen Hoftheorie: Jeroen Duindam, Myths of Power. Norbert Elias and the Early Modern European Court. Amsterdam (Amsterdam University Press), o.J. [1994], 234 S.

W. Paravicini

 

"Hof" - Versuch einer idealtypischen Bestimmung anhand der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Geschichte

Eine Antwort auf die Frage, was die Einheit des Gegenstandes ausmacht, wenn von "Hof" die Rede ist, wird man in den in letzter Zeit in größerer Zahl erschienenen historischen Untersuchungen zu Höfen bestimmter Epochen und Kulturen ebensowenig finden wie z. B. in der älteren, universalhistorischen soziologischen Typologie Max Webers oder dem Koselleckschen Lexikon "Geschichtliche Grundbegriffe". Verschiedene Gründe dafür lassen sich benennen:

1. die Vielgestaltigkeit der als "Hof" bezeichneten historischen Gebilde;

2. die zeitliche Beschränkung der gesamtgesellschaftlichen Bedeutung von Höfen auf vorneuzeitliche stratifizierte Gesellschaften;

3. die durchgängige negative Bewertung von Höfen durch eine sie jeweils begleitende zeitgenössische Hofkritik;

4. die zum Teil noch verstärkte negative Bewertung und weitgehende Vernachlässigung von Höfen in der modernen Geschichtsschreibung; und schließlich

5. die "Überdetermination" von Höfen in dem prominentesten historisch-soziologischen Theorieansatz, dem von Norbert Elias. Die These vom absolutistischen Hof als einem Instrument der Domestikation des Adels, auf die seine vielschichtigen Untersuchungen meist reduziert werden, hat sich - so kann man wohl die neueste Forschung resümieren - als nicht haltbar erwiesen.

Dem Versuch einer idealtypischen Bestimmung allgemeiner struktureller Merkmale von Höfen anhand der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Geschichte kann zunächst der semantische Befund als Ausgangspunkt dienen.

 

1. Begriff

Die mittellateinischen Begriffe curia und curtis, das mittelhochdeutsche Wort hof und die neuzeitlichen Begriffe cour, court, corte und Hof haben eine weitgehend deckungsgleiche Bedeutung. Sie meinen im hier interessierenden Zusammenhang

1. in sachlicher und lokaler Hinsicht: den Aufenthaltsort, die Residenz eines Herrschers ("bei Hofe sein");

2. in sozialer Hinsicht: das Gefolge eines Herrschers, die in seiner Umgebung anwesenden Personen ("ein Mitglied des Hofes");

3. in zeitlicher Hinsicht: die herausgehobene Lebensführung in der Umgebung eines Herrschers ("Hof halten");

4. in kommunikativer Hinsicht besondere Verhaltensweisen in der Umgebung eines Herrschers (Wendungen wie "jemandem den Hof machen" und abgeleitete Begriffe wie curialitas, höveschheit, Höflichkeit, courtoisie etc.).

5. Die politische Bedeutung des Wortfeldes "Hof" variiert: Im Mittelalter bezeichnet es vor allem die Versammlung der "Großen" eines Reiches um den Herrscher zur Beratung und Rechtsfindung ("Hoftag"). In der Wendung "Hofstaat" meint es seit der frühen Neuzeit die institutionelle Seite des Hofes, die Organisation von adligen Hofämtern, deren Aufgabe neben der Versorgung des Hofherrn auch Regierung und Verwaltung seines Herrschaftsgebietes umfaßt. Schließlich kann "Hof" insgesamt die Bedeutung "Regierung/Staat" annehmen ("ein Abgesandter des französischen Hofes").

Ausgehend von dieser Begrifflichkeit läßt sich "Hof" definieren als das erweiterte "Haus" eines Monarchen. Dabei meint "Haus" eine räumlich-sachliche, soziale, wirtschaftliche und herrschaftliche Einheit im Sinne von Otto Brunners "ganzem Haus". Unter "Monarch" soll dasjenige Mitglied einer Adelsgesellschaft verstanden werden, das über das eigene "Haus" hinausgehende "politische" Herrschaft über andere, konkurrierende Adlige erfolgreich beanspruchen und dadurch monopolartig über gesellschaftlich knappe Güter wie Macht, Ehre und Reichtum verfügen kann. "Erweitert" meint in quantitativer Hinsicht, daß andere adlige "Häuser" an Umfang übertroffen werden, insbesondere durch die Anzahl derjenigen dauernd oder vorübergehend anwesenden Personen, die nicht zum "Haus" im ursprünglichen Sinn gehören. Es bedeutet in qualitativer Hinsicht, daß sich die sozialen Beziehungen an einem Hof durch besondere Strukturen der Kommunikation und Organisation sowie durch gesamtgesellschaftliche Funktionen von denen in adligen "Häusern" unterscheiden.

 

2. Kommunikative Strukturen

Zum Hofhalten ist die Anwesenheit des "Hofes" am "Hof" erforderlich. Das Zusammenfallen der sachlichen, personalen und zeitlichen Bedeutung weist darauf hin, daß sich ein Hof durch Interaktion, d. h. eine Form der Kommunikation, die Anwesenheit voraussetzt, konstituiert und von einer gesellschaftlichen Umwelt abgrenzt. In dieser Hinsicht ist er vergleichbar mit einer Festgesellschaft unserer Zeit, für deren Zustandekommen ebenfalls die persönliche Anwesenheit der Festteilnehmer Voraussetzung ist. Aus der konstitutiven Bedeutung von Anwesenheit ergibt sich die Differenzierung eines Hofes in verschiedene Personenkreise je nach Häufigkeit der Anwesenheit: In der Regel läßt sich ein "enger Hof" täglich Anwesender von einem "weiten Hof" nur gelegentlich Erscheinender unterscheiden. Für die Interaktionen insbesondere dieses "engen" Hofes lassen sich charakteristische Strukturen feststellen.

Die politische Rolle des Monarchen, seine Möglichkeit, Zugang zu begehrten Gütern zu gewähren, hat die Attraktivität der Anwesenheit in seiner Umgebung für einen Personenkreis zur Folge, der nicht zu seinem "Haus" im ursprünglichen Sinne gehört. Durch diese freiwillige Unterwerfung unter die Hausherrschaft ändert sich deren Charakter. Herrschaftliche Kommunikationsformen, Befehl und Gehorsam, werden an einem Hof weitgehend überflüssig: Da ein Höfling von der Stellung des Monarchen zu profitieren sucht, wird er sich aus eigenem Antrieb so verhalten, wie es der Herrscher erwartet.

Die abgeleitete Teilhabe an der herrscherlichen Verfügung über gesellschaftlich knappe Güter an einem Hof ist "Gnade" oder Gunst. Sie wird vom Herrn vergeben, symbolisiert die persönliche Nähe und Zugangsmöglichkeit zu ihm und bestimmt dadurch den Status der einzelnen Mitglieder einer Hofgesellschaft. Da die Ansprechbarkeit einer Einzelperson in Interaktionssituationen begrenzt ist und daher auch Gunst ein knappes Gut ist, ergibt sich einerseits eine Hierarchie nach Maß der Gunst, über die der einzelne verfügt, andererseits eine Rivalität der Höflinge um die Gunst des Herrschers. Dessen formal freie Entscheidung über die Verleihung von Gunst und seine Beeinflußbarkeit durch rivalisierende Höflinge haben zur Folge, daß höfische Hierarchien üblicherweise von hoher Labilität sind: Unerwarteter Aufstieg ist für die Karriere eines Höflings ebenso typisch wie sein plötzlicher Sturz, das "In-Ungnade-Fallen".

Die damit gegebenen Chancen und Risiken des Lebens am Hof haben üblicherweise opportunistisches Verhalten der Hofgesellschaft zur Folge. Eine Konkurrenz um Gunst erfordert die Anpassung des Verhaltens an das, was der, der Gunst verleiht, als positiv empfindet. Je nach historischer Situation und insbesondere nach dem persönlichen Format des Hofherrn kann diese Grundsituation ganz unterschiedliche Auswirkungen auf das konkrete Verhalten der Hofgesellschaft haben: Sie kann zu allgemeiner Bildungsbeflissenheit wie am Hof Karls des Großen, zu häufigen Trinkgelagen wie an vielen deutschen Fürstenhöfen des 16. Jahrhunderts, zu tabakrauchenden Männergesellschaften wie unter dem preußischen "Soldatenkönig" Friedrich Wilhelm I., zu ausgeprägter Frömmigkeit wie am Hof der Grafen von Isenburg und Wittgenstein im 18. Jh. oder zu außergewöhnlicher Jagdbegeisterung wie am Hof des Kölner Kurfürsten Clemens August führen.

Da es vermutlich als anthropologische Konstante gelten kann, daß Menschen Lob angenehmer empfinden als Kritik, ist die typische Folge jedoch unaufrichtige Kommunikation. Sie äußert sich in der von nahezu allen Höfen bekannten Schmeichelei gegenüber dem Herrscher und - umgekehrt - in Intrigen und Verleumdungen höfischer Konkurrenten.

Die skizzierten kommunikativen Strukturen sind als Kern des Phänomens "Hof" anzusehen. Sie lassen sich durch historische Beispiele belegen, spiegeln sich in der die Höfe fast regelmäßig begleitenden Hofkritik, sind der Grund für das lange Desinteresse historischer Forschung und zeigen sich noch in der gegenwärtigen umgangssprachlich-metaphorischen Verwendung des Wortes "Hof", das stets mit entsprechenden Assoziationen verknüpft ist. So schrieb - um ein beliebiges Beispiel anzuführen - ein bekanntes Hamburger Nachrichtenmagazin kurz nach der Wende rückblickend über den ehemaligen Staatsratsvorsitzenden der DDR und SED-Chef Erich Honecker, er sei persönlich dafür verantwortlich gewesen, "daß es in seinem Land von Jahr zu Jahr mehr Duckmäuser gab - Erich Honecker hielt hof und hielt sich seinen Hofstaat".

 

3. Organisation

Jeder Hof verfügt über Organisationen, d. h. soziale Gebilde, die an bestimmten Zwecken orientiert sind und zu deren Erfüllung über hierarchisch angeordnete Stellen verfügen. Üblich hierfür ist seit dem Mittelalter eine Viergliederung in die Bereiche Hofkammer, Hofküche, Hofkeller und Stallamt. Neben diesen an den persönlichen Bedürfnissen von Herrscher und Hof orientierten Ämtern verfügen die europäischen Höfe seit der frühen Neuzeit zusätzlich über weitere, im engeren Sinne politische Ämter zur Beratung des Herrschers und zur Ausübung von Verwaltungstätigkeit. Gegenüber älteren behördengeschichtlichen Forschungen, die den Hof meist im System seiner Ämter aufgehen ließen, ist jedoch zu betonen, daß sich Hofämter von modernen Behörden in verschiedenen Hinsichten grundsätzlich unterscheiden. So verkörpert der Herrscher hier selbst den Organisationszweck, während die Stelleninhaber den Status seiner persönlichen Diener haben. Voraussetzung für die Erlangung eines Hofamtes ist zunächst herrscherliche Gunst, deren Erhalt daher das primäre Ziel des Amtsträgers. Organisationen an Höfen sind dadurch eingebunden in höfische Interaktion und haben den Charakter geronnener Gunsthierarchien, die von oben - oft den praktischen Verwaltungszwecken zuwider - jederzeit umgeworfen werden können. Von der Gunsthierarchie durch persönliche (erbliche) oder ständische Appropriation losgelöste Organisationen von Hofämtern wie die mittelalterlichen Erzämter oder die in der frühen Neuzeit von den Ständen besetzten Ratsstellen unterliegen dagegen der Tendenz, politisch "kaltgestellt" zu werden.

 

4. Gesellschaftliche Funktionen

Da die Ansprechbarkeit einer Einzelperson begrenzt ist, bekommt ein Hof regelmäßig die Funktion eines Zentrums der Politik. Durch die Möglichkeit, den Herrscher zu beeinflussen, für andere den Zugang zu ihm zu gewähren oder zu verhindern, können die Personen in seiner Umgebung entsprechend ihrer Gunst am Hof ihrerseits andere begünstigen und so Macht außerhalb des Hofes ausüben. Für den Monarchen hat dies ambivalente Folgen. Einerseits wächst mit der Macht seines Hofes die Menge des von ihm -zumindest indirekt - Entscheidbaren: Sein Einfluß steigt, je mehr er sich beeinflussen läßt. Andererseits ergeben sich für ihn Probleme der Kontrolle über die Macht- und Einflußstrukturen. So kann einseitige Gunstvergabe zur Monopolisierung von Macht bei einem Höfling und in Extremfällen dazu führen, daß dieser dem Herrscher zum Rivalen wird oder einen potentiellen Rivalen, etwa aus dessen Familienkreis, protegiert.

Die am meisten ins Auge fallende gesellschaftliche Funktion des Hofes ist die der Repräsentation politisch-sozialer Rangverhältnisse. Generell gilt für Adelsgesellschaften, daß der eingenommene oder beanspruchte Rang des Einzelnen einer äußeren, sichtbaren Manifestation bedarf. In diesem Zusammenhang hat ein Hof üblicherweise die Funktion, die besondere Stellung des Monarchen gegenüber dem Adel und anderen Monarchen durch Exklusivität und Glanz zum Ausdruck zu bringen. Üblich ist dafür der besondere Umfang und Charakter der Hofämter, die Entfaltung materieller Pracht, ein herausgehobener Lebensstil mit feierlichem Zeremoniell bei besonderen Anlässen ("weiter Hof"), Festen und besonderen Vergnügungen, aber auch die Förderung von Wissenschaft, Dichtung und bildender Kunst.

 

5. Variationen

Die potentielle Gefahr, die ein Hof für die Stellung eines Herrschers bedeutet, hat Folgen für die Auswahl der Personen, die seine tägliche Umgebung bilden und Hofämter bekleiden. Bei starker Position möglicher Thronrivalen zeigt sich die Tendenz, über eigene Machtressourcen verfügende Adlige - die die Herrschaft stützen wie stürzen können - vom "engen" Hof und den damit verbundenen abgeleiteten Machtchancen nach Möglichkeit fernzuhalten und Interaktionen mit ihnen auf besondere Anlässe, d. h. den "weiten" Hof zu beschränken. Das bekannteste Beispiel dafür sind die persönlich unfreien Ministerialen an den mittelalterlichen deutschen Königshöfen seit dem späteren 11. Jahrhundert. Wenn umgekehrt die Stellung eines Monarchen weitgehend vor adliger Konkurrenz gesichert ist, steigt mit der Bereitschaft auch des hohen Adels, sich in den "Dienst" eines Monarchen zu begeben, zugleich dessen gefahrlose Verwendbarkeit am Hof. Die soziale Rekrutierung des engen Hofes kann mithin als Indikator für die Stabilität der jeweiligen Monarchie gelten.

Ebenfalls variabel ist die Bedeutung mit dem Hof konkurrierender politischer Zentren und Organisationen. Während seit dem Spätmittelalter ständische Versammlungen, Parlamente und Reichstage regelmäßig Gegengewichte zu Höfen - aus deren "weiter" Form sie selbst herausgewachsen waren - darstellten oder sich im England des 17. Jh.s durch das Fernbleiben des oppositionellen Adels ein Gegensatz von court und country ausbildete, konnten in einigen Ländern und Territorien mit der Ausbildung eines fürstlichen Absolutismus Höfe eine politische Monopolstellung erreichen. Aus Hofverwaltungen gingen moderne Staatsverwaltungen, aus fürstlichen Beratungsgremien Regierungsinstitutionen hervor.

Schließlich variiert die Bedeutung gesamtgesellschaftlicher Rangmanifestation am ("engen") Hof durch Formalisierung adliger Interaktion im Medium eines täglichen Hofzeremoniells. Hier stechen absolutistische Höfe, unter diesen der französische Königshof und dort derjenige Ludwigs XIV. hervor. Gegenüber Forschern, die dieses spezifisch frühneuzeitliche Phänomen zum konstitutiven Merkmal für Höfe schlechthin erheben wollen, ist jedoch darauf hinzuweisen, daß es in einer welthistorischen Ausnahmesituation erfolgte, nämlich vor dem Hintergrund eines langsam beginnenden gesamtgesellschaftlichen Funktionsverlustes adliger Interaktion überhaupt im Rahmen der Entstehung einer modernen egalitären Gesellschaft.

 

6. Forschungsrelevanz

Der skizzierte Idealtypus "Hof" kann dazu dienen, die Individualität konkreter historischer Höfe - im Sinne der Methodologie Max Webers - durch den Grad der Abweichung von den bzw. der Übereinstimmung mit den geschilderten Charakteristika zu bestimmen. Er legt es nahe, dabei folgende Aspekte in den Blick zu nehmen:

- die Konstituierung von Höfen durch zeitlich variierende Anwesenheit verschiedener Personenkreise;

- ihre kommunikative Struktur, die Bedeutung von Gunst und Opportunismus;

- ihre Funktion hinsichtlich politischer Entscheidungsfindung und monarchischer Repräsentation;

- die Art der sozialen Rekrutierung der engsten Personenkreise um die Herrscher;

- die Bedeutung "politischer" Organisationsstrukturen an Höfen, ihr Grad an "Staatlichkeit";

- die Bedeutung von Höfen als Orten gesamtgesellschaftlicher Rangmanifestation.

Aloys Winterling, Bielefeld

Wie Hof und Residenz Wissen schaffen und Wissen verändern, ist eine Frage, die beileibe nicht nur den Literaturhistoriker interessiert. J.-D. Müller und seine Mitarbeiter waren so freundlich, die Ergebnisse ihres auf den Heidelberger Hof im 15. Jh. konzentrierten Projekts zusammenzufassen (vgl. zur Entstehung der Residenz Heidelberg im 14. Jh. künftig J. Kolb in unserer Reihe "Residenzenforschung"). "Schöne" Literatur, Sachliteratur, Geschichtsschreibung werden hier an der gemeinsamen Wurzel gepackt. Wir haben Grund, uns bei den Autoren vielmals zu bedanken.

W. Paravicini, Paris
 
 

Pragmatische Schriftlichkeit im Umkreis des Heidelberger Hofes (15. Jahrhundert)
Leiter: Jan-Dirk Müller, München

 
I.
Das DFG-Projekt "Pragmatische Schriftlichkeit im Umkreis des Heidelberger Hofes (15. Jahrhundert)" nahm seine Arbeit 1986 auf, zunächst im Rahmen des Münsterer Sonderforschungsbereichs 231 "Träger, Felder, Formen pragmatischer Schriftlichkeit im Mittelalter", unter der Leitung von J.-D. Müller. Mitte 1992 wurde es als ein vom SFB unabhängiges Forschungsprojekt nach München verlegt und 1994 noch einmal für 2 Jahre verlängert. Danach soll die Arbeit des Projektes abgeschlossen sein. In Münster standen 2 Stellen für wissenschaftliche Mitarbeiter und eine für eine wissenschaftliche Hilfskraft zur Verfügung, in München 2 Stellen für wissenschaftliche Mitarbeiter nach BAT II A/2 und eine wissenschaftliche Hilfskraft.

Der SFB 231 hatte sich zum Ziel gesetzt zu untersuchen, "wie im lateinischen Abendland Schriftlichkeit eine für die Gesellschaft wie für den einzelnen lebensbestimmende Funktion gewonnen hat. Während die Schriftkultur im früheren Mittelalter nur wenige mit Religion und Herrschaft verbundenen Bereiche erfaßte und nur wenigen zugänglich war, wird der Schriftgebrauch im Hoch- und Spätmittelalter für Geistliche und Laien zu einem immer weiter ausgreifenden Instrumentarium zweckgerichteter menschlicher Lebenspraxis. (...) Welche Personenkreise an der Ausweitung des Schriftgebrauchs teilhatten, welche Felder von ihr erfaßt wurden und welche neuen Formen mit ihr entstanden sind, wird für die Zeit vom 11. bis 15. Jahrhundert erforscht."

Ausgangspunkte der Forschung des SFB sollten einerseits einzelne Typen von Schrifttum sein, anhand derer sich die Pragmatisierung von Schriftlichkeit besonders gut nachvollziehen läßt (Ars dictandi, Enzyklopädie, Rechtsbuch, Historiographie, Schulschriften, Hofliteratur), andererseits Einheiten der gesellschaftlichen Organisation, "in deren Leben die Ausweitung des Schriftgebrauchs unter praktisch zweckhafter Zielsetzung als bestimmte Tendenz besonders deutlich hervortritt (Stadtkommune, Schule, Hof)." Bestimmend blieb immer die Erforschung der Wechselbeziehungen zwischen Texttypen und institutionellen Voraussetzungen.
 

II.
Gegenstand des Teilprojektes "Pragmatische Schriftlichkeit im Umkreis des Hofes" ist die kurpfälzische Residenz Heidelberg im 15. Jahrhundert. Untersucht wird gebrauchsorientiertes Schrifttum, das für den Fürsten und Mitglieder seines Hofes entsteht, von ihnen in Auftrag gegeben, verfaßt oder ihnen gewidmet ist, für sie eingerichtet oder von ihnen benutzt wird.

Im ersten Schritt mußte auf der Basis von überlieferungsgeschichtlichen und prosopographischen Erhebungen ein Corpus 'hoforientierten' Schrifttums erarbeitet werden, das sich vorerst auf die Regierungszeit Friedrichs des Siegreichen (1449-1476) beschränkte, dann aber auf das gesamte 15. Jahrhundert ausgedehnt wurde. Dieses Schrifttum wurde in Listen zusammengefaßt, die Aufschluß über die Überlieferung sowie die jeweilige Beziehung zum Hof und seinen Mitgliedern geben. Angesichts der Überlieferungslage beruhen die Ergebnisse jedoch auf unterschiedlichen Zuweisungskriterien. Dabei wurden Indizien unterschiedlicher Art ausgewertet: Widmungen, Herrschaftszeichen, Besitzeinträge, Nachrichten von Aufträgen, Dienstverhältnissen, von Bücherlisten, Schenkungen und Buchbesitz und -gebrauch, Hinweise auf einzelne für den Hof tätige Gelehrte und Literaten. Vollständigkeit ist nicht zu erreichen, doch erschließt das Projekt durch eine Anzahl von exemplarischen Studien neue Gebiete für die literaturwissenschaftliche Arbeit.

Am wichtigsten für das Projekt erwiesen sich die Heidelberger und Vatikanischen Bestände der alten Hof- und Universitätsbibliotheken, die im 16. Jahrhundert zu den wichtigsten Büchersammlungen in Deutschland zählten und das wachsende Interesse an Schriftlichkeit ganz unmittelbar spiegelten. Erschwert wurde die Untersuchung allerdings durch die Geschichte der Heidelberger Bibliothek:

Die politische Katastrophe der Kurpfalz im Bayern des 30jährigen Krieges hatte zur Folge, daß die verschiedenen Heidelberger Büchersammlungen durch Herzog Maximilian vonBayern Papst Gregor XV. geschenkt wurden. Beim Transport nach Rom 1623 wurden z.T. die Einbände der Handschriften abgenommen, so daß Besitzeinträge, Signaturen und andere Vermerke vernichtet wurden. So ist die Geschichte einzelner Codices auf diesem Wege nur noch ausnahmsweise zu bestimmen. Da die Heidelberger Bestände im Laufe des 16. Jahrhunderts stark vermehrt worden waren, helfen auch die aus dieser Zeit datierenden Bibliothekskataloge nur begrenzt.

Es galt also, aus verschiedenen Indizien das für den Hof bestimmte Schrifttum zu rekonstruieren und neben den Heidelberger und den Vatikanischen Beständen andere Bibliotheksbestände heranzuziehen. Seit dem Ende des 15. Jahrhunderts waren Bücher aus dem Besitz einzelner Mitglieder des kurpfälzischen Hauses und anderer Adeliger aus dessen Herrschaftsbereich in die Heidelberger Bibliothek aufgenommen worden, doch wurde auch der Buchbesitz von Personen, die im Umkreis des Hofes wirkten und teilweise für sein geistiges Leben prägend waren, über viele verschiedene Bibliotheken verstreut. Gleiches gilt für Schriften von Heidelberger Universitätslehrern und ehemaligen Heidelberger Studenten.

Aus dem vorhandenen Material läßt sich belegen, wie seit dem Beginn des 15. Jahrhunderts vom Hof Impulse zum Sammeln und Kopieren von Büchern, zum Übersetzen gelehrten Schrifttums und zum Abfassen praktisch verwendbarer Texte in der Volkssprache ausgehen. Anfangs dominiert noch das Latein, dann dringt die Volkssprache in Bereiche vor, die bislang der Gelehrtensprache vorbehalten waren, bis gegen Ende des Jahrhunderts die Latinität wieder an Boden gewinnt. Jetzt gingen die Aktivitäten aber nicht so sehr von der Universität, sondern von einem Zirkel von Gebildeten, meist mit Beziehungen zum Hof, als Zentrum aus. Diese schließen sich in den 90er Jahren zur ersten humanistischen Sodalität auf deutschem Boden zusammen.

In der ersten Jahrhunderthälfte ist die Abgrenzung zur Universität und zum universitätsgebundenen Schrifttum oft schwierig, zumal es sich bei Autoren wie Adressaten oft um einen Personenkreis handelt, der zu beiden Institutionen in Beziehung steht. Auch später wird man keine strenge Abschottung der Wirkungs-bereiche voraussetzen dürfen, doch zeichnet sich eine Ausdifferenzierung der Schriftproduktion ab, deren Grenze zunehmend nicht mehr entlang dem Gegensatz Volks- und Gelehrtensprache verläuft, sondern unterschiedliche Rezipientengruppen - Universitätsgelehrte, humanistisch Gebildete, Vertreter bestimmter Berufsgruppen - voneinander trennt. Der Hof und die Person des Fürsten fungieren als Anreger und Adressat, und zwar nicht nur für das panegyrisch-historiographische Schrifttum, sondern für praktisch brauchbare Werke jeder Art.

 
III.
Die skizzierten Schwierigkeiten machten es notwendig, in jedem einzelnen Fall die Zuordnung einer Handschrift zum Heidelberger Hof zu überprüfen. Beim Umfang des Materials und der oft völlig unzulänglichen wissenschaftlichen Erschließung des hoforientierten Schrifttums im Spätmittelalter muß das Ziel einer regionalen und institutionsgebundenen literaturgeschichtlichen Darstellung zunächst ein Fernziel bleiben. Weitere umfangreiche Vorarbeiten sind dazu erforderlich: zum großen Teil handelt es sich bei den zu untersuchenden Texten eben nicht um die bekannten, kanonisierten Texte, sondern um solche, die überlieferungs- und bildungsgeschichtlich, inhaltlich und in ihren Strukturen und Gebrauchsfunktionen erst noch untersucht werden müssen, da sie der Germanistik über den Titel hinaus häufig kaum bekannt sind.

Aus diesem Grund wurde zunächst eine Reihe von Fallstudien vorgelegt, die von gut dokumentierbaren Einzelbeispielen ausgehen und "an denen überdies die sozial- und bildungsgeschichtlichen Voraussetzungen des spätmittelalterlichen Verschriftlichungsprozesses an einem mittleren Hof, wichtige Gebrauchsinteressen und -möglichkeiten, die an die Schrift herangetragenen Erwartungen und ihre Einlösung, die Interferenz von mündlichen und schriftlichen Praktiken weit genauer untersucht werden können, als dies in einem literaturgeschichtlichen Überblick der Fall wäre."

Die Ergebnisse dieser Fallstudien liegen mittlerweile in dem Band "Wissen für den Hof. Der spätmittelalterliche Verschriftungsprozeß am Beispiel Heidelberg im 15. Jahrhundert" vor. Die in den Beiträgen behandelten Schriften stammen aus den Regierungszeiten Ruprechts III. (1398-1410), Ludwigs III. (1410-1436), Friedrichs des Siegreichen (1449-1476) und Philipps des Aufrichtigen (1476-1508); es wird also exemplarisch das gesamte 15. Jahrhundert berücksichtigt. Thematisiert werden unterschiedliche Gegenstände: eine Sammelhandschrift im Gebrauch des Fürsten, der rekonstruierte Buchbesitz eines Mitglieds des Hofes, Texte zur Kriegstechnik und zum Zweikampf und solche zur Haltung von Tieren, Gesundheitsregeln, Festreden, Chroniken in Prosa und Vers. In den Texten dokumentieren sich die vielfältigen, oft noch kaum klar voneinander abgehobenen pragmatischen Interessen und Informationsbedürfnisse einer kleinen spätmittelalterlichen Residenz, Jagd und Krieg betreffend, Geschichte und politische Prognosen (Astrologie!), Recht und Redekunst, Diätetik und Hofkünste. Qualität und Anspruchsniveau der Texte bezeugen, wie unterschiedlich kompetent man sich um die Erfüllung jener Bedürfnisse bemüht und wie eng später disziplinär getrennte Wissensgebiete damals noch miteinander zusammenhängen. Angesichts der Hofkultur des 16. oder gar des 17. Jahrhunderts handelt es sich um bloße Vorformen, in denen sich Interessen des entstehenden Fürstenideales abzeichnen.
 

IV.
Anhand dieser Fallstudien lassen sich einige allgemeinere Erkenntnisse über Komplexität und Widersprüchlichkeit des Verschriftlichungsprozesses festhalten: Ludwig III. bemühte sich offenbar um traditionelle Gelehrsamkeit in enger Anlehnung an die Universität; in seinem Umkreis herrschen lateinische Schriften vor: einen großen Teil seines Buchbesitzes vermacht er der Universitätsbibliothek. Die persönlichen Interessen des Fürsten scheinen sehr stark theologisch geprägt. Von einem deutlichen Profil einer spezifisch hoforientierten Literatur läßt sich noch nicht sprechen.

Das ändert sich unter seinem Nachfolger: Lateinische wie volkssprachliche Literatur wird bei Friedrich dem Siegreichen zum Mittel fürstlicher Politik. Gezielt setzt er Schriften zur Absicherung seiner umstrittenen Legitimität und zum Ausbau seines Führungsanspruchs im Westen des Reiches ein. Sein Hofkaplan Mathias von Kemnath stellt in seinem umfangreichen Buchbesitz zusammen, was hierfür geeignet ist, aber auch was für andere praktische Zwecke des Hofes brauchbar ist. Gleichzeitig ist Friedrich Zeitgenossen auch als Liebhaber von Ritterromanen bekannt. Ein Buchlegat, daß er seinem natürlichen Sohn vermacht, enthält neben lateinischen Klassikern auch ein breites Spektrum von Fachschrifttum.

Unter Philipp dem Aufrichtigen finden die frühen Humanisten Zugang zum Heidelberger Hof; gleichzeitig scheint der Kurfürst, wie Wappen, Besitzeinträge oder sogar Aufträge nahelegen, großes Interesse an volkssprachlichen Schriften gehabt zu haben. Inhaltlich reichen diese "von der Astrologie bis zur Geschichtsschreibung, von der ständischen Didaxe oder der Beichtlehre bis zum Ritterroman."

Insgesamt läßt sich im Laufe des 15. Jahrhunderts eine Zunahme des volkssprachlichen Schrifttums feststellen, wobei sich innerhalb der Laiengesellschaft eine Funktionsdifferenzierung nachweisen läßt: "Während zuvor "Wissen" (sofern nicht in einer vorschriftlichen Praxis weitergegeben) ganz überwiegend lateinisch vermittelt war, dringt seit dem 14., verstärkt dann im 15. Jahrhundert die Volkssprache in diese Domäne ein. Das volkssprachliche Fachschrifttum ist dabei zumeist noch durch einen geringeren Grad an Komplexität gekennzeichnet gegenüber dem lateinischen, das an den Universitäten weiterhin dominiert. Dagegen findet die lateinische Prosa vielleicht nicht durchweg Verständnis, wohl aber Interesse außerhalb kirchlicher oder akademischer Zirkel."

Die Beiträge des Bandes 'Wissen für den Hof' befassen sich mit Schrifttum, das abseits des literarischen Kanons liegt: Notizsammlungen, historische Aufzeichnungen, Regimina, astrologische Schriften, Abhandlungen zur Waffenkunde. Es handelt sich also überwiegend um Texte, die auch im herkömmlichen Sinn als Gebrauchstexte zu verstehen sind. Gegenstand der Untersuchung wollten jedoch nicht die Wissensinhalte dieser 'Fachliteratur' sein, sondern "ihr Gebrauch und ihre Verflechtung in eine historische Alltagspraxis." Auf Dauer erscheint eine Eingrenzung auf diesen Texttypus jedoch nicht unbedingt sinnvoll, so daß der Folgeband, dessen Beiträge zur Zeit in Vorbereitung sind, über den bisher bearbeiteten Texttypus hinausgehen wird: "Die Forschung zu fiktionalen Texten hat gezeigt, daß diese gleichfalls mannigfachen Gebrauchsinteressen dienen, angefangen von der Konditionierung standesgemäßen Verhaltens bis hin zur Vermittlung einzelner Kenntnisse über Gott und die Welt." Die Gegenstände des Folgebandes werden deshalb gängigen Vorstellungen von höfischer Literatur eher entsprechen.

 
V.
Zur Zeit sind Beiträge aus verschiedenen Themenbereichen in Arbeit. Zwei Untersuchungen befassen sich mit Werken des Hofmusikers Johann von Soest: Ein Beitrag basiert in erster Linie auf seinem `Liber salutis', dem ersten Teil eines Fürstenspiegels für Kurfürst Philipp, und ist vor allem quellenkritisch ausgerichtet, indem er das Lektürespektrum nachzeichnet, das gelehrter Fürstenspiegel-Literatur in Heidelberg zugrundeliegt. Die Untersuchung soll darüber hinaus Grundlage zu einer Monographie über Johann von Soest werden. Eine weitere Studie befaßt sich mit Johanns Romanübertragung aus dem Niederländischen "Die Kinder von Limburg", die durch Widmung und Prologe der Bücher, aber auch durch eine Reihe von Zusätzen und Kommentaren explizit auf die Heidelberger Situation und die Bedürfnisse eines spätmittelalterlichen Hofes Bezug nimmt. Die Markierungen in der einzigen Handschrift des Werkes sind als Anleitung zum Memorieren wesentlicher Wissensgehalte zu verstehen und beleuchten wenig beachtete Aspekte des Gebrauchs spätmittelalterlicher 'Unterhaltungsliteratur'.

Eine Arbeit zum Versepos 'Friedrich von Schwaben' greift ein Problem auf, das als Basis der Pragmatisierungsmöglichkeiten spätmittelalterlicher Epik anzusehen ist: das Problem des Zitierens und Umschreibens älterer Texte und Textpartikel, in denen sich das Bemühen widerspiegelt, mit alten Worten anderes, möglichst Aktuelles zum Ausdruck zu bringen und damit zugleich die eigenen Lebensverhältnisse an normativen Vorbildern auszurichten. Es zeigt sich eine deutliche Analogie des späten Romans zu Exempelreihen und Zitatsplittern z.B. in Ritterbiographien. Aussagekräftig für die spätmittelalterliche Hofkultur ist dabei vor allem die Auswahl der Felder, auf denen man sich am besten mittels Zitaten verständigt.

Weiterhin ist ein Beitrag zu Peter Harers Hochzeitsgedicht in Arbeit, der drei Ziele hat: die Rekonstruktion des historisch-politischen Funktionszusammenhangs, die Untersuchung des Modells 'Ritterschaft' (Turnierdarstellung, Rekurrieren auf Artus-Tradition, Anleihen des 'Jüngeren Titurel') sowie die Orientierungsfunktion spätmittellaterlicher Epik im Gebrauchsschrifttum des frühen 16. Jahrhunderts.

Im gleichen thematischen Kontext steht eine Untersuchung zu verschiedenen Texttypen im Zusammenhang von Hochzeitsfesten: es geht um den Zusammenhang von organisatorischem (Hochzeitsordnungen, Abrechnungsbücher), historiographischem (Chroniken und Berichte) und repräsentativem (Wappenbücher, Turnierbücher) Schrifttum. Dabei läßt vor allem das sog. Verwaltungsschrifttum neben der Rekonstruktion des "idealen Festes" auch den Blick auf Risse in der Fassade des Idealtypischen zu. Hinzukommen werden Beiträge zu einer frühhumanistischen Sammelhandschrift mit Texten von Adam Wernher von Themar, der als Erzieher der Söhne des Kurfürsten, als Lobredner, Universitätslehrer und Poet eine der weniger prominenten, aber auf vielen Gebieten tätigen Mitglieder der frühesten deutschen Humanistensozietät war, sowie zu Texten Jakob Wimpfelings, der Fürstenspiegel und Erziehungsschriften für Philipp des Aufrichtigen verfaßt hat, die weniger auf einzelne praktische Anweisungen als auf ethische Erziehung und literarische Bildung im Sinne des Humanismus ausgerichtet sind. Die Beiträge sollen Anfang 1996 druckfertig vorliegen. In den ersten Monaten dieses Jahres wird das Projekt auslaufen.

 
Bisherige Veröffentlichungen im Zusammenhang mit dem Projekt:

Theresia Berg, Editum Heidelbergae 1466. Korrektur eines Mißverständnisses der Heidelberger Druckgeschichte, in: Bibliothek und Wissenschaft 22 (1988), S. 144-156.

Ute von Bloh, Historie von Herzog Herpin. Übertragen aus dem Französischen von Elisabeth von Nassau-Saarbrücken. Heidelberg, Universitätsbibliothek, Cod. Pal. Germ. 152 (Codices illuminati medii aevi 17), München 1990.

Ute von Bloh, Information - Appell - Dokument. Die Briefe in den Heldenepen der Elisabeth von Nassau-Saarbrücken, in: LiLi. Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik 23 (1993), S. 24-49.

Ute von Bloh, Die Rationalisierung des Wunderbaren. Text und Bild der Löwenepisode in Handschriften und Drucken der `Historie von Herzog Herpin', in: Die Romane von dem Ritter mit dem Löwen, hg. von Xenia von Ertzdorff (Chloe 20), Amsterdam 1994, S. 513-542.

Ute von Bloh, Loher und Maller. Übertragen aus dem Französischen von Elisabeth von Nassau-Saarbrücken. Hamburg, Staats- und Universitätsbibliothek, Cod. 11 in scrinio (Codices illuminati medii aevi), München 1995 (im Druck).

Ute von Bloh, Anders gefragt: Vers oder Prosa? `Reinolt von Montelban' und andere Übersetzungen aus dem Mittelniederländischen im Umkreis des Heidelberger Hofes, in: Wolfram-Studien IX (1995) (im Druck)

Udo Friedrich, Herrscherpflichten und Kriegskunst. Zum intendierten Gebrauch früher 'Bellifortis'-Handschriften, in: Der Codex im Gebrauch, Kolloquium Münster 1992, hg. v. Christel Meier-Staubach u.a. (im Druck).

Udo Friedrich, Johannes Reuchlin in Heidelberg. Poeta, Rhetor, Pädagogus. in: Reuchlin und die politischen Kräfte seiner Zeit, Kolloquium Pforzheim 1994, hg. von Stefan Rhein (in Druck)

Jan-Dirk Müller, Probleme einer Sozialgeschichte spätmittelalterlicher Literatur, in: Rudolf Böhme - Henning Wode (Hgg.) Anglistentag 1986 Kiel, Vorträge. Gießen 1987, S. 172-186.

Jan-Dirk Müller, Ich Vngenant und die leut. Literarische Kommunikation zwischen mündlicher Verständigung und anonymer Öffentlichkeit in Frühdrucken. in: Gisela Smolka-Koerdt u.a. (Hgg.), Der Ursprung der Literatur. Medien, Rollen, Kommunikationssituationen, München 1988, S. 149-174.

Jan-Dirk Müller, Der siegreiche Fürst im Entwurf der Gelehrten. Zu den Anfängen eines höfischen Humanismus in Heidelberg. in: August Buck (Hg.), Höfischer Humanismus (Mitteilungen 16 der Kommission für Humanismusforschung) Weinheim 1989, S. 17-50.

Jan-Dirk Müller, Späte Chanson-de-geste-Rezeption und Landesgeschichte. Zu den Übersetzungen der Elisabeth von Nassau-Saarbrücken, in: Chansons de geste in Deutschland = Wolfram-Studien 11, 1989, S. 206-226.

Jan-Dirk Müller, Bild-Vers-Prosakommentar. Formen der Informa-tionsvermittlung in spätmittelalterlichen Fechtbüchern, in: Pragmatische Schriftlichkeit im Mittelalter. Erscheinungsformen und Entwicklungsstufen, hg. v. Hagen Keller, Klaus Grubmüller, Nikolaus Staubach (Münstersche Mittelalter-Schriften 65) München 1992, S. 251-282.

Jan-Dirk Müller (Hg.) Wissen für den Hof. Der spätmittelalterliche Verschriftungsprozeß am Beispiel Heidelberg im 15. Jahrhundert, München 1994.

darin: Ute von Bloh: Hostis Oblivionis et Fundamentum Memoriae. Buchbesitz und Schriftgebrauch des Mathias von Kemnat; Jan-Dirk Müller: Naturkunde für den Hof. Die Albertus-Magnus-Übersetzungen des Werner Ernesti und Heinrich Münsinger; Theresia Berg-Udo Friedrich, Wissenstradierung in spätmittelalterlichen Schriften zur Kriegskunst: Der `Bellifortis' des Konrad Kyeser und das anonyme `Feuerwerksbuch'; Ute von Bloh-Theresia Berg, Vom Gebetbuch zum alltagspraktischen Wissenskompendium für den fürstlichen Laien. Die Expansion einer spätmittelalterlichen Handschrift am Beispiel eines Manuskripts in Wien, ÖNB, Cod. Vat. Pal. 13428; Jan-Dirk Müller, Rede und Schrift. Peter Luders Panegyrikus auf Friedrich den Siegreichen, die Chronik des Mathias von Kemnat und die Pfälzer Reimchronik des Michel Beheim; Wolfgang Rohe, Zur Kommunikationsstruktur einiger Heidelberger Regimina sanitatis: Heinrich Münsinger, Erhard Knab, Conrad Schelling; Jan-Dirk Müller, Hans Lecküchners Messerfechtlehre und die Tradition. Schriftliche Anweisungen für eine praktische Disziplin.

Miriam Feldmann/Jan-Dirk Müller, München

Zugegeben, hier ist vorwiegend vom 18. und 19. Jahrhundert die Rede. Aber eben auch von Gärten und Parks, die Teil der höfischen Residenz waren. Als Bedeutungsträger, Folge und Ursache müssen sie ebenso erforscht werden wie Appartements und Treppen. Daß sie uns heute noch erfreuen, ist eine andere Geschichte. Und der neue Begriff "Mnemotop" ist kostbar. Dank an A. von Buttlar und seine aktive Truppe.

W. Paravicini

 

"Historische Gärten Schleswig-Holsteins"
DFG-Projekt am Kunsthistorischen Institut der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

Schleswig-Holstein ist reich an historischen Gärten, die noch unzureichend erforscht und deren kunst- und kulturhistorische, nicht zuletzt landschaftsprägende Bedeutung kaum erkannt ist. Während in anderen Bundesländern in den letzten Jahren erste Stellen für Gartendenkmalpflege eingerichtet wurden und die Erforschung und Rekonstruktion wichtiger historischer Gartenanlagen voranschritt, gab es hierzulande vordem nur sehr vereinzelte Ansätze zur gründlicheren Aufarbeitung oder gar Wiederherstellung solcher Kulturdenkmale, die häufig der Verwilderung und dem Verfall preisgegeben sind und heute in ihrem historischen Bestand ein kritisches Stadium erreicht haben.

Ziel des Forschungsprojektes ist die Erfassung und Dokumentation der wichtigsten historischen Gärten des Landes: ihrer Gestaltung, Entwicklung und Geschichte von den Anfängen bis zu ihrem derzeitigen Zustand aus den archivalischen Quellen und aus Bestandsanalysen. Dabei werden aus pragmatischen Gründen die heutigen politischen Grenzen - allerdings unter Einbeziehung Altonas und der Elbgärten - zugrunde gelegt, so daß nur vergleichsweise auf kunsthistorisch relevante Beispiele im heutigen Dänemark (Nordschleswig) verwiesen werden kann, während Objekte im Lauenburgischen auch dann Berücksichtigung finden, wenn sie vor 1876 entstanden sind. In zwei übergreifenden Beiträgen sollen die Ergebnisse ausgewertet werden: zum einen durch eine zusammenfassende Darstellung der gartenkünstlerischen Entwicklung und ihrer landestypischen Ausprägungen, zum anderen durch eine Überblicksanalyse zu den Erhaltungszuständen und gartenpflegerischen Maßnahmen, die die historischen Gestaltungen zumindest in ihren Grundstrukturen wieder erlebbar machen könnten.

Erfaßt sind bislang etwa einhundert Anlagen, deren älteste Spuren ins späte Mittelalter und in die Renaissancezeit zurückreichen. Der gartenkünstlerische Schwerpunkt liegt in den barocken Gestaltungen des späten 17. und frühen 18. Jahrhunderts (Residenz- und Gutsgärten) und in den in größerem Umfang erhaltenen Landschaftsgärten des späteren 18. und 19. Jahrhunderts (Gutsgärten, Villengärten, öffentliche Stadtgärten), doch soll auch die neuere Gartenkunst (Jugendstil/Heimatschutz- und Naturgartenbewegung) bis zum Ende der Weimarer Republik (Hausgärten, Stadtgärten, Überformung älterer Partien in historischen Anlagen) berücksichtigt werden. Zur Erfassung der historischen Gartenstrukturen gehören die architektonischen und plastischen Garten-Ausstattungen und ihre ikonographisch-ikonologischen Aspekte (Gartenprogramme). Soweit möglich sind auch Hinweise auf historische Pflanzenverwendung (Pflanzenlisten) und deren noch erhaltene Relikte (dendrologische Bestimmungen/Stinzenpflanzen) in die Dokumentation einzubeziehen. Über die Einzelanlagen hinaus stellt sich, namentlich in Schleswig-Holstein, seit dem mittleren 18. Jahrhundert die Frage nach ästhetisch relevanten Aspekten der Gutslandschaft (ornamental farm) bzw. übergreifenden Prinzipien der Landschaftsverschönerung, die heute noch in manchen Regionen das Landschaftsbild prägen. Aufgrund der sehr unterschiedlichen Quellenlage muß eine differierende Tiefe und Vollständigkeit der kunstgeschichtlichen Bearbeitung in Kauf genommen werden. Auch ist keine Vollständigkeit im Sinne einer flächendeckenden Inventarisierung angestrebt. Die Auswahl richtet sich vielmehr nach der relativen Bedeutung des noch erkennbaren Bestandes oder der vergangenen historischen Zustände.

Als Quellen der Untersuchung dienen - abgesehen von einer möglichst vollständigen Auswertung der vorliegenden Fachliteratur - die Archivalien, Pläne und Bildmaterialien aus zahlreichen öffentlichen und privaten Archiven und Sammlungen des In- und Auslandes sowie u.a. biographisches Material, Briefwechsel und Reiseliteratur.

Meine Lehrveranstaltungen zur allgemeinen Geschichte der Gartenkunst sowie zu den Herrenhäusern und Gärten Schleswig-Holsteins seit 1987, aus denen in den letzten Jahren auch eine Reihe von Magisterarbeiten und Dissertationen hervorgegangen ist, hatten zur Bildung einer studentischen Arbeitsgruppe geführt, der im Herbst 1991 die Gründung des Forschungsprojektes am Kunsthistorischen Institut der CAU folgte. Einen zweiten wichtigen Eckpfeiler des Projektes bildet die enge Kooperation mit dem Landesamt für Denkmalpflege. Seine Realisierung verdankt sich wesentlich dem ausgeprägten Interesse und der Förderung des Kultusministeriums sowie der Kulturstiftung des Landes Schleswig-Holstein. Mit ihrer Unterstützung konnte für die erste Projektphase 1991-93 die Stelle einer wissenschaftlichen Mitarbeiterin am Kunsthistorischen Institut eingerichtet werden, die mit der Landschaftsarchitektin Dipl.-Ing. Dr. Margita M. Meyer von der TU Berlin besetzt wurde. Frau Meyer wurde nach dem erfolgreichen Abschluß der ersten Projektphase im Herbst 1993 auf die neu geschaffene Stelle einer Gartendenkmalpflegerin am Landesamt für Denkmalpflege berufen, von wo aus sie weiterhin den Fortgang und Abschluß des Projektes zusammen mit dem Verfasser leitet. Begleitend zum Forschungsprojekt wurde von der Ministerin 1991 der "Beirat Historische Gärten Schleswig-Holsteins" berufen, der sich aus Fachleuten verschiedener betroffener Disziplinen und Institutionen zusammensetzt und das Projekt kritisch und helfend begleitet sowie über aktuelle gartenhistorische Probleme und Planungsmaßnahmen berät.

Die besondere Struktur des Projektes besteht in der Kooperation einer ungewöhnlich großen Zahl von Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen. Die studentische Forschungsgruppe umfaßt etwa fünfzehn Mitglieder. Eine gleich große Gruppe von externen Gartenforscher und Gartenforscherinnen aus Schleswig-Holstein, Hamburg und Niedersachsen wurde in das Forschungsprojekt integriert und für entsprechende Beiträge gewonnen. Die Ergebnisse der Forschungen der ersten Projektphase wurden September 1993 auf einer dreitägigen Arbeitstagung auf Schloß Salzau mit anschließender Exkursion einem internationalen Gutachter-Gremium vorgestellt und diskutiert.

Die zweite Projektphase begann im Herbst 1994 und soll Ende 1995 abgeschlossen sein. Seit Oktober wird das Projekt von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert. Es konnten zwei halbe Mitarbeiterstellen und die Stelle einer wissenschaftlichen Hilfskraft eingerichtet werden, die mit Thomas Messerschmidt M.A., Birgit Albers M.A. und Jörg Matthies aus dem Kreise der Forschungsgruppe besetzt wurden. Ende des Jahres sollen die Ergebnisse soweit vervollständigt sein, daß sie als breit angelegte Dokumentation 1996 in Buchform erscheinen können.

Historische Gärten sind, auch wenn sich nurmehr Spuren von ihnen erhalten haben, weniger im Sinne des Naturschutzes als Ökotope, sondern vielmehr im Sinne der Kunst- und Kulturgeschichte als Mnemotope zu verstehen und zu erhalten. Insofern soll sich die geplante Publikation trotz eines ausgeprägten wissenschaftlichen Standards an eine breite Schicht von Interessenten wenden.

Adrian von Buttlar, Kiel

Wir haben den Puls am Geist der Zeit. Frauenforschung wird auch von uns betrieben. Ganz im Ernst: Hier geht es um Wichtiges, das wir schlecht kennen, es geht um jenen anderen Menschen ungleichen Rechts, die Frau als höfische Figur und Entscheidungsträgerin in der Frühen Neuzeit. Sie erinnern sich: Im Jahre 1998 heißt das Thema unseres Symposiums "Das Frauenzimmer - La chambre des Dames". Heide Wunder und ihre Mitarbeiter(innen) werden dann vielleicht ebenfalls dabei sein, doch der Dank sei ihnen jetzt schon gesagt.

W. Paravicini, Paris
 
 

 

Projektskizze des Forschungsvorhabens
"Konfession, Religiosität und politisches Handeln von Frauen vom ausgehenden 16. bis zum Beginn des 18. Jahrhunderts"
(Universität Gesamthochschule Kassel, Fachbereich Gesellschaftswissenschaften)
gefördert durch die Volkswagenstiftung 1995-1998.
Leitung: Heide Wunder.

 Im Projekt "Konfession, Religiosität und politisches Handeln von Frauen vom ausgehenden 16. bis zum Beginn des 18. Jahrhunderts" erforschen Dr. Barbara Hoffmann, Prof. Dr. Heide Wunder, Kerstin Wolff M.A und Helga Zöttlein M.A. den Prozeß der frühmodernen Staatsbildung aus der Perspektive kleiner Territorien und einer großen Stadt. In drei Teilprojekten soll geklärt werden, ob sich hier der politische Wandel im 17. und beginnenden 18. Jahrhundert in signifikanter Weise von dem in großen und mittleren Territorien unterschied und welche Bedeutung Konfession und Religiosität in diesem Prozeß zukommt.

Der Beziehung von Konfession und Politik hat die Forschung eine zentrale Rolle für die Herausbildung moderner Staatlichkeit eingeräumt, sowohl für den Wandlungsprozeß mittelalterlicher Landesherrschaft zu frühmoderner Staatlichkeit als auch für den Wandel der Stadtherrschaft von der "autonomen zur beauftragten Selbstverwaltung" (L. Schorn-Schütte). Bis zum Ende des Dreißigjährigen Krieges wird die nach außen wie nach innen organisierende und ordnende Funktion von Konfession als Movens in diesem Prozeß hervorgehoben, ihre Bedeutung für die weitere Ausbildung moderner Herrschaft jedoch stark eingeschränkt. Demgegenüber fragen die Forscherinnen auch nach der Rolle von Religiosität für politisches Handeln, wie sie in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts im Pietismus hervortrat. Anders als Konfession wird Religiosität bisher - einem Religionsverständnis folgend, das seit dem 18. Jahrhundert zwischen "objektiver" und "subjektiver Religion" unterscheidet - nicht dem öffentlich-politischen, sondern dem privat-persönlichen Bereich zugeordnet. Über diese Zuordnung wird Religiosität mehr mit Frauen als mit Männern in Beziehung gesetzt, wodurch die Entpolitisierung von Religiosität noch einmal verstärkt wird, da "fromme Frauen" der häuslich-privaten Sphäre zugewiesen werden. Dieses Verständnis von Konfession und Politik bindet öffentliches und damit historisch wirksames Handeln wesentlich an Zugangsmöglichkeiten zu institutionalisierter Macht. Herrschaftsausübung und Politik erscheinen damit als alleinige Angelegenheit von Männern.

Diese Wertungen scheinen sich - auf den ersten Blick - durch die historischen Befunde zu bestätigen, denn - abgesehen von Kaiserin Maria Theresia - ist kaum eine Herrscherin aus eigenem Recht bekannt. Auch in den politischen Tugendlehren waren Frauen als Herrscherinnen nicht vorgesehen: Ihr ausdrücklicher Ausschluß ist jedoch als Zeichen dafür zu werten, daß sie vielfach an Herrschaftsausübung beteiligt waren. Ebenso spiegeln juristische Dissertationen zu "Gynäkokratie" das Phänomen tatsächlicher "Weiberherrschaft"/"Weiberregiment". Bereits ein kurzer Blick in die Landesgeschichten mittlerer und vor allem kleiner Territorien zeigt denn auch, daß hier viele hochadelige Frauen als Regentinnen herrschten oder als Äbtissinnen von Stiftern und Klöstern aus eigenem Recht regierten.

Wenn schon die legitime Teilhabe adeliger Frauen an Herrschaft wenig zur Kenntnis genommen wird, so trifft dies in weitaus höherem Maß auf Bürgerinnen zu, die keine politischen Bürgerrechte besaßen. Gleichwohl lassen sich Hinweise auf politisches Handeln von Bürgerinnen in den Berichten über Bürgeropposition seit dem späten Mittelalter finden. Für Basel gibt es seit kurzem den Nachweis, daß selbst Ratspolitik gemeinsam vom patrizischen "Arbeitspaar" betrieben wurde. Für die Analyse politischen Handelns in der Frühen Neuzeit reicht daher der moderne Politikbegriff nicht aus, vielmehr müssen als relevante Formen institutionalisierter Macht die über Ehe und Verwandtschaft vermittelten personalen Netze einbezogen werden. Während die Bedeutung der Heiratspolitik für den Adel durchaus anerkannt ist, wird die Heiratspoltik der Bürger bislang zwar als wichtige Strategie zur Sicherung politischer und ökonomischer Macht gesehen, jedoch nicht reflektiert, welche Einflußmöglichkeiten auf städtische Politik Bürgerinnen infolgedessen gewannen.

Dagegen gehen wir davon aus, daß die moderne Unterscheidung von "öffentlich" und "privat" für die Frühe Neuzeit zu Fehlinterpretationen führen muß. Der Status der Ehefrau und Hausfrau war weder im Adel noch im Bürgertum "privat", ebensowenig waren Religion und Religiosität nach dem Dreißigjährigen Krieg zur "Privatsache" geworden. Unsere Vorstudien zeigen, daß sowohl die "öffentliche" Haushaltsposition als auch Konfession und Religiosität für Frauen wichtige Handlungsorientierungen und Handlungslegitimationen darstellten. Ausgehend von dieser These werden drei Handlungsbereiche analysiert: Stadtpolitik und politische Einflußnahme von Frauen in Leipzig im konfessionellen Zeitalter (Dr. Barbara Hoffmann), Religiosität und politisches Handeln adeliger Frauen in der Grafschaft Waldeck an der Wende vom 17. zum 18. Jahrhundert (Helga Zöttlein M.A.), Matronat und religiöse Allianzen. Zur "Staatsräson" kleiner Territorien (1648-1730) am Beispiel der Grafschaften Büdingen, Wies, Sayn, Solms, Wittgenstein, Lippe, Nassau und der Fürstentümer Reuß (Prof. Dr. Heide Wunder/Kerstin Wolff M.A.).

Heide Wunder, Kassel

 


Kolloquiumsberichte

 
"Palais et séjours royaux et princiers au moyen âge"
Internationales Kolloquium in Le Mans, 6.-8. Oktober 1994

Die seit 1989 bestehende Arbeitsgruppe (GDR) 94 des Centre national des recherches scientifiques Paris "La société et ses cadres de vie au moyen âge: Palais et résidences princières en France au moyen âge" veranstaltete in Zusammenarbeit mit der Université du Maine ihr erstes großes Kolloquium zur Thematik der Herrschaftssitze im Mittelalter; die Leitung dieser internationalen Tagung lag in Händen der Mittelalterarchäologin Annie Renoux, Professorin an der Université von Le Mans, die diese Arbeitsgruppe seinerzeit initiiert und mehrfach zu kleineren Tagungen in Paris zusammengeführt hatte. Der fachlichen Ausrichtung und der personellen Zusammensetzung des GDR 94 entsprechend, widmete sich das Kolloquium aus archäologischer, kunsthistorisch-baugeschichtlicher und historischer Perspektive Grundfragen und Einzelbeispielen sowohl königlicher als auch fürstlicher Regierungspraxis und ihres örtlichen Erscheinungsbildes, vornehmlich in Frankreich, aber unter deutlicher Berücksichtigung der Befunde und Forschungen in anderen Ländern Europas. Dadurch stand die Veranstaltung in mehrfacher Hinsicht im Zeichen des anregenden und weiterführenden Vergleichs: des methodischen Vergleichs in der Zusammenschau der Disziplinen, des sachlichen Vergleichs im Nebeneinander von Herrschaftsträgern verschiedenen Typs und schließlich des räumlichen Vergleichs, fruchtbar gemacht durch die Einbeziehung der europäischen Landkarte.

Aus der Fülle des dichten und dabei dennoch diskussionsoffen organisierten Programms, das im Anschluß vollständig wiedergegeben wird, seien nur ein paar Themen angesprochen: In mehreren Vorträgen (Mesqui, Whiteley) kam das für eine Residenz aufschlußreiche Problem von 'öffentlich' und 'privat' zur Sprache, wobei auch die Zwischenkategorie des Semiprivaten im Hinblick auf das Miteinander von König bzw. Fürst und Gefolge diskutiert wurde. Das äußere Erscheinungsbild von Pfalzen und Residenzen interessierte unter dem Aspekt der Zuordnung der drei Grundelemente großer Saal, Kapelle und Wohnbereich und deren Wandel (Crépin-Leblond, Esquieu, Pradalier) oder am exzeptionellen Beispiel der spätmittelalterlichen Residenz der französischen Könige in Vincennes, die inmitten des großen Forstes, als kompakter Donjon begonnen, zu einer dem Schutz und der Sicherheit des Königs und seiner Umgebung dienenden maison forte ungewöhnlich großer Ausdehnung wurde (Chapelot). Hier wie auch in anderen Zusammenhängen wurde die Frage von wehrhaftem Rückzug bzw. demonstrativ sich öffnender Prachtentfaltung als merkwürdig verschränktem Nebeneinander herrscherlicher Repräsentation im Mittelalter berührt. Die Aussage der Residenzgröße für die Stellung in der politischen Öffentlichkeit ließ sich an den Palästen des Erzbischofs von Canterbury sichtbar machen (Tatton-Brown). Die für die Geschichte der mittelalterlichen Regierungsstätten charakteristische Verbindung von Welt und Kirche kam in einer Untersuchung zu Pfalz und Königskloster im Pariser Becken des Frühmittelalters (Bruand) und am Beispiel der problemreichen "Cohabitation" von Königspfalz und Kanonikerstift (Sainte-Chapelle) auf der Ile de la Cité (Billot) zur Geltung. Fragen des terminologischen Wandels als Ausdruck veränderter Herrschaftspraxis (Bautier, Bougard, Zotz) gehörten ebenso zu den Anliegen des Kongresses. Wenn Bautier für das spätkarolingische 10. Jahrhundert in Frankreich resümiert: "Le royaume passe insensiblement de la civilisation du palais à celle du château", so kann dies nicht nur als interessante Entsprechung zu den Vorgängen rechts des Rheins gelten, sondern war zugleich der Anknüpfungspunkt für die brillante Zusammenfassung, mit der Philippe Contamine das Kolloquium abrundete. Er ordnete die Bemühungen dieser Veranstaltung forschungsgeschichtlich ein, unterstrich, daß Frankreich hier vor allem gegenüber der deutschen Mediävistik mit ihrer traditionsreichen Pfalzen- und Residenzenforschung einen Nachholbedarf habe. Während für die französische Forschung das Mittelalter bislang vorwiegend eine Zeit des château und der ville gewesen sei, sei nun die gehörige Sensibilität für das palatium/palais als hochrangige Regierungsstätte antiker Tradition geweckt worden.

In Fortführung der Contamineschen Gedanken wird man sagen können, daß dieses Kolloquium, behutsam vorbereitet durch die fünfjährige Arbeit von Annie Renoux im CNRS, den bedeutenden Fortschritt der französischen Forschung zur mittelalterlichen Regierungsarchitektur und -praxis auf historischem wie archäologischem Feld markiert hat. Darüber hinaus bot es in der internationalen Begegnung zahlreiche Anregungen und Kontakte, wozu nicht zuletzt die in der nahe bei Le Mans gelegenen ehemaligen Zisterze Epau gepflegte Convivialité beitrug.
 

Tagungsprogramm

Thème I: Définition théorique et pratique

Thomas Zotz, Freiburg, Allemagne: Palatium et curtis. Aspects de la terminologie palatiale au moyen âge.

Josianne Barbier, Paris: Le système palatial franc. Histoire et archéologie.

Annie Renoux, Le Mans: Espaces et lieux de pouvoirs princiers et royaux en France (fin IXe-début XIIIe siècles). Changement et continuité.

Elisabeth Lalou, Paris: Le vocabulaire des résidences royales en France (fin XIIIe-XIVe siècles).

Jean Mesqui, Paris: L'architecture des résidences royales et princières en France à la fin du moyen âge.

Mary Whiteley: Public and private space in Capetian-Valois castles during the fourteenth and fifteenth centuries.

Thierry Crépin-Leblond, Ecouen: Palais épiscopaux de la France du Nord. Problématique et architecture (Xe-XIIIe siècles).

Yves Esquieu, Aix/Henri Pradalier, Toulouse: Palais épiscopaux de la France du Sud au moyen âge. État de la question.

Christian de Mérindol, Paris: De la stratégie décorative dans les monuments à la fin du moyen âge. Emblématique, art, histoire.

 

Thème II: Fonctions et modes de fonctionnement

Olivier Bruand, Le Mans: L'impact des palais et des monastères royaux sur leur proche environnement dans le bassin parisien, VIIIe-Xe siècles. Quelques exemples concrets.

Robert-Henri Bautier, Paris: Itinéraires des souverains et palais royaux de Francie Occidentale de 877 à 936.

Claudine Billot, Paris: L'insertion d'un ensemble canonial dans un palais royal: problème de cohabitation. L'exemple de la Sainte-Chapelle de Paris (XIIIe-XVe siècles).

Jean Chapelot, Paris: Charles V à Vincennes et les problèmes de l' exercice du pouvoir.

Gérard Giuliato, Nancy: Séjours et châteaux des prince-évêques de Metz en Lorraine (XIe-XVIe siècles).

Elisabeth Sirot, Lyon: Châteaux et résidences princiers des comtes de Genève et des comtes de Savoie.

Anne Nissen-Jaubert: Résidences princières danoises médiévales.

 

Thème III: Monographies archéologiques françaises récentes

Didier Perrugot: Le palais mérovingien de Malay (Yonne): premiers résultats des fouilles.

Philippe Guignon: La résidence aristocratique carolingienne de Locronan (Bretagne).

Martine Petitjean: Fouilles sur le site palatial carolingien de Compiègne.

 

Thème IV: Expériences étrangères

Thomas Zotz, Freiburg: Recherches actuelles en Allemagne sur les palais royaux.

Jean-Marie Martin, Paris: Problématique et état de la question en Italie du Sud.

François Bougard, Nanterre: Les palais royaux de l'Italie carolingienne et post-carolingienne. Etat de la question.

Tim Tatton-Brown: The palaces of the archbishop of Canterbury (1070-1550) and other episcopal palaces.

 

Philippe Contamine, Paris: Conclusion.

 

Die Veröffentlichung der Beiträge in einer Publikationsreihe der Universität von Le Mans ist in Vorbereitung.

Thomas Zotz, Freiburg

 

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"Das Leben an den Höfen des Barocken Adels im 17. und in der ersten Hälfte
des 18. Jahrhunderts"
Kolloquium in Krumau, 10.-12. Oktober 1995

 Jihoceská univerzita Ceské Budejovice (Südböhmische Universität Budweis) veranstaltet in Anknüpfung an die vorherige Konferenz "Das Leben am Hof und in den Residenzstädten der letzten Rosenberger" im Rahmen des Programms der UNESCO "Les Espaces du Baroque" in Cesky Krumlov (Krumau) vom 10. bis 12. Oktober 1995 ein internationales Symposium zum Thema "Das Leben an den Höfen des Barocken Adels im 17. und in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts".

Die wissenschaftlichen Vorträge am ersten Tag werden der Thematik der Höfe und Residenzen des europäischen Adels im 17. und in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts gewidmet sein. Sie werden mit einem Überblicksreferat von J. Pánek (Prag) eröffnet.

An diesen Beitrag sollen Referate anknüpfen, in denen die Problematik der Adelshöfe und Residenzen in Italien, in den österreichischen Ländern (B. Bastl, G. Heiß, K. Vocelka, Wien), im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation (P. M. Hahn, Potsdam), in Frankreich, Spanien (O. Kaspar, Prag), in den Niederlanden (T. Wijsenbeek-Olthuis, Amsterdam, und P. Janssens, Brüssel), in Dänemark (S. Heiberg, Hilleröd), Polen (E. Opalinski, Warschau), Ungarn und in der Ukraine (N. Jakovenko, Kiew) näher beleuchtet werden sollen.

Am zweiten Tag wird über die barocken Höfe des südböhmischen, mährischen und schlesischen Adels (z.B. Z. Hoida/Prag, P. Vorel/Pardubitz, J. Bahlcke/Berlin) sowie über die Hofkultur und das Mäzenatentum (u.a. V. Ulnas/Prag, J. Sehnal/Brünn) gesprochen werden.

Am dritten Tag wird sich das Kolloquium mit der Problematik der Veränderungen des Lebensstils am adligen Hof und in der Residenzstadt Cesky Krumlov (Krumau) zwischen dem 16. und dem 18. Jahrhundert beschäftigen (u.a. V. Buzek/Budweis, A. Kubíková/ Krumau, V. Bok/Budweis).

Die gehaltenen Referate werden in der Editionsreihe der Opera historica (Editio Universitatis Bohemiae Meridionalis) publiziert werden. Im Rahmen des Symposiums wird eine Besichtigung des Schlosses und des Schloßtheaters in Cesky Krumlov (Krumau) angeboten, weiterhin der Besuch einer Ausstellung "Die Barockkultur in Cesky Krumlov" sowie eines Konzertes mit alter Musik.

Kontakt und weitere Informationen zum Symposium: Doz. Dr. Václav Buzek, Jihoceská univerzita Ceské Budejovice (Südböhmische Universität Budweis), Jeronymova 10, CZ - 371 15 Ceské Budejovice, Tel. (038) 731 21 87, Fax (038) 731 21 94.

Václav Buzek, Budweis

 

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"Früher Schloßbau und seine mittelalterlichen Vorstufen"
Bericht über die 3. Tagung der Wartburg-Gesellschaft
vom 24. - 26. März 1995
auf Schloß Annettenhöh in Schleswig

 
Die Wartburg-Gesellschaft veranstaltete vom 24. - 26. März im neogotischen Schloß Annettenhöh in Schleswig, dem Sitz des Landesamtes für Vor- und Frühgeschichte von Schleswig-Holstein, ihre 3. Tagung mit dem Thema: "Früher Schloßbau und seine mittelalterlichen Vorstufen". Die erst im November 1992 gegründete Gesellschaft mit ihrem Sitz auf der Wartburg über Eisenach und ihrer Geschäftsstelle in Nürnberg hat sich der wissenschaftlichen Erforschung von Burgen und Schlössern gewidmet. Sie setzt sich aus Angehörigen diverser Forschungsinstitute, Bauforschern, Denkmalpflegern, Architekten und spezialisierten Laien zusammen, wobei die inzwischen über 100 Mitglieder aus zehn Staaten stammen. Die einmal im Jahr stattfindenden Tagungen der Wartburg-Gesellschaft werden jeweils in einem bebilderten Band veröffentlicht, der darüber hinaus ein Forum zur Vorstellung und Diskussion neuer Forschungsergebnisse sein soll. Der Band der ersten Konferenz auf der Wartburg im März 1993 ist kürzlich beim Deutschen Kunstverlag erschienen.

Die diesjährige Tagung wurde vom Vorsitzenden G. Ulrich Großmann geleitet. Das breite Feld der insgesamt 24 Vorträge läßt sich den folgenden Grundthemen zuordnen: neue Forschungen zu Burg- und Schloßbauten in Deutschland, neue Forschung zu Burgen und Schlössern in Osteuropa, Beiträge zu Spezialfragen und aktuelle Beiträge, die durch bauliche Maßnahmen akut bedrohte Anlagen betreffen. Die Vorträge wurden durch eine Einführung des Gastgebers Joachim Reichstein in die Geschichte des Tagungsortes Schloß Annettenhöh, die Begehung von Schloß Gottorf und eine halbtägige Exkursion zu den Herrenhäusern Roest und Gelting sowie nach Schloß Glücksburg ergänzt.

Die beiden ersten und die beiden letzten Beiträge umschlossen das Gesamtprogramm wie eine lockere Klammer, indem sie von Bauten in Schleswig-Holstein bzw. dem südlichen Ostseeraum handelten. Heiko K. L. Schulze berichtete über die Baugeschichte des Schlosses Gottorf, das im frühen 13. Jahrhundert gegründet wurde und von 1544 bis 1713 Sitz der herzoglichen Linie Schleswig-Holstein-Gottorf war, und führte damit in die Forschung am Tagungsort selbst ein. Aus der Geschichte der gewachsenen Vierflügelanlage des Schlosses griff er die mittelalterlichen Befunde heraus, die während der Grabungen Ende der 80er Jahre gemacht werden konnten und erläuterte sie. So konnten z. B. Reste der bischöflichen Burg (eine Hypokaustenanlage, ein mittelalterlicher Fußboden aus quadratischen Tonplatten und die Ringmauer) aus dem Zeitraum um 1268 nachgewiesen werden. Ferner skizzierte er die Bauphasen der um 1500 entstandenen gotischen Halle und deren Vorgänger, einem Keller. Bemerkenswert ist des weiteren ein Stufenportal aus dem letzten Viertel des 13. Jahrhunderts, das sich heute in einem Raum des Erdgeschosses befindet.

Uwe Albrechts Vortrag "Frührenaissance-Architektur in Norddeutschland und Dänemark - 1530-1570" charakterisierte die wichtigsten Merkmale der Baukunst am Übergang von der Spätgotik zur Frührenaissance im südlichen Ostseeraum. Er stellte anhand ausgewählter Beispiele heraus, inwieweit der seit dem 13. Jahrhundert bestehende mittelalterliche Formenapparat in die Neuzeit tradiert und modifiziert wurde. Es wurde deutlich, daß sowohl bürgerliche als auch fürstliche Bauvorhaben sich dieser polychromen, bildhaften und doch zugleich schlichten Formensprache bedienten und das Spiel von Form und Farbe zur dekorativen und programmatischen Ausgestaltung der Architektur nutzten. Das durch die Druckgraphik verbreitete neue Formengut stammte aus den südlichen Niederlanden, Italien und dem französisch-normannischen Gebiet. Der Übergang von der Spätgotik zur Frührenaissance vollzog sich in Schleswig-Holstein zwischen 1530 und 1570. Antikisierende Motive begannen sich in den fürstlichen Zentren nun mit Hilfe von Vorlagebüchern und Architekturtraktaten durchzusetzen.

Udo Liessem (Koblenz) stellte einige bisher unbekannte Entwürfe des in Koblenz geborenen Architekten Hermann Antonius Nebel (* 1816, gest. 1892) für die Blomenburg bei Selent vor. Sie sind im Werdegang Nebels die frühesten nachweisbaren Arbeiten. Der noch heute im wesentlichen unveränderte Bau wurde von dem Schinkel-Schüler Eduard Knoblauch (* 1801, gest. 1865) zwischen 1842 und 1857 als romantisches Jagdschloß geplant und ausgeführt. Aus welcher Motivation heraus Nebel die in Koblenz entdeckten Entwürfe zeichnete, läßt sich bis dato nicht klären. Interessant ist jedoch der Vergleich mit den Entwürfen Knoblauchs (vgl. zum Bau die unlängst veröffentlichte Monographie von Karen David-Siroko). Der neugotische, im Stil der Berliner Schule errichtete Bau ist in Details der englischen "castle-gothic" und dem "normännischen" Stil verpflichtet. Die Entwürfe Nebels zeigen die Blomenburg als Villa, die hinsichtlich des Grundrisses einiger Details ebenfalls auf englische Einflüsse weisen (Neo-Tudor-Style).

Der Vortrag von Udo Liessem wurde von Heiko Schluze dazu genutzt, auf die derzeitigen Probleme in der schleswig-holsteinischen Denkmalpflege aufmerksam zu machen, deren Vertreter versuchen, die Blomenburg als ein Ensemble von Schloß und Landschaftsgarten zu schützen. Er stellte kurz die möglichen Folgen des geplanten Verkaufs und Umbaus der Blomenburg zu einem Luxushotel dar, die eine Zerstörung dieses für Schleswig-Holstein sehr wichtigen Bau- und Kulturdenkmals zu Folge haben könnte. Der Aufruf zu einer kurzen offiziellen Stellungnahme der Wartburg-Gesellschaft zum Erhalt dieses wertvollen Denkmals wurde einstimmig angenommen.

Der Vortrag von Ulrich Stevens (Brauweiler) schilderte eine ähnliche Problematik. Er zeigte mit einer entsprechenden Einführung auf, inwieweit bauliche Maßnahmen das Umfeld des Benrather Schloßparks, das zum ursprünglichen Gartenkonzept gehört, verkleinern sollen. Die ohnehin schon durch bereits ausgeführte Baumaßnahmen beschnittene Fläche des ursprünglichen Landschaftsgarten-Ensembles soll weiter reduziert werden. Die Folge davon ist, daß das Denkmal als Gesamtanlage unwiderruflich verlorenzugehen droht.

Zum Thema neue Forschungen über Burg- und Schloßbauten in Deutschland ist als erstes ein Referateblock zu nennen, der über den derzeitigen Erhaltungszustand und die Forschungslage von Schlössern und Herrenhäusern in der Mark Brandenburg Auskunft gab. Ernst Badstübner (Greifswald), der in Vertretung von Sibylle Badstübner-Gröger (Berlin) über den derzeitigen Zustand dieser Bauten und der dazugehörenden Gärten berichtete, eröffnete diese Reihe. Er wies auf den zur Rettung, Erhaltung und zur Erforschung initiierten "Förderkreis Märkische Schlösser und Gärten in der Deutschen Gesellschaft e. V." hin. Dieser Verein, der unter dem Vorsitz von Dr. Badstüber-Gröger steht, umfaßt z. Zt. circa 250 Mitglieder und berichtet in der Publikationsreihe "Märkische Schlösser und Gärten" über die entsprechenden Bauten und ihr Umfeld.

Drei Vorträge über Schlösser in der Mark Brandenburg, Resultate eines an der Berliner Humboldt-Universität stattfindenden mehrsemestrigen Projektseminars mit dem Titel: "Herrenhäuser in der Mark Brandenburg", das unter der Leitung von Irmtraud Thierse steht, gaben detaillierte Auskunft über drei weitere Bauten und zeigten den derzeitigen Stand der beginnenden Erforschung der Schlösser und Herrenhäuser in diesem Bundesland an: Manuela Biele, Stefan Heinz und Heike Krause (alle Berlin) boten einen Einblick in die teilweise komplizierten Baugeschichten und historischen Gegebenheiten der Burg- bzw. Schloßanlagen von Großkmehlen, Fürstlich Drehna und Sallgast.

Die folgenden Einzelbetrachtungen zeigten dem Publikum sehr unterschiedliche Herangehensweisen an das Thema. Dankwart Leistikow (Dormagen) referierte über den Palasbau der Burg Wertheim am Main und stellte rückblickend den Stand der Forschung dar. Andreas Konopatzki (Rothenburg) hatte sich zur Aufgabe gesetzt, die jüngst erforschten mittelalterlichen Reste der Burganlage Arnshaugk in der Nähe von Neustadt an der Orla vorzustellten. Edith Ulferts (Leipzig) schilderte ausführlich über die Planung und Bau des Schlosses Rudolstadt in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Sie legte dabei den Schwerpunkt auf die diversen Entwürfe und Pläne des Umbaues des sächsischen Oberlandbaumeisters Johann Christoph Knöffel (* 1686, gest. 1752) und arbeitete die Orientierung an der Residenzstadt Dresden heraus. Karl-Heinz Schumacher (Aachen) trug neue Erkenntnisse über den Bau des Schlosses Rheydt vor, die in Zusammenarbeit mit Klaus Weber gewonnen wurden. Der erste Steinbau des Schlosses, der eine Motte als Vorgänger besaß, konnte auf die Zeit um 1300 datiert werden. Darüber hinaus wurde im Schloß ein Mosaikboden von 1464 gefunden. Christopher Hermann (Gau-Algesheim) legte in seinem Beitrag über das Schloß Dillich bei Borken das Schwergewicht auf historische Fakten und nicht auf historische Bauforschung. Interessant schien die Restaurierung und Renovierung ebenso wie die Innenausstattung des Schlosses im 19. Jahrhundert, auf die allerdings nicht näher eingegangen wurde. Daniel Burger (Weißenburg i. B./Eichstätt) berichtete aus der Sicht des Architekten schließlich über die Schloßbauten Schaumbergs und Gemmingens auf der Willibaldsburg über Eichstätt. Der Bau vereint, laut Burger, militärische Stärke und repräsentatives Aussehen. Ferner bot Burger Rekonstruktionen der Palastbauten.

In einem der herausragenden Beiträge der Tagung präsentierte Elmar Altwasser (Marburg) in knapper und präziser Form sehr anschaulich Beobachtungen zum Schloß Schwikershausen in Thüringen. Er machte deutlich, wie viele interessante Befunde eine im ersten Moment unscheinbare, schlichte Anlage durch die Bauforschung zutage treten ließ. Die in zwei Stufen vorgenommene Bauuntersuchung (Stufe I: ohne Eingriffe in die Bausubstanz, Stufe II: mit geringen Eingriffen in die Bausubstanz) wurde vom IBD (Freies Institut für Bauforschung und Dokumentation) in Marburg vorgenommen. Neben den eigentlichen Befunden stellte Altwasser die zu einer guten Bauaufnahme nötige Methode der vereinfachten steingerechten Darstellung der Befunde anhand der noch nicht weit verbreiteten Methode einer computergestützten Entzerrung von Photographien vor. Der Bau selbst zeigt einen symbolischen Charakter der Wehrhaftigkeit sowie eine illusionistische Materialgerechtigkeit.

Ulrich Klein (Marburg) stellte im Anschluß daran das Neue Gießener Schloß vor, das 1539 fertiggestellt wurde. Durch die Bauforschung vor Ort wurde klar, daß der Baukörper, der nach dem Zweiten Weltkrieg im Erd- und Obergeschoß durchgreifend modernisiert wurde, im Dachgeschoß - gleich einer "Zeitkapsel" - erstaunlicherweise einen nicht veränderten Dachstuhl aus der Erbauungszeit enthält. Ebenso stammen die welschen Hauben aus dieser Zeit und sind damit zu den frühesten Beispielen in Hessen zu zählen. Ferner konnte das Neue Schloß als ein Nebenbau der eigentlichen Residenz klassifiziert und somit dem Ensemble des Gießener Hauptschlosses zugeordnet werden.

Horst Masuch (Hannover) wartete dem Publikum mit neuen überraschenden Forschungsergebnissen über das Celler Schloß auf. Es gelang ihm mit Hilfe einer genauen Bauanalyse und einer ebensolchen Auswertung der zeitgenössischen Quellen eine bedeutsame Neudatierung der bislang auf die 1530er Jahre datierten Zwerchhäuser und ihrer Giebel des zur Stadt gerichteten Schloßflügels. Sie fällt, wie Masuch schon zuvor vermutet hatte, auf das Jahr 1485, womit der früheste derartige Giebel nördlich der Alpen nachgewiesen wäre. Die Liste der bekannten Steinmetzen und die Auswertung der datierten Lohnabrechnungen für die am Bau tätigen Handwerker sowie eine genaue Stilanalyse der Randleisten der Fenstergewände, des Schmuckbandes und der gestaffelten Halbrundgiebel belegen diese Aussage.

Hervorzuheben ist in dem zweiten Themenblock über die Forschung zu Burgen und Schlössern in Osteuropa die sympatische Zusammenarbeit der ungarischen Forscher. Istvan Feld (Budapest) sprach und dolmetschte auch für Gergely Buzás (Visegrád) und Lajos Bozóki (Budapest).

Thomas Durdik (Prag) hob in seinem Beitrag hervor, daß die zunächst der militärischen Verteidigung dienenden Burgen in Böhmen im Laufe ihrer Entwicklung verschiedene Stadien durchlebten. Demnach trat die Verteidigungsfunktion in den Hintergrund, und die Möglichkeit des "schönen und bequemen Wohnens" im Schloß gewann an Attraktivität. Gegenüber den zuvor herrschenden hierachischen Prinzipien lagen den Baukörpern nun gleichwertige Gestaltungsformen zugrunde. Die Einbettung der durch die Bauforschung gewonnenen Erkenntnisse in das historische Umfeld zeigte, daß diese Entwicklung durch die Hussitenkriege unterbrochen wurde.

Gergely Buzás stellte den königlichen Palast des Matthias Corvinus in Visegrád vor. Er arbeitete heraus, daß der Gesamtkomplex mit der "Herrenburg" auf dem Berg oberhalb der Donau und den am Hang positionierten Palastbauten im Laufe ihrer Erbauung speziell im Hinblick auf eine Inszenierung der königlichen Macht gebaut wurde. Auch lassen sich Häuser, die sich in königlichem Besitz befanden, durch archäologische Grabungen in der Stadt nachweisen. Dieser einzigartige Bau des Palastes in Visegrád, der als Sitz der Könige zu den wichtigsten Stätten Ungarns zu zählen ist, läßt sich angesichts des dezimierten Bestands an Profanarchitektur des 14. Jahrhunderts mit dem Palast der Päpste in Avignon vergleichen.

Istvan Feld hob in seinem Beitrag hervor, daß Bauformen aus Deutschland nach Ungarn übertragen wurden. Ferner zeigte er an diversen Gebäuden eine interessante Grundrißdisposition: die Flankierung eines längsrechteckigen Hauptbaukörpers durch jeweils einen rechteckigen Baukörper an den diagonal gegenüberliegenden Ecken des Hauptbaues. Auch warfen die Beobachtungen zur am Außenbau verschiedener Schlösser nachgewiesenen Auszeichnung der Gebäudeecken in Sgraffito-Technik Licht auf die Polychromie der Architektur. Die "echte" Renaissance setzte, so Feld, erst relativ spät in Ungarn ein, nach 1600.

Lajos Bozóki (Budapest) ermittelte, inwieweit Wohntürme als königliche Residenzen genutzt wurden und stellte den symbolischen Wert des monumentalen Turmes heraus. Die von ihm ausgewählten Beispiele, der Salomonturm in Visegrád sowie der Wohnturm der Burg Karlstein und der Papstpalast in Avignon, untermauerten seine Ausführungen.

Ieva Oese (Riga) gab einen knappen Überblick über die zu Schlössern umgebauten Burgen des Deutschen Ordens in Livland, die nach dem Ende des livländischen Ordensstaates 1562 in den letzten Jahrzehnten und zu Beginn des 17. Jahrhunderts durch Erweiterungen an neue Anforderungen angepaßt wurden und sich jetzt teilweise in einem maroden Zustand befinden. Sie unterstrich die Wichtigkeit, auf dem Gebiet der Erforschung dieser Bauten und ihrer Funktion weitere Forschungen anzustellen, u. a. im Hinblick auf mögliche ausländische Vorbilder.

Spezielle Fragen hatten die folgenden Beiträge zum Thema: Ben Olde Meierink (Utrecht) präsentierte dem Publikum in seinem Vortrag nicht nur eine große Anzahl von Beispielen von Burgen und Schlössern mit integriertem großen Turm in den nördlichen Niederlanden, sondern stellte den Zuhörern explizit auch die Frage, ob ein großer, in einen Schloßkomplex oder Bau integrierter Turm ein besonderes Kennzeichen des Adels sei. Auf diese Frage konnte jedoch, wie auf viele andere aufgrund des eng gesteckten zeitlichen Rahmens der Vorträge und der dadurch ausfallenden Diskussionen leider nicht näher eingegangen werden.

Liliane Châtelet-Lange (Mundolsheim) widmete sich in ihrem Vortrag ausführlich dem Phänomen des Hängewerks mit Hängesäulen und abgehängten Decken in großen Saalräumen. Diese sogenannten poinçons seien, so ihre Theorie, aufgrund eines technischen Problems, der Überbrückung von zwei Geschossen, erfunden worden. Ferner wurde deutlich, daß die Funktion dieser "doppelgeschossigen Säle" in der Forschung noch geklärt werden muß. Der in der Überschrift ihres Vortrags angekündigte Konflikt zwischen firmitas und venustas wurde dabei allerdings nicht näher erläutert.

Die 4. Tagung der Wartburg-Gesellschaft, die mit Spannung erwartet werden darf, wird voraussichtlich im Juni 1996 auf Schloß Tirol bei Meran stattfinden. Geplante Themenschwerpunkte liegen in den Bereichen des frühen Burgenbaues, der Palatien des 12. Jahrhunderts und der regionalen Architektur.

Christine Kratzke, Kiel

 

FREITAG, 24. MÄRZ 1995

G. Ulrich Grossmann (Nürnberg), Zur Tagung.

Joachim Reichstein (Schleswig), Begrüßung.

Heiko K. L. Schulze (Kiel), Die baugeschichtliche Entwicklung des Schloß Gottorf.

Uwe Albrecht (Kiel), Frührenaissance-Architektur in Norddeutschland und Dänemark (1530-1570).

S. Badstübner-Gröger (Berlin) [vertreten durch Ernst Badstübner (Greifswald)], Probleme der Erhaltung von Schlössern und Herrenhäusern in der Mark Brandenburg.

Manuela Biele (Berlin), Schloß Großmehlen in der Niederlausitz.

Stefan Heinz (Berlin), Schloß Fürstlich Drehna (Südbrandenburg).

Heike Krause (Berlin), Schloß Sallgast.

Thomas Durdik (Prag), Von der Burg zum Schloß. Die Hauptentwicklungslinien der böhmischen Burgenarchitektur des 14. Jahrhungerts.

Gergely Buzas (Visegrad), Der königliche Palast des Matthias Corvinus in Visegrád.

Dankwart Leistikow (Dormagen), Pals- und Schloßbauten auf Burg Wertheim am Main.

Ben Olde Meierink (Utrecht), Der Turm als Adelssymbol? Die Entwicklung des "Großen Turmes" auf Adelssitzen in den Nördlichen Niederlanden vom 15. - 18. Jahrhundert.

 

SAMSTAG, 25. MÄRZ 1995

Andreas Konopatzki (Rothenburg), Burganlage Arnshaugh nahe Neustadt a. d. Orla, eine Burg und doch keine Burg.

Liliane Chatelet-Lange (Mundolsheim), Der große Saal im deutschen Renaissanceschloß. Firmitas und venustas im Konflikt.

Istvan Feld (Budapest), Zu Schlössern der Spätrenaissance in Nordostungarn.

Ieva Ose (Riga), Umbau der livländischen Ordensburgen in Kurland zu Schlössern des Manierismus im 17. Jahrhundert.

Edith Ulferts (Leipzig), Schloß Rudolstadt.

 

SONNTAG, 26. MÄRZ 1995

Joachim Reichstein (Schleswig), Einführendes zum Schloß Annettenhöh.

Karl-Heinz Schuhmacher (Aachen), Neue Erkenntnisse zum Schloß Rheydt.

Elmar Altwasser (Marburg), Schloß Schwickershausen in Thüringen.

Ulrich Klein (Marburg), Das Gießener Schloß.

Horst Masuch (Hannover), Neue Erkenntnisse zum Schloß Celle.

Christopher Hermann (Gau-Algesheim), Schloß Dillich bei Borken in Hessen. Ein Überblick.

Daniel Burger (Weißenburg i. B./Eichstätt), Die Willibaldsburg über Eichstätt. Die Schloßbauten Schaumbergs und Gemmingens.

Lajos Bozoki (Budapest), Die Wohntürme bzw. Turmpaläste des Spätmittelalters.

Ulrich Stevens (Brauweiler), Der Benrather Schloßpark.

Udo Liessem (Koblenz), Ein wiederentdeckter Entwurf von Architekt Nebel für die Blomenburg bei Selent.



 

Kolloquien, Ausstellungen, Jubiläen

 

Oldenburg in Oldenburg
Landesmuseum für Kunst- und Kulturgeschichte Oldenburgs
Ausstellung, ab 7. Mai 1995:
"Stadt und Residenz. Beziehungen zwischen der Stadt Oldenburg und der Landesherrschaft von 1345-1918."

Die Ausstellung wird am 6. Mai 1995 feierlich eröffnet werden und dann ab 7. Mai 1995 für den Publikumsverkehr zugänglich sein (vgl. zur Ausstellung bereits Mitteilungen Jg. 3, 1993, Nr. 2, S. 9f., und Jg. 4, 1994, Nr. 2, S. 16). Zur Ausstellung wird ein Auswahl-Katalog veröffentlicht, der Stücke aus den Oldenburger Beständen und auswärtige Exponate zeigt. Für die Zeit ab 1997 ist eine größere Dauerausstellung zur Oldenburgischen Geschichte geplant.

Weitere Informationen über: Dr. Siegfried Müller, Oberkustos am Landesmuseum für Kunst- und Kulturgeschichte Oldenburgs, Schloßplatz 26, 26122 Oldenburg in Oldenburg, Tel. 0441/220-2603.

 

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Helsingör in Seeland (Dänemark)
Château Gaillard XVII
2. bis 9. September 1996
"Die Burg als Baustelle bis zur Mitte des 15. Jahrhunderts"

 
Das comité permanent Château Gaillard hat auf seiner Sitzung am 30. August 1994 beschlossen, die nächste Sitzung vom 2. bis 9. September 1996 in Helsingör im Norden von Seeland (Dänemark) abzuhalten. Sie wird "Die Burg als Baustelle bis zur Mitte des 15. Jahrhunderts" als Hauptthema haben. Es können etwa 20 Vorträge zu je 30 Minuten gehalten werden. Daneben besteht die Möglichkeit, auf Postern (1 m x 1 m) andere Aspekte der Burgenforschung und neuere Grabungsergebnisse vorzustellen. Die Teilnehmerzahl wird aus fachlichen und organisatorischen Gründen auf ca. 100 Personen begrenzt sein. Das Hauptthema ist als sehr weitgefaßt zu verstehen.

Unverbindliche Zusagen einer Teilnahme sollten bis Anfang März 1995 gerichtet werden an:

Kontaktadresse:

Dr. Dietrich Lutz

Landesdenkmalamt Baden-Württemberg

Durmersheimer Straße 55

76185 Karlsruhe

Tel.: 0721/5008-9

Fax.: 0721/5008-100

 

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Les fortifications dans les domaines Plantagenêt de France, XIIème - XIVème siècles. Colloque International, Université de Poitiers, Faculté des Sciences Humaines et des Arts, Centre d'Etudes Supérieures de Civilisation Médiévale (C.E.S.C.M.), Poitiers, 11.-13. November 1994.

Kontaktadresse:

Secrétariat du C.E.S.C.M.

24, rue de la Chaîne

F-86022 Poitiers

 

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Royaume de Fémynie: Femmes et pouvoirs en France à la Renaissance
13, 14, 15 octobre 1995 (sans doute au Château de Blois)
colloque international
 

Durant les cérémonies de fiançailles de François Ier et Claude de France, un observateur remarqua qu'Anne de Beaujeu et Louise de Savoie marchaient avec "tant de suite de dames et damoiselles qu'il sembloit que le royaume de Fémynie y fust arrivé". Cette expression poétique, évoquant une communauté de femmes qui, vue de l'extérieur, semblait former un tout, traduit bien l'ambiguité du statut des femmes françaises à la Renaissance. Alors que dans certains domaines on assiste à un resserrement de leurs marges de manoeuvres et à un recul de leurs libertés, les débuts de l'Age moderne sont aussi le théâtre d'une émergence spectaculaire des femmes sur la scène publique.

Plusieurs colloques se sont récemment tenus au Royaume-Uni et aux Etats-Unis, avec au centre de leurs préoccupations ce questionnement sur la situation des femmes de la Renaissance, en Angleterre et en Italie. Royaume de Fémynie se propose de faire pour la première fois l'état da la question en France, et d'explorer les différents lieux de pouvoir que les femmes occupèrent entre la fin du Moyen Age et le début de l'ère classique (1450-1650).

Aucun aspect de la vie des femmes ni aucun niveau de la société ne sont mis à l'écart de cette exploration, que nous voudrions à la fois informative et problématique. Il s'agit d'une part de constituer les bases de savoirs plus étendus qu'ils ne le sont à l'heure actuelle, et d'autre part de comprendre les contradictions qui sont à l'oeuvre dans cette période charnière de l'histoire, contradictions entre les niveaux sociaux, entre les l'ordres, mais aussi à l'interieur d'un même statut ou groupe: les pouvoirs exercés par les femmes sont-ils décernés ou pris? tolérés ou condamnés?

Les participants sont invités à traiter tous sujets qui s'inscrivent dans cette optique, que ce soit dans les domaines juridique, économique, social, politique, littéraire, historiographique, philosophique ou artistique ... Le colloque se tiendra en français (de préférence) et en anglais. Les communications seront d'une vingtaine de minutes.

 

Kontaktadresse:

Kathleen Wilson-Chevalier

The American University of Paris

31, avenue Bosquet

F-75007 Paris

 

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Convegno di studi
Nuove ricerche nel patrimonio archivistico degi antichi Stati Padani
Poteri signorili, patriziati e centri urbani minori nell'area Estense (secc. XVI-XVIII)
X Settimana per i Beni Culturali
Ferrara
9-12 dicembre 1994
 

definitives Programm: 9 dicembre

 
Presiede: Gianni Venturi

I Sessione: Introduzione generale

Cesare Mozzarelli: Prolusione

Giovanni Tocci: Intorno alla storiografia sullo Stato estense nell'ultimo trentennio: bilanci e prospettive

Presiede: Lino Marini

II Sessione: Legislazione, istituzioni e amministrazione

M. Rosaria Celli Giorgini: Organizzazione e conservazione della memoria storica: gli archivi pubblici dei principati minori

Alberto Liva: La produzione statutaria

Euride Fregni: Assetti istituzionali, organizzazione amministrativa e produzione documentaria nei territori estensi

Giovanni Santini: Giurisdizioni locali, magistrature cittadine e territorio

Franco Cazzola: Acque di frontiera. Il governo idraulico nei ducati padani minori

Marco Folin: Gli officiali estensi tra autorità ducale e poteri territoriali (secc. XVI-XVII)

Enrico Angiolini: Rettori, Consigli e Comunità nella Romagna estense della II metà del '500

10 dicembre

Presiede: Marzio Achille Romani

III Sessione: Economia e società

Marco Cattini: Economia e società nei principati minori: produzione e circolazione monetaria, privative e monopoli, prelievo fiscale

Cesarina Casanova: Struttura, dinamiche e ruolo dell'aristocrazia locale nello Stato estense

Daniela Grana: Le strutture ed i modelli assistenziali nei territori estensi

Angelo Spaggiari: Collegi e archivi notarili e ruolo sociale dei notai nei principati dell'area estense

Chiara Pulini: Autonomie comunitative in area estense: Mirandola dopo i Pico

Gilberto Zacché: Autonomie comunitative in area estense: il caso carpigiano

Tullio Sorrentino: La Comunità di Sassuolo, un caso di mutamento economico ed istituzionale tra i Pio e gli Estensi (secc. XVI-XVIII)

Presiede: Amedeo Quondam

IV Sessione: Politica e diplomazia

Daniela Frigo: La corte e le "corti": sovranità e diplomazia nei ducati padani

Gianvittorio Signorotto: "Principi" padani e monarchie europee nelle guerre del Seicento

Andrea Gardi: Legati di Bologna e poteri signorili dell'area estense all'epoca di Alfonso II

Ore 17,00

Assemblea del Centro studi Europa delle Corti

11 dicembre

Presiede: Maria Rosaria Celli Giorgini

V Sessione: La Corte

Albano Biondi: L'ideologia dei piccoli principi

Flavio Rurale: Confessori consiglieri di principi: i casi dell'area estense

Ugo Baldini: Una forma di presenza della scienza a corte: pedagoghi e confessori gesuiti nelle piccole corti emiliane nella prima metà del Seicento

Stefano Arieti: Medici di corte e politica sanitaria nei principati dell'area estense

Giovanni Ricci: Centro e periferia nel rituale funbre estense del Cinquecento

12 dicembre

Presiede: Luigi Balsamo

VI Sessione: La Cultura

Amedeo Quondam: Accademie e organizzazione della cultura nei ducati padani minori

Claudia Cieri: Gli artisti delle piccole corti: temi e produzione

Jadranka Bentini: Prime indagini sugli affreschi della Rocca di Vignola

Marina Calore: Il sistema teatrale nei territori estensi tra controllo centrale e autonomia organizzativa

VII Sessione: I modelli urbanistici

Manuela Ghizzoni: La città fortificata: assetti urbanistici e difesa del territorio nei principati minori

Marcello Fantoni: Sviluppo architettonico e cerimoniale del castello dei Pio de Carpi

Presiede: Vito Fumagalli

VIII Sessione: Vicende dei piccoli principati

Claudio Donati: Gli Este di San Martino attraverso i carteggi della Biblioteca Trivulziana di Milano

Bruno Andreolli: Lo Stato dei Pico tra medioevo ed età moderna

Gabriele Fabbrici: I Gonzaga di Novellara

Alberto Ghidini: Aspetti e vicente del Principato di Correggio nel XVII secolo, dopo la sua cessione al Duca di Modena

Giuseppe Trenti: Vignola: dai Contrari ai Buoncompagni

Luca Roggiani: Un marchesato e una contea nel Frignano del Sei-Settecento

Lino Marini: Conclusioni

Kontaktadresse:

Istituto di Studi Rinascimentali

Via Boccaleone, 19

Ferrara

 

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Science et conscience du patrimoine 1964 -1994
Palais de Chaillot, Grand Foyer, Paris
28 - 30 novembre 1994

 

28 novembre

Introduction

Pierre Nora

Le patrimoine et les sciences humaines

Matinée sous la présidence de Jean-Marie Pérouse de Montclos

Marc Fumaroli: La littérature

Marcel Roncayolo: La géographie humaine

Pierre Toubert: L'histoire et l'archéologie médiévales: le point de vue de l'historien

Maurice Agulhon: L'histoire et la rencontre de l'objet

 

Après-midi sous la présidence de Michel Laclotte

Marc Guillaume: L'économie

Daniel Fabre: L'ethnologie

Alain Schnapp: L'archéologie

Roland Recht: L'histoire de l'art

Jacques Le Goff: Conclusion de la journée

 

29 novembre

Connaissance et pratique: les moyens et les instruments de la connaissance pour la protection et la politique du patrimoine

Matinée sous la présidence de Jean-Pierre Bady

Cinq métiers de la direction du Patrimoine:

Pierre-Antoine Gatier: L'architecte des monuments historiques

Colette Di Matteo: L'inspecteur des monuments historiques

Jean-Pierre Daugas: L'archéologue

Bernard Toulier: Le conservateur de l'Inventaire

Michel Rautenberg: L'ethnologue

 

Après-midi sous la présidence de Françoise Bercé

Instruments et enjeux de la connaissance:

Jean-Marie Pérouse de Montclos: La description

Pierre-André Lablaude: La restauration

Bruno de Saint Victor: La protection

Marie-Anne Sire: Des objets d'art au patrimoine mobilier

Jean-Marie Vincent: Le patrimoine urbain

Isac Chiva: Le patrimoine rural

Abraham Bengio: Conclusion de la journée

 

30 novembre

1964-1994, 30 ans prise de conscience et de politique du patrimoine

Matinée sous la présidence de Gérard Ermisse

Pascal Ory: Logique de l'institution et professionnalisation

Isabelle Balsamo: André Chastel et "l'aventure" de l'Inventaire

Gérard Ermisse: L'Inventaire aujourd'hui et demain

Jean-Pierre Rioux: Décolonisation et patrimoine

Patricia Falguière: Le patrimoine mondial: critères du classement

Bruno Foucart: Les nouveaux champs: critères du classement

Jean-Michel Leniaud: Typologie de l'inventaire et du classement

 

Après-midi sous la présidence de Maryvonne de Saint Pulgent

La demande sociale et les publics du patrimoine

Michel Jantzen: La création contemporaine et le patrimoine

Hanri Mendras: Le point de vue du sociologue

Andreas Johannes Wiesand: D'autres expériences en Europe

Martin Malvy/Robert Poujade/Jean-Pierre Camoin: Le point de vue des élus, table ronde animée par Philippe Meyer

 

Conclusion générale

Pierre Nora

Clôture des Entretiens

Jacques Toubon

 

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Fremdheit und Reisen im Mittelalter
Interdisziplinäre Tagung des
Mittelalterzentrums Greifswald
24.-25.11.1995

 

Kontaktadresse:

Prof. Dr. Karl-Heinz Spieß

Historisches Institut

Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald

Domstr. 9a

D-17489 Greifswald
 
 

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Deutschordensburg Marienburg (Malbork)
Tagung "Castella maris baltici"
2.-8. September 1995
 
 


Buchvorstellungen

Antje Wendt, Das Schloß zu Reinbeck, Neumünster 1994 (288 S.)

Das Buch, das aus einer kunsthistorischen Dissertation hervorgegangen ist, behandelt in monographischer Weise die Bau- und Ausstattungsgeschichte eines schleswig-holsteinischen Renaissanceschlosses. Reinbek, dessen einstige Gestalt im Laufe langjähriger Restaurierungsarbeiten zumindest im Äußeren nahezu vollständig wiedergewonnen werden konnten, gehört zusammen mit den ebenfalls landesherrlichen Häusern von Kiel, Husum und Tönning in die Reihe der bemerkenswerten Architekturschöpfungen Herzog Adolfs von Schleswig-Holstein-Gottorf (reg. 1544-1586), besaß aber im Gegensatz zu jenen keinen ausgeprägten Residenzcharakter, sondern erfüllte die besondere Funktion eines fürstlichen Jagd- und Lustschlosses. Dementsprechend war die gesamte Anlage konzipiert. Asymetrisch im Grundriß und nur zwei Vollgeschosse hoch, durch einen Arkadengang zum Hofe hin geöffnet, nach außen und innen freundlich und hell, nach keiner Seite wehrhaft und weder von einem Wall noch von einem Graben umgeben. Stattdessen stand das ab 1571 errichtete Schloß in engem Bezug zur waldreichen Umgebung und besaß von Anfang an einen anspruchsvollen Garten, den zweitältesten im Lande nach dem nur kurz zuvor angelegten Gottorfer Westergarten.

Antje Wendt gliedert ihre Darstellung in zwei historisch-chronologisch aufeinander aufbauende Hauptteile; einen ersten, der die Zeit landesherrlicher Nutzung umfaßt (16.-Anfang 18. Jh.) und einen zweiten, der die Geschichte des Schlosses vom Amtmannsitz des 18. Jahrhunderts zum Kulturzentrum der Gegenwart nachzeichnet. Der wichtigere erste Teil beschreibt und bewertet in mehreren Abschnitten Bau und Ausstattung des Schlosses einschließlich seiner zahlreichen Nebengebäude sowie die Entstehung und Entwicklung des Reinbeker Gartens.

Die Grundlage dafür bilden die von Frau Wendt erstmals in extenso herangezogenen Archivalien, insbesondere die umfangreichen Bestände der im Schleswig-Holsteinischen Landesarchiv erhaltenen Reinbeker Amtsrechnungen, die seit den 1580er Jahren fast lückenlos vorliegen und, von der Verf. sorgfältig transkibiert, in einem ausführlichen Quellenanhamg zusammengefaßt worden sind.

Hier liegt ein ganz wesentlicher Gewinn der Untersuchung, deren Argumentations- und Beweisführung immer wieder auf die Schriftquellen zurückgreifen kann und damit eine Fülle von Daten, Namen, Fakten in die Diskussion einbringt, die zur Rekonstruktion der wechselnden historischen Zustände äußerst aufschlußreich sind. Über die vorliegenden älteren Veröffentlichungen zum Schloß hinaus werden nun Künstler und Handwerker ebenso greifbar wie Art und Umfang der Raumausstattung oder der Gartenbepflanzung. Systematische Quellendurchsicht erlaubt bislang unbekannte Einblicke in die Planung und Organisation der Baustelle, vermittelt Kenntnisse zur Herkunft der Rohmaterialien, der Ausstattungsstücke und des Pflanzguts, gibt Hinweise auf kulturelle Kontakte mit fremden Ländern und auswärtigen Höfen.

Ein eigenes Kapitel ist der kunsthistorischen Einordnung des Schlosses in die Architektur des 16. Jahrhunderts gewidmet, wobei erneut der schon von früheren Bearbeitern aufgeworfenen Frage nach möglichen niederländischen Vorbildern nachgegangen wird. Frau Wendt kommt zu dem Schluß, daß insbesondere das südniederländische Stadtpalais (Beispiele in Mecheln, Breda, Bergen op Zoom, Antwerpen und Brüssel werden vorgestellt und besprochen) entscheidende Anregungen gegeben hat, die in Reinbek seiner intimeren Zweckbestimmung wegen problemlos auf den Schloßbau übertragen werden konnten. Die niedrigere und breite Erstreckung, die Asymmetrie der Gesamtanlage und die Öffnung zum Hofe mittels eines Arkadenganges gehören dazu. Auch den wenig repräsentativen Abschluß des Hofes nach außen durch eine einfache Mauer mit Tor sowie die rückwärtige Gartenanlage findet man im Typus des Stadtpalais' seit der Mitte des 15. Jahrhunderts - zunächst in Frankreich, dann auch in den südlichen Niederlanden - vorgebildet.

Die Frage nach der Vermittlung dieser architektonischen Konzeption und, damit verbunden, nach dem Architekten von reinbek muß - mangels eindeutiger Quellen - allerdings auch weiterhin offenbleiben. Der Vergleich mit nordeuropäischen Anlagen ähnlichen Charakters zeigt jedoch, daß Schloß Reinbek als einem frühen und überdurchschnittlich qualitätvollen Beispiel der niederländisch beeinflußten Renaissancebaukunst in Zukunft ein fester Platz in der Reihe landesherrlicher Residenzen des späteren 16. Jahrhunderts eingeräumt werden muß.

Uwe Albrecht, Kiel

 

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Klaus Flink, Der klevische Hof und seine Chronisten. Verwaltungsschriftgut als Quelle und Mittel der territorialen Geschichtsschreibung, Kleve (Selbstverlag des Stadtarchivs Kleve) 1994, 48 S.

Zu Beginn seines Beitrages über die Zusammenhänge zwischen Kanzleiwesen und Chronistik am Hofe der Herzöge von Kleve gibt der Verfasser einen kurzen Überblick über die Entstehung des klevischen Hofes im Spätmittelalter. Dabei beschäftigt er sich insbesondere mit der Herausbildung des klevischen Territoriums und der Residenz Kleve und mit dem in dieser Hinsicht so wichtigen Schritt von der Reiseherrschaft zu der seit Mitte des 14. Jahrhunderts orts- bzw. residenzfesten Herrschaft mit Rat, Kanzlei, Archiv und Landesstift in Kleve. Somit steht dieser Beitrag in der Tradition einiger Bände aus der Reihe der Klever Studien, die sich mit der Entstehung der Residenz und dem kulturellen Leben am Hofe der Grafen und seit 1417 Herzöge von Kleve beschäftigen.

An konkreten Beispielen zeigt Flink, wie wir die bei Hofe wirkenden Personen in den seit Beginn des 15. Jahrhunderts überlieferten Kostlisten fassen können. Diese Zugriffsmöglichkeit auf prosoprographisch auswertbares Material ist umso wichtiger, als wir den Hof als "komplexen, vornehmlich personenbezogenen Sachverhalt" verstehen sollten, eine Tatsache, die Flink in die anschauliche Formel faßt: "Hof ist dort, wo der Fürst mit der +Küche* ist" (S. 5).

Neben der Hofhaltung und ihrer im Falle Kleves so hervorragend dokumentierten Überlieferung verdient in diesem Zusammenhang die Kanzlei unsere besondere Aufmerksamkeit. In ihrem Schoß entstanden u.a. so bedeutende Werke wie die Chronik des Gerard vander Schuren aus der zweiten Hälfte des 15. und die historiographischen Arbeiten des Johann Turck an der Wende vom 16. zum 17. Jahrhundert, so daß sie zu Recht als Wiege und "Hort der offiziellen klevischen Chronistik" gelten kann (S. 9).

Nach diesen eher allgemeinen und konzeptionellen Überlegungen widmet sich der zweite Abschnitt des Beitrages ausführlich den seit der Mitte des 15. Jahrhunderts zu fassenden Chronisten des klevischen Hofes, ihrer Arbeitsweise und ihren Werken. Der Verfasser hat sich drei Chronisten des 15., einen aus der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts und einen aus der Zeit um 1600 für eine nähere Betrachtung ausgewählt. Er beginnt seinen Durchgang mit einer um die Mitte des 15. Jahrhunderts in "spätmittelalterlichem Küchenlatein" abgefaßten, uns jedoch lediglich in späteren Abschriften erhaltenen Chronik eines anonymen Chronisten (II 1, S. 10-15). Als Autor dieses Werkes, das in der Literatur als Anonymi Chronicon bekannt ist, darf mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit der Klever Propst Henrick Nyenhuis (1415-1455) angenommen werden.

In einem zweiten Kapitel (II 2, S. 15-20) beschäftigt sich der Verfasser mit Gerard vander Schuren (1450-1496), der seit 1471 im Auftrag Herzog Johanns I. eine Chronik in duytschen prosen schrieb. An verschiedenen Beispielen verdeutlicht er, wie in vander Schurens Chronik sowohl ältere chronikalische Nachrichten als auch Materialien aus der Kanzlei verarbeitet wurden. Hier vermischte sich mitunter eigenes mit fremdem Gedankengut, und Flink hält fest, "daß vieles von dem, was in der Folge Gerard vander Schuren zugeschrieben wurde, tatsächlich erstmals von ... Henrick Nyenhuis überliefert und durch vander Schuren lediglich in niederdeutscher Sprache nacherzählt worden ist" (S. 20).

Eine schillernde und nach langen Dienstjahren an der römischen Kurie so gar nicht in den Reigen der niederrheinischen Chronisten passende Gestalt ist Arnold von Heymerick (1460-1491) (III 3, S. 20-25). In ihm tritt uns ein Mann mit großer internationaler Erfahrung entgegen, der von sich selbst sagte: Latinus sum. Romanis moribus simul et iure doctus (S. 21). Er stand unter dem starken Einfluß des italienischen Humanismus und burgundischer Vorbilder und ist vor allem durch seine Schrift über die Überreichung des päpstlichen Ehrengeschenkes der Goldenen Rose an Herzog Johann II. im Jahre 1498 bekannt geworden.

In einem abschließenden Vergleich der drei Chronisten des 15. Jahrhunderts stellt Flink in Anlehnung an die Forschungen Gregor Hövelmanns zum kulturellen Einfluß Burgunds auf den klevischen Hof dem "sachlich klaren, knappen und stellenweise doch menschlichen Stil des Anonymus" den "bedenkenloseren, freudigen Schwung Gerards vander Schuren" und die "humanistische Gestelztheit Arnold Heymericks" gegenüber (S. 25).

Seine Betrachtung der Chronisten des 16. und frühen 17. Jahrhunderts beginnt der Verfasser mit Johann Louwerman, der von 1545-1562 zunächst als Klever Propst wirkte und im Anschluß daran bis zu seinem Tod im Jahre 1590 als Jurist im engeren Kreis der Landesverwaltung tätig war (III 4, S. 25-30). Im Rahmen seiner Tätigkeiten in der Kanzlei hat er die älteren Chroniken gelesen und ihre Angaben anhand des ihm vorliegenden Urkunden- und Registermaterials geprüft und am Rand der Seiten die jeweiligen Registernummern und Belegsignaturen sowie eigene Zusätze, seine sogenannten Annotationes, vermerkt (S. 27).

Als letzten der klevischen Chronisten stellt Flink Johann Turck (1594-1625) vor, einen Verfasser zahlreicher historischer Werke, mit dem "die klevische Kanzlei-Hofhistoriographie ... recht eigentlich ihren Höhepunkt und Abschluß zugleich" (S. 30) erreichte (III 5, S. 30-41). Dieser stieg in nur fünf Jahren auf der Karriereleiter vom Kopisten zum Registrator auf. Ausgangspunkt und Basis aller Arbeiten Turcks sind dabei stets die Register gewesen, und es hat wohl kaum jemanden vor und nach ihm gegeben, der sich in der klevischen Verwaltung und den von ihr erzeugten Akten auch nur ähnlich gut ausgekannt hat. Aus seiner eigenen Hand stammen zahlreiche Register- und Inventarbände, die ein reiches, bisher noch nicht systematisch bearbeitetes Material für zukünftige Forschungen enthalten.

Ähnliches gilt auch für eine von Turck im Jahre 1609 angelegte "Kladde", eine Art Verwaltungshandbuch für den täglichen Gebrauch, das - bisher gänzlich unbeachtet - in den Beständen der Staatsbibliothek Berlin (PK Ms. Boruss. quart. 152) der Bearbeitung harrt. Darin findet sich neben einer De Clivia nostra brevis narratio und weiteren historiographisch interessanten Abschnitten eine Zusammenstellung von Materialien, die Turck bei seiner täglichen Arbeit wichtige Dienste geleistet haben dürften; kurz: "ein Nachschlagewerk, das Turck, wie wir von einem Zeitzeugen wissen, stets griffbereit über seinem Sitz aufbewahrt hat" (S. 34). Neben seinem in Ergänzung zu der Chronik vander Schurens verfaßten Supplementum, das sich auf die Jahre 1452-1609 bezieht und bei dem es sich nach dem Urteil des Verfassers um "eine vergleichsweise flüssig geschriebene Chronik im eigentlichen Sinne des Begriffs" handelt, hat Turck weitere historiographische Schriften verfaßt. Diese sind jedoch zu einem gänzlich anderen Zweck - nämlich für den "internen Gebrauch" - erstellt worden und haben deshalb auch nicht das literarische Niveau des Supplementums erreicht bzw. zu erreichen brauchen, eine Tatsache, die von der Forschung nach Flinks Urteil bisher nicht ausreichend berücksichtigt worden ist. Das interessanteste unter diesen Werken ist wohl die unvollendete Descriptio et historia gentilicia ducatus Cliviae, die den Chronisten im Falle ihrer Vollendung zum "Verfasser des ältesten historischen Ortslexikons der Rheinlande" gemacht hätte (S. 37). Insgesamt hat das Werk Johann Turcks bislang im Schatten des vermeintlich wichtigeren Gerard vander Schuren gestanden, doch kommt dem Chronisten der späteren Zeit als einem durchweg schöpferischen Geist, der das ihm zur Verfügung stehende Archivgut reichlich genutzt hat und dessen Werk nach Flink "als der bedeutendste historiographische Beitrag zur niederrheinischen Geschichte von 1400-1600 zu werten ist" (S. 40), in diesem Rahmen eine nicht zu unterschätzende Bedeutung zu.

Der vom Verfasser beschrittene gelehrte Weg durch den Kosmos der klevischen Hofchronistik von ihren spätmittelalterlichen Anfängen mit dem anonymen Auftakt über die Chronik vander Schurens bis zu der an der Wende vom 16. zum 17. Jahrhundert in Angriff genommenen - bedauerlicherweise nicht zum Abschluß gebrachten - systematischen Landesbeschreibung Johann Turcks beläßt es nicht bei einer Aufzählung der bestehenden Werke und ihrer Autoren. Flink gelingt es in seinem Beitrag, Darstellung und interpretierende Analyse miteinander zu verbinden und dabei zu zeigen, wie die einzelnen Phasen dieser Geschichtsschreibung aus ihrem jeweilig spezifischen geistesgeschichtlichen Umfeld heraus zu erklären sind.

Sehr verdienstvoll ist es, daß er sich keineswegs auf die wohlbekannten spätmittelalterlichen Höhepunkte der klevischen Hofchronistik beschränkt. Er beläßt es nicht dabei, bereits geleistete Forschungsarbeiten zu referieren, sondern verliert gerade die Quellen der späteren Zeit, die bisher eher im Hintergrund des Forschungsinteresses gestanden haben, nicht aus den Augen und zeigt damit Perspektiven für zukünftige Studien auf diesem Gebiet auf. Ob die klevische Kanzlei-Historiographie in der hier beschriebenen Form "tatsächlich Ausdruck einer Sonderentwicklung ist" (S. 41), oder ob sich diese Entwicklung in vergleichbaren Territorien gleich oder ähnlich vollzogen hat, ist eine der bisher unbeantworteten erkenntnisleitenden Fragen, mit der sich der Verfasser abschließend an die Vertreter seiner Zunft richtet.

Weiterhin ist positiv zu vermerken, daß der Beitrag insgesamt zehn Faksimile-Abbildungen mit Beispielen und Textproben aus den jeweils besprochenen Werken enthält und so auch einen optischen Eindruck dieser Zeugnisse vermittelt. Darüber hinaus hat Flink seiner Veröffentlichung einen kleinen Anhang beigegeben, der Zusammenstellungen mit den am klevischen Hofe verköstigten Personen (DAT GESIJNDE IN DEN HUYSE TOE CLEVE MIT DER COST) für die Jahre 1409 und 1420, d.h. vor und nach der 1417 erfolgten Erhebung der Grafschaft zum Herzogtum, enthält (S. 45-48).

Detlev Kraack, Berlin

 

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Antoni Maczak, Travel in Early Modern Europe. Translated by Ursula Philipps, Oxford 1995 (357 S.; Preis: , 45.00 / ca. 125,- DM).

Sei vielen Jahren erfreut sich das Phänomen der Reise im Spätmittelalter und in der Frühen Neuzeit großer Beliebtheit bei Historikern und Kulturwissenschaftlern. Das gilt insbesondere für diejenigen unter ihnen, die sich mit den Höfen und Residenzen dieser Epochen beschäftigen, denn die Berichte der Reisenden stellen einen reichen Fundus an Quellen für die Innen- und Außensicht dieser administrativen und repräsentativen Zentren dar. Doch nicht nur deshalb gehört das jetzt auch in englischer Übersetzung zugängliche Buch von Antoni Maczak über das Reisen im frühneuzeitlichen Europa zur Pflichtlektüre für jeden Residenzenforscher.

Zum einen erweist sich Maczak als ein hervorragender Kenner des von ihm behandelten Gegenstandes, und die umfangreiche Bibliographie am Ende des Buches (S. 330-344) macht deutlich, welche Belesenheit und vor allem eigene Quellen- und Realienkenntnis (Schrift-, Kunst und Architekturdenkmäler) hinter jedem Absatz des Werkes steht. Zum anderen ist dem Verfasser in seinem Buch eine Mischung aus hoher Wissenschaft und ansprechender Literatur gelungen. Wenn er seinem Werk die bezeichnende Widmung "To Fynes Moryson, Traveller and Gentleman" voranstellt, ist das kein leere Worthülse. Von der äußerst lesenswerten Introduction to the English Edition (S. 1-3), in der er den Beobachtungen seiner Protagonisten aus dem 16. und 17. Jahrhundert eigene Erfahrungen von Reisen und Forschungsaufenthalten in Europa und Amerika gegenüberstellt, bis zum abschließenden Kapitel ("16. Conclusions Deduced from Travelling", S. 277-295) bewegt sich der Verfasser auf literarisch hohem Niveau. Im Werk selbst stößt man nicht selten auf Abschnitte, in denen es scheint, als halte der Verfasser gelehrte innere Zwiesprache mit den von ihm behandelten Reisenden und Intellektuellen der Frühen Neuzeit, wenn es etwa um die Qualität des Weines in Montafiascone (S. 272 Anm. 9), um die Betrachtung und Bewertung von Kunst (S. 208f.) oder um die Kommentierung eines Stierkampfes geht (S. 316 Anm. 37).

Was den von Maczak behandelten Zeitraum angeht, so knüpft er mit seinem "Early Modern Europe" (16./17. Jahrhundert) im Grunde direkt dort an, wo die von der Residenzenkommission erstellte Bibliographie zu den spätmittelalterlichen Reiseberichten endet. Zwar kommt es dabei bisweilen zu Überschneidungen, denn Albrecht Dürer (im Kapitel "11. Arts and Artists", S. 205-221) und Hieronymus Müntzer werden ebenso behandelt wie Karl V. auf dem Weg nach Spanien, doch wirft Maczaks Synthese, die sich bis in die Epoche der großen Kunstdrucke (Braun/Hogenberg) und Atlanten (Blaeu/ Janssonius) des 17. Jahrhunderts erstreckt, die Frage auf, ob nicht gerade im Hinblick auf die Betrachtung von Hof und Residenz für die weitere Zukunft eine Fortschreibung und Ausweitung des - aus praktischen und arbeitstechnischen Überlegungen heraus zunächst bewußt bescheiden angelegten - Projektes der Kieler Arbeitsstelle sinnvoll und wünschenswert wäre.

Insgesamt löst Maczak die Schwierigkeit, sein nur schwer eingrenzbares Thema adäquat auf gut 300 Seiten darzustellen, indem er sich auf den Bereich Zentraleuropas (unter Einschluß Italiens, Frankreichs und der Alpenländer) konzentriert. Zwar kommt es dadurch auf der einen Seite zu manch schmerzhaftem Verlust (etwa Orient- und Überseereisen) doch stehen auf der anderen Seite gerade sonst weniger bekannte Reisende aus dem polnisch-litauischen Bereich im Mittelpunkt der Darstellung, aus deren Berichten ausführlich zitiert wird (dabei wäre es bisweilen durchaus hilfreich und wünschenswert, könnte man der englischen Übersetzung jeweils den originalen Quellentext gegenüberstellen).

Obwohl das Thema "Residenz" nur in einem Abschnitt der insgesamt sechzehn Kapitel explizit behandelt wird ("Tourists in search of friends: in the royal palaces", S. 131-135), beschert das Buch zahlreiche wertvolle Leseerfahrungen aus diesem Bereich. So findet man über die in den Registern aufgeführten Personen- und Ortsnamen leicht die Abschnitte, in denen Maczak Berichte über Wien, Prag und Fontainebleau, über die Höfe von Sigismund III. Wasa in Polen, Heinrich IV. von Frankreich, Johann III. Wasa in Schweden und Elisabeth I. von England behandelt und z.T. ausführlich aus ihnen zitiert.

Auch klammert sich das Werk nicht sklavisch an die im Titel formulierte zeitliche Eingrenzung sondern bietet allerorten Anknüpfungspunkte an die Epoche des Mittelalters. Die gilt speziell für die Abschnitte über die Reisebedingungen mit Angaben zu den Wegen und Reiserouten ("1. Roads and their Traffic", S. 4-29), zu den Herbergen ("2. Inns and their Hospitality", S. 30-71), zum Zahlungsverkehr ("3. The Cost of Travelling", S. 72-94), zu den hygenischen Bedingungen auf den verschiedenen Stationen der Reise ("4. Hygiene", S. 95-107), zu Grenzen und zu den Problemen beim Grenzübertritt ("5. Frontiers", S. 108-119) zur Gemeinschaft unter Reisenden ("6. The Travelling Community", S. 120-151), zu den Reisehandbüchern und -anweisungen ("7. Instructions and Good Advice", S. 152-157, dort werden u.a. Edmond Tyllneys [1579-1610] Method of Travelling und Heinrich Rantzaus Denkwürdige Reise-Beschreibung behandelt) und zu den Gefahren, denen man während der Reise ausgesetzt war ("8. Dangers", S. 158-182).

Ebenfalls mit einem weiten, an den Phänomenen orientierten Blick werden in dem Kapitel über das Reisen der Intellektuellen und Studenten ("10. Scolars: Visiting and Visited", S. 187-204) die Besuche in Wunderkammern und Kuriositätenkabinetten (S. 201-204) beschrieben. Dabei wird deutlich, daß es eben nicht mehr allein die Fürsten in ihren Residenzen waren (etwa die Könige von Dänemark in Kopenhagen, Rudolph II. in Prag oder der Kurfürst von Sachsen in Dresden), die sich diese repräsentativen Einrichtungen schufen. Vielmehr fand der von Neugierde nach Exotik und Wundersamem in Kunst, Alchemie und frühneuzeitlicher Wissenschaft geprägte Zeitgeist seinen Ausdruck gerade darin, daß sich diese Wunderkammern auch im städtisch-bürgerlichen Bereich einer wachsenden Beliebtheit erfreuten. Philipp von Hainhofer aus Augsburg etwa war als ausgewiesener Spezialist für diese Dinge im Auftrag von Rudolph II. und Heinrich IV. von Frankreich in ganz Europa unterwegs (S. 202).

Weitere Kapitel über die Lese- und Schreibgewohnheiten auf der Reise ("9. The Role of Books in Travellers Daily Lives", S. 183-186), über das stets problematische Verhältnis zwischen den Verschiedenen Konfessionen ("12. Catholics, Protestants and Relics", S. 222-236), über das damals Erlaubte und Schickliche ("13. The Bounderies of the Permissible", S. 237-253), über das Problem, auf der Reise Erlebtes in Vergleichen aus der individuellen Erfahrungswelt zu beschreiben ("14. Tourists and Measurement", S. 254-267, Fazit: Trotz der vielen Handbücher gibt es keine allgemeingültige Theorie des Vergleichs für die Reisenden, S. 266) und über die Kluft zwischen Erwartung und Erfahrung auf der Reise ("15. Great Expectations and Everyday Impressions", S. 268-276) runden das von Maczak gezeichnete Bild der Reise im frühneuzeitlichen Europa ab.

Besonders hervorzuheben ist, daß der Verfasser sich auch Problemen zuwendet, die mit den uns zur Verfügung stehenden Quellen nur schwer zu behandeln sind. So finden wir nicht nur sehr aufschlußreiche Abschnitte zu Fragen der Quellenkritik (etwa zur Abhängigkeit der Reisebeschreibungen untereinander, S. 185, oder zu den verschiedenen Versionen eines Reiseberichtes von der Notiz in der Kladde bis zu den und heute vorliegenden bearbeiteten Reisejournalen, S. 154f. und S. 315 Anm. 6), sondern auch kulturgeschichtlich bemerkenswerte Passagen, etwa zu der für uns kaum faßbaren, aber nicht zu unterschätzenden Rolle der Fremdenführer:

"It is a great shame we know so little about the people who acted as guides, and even then we know indirectly; for it was they, after all, who shaped the artistic sensibilities of our travellers. They were perhaps one of the main factors in shaping the cultural awareness of Europes elite" (S. 210).

Zu überlegen wäre, ob man für weitere Editionen des Buches bei den durchweg interessanten und ästhetisch ansprechenden, zumeist den Civitates Orbis Terrarum von Georg Braun und Franz Hogenberg entnommenen zeitgenössischen Illustrationen nicht ein wenig mehr darauf achten könnte, daß diese etwas stärker in den sie einrahmenden Textzusammenhang eingebunden werden. Inhaltlich wäre es äußerst interessant zu erfahren, wie der Verfasser darauf kommt, Bologna als "the city of the silk" zu bezeichnen (S. 211, dort nicht als Zitat gekennzeichnet). Als solche dürfte man eher Lucca oder später Florenz erwarten.

Insgesamt kann die Lektüre des Buches nur wärmstens empfohlen werden, und man darf schon gespannt darauf sein, wie Maczak die deutsche Ausgabe seines Werkes unter besonderer Berücksichtigung der deutschsprachigen Reisebeschreibungen gestalten wird.

Detlev Kraack, Berlin
 
 

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 Josef Wiesehöfer, Das antike Persien. Von 550 v. Chr. bis 650 n. Chr., München 1994, 426 S., 79,- DM.

Man mag sich zunächst fragen, was eine Untersuchung über das antike Persien zur Beantwortung der von uns gestellten Fragen nach der Herausbildung und nach der Geschichte der europäischen Höfe und Residenzen im Spätmittelalter und an der Wende zur Neuzeit beitragen kann. Doch bereits bei der Lektüre des Inhaltsverzeichnisses und beim Studium der im Register aufgeführten Begriffe wird der Leser auf zahlreiche Stichworte stoßen, die unser aller Neugierde wecken sollten: u.a. "Bankett", "Fest", "Geschenk", "Jagd", "Königstitulatur", "Reisekönigtum" und "Residenzen".

In Wiesehöfers Buch finden sich neben Kapiteln über die wichtigsten kulturellen Zentren dieses Raumes auch solche, die sich systematisch mit dem jeweiligen Selbstverständnis und mit der Selbstdarstellung der einzelnen Herrscher und Dynastien beschäftigen. Außer Persepolis (S. 43-49) werden auch die Residenzen der Parther (etwa Ktesiphon) und die der Sassaniden ausführlich behandelt. Letztere legten heute zumeist vergessene Residenzstädte von gewaltigen Ausmaßen (bis zu 155 ha) an, darunter "eine kreisrunde Anlage von 2 km Durchmesser ... mit zwei sich rechtwinklig kreuzenden Achsen" (S. 217), Beispiele, die durchaus Gedanken an die vorderorientalischen Residenzstädte aus der nachfolgenden islamischen Epoche und an die Idealstädte der frühen Neuzeit aufkommen lassen.

In den systematisch angelegten Kapiteln stößt der interessierte Leser auf Abschnitte zur repräsentativen Hofhaltung in Sommer- und Winterresidenz und zum Leben bei Hofe, wo u.a. Jagd, Spiel und Musik eine wichtige Rolle spielten. Spezielle Kapitel wenden sich jeweils dem Verhältnis der achaimenidischen, parthischen und sassanidischen Herrscher zu ihren Untertanen zu, darunter eines dem insbesondere am Hofe der Achaimeniden so ausgeprägten und ritualisierten Geschenkewesen ("Über das Darbringen von Geschenken an den Großkönig - Der Herrscher begegnet seinen Untertanen", S. 65-69). Sieht man sich an, was der Verfasser an Gedanken zur eminent politischen Bedeutung des "nur vordergründig als klimatisch bedingte Notwendigkeit" zu fassenden Reisekönigtums, zur Repräsentation des "Königs unterwegs" und in diesem Zusammenhang zu dem in Form eines "mobilen Palastes" mit den Insignien seiner Macht geschmückten Zelt des Herrschers vorträgt (S. 70f.), so wird die Attraktivität dieses Themas für die "vergleichende Residenzenforschung" deutlich.

Der "Blick auf das Fremde" und die parallele Betrachtung von der Struktur nach ähnlichen, aber historisch weit voneinander entfernt liegenden und unter jeweils ganz spezifischen Vorzeichen zu verstehenden Gebilden, schärft bekanntlich gerade den Blick für die charakteristischen Eigenschaften der einzelnen Beobachtungsgegenstände. In diesem Sinne dürfte sich ein derartiges Vorgehen gerade im Hinblick auf die Auseinandersetzung mit dem "Phänomen Residenz" als äußerst forschungsproduktiv erweisen.

All diejenigen, die sich mit kulturübergreifenden Vergleichen oder mit Wechselwirkungen in Grenzbereichen zwischen verschiedenen Kulturen beschäftigen, gilt es in diesem Zusammenhang an das zu erinnern, was Gottfried Kerscher (München) auf der Potsdamer Residenzen-Tagung im Herbst 1994 im Anschluß an seinen Vortrag über die Residenzen des mallorquinischen Königreiches bemerkte. Er verwies bei der Suche nach etwaigen Vorbildern für die Paläste von Palma de Mallorca und Perpignan, die selbst wiederum über die avignonesische Papstresidenz die Palastbaukunst Europas beeinflußten, mit Nachdruck auf den arabisch-orientalischen und auf den maurisch-okzidentalen Raum. Das arabisch-normannische Sizilien, aber auch das maurische Spanien (man denke hier etwa an die Residenz Medina Azahara vor den Toren Cordobas) stellten Gebiete dar, aus denen Orientalisches in jedweder Form nach Europa übernommen wurde, und die deshalb - auch was die Phänomene Hof und Residenz angeht - unsere verstärkte Aufmerksamkeit verdienen. Das gilt ebenso für die orientalischen Haupt- und Residenzstädte Damaskus und Bagdad sowie für die im ersten Jahrtausend unserer Zeitrechnung wie auf dem Reißbrett geplanten Residenzstädte und "Wüstenpaläste" islamischer Herrscher in Syrien und Jordanien und - in einem noch weit stärkeren Maße - für die Residenzen und Zentren im antiken Persien.

Insgesamt bleibt festzuhalten, daß es sich bei Wiesehöfers Buch um ein Werk handelt, das allen, die sich mit den spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Residenzen Europas beschäftigen, zur anregenden und gewinnbringenden Lektüre empfohlen werden kann.

Detlev Kraack, Berlin

 


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